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21/04/2016 11:15 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Warum wir nicht an der Zukunft sparen dürfen

Adrian windle via Getty Images

Finanzkrisen, immer stärkere Regularien und die Digitalisierung stellen Banken und Finanzinstitute in Deutschland vor große Herausforderungen. In Zeiten, in denen Banken tausende Stellen streichen und Geschäftsstellen schließen müssen, scheint eine Tatsache offenkundig: Die Finanzbranche steht vor einem grundlegenden Wandel. Doch wie ist es in solchen Zeiten in der Finanzbranche um das Thema Nachhaltigkeit bestellt?

Die aktuelle Ausgabe des N-Kompass Magazins (2/2016, S. 12-15) enthält ein Interview mit Dr. Tobias Peylo, Nachhaltigkeitsexperte des Sparkassenverbands in Baden-Württemberg. Er ist davon überzeugt, dass heute mehr denn je die Nachhaltigkeit für die Finanzbranche ein unverzichtbares und zukunftssicherndes Thema darstellt.

Der auszugsweise Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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„Nachhaltigkeit ist kein Schönwetter-Thema mehr."

Interview mit Dr. Tobias Peylo

Das Gespräch führte Marie-Lucie Linde

(Verantwortliche Redakteurin des N-Kompass Magazins)

_ Herr Dr. Peylo, die Deutsche Bank wird laut Berichten 4.000 Stellen, die Hypovereinsbank in den kommenden drei Jahren 1.550 streichen und auch Sparkassen schließen Geschäftsstellen. Oft genannte Gründe sind zu hohe Sachkosten oder aber die strategische Bündelung von Kompetenzen. Die Branche scheint vor einem grundlegenden Wandel zu stehen. Ist das Thema Nachhaltigkeit da nicht ein Luxusthema?

Es gibt Vertreter der Branche, die genau so argumentieren und sagen, dass wir uns angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der stark zunehmenden Regulierung das Thema Nachhaltigkeit nicht leisten können. Es gibt aber andere, die sagen, dass man genau in diesen Zeiten, in denen ein Geschäftsmodell hinterfragt wird, über das Geschäftsmodell in all seiner Konsequenz nachdenken und seine Stärken ausbauen muss. Und zum Geschäftsmodell der Sparkassen gehört das Thema Nachhaltigkeit ganz wesentlich dazu.

Es war schon immer Aufgabe der Sparkassen, die vor 200 Jahren als eine Art Mikro-Finanzinstitutionen gegründet wurden, im Einklang mit gesellschaftlichen Zielen zu arbeiten - also erst zu sähen und dann zu ernten. Wenn wir heute vor neuen Herausforderungen stehen, dann sind diese Aufgaben aktueller denn je. Wir müssen uns in den geänderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen neu aufstellen und unser Geschäftsmodell im Kontext der Nachhaltigkeit stärken. Die nachhaltige Innovation ist aus meiner Sicht für den Erfolg des Geschäftsmodells heute so wichtig wie noch nie.

_ Was bedeutet Nachhaltigkeit im Kontext der Sparkassen?

Nachhaltigkeit im Kontext der Sparkassen bedeutet, die ökologischen und sozialen Ziele der Bevölkerung in der Region stimmig mit unserem Geschäftsmodell zu unterstützen. Die soziale Sphäre ist bereits in der Sparkassen-Geschichte verankert: Wir bieten finanzielle Sicherheit, fördern den Mittelstand, schaffen Arbeitsplätze, sorgen dafür, dass Steuergelder fließen und Gewinne in der Region verwendet werden - für gesellschaftliche und soziale Zwecke.

Die ökologische Sphäre der Nachhaltigkeit besteht darin, dass Sparkassen in der Region nachhaltige Entwicklungen, wie den Ausbau der neuen Energien, finanzieren und fördern. Die ökonomische Sphäre im klassischen Dreiklang der Nachhaltigkeit ist ebenfalls eine Notwendigkeit, und sie funktioniert bei den Sparkassen seit nunmehr 200 Jahren. Wichtig ist, dass sie nicht auf Kosten sozialer und ökologischer Ziele gehen darf, sondern im Einklang mit diesen stehen muss. Diese Synthese ist es, was Nachhaltigkeit im Kontext der Sparkassen letztlich ausmacht.

_ Gibt es im Sparkassen-Portfolio Produkte, die „nachhaltiger" als die Standardprodukte sind?

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es auch darum, über Ausschlusskriterien bewusst zu entscheiden, was man nicht unterstützt. Als Sparkassenorganisation dürfen wir allerdings keine „klassischen" Ausschlusskriterien definieren, da wir aufgrund unseres öffentlich-rechtlichen Charakters gesetzlich dazu verpflichtet sind, jedem eine Geschäftsbeziehung zu ermöglichen. Wir können Ausnahmen in erklärten Sonderfällen z.B. bei der Lebensmittelspekulation machen, die wir tatsächlich generell aus unserem Geschäft ausgeschlossen haben.

