BLOG
12/10/2015 05:10 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Weltläufig: Was Frauen heute bewegt (Teil 1)

Thinkstock

Interview mit der Ex-Bundesligaspielerin und Pädagogin Tanja Walther-Ahrens zum Thema Marathonlaufen - und was sie dabei denkt (Teil 1)

Weltreisende in Laufschuhen

_ Tanja, warum läufst Du Marathon?

Den ersten Marathon bin ich ungefähr vor 15 Jahren gelaufen‎. Im Grunde war das so eine Art Provokation einer Freundin, die dann irgendwann ernst wird, und plötzlich bist du zum Marathon angemeldet, weil du irgendwann mal in einem Moment großer Überzeugung gesagt hast: "Klar kann ich einen Marathon in vier Stunden laufen, bin ja Leistungssportlerin".

Irgendwann kam dann der Moment, wo ich aus der Nummer nicht mehr rauskam, und ich war für meinen ersten Berlin Marathon angemeldet. Es war ein fantastisches Erlebnis. Noch heute freue ich mich sehr, dass die Freundin mich herausgefordert hat. Was sie im Grunde immer noch tut, weil sie mich beim Training unterstützt und immer wieder der Meinung ist: Es geht noch schneller oder weiter!

_ Wann hast Du mit dem Laufen begonnen?

Das war Ende der 1990er Jahre. Als Leistungssportlerin habe ich natürlich auch beim täglichen Fußballtraining (da speziell in der Vorbereitungszeit) die eine oder andere Laufeinheit gemacht, aber der Fokus lag natürlich immer auf dem Fußball spielen. Das Laufen habe ich auch langsam entdeckt. Angefangen hat es mit der Teilnahme an 10 km-Läufen, die die lesbisch-schwule Community damals organisiert hat.

Es ging also eher um das soziale Event und weniger um den sportlichen Aspekt. Ich erinnere mich auch gut den Muskelkater nach meinem ersten 10 km-Lauf. Das hat sich sehr danach angefühlt, als hätte ich noch nie Sport gemacht, dabei war ich ja voll im Training.

Über diese vereinzelten Läufe bin ich dann nach dem Ende meiner Leistungssportkarriere beim Laufen hängen geblieben. Aus 10 km-Läufen wurde ein Halbmarathon und daraus ganz schnell der erste Marathon.

Heute macht mir Laufen mehr Spaß als je zuvor‎. Die Laufschuhe sind das erste, was ich einpacke, wenn ich wegfahre. Laufen geht ja immer und überall, und ich finde, es ist eine wunderbare Möglichkeit, fremde Orte kennen zu lernen.

_ Was ist eine gute Haltung beim Laufen? Inwiefern ist Haltung auch Charaktersache?

Meine Lieblingslaufstrecke‎ in Berlin führt durch den Tiergarten, durch das Regierungsviertel an der Spree entlang. Ich treffe dort immer viele Menschen beim Joggen und bin immer wieder ganz fasziniert davon, wie unterschiedlich alle laufen. Es gibt die ganz Aufrechten, die fast etwas steif wirken. Oder solche, die nur auf dem Fußballen laufen und ich jedes Mal denke: "Was sagen die Waden nur dazu?".

Es gibt die, die die Zähne zusammen beißen und so aussehen, als wäre Laufen kein Spaß für sie. Manche laufen langsam, andere schnell, in Gruppen oder alleine, jeden Tag oder nur mal ab und zu. Das ist ja das Schöne am Laufen: Es ist einfach sehr individuell.

Ich glaube auch, dass der Laufstil und die Laufleidenschaft sich im Charakter eines Menschen widerspiegeln. Ein ständig gehetzter Mensch wird auch so joggen, dass es nach Arbeit aussieht. Am besten und sicherlich auch am gesündesten ist es, auf den Körper zu hören und so zu laufen, wie dieser es einem vorgibt.

Es gibt Tage, da geht ein schneller Lauf viel besser, weil der Körper auch bereit dazu ist. Dabei ist es natürlich nicht so einfach, einen Trainingsplan umzusetzen. Ich hoffe, dass ich so gelassen laufe, wie ich mich häufig beim Laufen fühle. Laufen ist für mich eine Mischung aus Bedürfnis nach Bewegung und dem Wissen, ich brauche diese Bewegung auch, um geistig und emotional fit zu sein.

Von daher ist die Entspannung beim Laufen mein wichtigstes Ziel. Diesem ordne ich schon auch mal das Ziel einer Trainingseinheit unter. So kann ich Laufen genießen.

_ Was macht für Dich einen perfekten Lauf aus?

Das ist für mich einer, bei dem ich gar nicht merke, wie viele Kilometer ich laufe oder wie schnell ich bin, weil alles einfach wie von alleine „läuft". Da ist nur die Lust an der Bewegung und gleichzeitig die Freude über Gedanken, die sich entwickeln können oder Lösungen, die plötzlich auf der Hand liegen.

Regentropfen, die sich einfach gut anfühlen, Sonnenstrahlen, die wärmen, Wind der durchpustet.

Es gibt den perfekten Lauf immer mal wieder, manchmal ist es ein Lauf am frühen Morgen - und danach ist der ganze Tag perfekt. Oder es ist der Lauf mitten am Tag, der Energie gibt und Kraft tanken lässt. Es kann aber auch der Lauf am Abend sein, der einen Tag abrundet und mich geistig und körperlich einfach gut fühlen lässt.

_ Läufst Du besser in Gemeinschaft als allein?

Prinzipiell laufe ich lieber alleine. Hänge meinen Gedanken nach. Entwickle Ideen, um beispielsweise Fragestellungen aus meinen Arbeitsbereichen bearbeiten zu können. Ich genieße es, nicht reden zu müssen und mich einfach in Gedanken zu verlieren. Oder ich laufe so schnell, dass ich mich so anstrengen muss, dass ich nicht mehr denken kann.

