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12/10/2015 05:12 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Weltläufig: Was Frauen heute bewegt (Teil 2)

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Interview mit der Ex-Bundesligaspielerin und Pädagogin Tanja Walther-Ahrens zum Thema Marathonlaufen - und was sie dabei denkt (Teil 2)

Was uns das Laufen über das Leben lehrt

_ Verfügt ein fitter Körper auch über einen fitteren, wacheren Geist?

Aus eigener Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Der Spiegel (32/2015) hatte im August das Thema „Schlaulaufen" als Titel. Im Artikel wurde durch verschiedene Studien belegt, dass Bewegung die geistige Gesundheit fördert, beim Lernen hilft, Depressionen lindert und Demenz vorbeugt.

Hinzu kommt, dass so ein Lauf auch in emotional schwierigen Momenten gut tut. Zum Beispiel kann ich Wut „rauslaufen", oder positive Gefühle werden sogar noch potenziert.

Körperlich bewegt sich natürlich auch eine Menge - vor allem, wenn das Ausdauertraining mit Krafttraining kombiniert wird. Muskulatur wird aufgebaut, überflüssige Pfunde verschwinden.

Der Körper ist beweglicher und agiler. Schon nach kurzer Zeit ist festzustellen, dass der Puls sich bei gleicher Laufgeschwindigkeit verringert und gleichzeitig das Laufen wesentlich leichter fällt.

_ Ab welchem Punkt hast Du das Gefühl, dass Dein Kopf leergelaufen ist?

Den Kopf leerlaufen geht meiner Meinung nach nur bei schnellen Läufen, also bei denen, wo die Konzentration so auf dem Laufen liegt, dass darüber hinaus keine Gedanken mehr möglich sind. Ansonsten würde ich eher sagen: Es muss heißen, den Kopf ideenreich laufen oder strukturierend laufen. Das Laufen ermöglicht mir, mich völlig auf einen Gedanken zu konzentrieren.

_ Hast Du schon einmal ein Runner's High erlebt, einen Euphorieschub, der Dich schwere- und mühelos dahinschweben lässt?

Ja, habe ich. Es gibt Tage, da passt alles: Das Wetter, was dann auch durchaus Regen bedeuten kann, aber an diesem Tag eben genau richtig ist.

Die Geschwindigkeit, lange langsame Läufe können genauso euphorisierend wirken wie kurze schnelle Läufe. Leider sind solche Läufe nicht programmierbar oder beliebig wiederholbar. Auch einen Marathon in einer bestimmten Zeit laufen zu wollen hängt meiner Meinung nach sehr von der Tagesform ab.

_ Fällt es Dir schwer, Regenerationspausen einzulegen? Und wie regenerierst Du?

Ich kann gut regenerieren und genieße meine Pausen auch. Ohne würde das Laufen auch nicht solchen Spaß machen. Für mich gehört schon zur Regeneration, direkt nach einem langen Lauf in der Badewanne Muskel und Gelenke zu entspannen. Sonst finde ich Spaziergänge oder Kinobesuche, Treffen mit Freund_innen, Musik hören, ein gutes Buch lesen oder ein leckeres Essen in netter Gesellschaft ideal, um völlig zu entspannen und die Lust am Laufen wieder wachsen zu lassen.

Die größte Gefahr dabei ist eher zu viel Spaß an der Regeneration und dem Erholen zu finden und den Einstieg ins Training zu verpassen. Es ist einfach eine Couch-Potatoe zu werden.

_ Laufen Männer gern im Rudel?

Ich kenne zu wenige Männer, die laufen, um das genau beurteilen zu können. Aber aufgrund meiner Beobachtungen würde ich denken, dass Männer nicht mehr oder weniger in Rudeln laufen als Frauen. Ich glaube, der große Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht beim Laufen wie auch bei anderen Sportarten, darin, dass Männer den Sport als Kommunikationsmittel nutzen, um mit Geschäftspartnern zu reden.

Bestes Beispiel sind hier sicher die Geschäfte, die beim Golf gemacht werden. Frauen treffen sich eher mit Freundinnen zum Laufen und Plaudern.

Ob jemand gerne in der Gruppe läuft oder nicht, ist eine individuelle Entscheidung und Vorliebe. Da gibt es, glaube ich, keine Geschlechtsunterschiede.

_ Welche Männerrituale hast Du beim Laufen beobachtet?

Ich habe bisher Laufen nie wirklich in der Dimension von Geschlecht betrachtet. Obwohl ich mit diesem Thema ja schon sehr verbunden bin und gerade im Bereich von Fußball mich sehr mit Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Emanzipation oder auch Diskriminierung von LSBTI-Personen auseinandergesetzt habe.

Laufen ist für mich vorrangig eine genderneutrale Sportart, obwohl es hier auch Frauenläufe gibt und auch die Frauen sich das Recht zu Laufen erst, wie in so vielen anderen Sportarten auch, erstreiten mussten.

Obwohl für mich dieser Sport kein Geschlecht hat, sind die Männer auch hier deutlich in der Mehrheit. Bei Laufveranstaltungen liegt die Anzahl der Frauen meist bei 10-15 Prozent - und dieser Anteil wird geringer, je länger die Distanz ist, die gelaufen wird, hat die Läuferin und Kulturwissenschaftlerin Terese Brinkel festgestellt.

Auch die Olympischen Spiele verdeutlichen die Bedeutung des Marathons als Männersport, denn diesen gibt es seit der Wiedereinführung der Spiele 1896. Für die Frauen gab es erstmalig 1984 die Chance auf olympische Medaillen in dieser Disziplin.

_ Laufen Männer eher, um sich etwas zu beweisen und Frauen, um sich fit zu halten?

Ich denke schon. Es gibt natürlich, wie bei allem im Leben, die Ausnahmen, die die Regel bestätigen, aber im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass es so ist. Für mich steht beim Laufen immer im Vordergrund, dass ich mich mit mir und meinem Körper wohl fühle.

Im Vordergrund steht dabei nicht eine bestimmte Zeit, sondern einfach das Laufen als solches. Gleiches gilt für den Marathon. Meistens habe ich mir schon eine Zeit vorgenommen, die ich gerne erreichen möchte, aber ich habe da eine große Spanne.

Zum Beispiel ist das erklärte Ziel für den Amsterdam Marathon, unter vier Stunden zu bleiben, und wenn alles gut und rund läuft, vielleicht sogar unter 3.40 Stunden zu laufen. Aber wenn es nicht gelingt, ist der Lauf trotzdem kein schlechter Lauf.

_ Werden Läuferinnen von Männern primär als gleichberechtigte „Laufkumpel" gesehen?

Ich glaube schon, dass das auch geht. Mir fällt dazu jedoch sofort die Laufmode ein. Durch die wird deutlich, dass Frauen keine „Laufkumpel" sind oder sein sollen, sondern sexy Wesen, die eng anliegende, knappe Kleidung tragen und hübsch anzusehen sein müssen.

_ Hast Du schon einmal beobachtet, dass es Männer als demütigend empfinden, wenn sie von einer Frau auf der Strecke überholt werden?

Das habe ich zumindest bewusst so noch nicht wahrgenommen. Ich kenne das aber aus dem Fußballbereich. Wenn wir da in der Bundesliga in der Vorbereitung mal gegen ein männliches Jugendteam oder ein Männerteam gespielt haben, wurden anfänglich immer noch nette Witze gemacht, wenn dann unsere Gegner merkten, dass wir Fußball spielen können, wurde das Ganze sehr ernst.

_ Geht es auf der Strecke „gesitteter" zu, wenn Männer und Frauen zusammen laufen?

Ich nehme den Laufsport generell als einen Sport war, indem es sehr gesittet zugeht. Sowohl in der Gruppe der Laufenden als auch bei den Zuschauenden am Rand. Marathonläufe haben Event-Charakter und werden ja auch als solche vermarktet. Es geht um ein Gemeinschaftserlebnis, auch wenn alle einzeln ihre Leistung erbringen müssen.

