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24/02/2015 11:42 CET | Aktualisiert 26/04/2015 07:12 CEST

"Zum Wohle!" Warum Gemeinschaft und Genuss zusammengehören

Thinkstock

Bauchmenschen statt Diät-Macher

Als der Stahlindustrielle und ehemalige RWE-Chef Jürgen Großmann kürzlich gefragt wurde, ob die Freude am guten Leben hilft, ein guter Manager zu sein, antwortete er, dass richtige Entscheidungen davon abhängen, ob „Sie von anderen Menschen offen, ehrlich und ohne Scheu informiert werden. Es schafft Vertrauen, wenn man Lebensfreude, verbunden mit einer gewissen Großzügigkeit, glaubwürdig lebt und andere teilhaben lässt." (Handelsblatt, 26.1.2015)

Als bekennender Genussmensch, dessen Bauch zugleich ein Symbol für sein authentisches Naturell ist, steht er dem modernen Topmanager, der täglich Marathon läuft und seine Schritte zählt, skeptisch gegenüber.

In der Politik setzt sich diese Entwicklung fort: „Morgen! Ich bin gerade 5,03 km mit Nike+ gelaufen - mit einem Tempo von 5' 32 / km", zitierte DER SPIEGEL (8/2015) aus dem Fitness-Bulletin des drahtigen CDU-Politikers Peter Tauber. Die ganze Welt soll über Twitter erfahren: Der Mann ist fit.

„Wer Internetseiten vor allem jüngerer Abgeordneter besucht, findet Rennradfahrer, Marathonläufer, Beachvolleyballer. Die ersten Politiker zeigen sich mit Armbändern, die ihre Schrittzahl und Schlafdauer messen." Die Botschaft der Dünnen ist für Melanie Amann unmissverständlich: „Wer seine Linie im Griff hat, hat auch sein Amt im Griff."

In den USA gab es in den 1970er und 1980er Jahren einen Bestseller von James E. Fixx „The Complete Book of Running". Mit 52 Jahren hatte er beim Joggen einen Herzinfarkt. „Joggers die fitter" - Jogger sterben gesünder, titelte daraufhin die „New York Times". Das ist Jürgen Großmann bis heute im Gedächtnis geblieben.

Die Frage ist für ihn, ob Entscheidungen durch diesen Hochleistungssport besser oder schlechter werden. Strategische Entscheidungen sind für den Unternehmer immer auch Bauchentscheidungen, die mit dem gesunden Menschenverstand verbunden sind. Jedes Jahr lädt er die wichtigsten Wirtschaftsentscheider in Davos zum Essen ein: „Wir sagen: bitte setzt Euch hin und bleibt eine Weile beieinander!"

Lob der Fülle: Freundschaftstage

Dazu findet sich ein weiteres schönes Beispiel im aktuellen Buch von Katja Kraus: „Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz" (Fischer Verlag, 2015). So braucht Freundschaft für den Rechtsanwalt und Politiker Gregor Gysi gegenseitige Zuverlässigkeit, charakterliche Nähe und einen übereinstimmenden Humor.

Vor allem aber Genussfähigkeit: „Ich möchte mit Freunden einen sinnesfreudigen Abend verbringen, wenn ich schon mal Zeit dazu habe". „Volle Kante wichtig" sei das, denn wenn man nicht gemeinsam genießen kann, fehlt ihm die Hälfte der Freude.

„Gregor Gysi bebildert sein Ideal von Genuss und Opulenz mit einem Detailreichtum, der den gedeckten Tisch vor Augen erscheinen lässt", schreibt Katja Kraus, die uns damit zugleich die Urszene der Freundschaft vor Augen führt: das reiche Mahl. Denn mit Freunden teilt man den Überfluss und die guten Tage. Nehmen, Geben und Wiedernehmen des Überzähligen in der Zeit der Fülle gehört zum heiligsten Ritus der Freundschaft.

Gerade in diätischen Zeiten ist die Sehnsucht nach Opulenz besonders ausgeprägt. Und nach Menschen, die durch ihr Wesen und ihre Erscheinung Wärme und Geborgenheit vermitteln. Ludwig Erhard, 90 Kilo schwer, wurde als „Dicker" vom Volk geliebt. Der füllige Mann habe so etwas „Menschliches" und wirke wie ein „guter Onkel", sagten die Deutschen, die den Hunger noch kannten, 1963 in einer Umfrage.

Heute muss Kanzleramtschef Peter Altmaier (140 Kilo) seine von vielen bezeichnete „Schwäche" zum Markenzeichen machen: „Ich esse gern... Mancher nimmt meine Figur offenbar als Ausdruck von Gestaltungswillen." (DER SPIEGEL 8/2015)

Phantastische Vielfalt: Was Barock mit Nachhaltigkeit verbindet

Während sich die Politik mit dem Barocken noch schwer tut, sind Künstler und Designer der Zeit wieder weit voraus. So bekannte Wolfgang Joop schon vor Jahrzehnten seine Vorliebe zum Barock mit seinem schwülstig anschwellenden Nebeneinander, in dem nicht nur der Pomp zur Geltung kommt, sondern das dissoziierende Prinzip der allegorischen Anschauung.

Im Barock verkörpert sich ein Werden, nicht das Befriedigte, sondern das Unbefriedigte und Ruhelose. Wo sich Karl Lagerfeld „entbarockt" hat, rüstete er auf: „Mein Ex-Kollege hat sich radikal gehäutet, ich suche meine Häute wieder." Es ist der Versuch, zu leben ohne sich zu verlieren. Indem er sein Da-Sein in den Schatten des Barock stellt, erhält es eine zusätzliche Bedeutungsdimension und Sinngebung.