Das ist immer dann von Vorteil, wenn der Kopf es nicht mehr schafft alleine abzuschalten bei zu viel Stress im Arbeitsleben oder bei schwierigen privaten Problemen.

Aber immer wieder verabrede ich mich auch zum Laufen mit Freundinnen, und dann ist es einfach sehr entspannend zu laufen und zu reden und das Miteinander zu genießen.

Gerade in der Vorbereitung auf einen Marathon macht es einfach Spaß, mit anderen Menschen gemeinsam auf ein großes Ziel hinzuarbeiten und uns gemeinsam anzustrengen. Wobei beim Laufen die Leistung am Ende schon immer eine Einzelleistung ist, völlig anders als in Teamsportarten, wo ja aus vielen individuellen Leistungen am Ende die alles entscheidende Teamleistung erwächst.

Ich mag beides. Ich laufe leidenschaftlich gerne, weil es eine Herausforderung nur für mich ist. Und ich liebe es Fußball zu spielen, weil ich mit meinem Team spiele und es einfach ein einzigartiges Erlebnis ist, gemeinsam ein Spiel zu gestalten.

_ Fühlst Du Dich als Weltreisende in Laufschuhen, die Fernweh und Lust an Leistung verbindet, wenn Du internationale Marathons läufst?

Auf alle Fälle. Die Laufklamotten sind immer das erste, was ich einpacke, egal wo ich hinfahre. Laufen ist eine ganz tolle Möglichkeit, einen Ort völlig anders kennen zu lernen. Vor allen Dingen lässt sich viel mehr erkunden, als wenn ich durch den Ort schlendere oder mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewege.

Es muss nicht immer ein Marathon sein, der einen Ort erlaufbar macht. Ich erlaufe mir in der Regel die meisten Orte, die ich besuche. Ein Marathon ist dann sozusagen die Krönung. Zum einen, weil ich dafür viel Zeit und Energie investiert habe. Zum anderen, weil für mich - und natürlich noch ein paar Andere - eine Stadt einfach abgesperrt wird und ich Berlin, New York, Wien oder sogar Orte wie die Chinesische Mauer völlig neu entdecken kann.

Das ist auch anstrengend, aber sobald die Ziellinie überschritten ist, wird Energie freigesetzt die sich nur schwer beschreiben lässt.

Einen Einblick in die schönsten Marathonläufe weltweit gibt das Buch „Traumziel Marathon" von Urs Weber. Es macht riesigen Spaß, darin zu blättern und sich vorzustellen, wie es ist an einer Verpflegungsstation während des Marathons auf Tahiti frische Ananas zu essen. Das macht Fernweh und Lust auf Laufen.

Ich bin ganz sicher, dass ich einige der dort beschriebenen Läufe noch machen werde. Vor allem die Ananas reizen mich sehr!

_ Pflegst Du Rituale beim Marathonlaufen?

Richtige Rituale habe ich nicht. Aber es gibt schon Laufkleidung, die ich zum Beispiel bei einem Rennen anziehe, weil ich mich darin gut fühle und das Gefühl habe, schneller beziehungsweise besser zu laufen. Was einem Ritual noch am nächsten kommt, ist, dass ich gerne in aller Ruhe noch eine Tasse Tee trinke, bevor ich los laufe, und dass ich mich nach langen Läufen - also alle Läufe die länger als 15 km sind - mit einem guten Buch in die Badewanne setze und ein Entspannungsbad genieße.

_ Was tust Du, um Dein Tempo zu steigern?

Alle, die irgendwann einmal vorhaben ihre Bestzeit zu verbessern, kommen leider nicht am Intervalltraining vorbei. Mir fällt diese Art des Trainings sehr schwer. Geschwindigkeit ist nicht meins. Ich laufe viel lieber lange, aber eben langsam. Um an Tempo zuzulegen, ist es nötig, immer mal wieder an die Grenze der Leistungsfähigkeit zu laufen, d.h. für eine kurze Zeit (die über einen längeren Zeitraum auch gesteigert wird) ein hohes Tempo zu laufen. Ein Tempo, das ich über eine längere Distanz nicht schaffen würde.

Zwischendurch gibt es eine Erholungsphase und dann wird das Tempo wieder angezogen. So ein Training wird, je nachdem welche Endzeit ich anstrebe, ein bis zweimal in der Woche wiederholt. Dabei steigt der Puls, der Körper powert sich aus, was eine kurze Distanz sehr anstrengend macht. Der Vorteil bei solchen Läufen: Der Kopf schaltet ab, weil der Körper genug damit zu tun hat zu laufen.

_ Inwiefern hat das Marathontraining Deine Physis und Dein Leben verändert?

Das Laufen hat mir in einer für mich persönlich sehr schweren und sehr emotionalen Zeit Halt gegeben und mich geerdet. Beim Laufen hatte ich zu dieser Zeit das Gefühl, zu mir zu kommen, atmen zu können, was damals sehr wichtig war.

Heute hilft es mir immer noch, zu mir zu kommen. Es gibt immer wieder Momente, im persönlichen Umfeld genauso wie im Beruf, wo es gut tut, einfach abschalten zu können oder sich einmal in Ruhe besinnen zu können. Da hilft mir das Laufen.

Hinzu kommt, dass die körperliche Bewegung auch meine geistige Bewegung in Gang gebracht hat und auch immer wieder tut. Wenn Gedanken sich immer wieder im Kreis drehen, wenn ich keine Lösung für ein berufliches Problem finde, wenn der Funke, die zündende Idee einfach nicht kommt, dann hilft mir immer ein Lauf.

Hier gehts zu Teil 2

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite