BLOG
07/03/2015 05:40 CET | Aktualisiert 07/05/2015 07:12 CEST

Warum eine Gesellschaft Muße braucht

thinkstock

Aufbruch ins Offene

Wir brauchen den schweifenden Geist heute mehr denn je, weil er Szenarien für die Zukunft schafft, zur Selbstreflexion anregt und Orientierung in einer Welt ermöglicht, die immer komplexer wird. Und er gönnt den Schaltkreisen „für intensivere Konzentration eine erfrischende Pause", schreibt der US-amerikanische Psychologe Daniel Goleman in seinem Buch „Konzentriert Euch!".

Der Begriff Flaneur findet sich hier nicht, ist aber mit dem „schweifenden Geist" gemeint. In Deutschland erlebt er derzeit eine Renaissance, denn er hilft uns zu finden, was wir unterwegs verloren haben: Muße. Ursprünglich meint sie die Zeit, in der sich Menschen konzentriert den Dingen des Lebens widmen konnten, „die ihren Wert in sich trugen und nicht Mittel zum Zweck waren: Schönheit, Erkennen, Freundschaft, Erotik".

Einer Gesellschaft, die sich eine solche Muße glaubt nicht mehr leisten zu können, „wird aber die Kraft zu einem wirklichen Aufbruch fehlen", bestätigt der Philosoph Konrad Paul Liessmann (WirtschaftsWoche, 22.12.2014) - und er fragt zurecht, ob es nicht sinnvoll sein könnte, die Muße heute neu zu definieren, sie „weder zu verachten noch als mentale Ressource zur Effizienzsteigerung zu missbrauchen, sondern als erstrebenswerte Dimension unseres Daseins anzuerkennen?"

Denn bewusst leben können wir nur, wenn wir immer wieder ins Offene und Ungewisse aufbrechen. Die Rückbesinnung auf den Flaneur und seine „bewegende" Historie kann dabei ein wichtiger Wegweiser sein.

Was macht einen Flaneur aus?

Ein Flaneur ist nicht nur den Fremden auf der Straße zugewandt, sondern auch dem Randständigen und Unscheinbaren. Er lässt sich absichtslos treiben, ist ein Müßiggänger, der die besondere Erlebnisqualität der Großstadt mit hellwachen Sinnen beobachtet. Das aufmerksame Spazieren wurde besonders von Walter Benjamin, Jean Baudrillard, Franz Hessel, Siegfried Kracauer und Georg Simmel zur Kunstform erhoben, dessen Ende das Aufkommen des Automobils markiert, das den Fußgänger ablöste. Der Flaneur (Spaziergänger) wurde zur zentralen Symbolfigur der modernen Stadt.

Franz Hessel, der den Deutschen in der Weimarer Republik in mehreren seiner Texte das Flanieren nähergebracht hat, empfahl seinen Zeitgenossen: „Um richtig zu flanieren, darf man nichts allzu Bestimmtes vorhaben. Es empfiehlt sich, nicht ganz ziellos zu gehen. Beabsichtige, irgendwohin zu gelangen. Vielleicht kommst du in irgendeiner Weise vom Wege ab."

Anti-Flaneure und moderne Müßig-Gänger

Und heute? Zählt häufig nur das Ziel und die Abkürzung. Das Gegenteil eines Flaneurs beschreibt Katja Kraus klug und präzise in ihrem aktuellen Buch „Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz" (Fischer Verlag, 2015) im Kapitel über die Skirennläuferin und dreimalige Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch:

„Sie erlaubt sich keine Ausschweifungen, Anekdotenreichtum ist ihre Sache nicht. Fragen, die ihre Ideallinie stören, umkurvt sie nicht wie Slalomstangen, sondern lässt sie einfach mit einer knappen Antwort an sich abprallen, wie die Stangen im Rennen, wenn man zu dicht an sie heranfährt... Überflüssige Worte und unnötige Schleifen sind ihr ein Gräuel. Die Geradlinigkeit, die ihr bei anderen so viel bedeutet, ist ihr auch selbst eine Maxime."

Es findet sich hier auch die Randbemerkung, dass die „Marke" Maria Höfl-Riesch heute behutsam gepflegt und um neue Attribute erweitert wird, ja ein „Tableau mit verschiedenen Logovarianten, die sich um ihre Initialen ranken, bereitet eine mögliche Ausweitung ihrer Strahlkraft auf unterschiedliche Branchen vor." Was die Flaneure innerlich ausmacht (sie „sind" ihre eigene Marke), wird hier von außen zugeführt.

Der Sport prägt auch die Historie des Flaneurs: Während er das 19. Jahrhundert maßgeblich prägte, so ist es im 21. Jahrhundert der Jogger, der durch die Stadt läuft oder vielmehr: rennt. Mit Flanieren hat das nichts mehr zu tun, denn der Jogger wird von den Passanten beobachtet und „erkundet die Stadt also nicht nur von außen. Er ist auch Akteur auf der theatralen Bühne, die der städtische Raum geworden ist." Sagt die Soziologin Gabriele Klein (KulturSPIEGEL 8/2014).

Es gibt heute allerdings auch Menschen, die wie die alten Flaneure die Stadt im Laufen erleben. Dazu gehört die ehemalige deutsche Bundesliga-Fußballspielerin und aktive Sportwissenschaftlerin Tanja Walther-Ahrens. Sie verbindet damit das Gefühl des Sich-Treiben-Lassens: „Vor allem Zeit haben, sich Zeit nehmen um zu schauen." Damit verbunden ist für sie das Entdecken von Dingen, die sonst nicht wahrgenommen werden würden:

„Menschen die vorbeigehen, Pflanzen, die da anscheinend schon immer standen, aber noch nie gesehen wurden, ein Eichhörnchen, das den Baum hochläuft. Einfach die Schönheit des Alltäglichen wahrnehmen und genießen." Ihr Müßig-Gang führt zu einer Entspannung des Geistes, die mit einem bewussteren Sehen einhergeht.