Das zeigt sich auch im derzeitigen Ausstellungsboom zum Thema Sinnlichkeit und Barock. „Mit Leib und Seele - Münchener Rokoko von Asam bis Günther" lautet der Titel der Ausstellung, welche die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München in Zusammenarbeit mit dem Diözesanmuseum noch bis 12. April 2015 zeigt.

Diese spannende Entwicklung macht auch vor der Nachhaltigkeitsentwicklung nicht halt, die leider viel zu oft mit Verzicht und mangelnder Lebensfreude in Verbindung gebracht wird. Nein, es ist kein Zufall, dass das 11. Deutsche CSR-Forum am 20. und 21. April 2015 unter dem diesjährigen Motto „Phantastische Vielfalt" in der baden-württembergischen Barockstadt Ludwigsburg stattfindet.

Es geht hier um die verschiedenen Ausprägungen eines Themas, das bunt statt nur grün ist und das im Rahmen eines Inner Circle wie ein Freundeskreis funktioniert, denn das Deutsche CSR-Forum beruht auch auf gewachsenem Vertrauen, das einen umfassenden und tiefgehenden Austausch ermöglicht.

"Das CSR-Forum ist in Ludwigsburg am richtigen Ort - wir sind stolz, dass die Veranstaltung hier stattfindet", sagt Wolfgang Scheunemann, Initiator und Organisator der Veranstaltung, der sich auch in der Rolle des Machers sieht, der im Hier und Jetzt engagierte, mutige, kreative und entschlossene Gleichgesinnte zusammenbringt.

Aus Platzgründen wurde das Forum vom Haus der Wirtschaft in Stuttgart in die Barockstadt verlegt. Sie ist Sieger in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Städte mittlerer Größe 2014". Seit 2004 arbeitet die Stadt intensiv an einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Dabei stehen nicht immer Leuchtturmprojekte im Vordergrund, sondern die Absicht, das gesamte Verwaltungshandeln an Zielen der Nachhaltigkeit auszurichten.

Im Rahmen des Internationalen Forums für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit, das in diesem Jahr zum elften Mal stattfindet, haben die Teilnehmer auch die Möglichkeit, das Barockschloss Ludwigsburg zu besuchen. Die Gärten um das Residenzschloss werden als Blühendes Barock bezeichnet (Saisonbeginn: 20.3.2015).

Das ist zugleich symbolisch zu nehmen, denn es spiegelt zugleich auch „gewichtige" Inhalte der Konferenz - auch aus dem „reinen" Nachhaltigkeitskontext. So wird Johannes Gutmann, Gründer und Chef der SONNENTOR Kräuterhandels GmbH, am 21. April 2015 in der Sektion „Unternehmen, die mit CSR und Nachhaltigkeit erfolgreich sind" beim Deutschen CSR-Forum referieren. Er vermarktete vor Jahren noch seine biologischen Produkte allein mit drei Bauern und gehört heute zu den Topunternehmern Österreichs.

In seinem Buch „Gut geht anders. Ein einfaches Lebenskonzept zum Erfolg" (2013) zitiert er Heinrich Heine mit seiner Forderung zum unaufgeregten „Mensch bleiben": „O lass nicht ohne Lebensgenuss/Dein Leben verfließen!/Und bist du sicher vor dem Schuss,/So lass sie nur schießen.//Fliegt dir das Glück vorbei einmal,/So fass es am Zipfel./Auch rat' ich dir, bau dir dein Hüttchen im Tal/Und nicht auf dem Gipfel."

Er ist sich sicher, dass er nur Erfolg hat, weil er auch eine positive Stimmung verbreitet. Und vermittelt, dass es auch wichtig ist, sich etwas zu gönnen und zu genießen. Beim Anlegen des Kräutergartens im Stift Zwettl beschäftigte er sich mit den frühen Leistungen der Mönche und der Frage: Was ist Genuss? Für Menschen wie ihn ist Genuss damit verbunden, etwas Gutes in sein Umfeld zu projizieren.

Das schmeckt nicht allen

Ob Öko-Unternehmer oder Großindustrieller - die Geschichten zur Philosophie des Genusses machen keinen großen Unterschied, denn wo sie ihre Liebe investieren, dorthin investieren sie auch ihr Leben. Veranstaltungen wie das Deutsche CSR-Forum sind wichtig, weil sie durch die Vielfalt ihrer Inhalte, Referenten und Teilnehmer Kernthemen der Gesellschaft fokussieren und in erweiterte Kontexte stellen.

Aber auch vermitteln, dass „ein strategisch angelegtes, kontinuierliches Nachhaltigkeitsmanagement und eine Kommunikation wichtig sind, die substantiell aufgebaut ständig gepflegt sein müssen. Klingt leicht, ist aber komplex, vor allem, weil sich die Rahmenbedingungen stetig verändern", so Wolfgang Scheunemann.

Der Nachhaltigkeits- und Kommunikationsexperte betont aber auch die Notwendigkeit der physischen Nähe, den direkten Austausch und persönlichen Kontakt, das Gespräch zwischen Menschen, das Spüren der Energie, die eine solche Veranstaltung freizusetzen vermag.

Dazu gehört auch Genuss als „Schlüsselqualifikation für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts". Denn wer sich seiner selbst bewusst ist, der weiß auch, dass Kopf und Darmhirn zusammengehören. Er kann genießen im Bewusstsein, dass Freiheit, Selbstverantwortung und Genuss keine Widersprüche sind, sondern „die Säulen, auf die eine offene Zivilgesellschaft nicht verzichten kann." (Wolf Lotter)


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