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10/01/2016 11:52 CET | Aktualisiert 10/01/2017 06:12 CET

Was es heißt, ein Mensch zu sein

dpa

Leben ist nichts anderes als Überlebenskunst

Schreiben war die Basis von allem, was der schwedische Schriftsteller und Theaterregisseur Henning Mankell in seinem Leben tat. Zum Jahreswechsel 2013/2014 hatte er plötzlich einen steifen Nacken. Anfang Januar teilte ihm sein Arzt mit, dass bei ihm ein Muttertumor in der Lunge gefunden wurde und eine Metastase im Nackenwirbel.

Das Gefühl der Orientierungslosigkeit, das ihn danach überkam, war wie die Angst vor dem Treibsand, der plötzlich lebendig wurde:

„Die Sandkörner verwandelten sich in grässliche Tentakel, die einen Menschen verschlangen. Ein menschenfressendes Sandloch."

Es war für ihn der Höllenschlund, vor dem er sich nur für kurze Zeit retten konnte. Mankell starb am 15. Oktober 2015.

Eines seiner wichtigsten Anliegen war die Formulierung der Frage von Mut und Angst, mit der er so viel mehr verbunden hat als die elementare Furcht zu sterben. Beide waren für ihn ständig ineinander verwoben: „Es bedarf des Muts zu leben und des Muts zu sterben."

In seinem Leben lernte er das Wesentliche, das auch eine Könnensgesellschaft ausmacht: sein Leben selbst in die Hand nehmen und zu seinen Entscheidungen zu stehen.

Die Frage „Welche Art von Gesellschaft will man mitgestalten?" prägte sein gesamtes Leben. Von ihr handelt sein letztes Buch „Treibsand": von dem, was war, dem, was ist und dem, was bleibt.

Wer wissen möchte, was Nachhaltigkeit für das eigenen Leben und die Welt bedeutet, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Mehr braucht es nicht um zu verstehen, worauf es heute und in Zukunft ankommt.

Der Begriff Nachhaltigkeit, der von Mankell zwar nicht benannt, aber ständig umschrieben wird, kommt aus der Forstwirtschaft: Wer einen Wald bewirtschaftet, kann zwar Bäume fällen und verkaufen, muss aber auch wieder neue anpflanzen für die nächsten Generationen.

Im Abfall wird das Leben der Menschen sichtbar

Über Jahrhunderte haben Generationen dieser Erde etwas hinterlassen: ökonomische, politische und kulturelle Errungenschaften, Erfahrungen von Liebe, Hass und Gewalt. Doch was bleibt von uns? „Nicht die Beatles, kein Schriftsteller, es wird dieser Abfall sein."

Schreibt Mankell und verweist auf neue und unerwartete Einsichten, die er während seiner Krebserkrankung darüber gewann, wie wir mit dem nuklearen Abfall in den unterirdischen Schächten umgehen.

Die weltweit größte Müllhalde liegt heute im Stillen Ozean: „Zwischen Hawaii und der kalifornischen Küste schwimmen Millionen Tonnen Müll im Meer."

Es ist ein Irrtum davon auszugehen, dass das, was hier verschwindet, uns nie mehr „behelligt".

Mankell ist ein Kind des „Kartonzeitalters", in dem viele Verpackungen noch aus Materialien bestanden, die rasch abgebaut wurden. Dann kam das „Plastikzeitalter", in dem wir heute noch leben.

In seinem Buch beschreibt er, wie sich veränderte: Zuerst wurden die Korkschwimmer an Land getrieben, dann lagen immer öfter die Plastikschwimmer am Strand.

„Danach kamen die Milchkartons und die Plastikflaschen. Aber die sammelte weder ich noch sonst jemand ein. Das Plastik fühlte sich tot an, wenn man es in die Hand nahm, während Kork sich immer lebendig anfühlte."

Warum wir nicht vergessen dürfen

Natürlich ließen vergangene Zivilisationen immer auch Abfall zurück - doch „weder das Ägypten der Pharaonen noch das Römische Kaiserreich haben gefährlichen oder tödlichen Müll zurückgelassen", der Tausende von Jahren seine Gefährlichkeit beibehält.

So, wie wir heute versuchen, den Atomabfall zu entsorgen, bauen wir einen „Palast für das Vergessen". Es hat für ihn mit einer Art inneren Lichts zu tun, das auf verschiedenen Ebenen gelöscht wird. Vergessen ist Dunkelheit, leeres und kaltes Universum.

Mankells letztes Buch ist der Versuch, Erinnerungen zu bewahren und damit auch Bilder und Erzählungen. Neben seiner Ehefrau ist es dem Bäcker Terentius Neo und seiner Frau gewidmet, die 79 nach Christus beim Vulkanausbruch von Pompeji ums Leben kamen.

Er wählte sie aus, weil sie so jung waren, etwa 30 Jahre alt, und nicht die Chance auf ein volles Leben hatten.

Die Erzählung hat kein Ende

Die Wahrheit über unser Dasein ist nach Mankell immer provisorisch. Für die meisten Menschen ist Leben etwas Unvollendetes, das sich auch im Schreiben zeigt.