Das beginnt schon am Tag vor dem Marathon mit einem gemeinsamen kurzen „Warmlaufen" in Form von 5 km-Läufen und geht weiter mit dem großen, gemeinschaftlichen Pastaessen am Abend.

Auch bei denen, die am Rand stehen, ist mir schon aufgefallen, dass sie nicht unbedingt einzelne unterstützen und anfeuern, sondern dass sie generell alle Laufenden anspornen und antreiben.

So kann ich mich zum Beispiel noch daran erinnern, dass beim New York Marathon Bananen oder Taschentücher verteilt wurden und es auch Schilder gab wie „Hier Energie aufladen und berühren!" oder „Laufen ist wie fliegen. Sei ein Vogel." Diese Gesten sind dann einfach für alle und erreichen meistens auch ihr Ziel. Also bei mir auf alle Fälle. Mich lässt so etwas lächelnd und frohen Mutes weiterlaufen und gibt Energie.

_ Hast Du den Eindruck, dass das Marathonlaufen bei Frauen in den letzten Jahren zugenommen hat? Oder schreckt sie das umfangreiche Training eher ab?

Die Zahlen der Frauen, die laufen, haben eine steigende Tendenz. Was Frauen von einem Event wie dem Marathon abschreckt, ist sicher nicht das Training beziehungsweise nicht der Umfang des Trainings. Es dürfte eher die Tatsache sein, dass das umfassende Training viel Zeit in Anspruch nimmt und nicht ganz problemlos mit Arbeit und/oder Familie zu vereinbaren ist.

Nach wie vor sind hier Frauen viel mehr mit Beruf und Familie belastet als Männer. Hinzu kommt bestimmt auch, dass Männern ein solch umfangreiches Training eher zugestanden wird, weil „Männer so was halt mal machen müssen." Bei den Frauen ist es ein Absprechen von Kompetenz („Wie willst du denn einen Marathon schaffen?") oder Wissen („Da brauchst du aber einen Trainer.") Und natürlich die gängigen Klischeebilder davon, dass durchtrainierte, muskulöse Frauen irgendwie nicht schön sind.

_ Was hältst Du von Marathonläufer_innen, die Musik hören und sämtliche akustischen Signale der Außenwelt ausblenden? Werden Selbstwahrnehmung und -einschätzung dabei nicht verzerrt?

Wir alle sind unterschiedlich und haben unsere Vorlieben und Gewohnheiten. Manche brauchen Musik im Ohr um einen bestimmten Takt laufen zu können oder um sich mit einem Beat Energie zu holen. Andere wiederrum hören Hörbücher und genießen es, diese Zeit des Laufens doppelt nutzen zu können.

Weiteren geht es wie mir: Sie erfreuen sich am Laufen und daran, die Gedanken wandern zu lassen.

_ Ist die Welt für Dich eine andere, wenn Du von Deinen Läufen zurückkehrst?

Ja, meistens ist sie das. Manchmal renne ich los und bin noch ganz aufgewühlt von der Arbeit oder irgendwelchen Erlebnissen. Wenn ich dann zurückkomme, bin ich ganz ruhig und entspannt. An Tagen, an denen die Welt irgendwie durch und durch grau erscheint, macht das Laufen sie fröhlicher. Laufen hat einfach eine wahnsinnig positive Energie, die die Welt freundlicher und schöner macht.

_ Welche Lektion lehrt uns das Leben auch beim Laufen?

Der Weg ist sehr oft das Ziel. Nicht der Marathon ist das alles Entscheidende. Der Marathon ist im Grunde nur der Schlusspunkt am Ende der Geschichte oder wie bei mir: am Ende eines Kapitels. Aber das eigentlich Spannende, das, was wirklich verändert, Horizonte erweitert, körperlich fit macht, ist das Training in der Zeit vor einem Marathon.

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