Ähnlich empfindet Claudia Silber, die bei der memo AG die Unternehmenskommunikation leitet. Ein Spaziergang ist für sie „ein Akt der Entschleunigung und des Erlebens. Ich spaziere (und gehe nicht!) in aller Ruhe durch die Natur oder durch die Stadt und nehme bewusst Reize auf. Spazieren gehen ist für mich auch eine Art Inspiration, den Kopf frei machen und sich bewusst auf Neues einlassen und Ideen entwickeln."

Das bestätigen auch Zeugnisse aus der Geschichte über die Vorteile des Gehens. So sagte schon Thomas Jefferson, dass die Aufmerksamkeit beim Gehen auf die Dinge in der Umgebung gerichtet werden soll. Für Henry David Thoreau war das Gehen nicht nur Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst. Mit seinen Spaziergängen wollte er sich nicht „Bewegung verschaffen", sondern empfand sie auch als tägliches Wagnis.

Flaneure im Netz

1938 wird der Schriftsteller Ödön von Horváth auf den Pariser Champs-Élysées von einem Ast erschlagen. Er bummelte durch die Straßen und stellte sich, als ein Gewitter aufzog, unter die Markise eines Theaters, wo ihn der Ast traf. „Mit Horváth stirbt an diesem Tag die Epoche der Kaffeehaus-Bohème. Was der Baum nicht erledigt hat, erledigt wenig später der Krieg, danach sind die Städte anders und die Menschen sowieso." Schreiben Max Scharnigg und Friedemann Karig in ihrem sinn- und gedankenreichen Beitrag „Flaneur im Netz" (SZ, 31.10./1./2.11.2014).

Darin beschäftigen sie sich auch mit der Frage, ob in der digitalen Kultur noch Platz ist für beobachtende Spaziergänger, und ob das, was heute „Surfen" genannt wird, nicht die perfekte Entsprechung zu dem ist, was die Kreativen bereits einhundert Jahre zuvor praktizierten:

_ Facebook ist das moderne Kaffeehaus.

_ Ebay ist ein großer Trödelmarkt.

_ Twitter ist das „Geplärr der Zeitungsjungen".

_ Youtube ist das Lichtspielhaus.

_ Amazon ist ein endloses Schaufenster.

_ Etsy ist eine Handwerkergasse.

_ Tinder ist ein Stundenhotel.

_ Blogs sind moderne Ateliers.

Allerdings es ist keine Stadt mehr, durch die der Netzflaneur schlendert, und es fehlen auch Mantel, Schirm und Notizbuch. Claudia Silber ergänzt, dass sie beim Flanieren im Netz „Luft, Atmen und Entschleunigung" vermisst. Während sie bewusst und gewollt einen Spaziergang an der frischen Luft unternimmt, flaniert sie oft „ungewollt im Internet, was auch zeitraubend sein kann".

Die Kommunikationsexpertin ist zuweilen gespalten: Während sie beruflich viel im Netz auf den unterschiedlichsten Plattformen unterwegs ist und um die Bedeutung des Themas Social Media für Unternehmen und Marken weiß, entwickelt sie persönlich eine immer größere Abneigung gegen Internet und soziale Netzwerke.

„Trotz der Arbeit in einem ökologischen (Online-)Versandhandel kaufe ich selbst am liebsten in kleinen Läden, in denen ich Beratung, Kompetenz und Liebe zum Detail gleichermaßen finde. Weiterhin bin ich dem Internet gegenüber - trotz vieler Vorteile - immer skeptischer. Privat (aber keinesfalls beruflich) habe ich mich fast ganz aus den sozialen Netzwerken zurückgezogen."

Hier zeigt sich zugleich das Ringen zwischen dem alten und neuen Flaneur: Früher suchte er „Schätze", heute managt er „Input" und muss viele Instrumente gleichzeitig dirigieren, muss Filter nutzen, um nicht von der Fülle der Informationen erschlagen zu werden und muss bereit sein, „Apps und Algorithmen für sich arbeiten zu lassen", so Scharnigg und Karig. Digitales Flanieren ist eine beständige und anstrengende Unterscheidung in wichtig und unwichtig.

Der Text der SZ-Autoren ist auch als ein Plädoyer für eine unverzichtbare Kultur zu lesen, die wir für die eigene Stabilität und eine tragfähige Gesellschaft brauchen. Und sie zeigt uns, was wir wieder lernen müssen zu erkennen, dass Typen wie Ödön von Horváth zu allen Zeiten wichtig sind. Auch wenn sie meistens allein unterwegs waren, so waren sie doch nicht nur Einzel-Gänger, sondern hatten auch die Gabe der Empathie. Heute trifft das Gegenteil zu: Wer sich zu empathisch hinausbewegt, „kommt um im Bombardement der Affekte, vulgo Shitstorm und Cyber Mobbing".

Der Beitrag führt uns zum bewussten Schauen zurück. Es kommt nur auf den entsprechenden Um-Gang an: „Trotz oder gerade wegen ihrer unmenschlichen Eigenschaften ist die virtuelle Welt das Beste, was Sinnsuchern und Spaziergängern passieren konnte, nie war Flanieren so vielversprechend. Das Netz ist ein Schlaraffenland, ein Paris für jeden neugierigen Geist. Er muss nur loslaufen und sich vor Gewittern in Acht nehmen."


Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.


Photo galleryDie smartesten Städte der Welt See Gallery