Gerade aber weil wir ansonsten nicht mit pauschalen Ausschlüssen arbeiten können, ist es für uns besonders wichtig zu kennzeichnen, wo wir gezielt einen Positiv-Fokus setzen. Deshalb „labeln" wir in Baden-Württemberg neuerdings Finanzprodukte, mit denen Geld ganz explizit in nachhaltige Projekte in der Region fließt. Dazu haben wir ein eigenes Nachhaltigkeitslabel in einem Stakeholder-Dialog mit öffentlichen Institutionen aus dem sozialen und ökologischen Bereich entwickelt. Gemeinsam wurden Kriterien mit Nachhaltigkeitsbezug definiert. Ausgewählte Finanzprodukte, die diese Kriterien berücksichtigen, kennzeichnen wir nun mit unserem Label.

_ Gibt es eine zentrale Nachhaltigkeitsstrategie, die vom Sparkassenverband Baden-Württemberg vorgegeben wird?

Unsere Sparkassen-Organisation hat keine Filialstruktur, wie es z.B. bei der Deut-schen Bank der Fall ist. Dort gibt es eine Zentrale mit Filialen, die umsetzen müssen, was die Zentrale vorgibt. Die Sparkassen in Baden-Württemberg hingegen sind 52 selbstständige Unternehmen mit eigenen Strategien. Der Verband ist eine Dachorganisation, die Aufgaben u.a. der rechtlichen Vertretung, der politischen Arbeit oder der Wirtschaftsprüfung wahrnimmt. Wir können den Sparkassen Empfehlungen geben, aber wir können sie nicht zur Umsetzung verpflichten.

Wir haben zwar Nachhaltigkeit in unserer Verbandsstrategie verankert, können die aber nicht „nach unten durchdeklinieren", sodass diese Ziele automatisch bei den Sparkassen ankommen. Stattdessen müssen wir jedes einzelne Haus sensibilisieren und dabei unterstützen, eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und umzusetzen. Eine Strategie nach dem Prinzip „One size fits all" funktioniert meiner Ansicht nach im Nachhaltigkeitsbereich ohnehin nicht.

_ Der Sparkassenverband Baden-Württemberg hat deswegen einen Nachhal-tigkeitscheck entwickelt. Wie funktioniert dieser Check?

Der Nachhaltigkeitscheck hat die Aufgabe, die Sparkassen bei der eigenen Strate-gieentwicklung zu unterstützen. Er kam bereits bei Sparkassen unterschiedlichster Größe bundesweit knapp fünfzig Mal zum Einsatz - natürlich mit einem Schwerpunkt in Baden-Württemberg, wo der Check entwickelt wurde. Das Konzept dazu wurde gemeinsam mit der renommierten „Grüneköpfe Strategieberatung" in Berlin erarbeitet. Der Check definiert, was Nachhaltigkeit im Kontext einer Sparkasse für die Strategie, den eigenen Geschäftsbetrieb, das Kerngeschäft und die Kommunikation bedeutet.

Im Rahmen eines strukturierten Interviews schätzt sich die Sparkasse selbst ein und wir halten diese Selbsteinschätzung gegen eine von uns definierte Skala, die Umsetzungsmaßnahmen zwischen „Mitziehen" und „Führen" im Thema Nachhaltigkeit listet. Im Ergebnis bekommt die Sparkasse einen Anhaltspunkt, wo sie in Sachen Nachhaltigkeit aus Perspektive der Öffentlichkeit und der Kunden steht. Dieser objektivierte Stand hilft der Sparkasse dabei zu definieren, ob dies ein Zufriedenheitsniveau darstellt oder ob etwas nennenswert geändert werden muss.

_ Die künftige CSR-Berichtspflicht betrifft vor allem börsennotierte Unternehmen aus der Versicherungs- und Finanzbranche. Welche Auswirkungen hat diese kommende Gesetzgebung auf die Sparkassen?

Nach derzeitigem Stand gehen wir davon aus, dass auch alle Sparkassen mit mehr als 500 Mitarbeitern betroffen sind. Grundsätzlich hat, wie in anderen Branchen auch, diese Gesetzgebung zu einem „Wachrütteln" geführt. Nun beschäftigt sich in der Sparkassen-Organisation jeder mit dem Thema CSR, der sich damit beschäftigen muss. Für viele Sparkassen stellt die Gesetzgebung eine Bestätigung der bereits bestehenden Strategie und des jahrelangen Engagements dar. Für andere stellt sich nun die Frage, wie man möglichst schnell zu einer solchen Strategie finden kann, die im Einklang mit der neuen CSR-Berichtspflicht steht.

Das komplette Interview mit Dr. Tobias Peylo

Zur Person:

Dr. Tobias Peylo promovierte am CSM der Leuphana Universität Lüneburg und lehrt als Dozent für finanzmarktbezogenes Nachhaltigkeitsmanagement im MBA-Studiengang „Sustainament". Hauptberuflich ist Tobias Peylo Nachhaltigkeitsrefe-rent beim Sparkassenverband Baden-Württemberg in Stuttgart.

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