Für den Publizisten Roger Willemsen, der im August 2015 ebenfalls an Krebs erkrankt ist, ist Schreiben eine dauernde Arbeit am Vergeblichen, „eine Vergewisserung über die vielen Dinge, die man nicht weiß, nicht kann, nicht begriffen hat oder denen man schlicht nicht gewachsen ist".

Ein Formmerkmal seines schriftstellerischen Werkes ist das Fragment, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und von der Leserschaft weiter gedacht werden soll.

Es sagt: „Ich mache aus meiner Unvollkommenheit eine Vollkommenheit anderer Art, und was ich sagen will, kann ich auf keine andere Weise sagen als auf diese", so Willemsen, der „fertige" Texte oft als tot empfindet, weil alle Spuren des Arbeitsprozesses getilgt sind.

Der Herausgeberband von Insa Wilke über den leidenschaftlichen Zeitgenossen ist ein Lebensbuch, das das Fragmentarische unseres Daseins auf kluge und berührende Weise zeigt - aber auch Willemsen (der eigentlich Förster werden wollte!) als wichtigen Mitstreiter für das Thema Nachhaltigkeit, auch wenn er wie Mankell den Begriff nicht benutzt.

Wichtiger ist es ihm, die richtigen Fragen zu stellen:

„Wie sollen wir unser Leben zubringen?

Worauf sollen wir unser Augenmerk richten?

Was ist wichtig?

Welche Begebenheiten sollten wir nicht vergessen, sondern festhalten?

Was ist es wert, erzählt zu werden?"

Das Gedächtnis und die Bedeutung von Erinnerungen sind für Willemsen genauso wichtig wie für Mankell. So gibt es vieles, von dem er überzeugt ist, dass man es nicht einfach aus dem Spontan-Gedächtnis befreien kann, sondern sammeln muss:

„Ich bin in dieser Hinsicht auch Dokumentarist. Ich schreibe in meine Kladden sehr viel, was ich dann niemals brauche."

Auch Mankell verweist auf die wichtige gesellschaftliche Rolle der Archive, die dafür da sind, dass wir unsere Geschichte nicht vergessen:

„Wir sollen vor allem sehen, wie wir auf verschiedene Ereignisse reagiert haben."

Alles ist immer noch möglich

Der Herausgeberband von Insa Wilke beschäftigt sich ebenfalls mit der Frage von Angst und Mut: So erfährt der Leser, dass der Vater 1969 an Krebs erkrankte. Da war Roger Willemsen dreizehn Jahre alt. Es folgten zwei Jahre „Ängste, Sorge, sehr stille Tage und das Gefühl, von jemandem verlassen zu werden." Dann der Tod.

Diese Zeit nannte Willemsen später ein „erstes Zu-Ende-Gehen". Seine „Wachstumsbewegungen" waren zuweilen kontaminiert durch „Betrachtungen des Erlöschens und Verschwindens bei ihm".

Als die väterliche Autorität wegbrach, brauchte es Mut, sie sich dann selbst zu geben. In seinem Buch „Das müde Glück" lässt er den Clown Pico sagen:

„Das Unheil geschieht nicht in der weiten Welt allein, es kann auch in deiner passieren. Also verzweifle nicht, sondern finde eine Haltung."

Der Zirkus, der die Gesetzte der Schwerkraft und Normalität außer Kraft setzt, spielt auch bei Mankell eine wichtige Rolle, weil er voraussetzt, „dass man anwesend ist und Zeuge der Verwandlung wird".

Die Besucher sind Teil dieser Gemeinschaft. Das große Abenteuer besteht für ihn darin zu sehen, dass das, was diese Artisten vollbringen, tatsächlich möglich ist.

Daraus speist sich auch die Substanz seines Buches: „Für nichts ist es jemals zu spät. Alles ist immer noch möglich."

Mankell war niemals religiös. Als Kind versuchte er, ein Abendgebet zu sprechen, aber es kam ihm immer wie eine Unwahrheit vor. Zum 60. Geburtstag von Roger Willemsen am 15. August 2015 erschien auf domradio.de das Interview „Ich würde gerne glauben", in dem er eine Grundaussage aus seinem Buch „Das müde Glück" noch einmal aufnimmt:

„Ich glaube, jedes Leben wird dadurch besser, dass man es auch für andere lebt."

Auch er bezeichnet sich als nicht gläubig, sieht aber den Sinn des Lebens darin, „die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen".

In seinen letzten Wochen dachte Mankell häufig an die Worte von Selma Lagerlöf in „Der Fuhrmann des Todes": „Gott, lass meine Seele zur Reife kommen, ehe sie geerntet wird."

Die genannten Bücher sind ein schönes Beispiel dafür, dass ihre Schöpfer „eine gewisse Form von seelischer Reife erlangt haben". Sie suchen das Licht anstatt sich im Schatten zu verbergen und lassen weiter von sich hören.

Literatur:

Henning Mankell: Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015.

Roger Willemsen & Kitty Kahane: Das müde Glück. Edition chrismon, Frankfurt am Main 2012.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

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