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01/02/2015 09:11 CET | Aktualisiert 03/04/2015 07:12 CEST

Warum Rechenzentren nachhaltig geplant und gebaut werden sollten

Thinkstock

Interview mit Ulrich Terrahe

Ulrich Terrahe ist Spezialist in der RZ-Branche und gewann 2007 in London den European Datacenter Award in der Kategorie „Future Thinking and Design Concepts", war danach mehrere Jahre Mitglied in der Jury. Heute ist er Veranstalter für das Event „future thinking" und des „Deutschen Rechenzentrumspreises", einer Plattform für innovative Entwicklungen in der Branche. Seit 2013 betreibt die dc-ce am Hermann Rietschel Institut an der Technischen Universität in Berlin ein Test- und Forschungsrechenzentrum, das an verschieden Lösungen zur Optimierung von Rechenzentren forscht.

_ Herr Tarrahe, inwiefern haben sich die Anforderungen an Rechenzentren heute geändert?

Rechenzentren sind heute spezieller geworden. Das Spektrum der Möglichkeiten ist um ein Vielfaches größer als noch vor einigen Jahren. Wir haben Leistungsanforderungen von 500 bis 5000 W/m², RZ -Größen von 20 bis 50.000 m² und mehr sowie unterschiedlichste Verfügbarkeits- und Sicherheitslevel. Aufgrund der Verdichtung der IT-Technik (wesentlich mehr Leistung auf immer kleineren Geräten) ist die Energiedichte W/m² angestiegen. Einerseits sind deshalb die Klimatisierungssysteme komplexer geworden, andererseits haben neue hocheffiziente Systeme die Möglichkeiten erweitert. Aber die wichtigste Veränderung ist, dass IT und Facility Management immer mehr zusammen wachsen. Man sollte sich schon frühzeitig mit der IT-Technik auseinandersetzen, um das optimale Rechenzentrum bauen zu können.

_ Weshalb können kleine IT- oder mittelständische Unternehmen und global agierende Konzerne im Prinzip die gleichen Fehler machen?

Gerade weil die Komplexität und Vielfalt zugenommen hat, ist ein Rechenzentrum mehr als Produktionsstätte und nicht nur als Gebäude zu betrachten. Diese Erkenntnis wird häufig unterschätzt. Darin liegt der größte Fehler - ob Konzern oder Mittelstand. Wenn ein Rechenzentrum still steht, dann steht in der Regel der Betrieb bzw. das ganze Unternehmen. Der Schaden für das Unternehmen bedeutet fast immer einen Totalausfall.

_ Wie kann ein perfektes Zusammenspiel der einzelnen Gewerke eines Rechenzentrums erreicht werden?

Indem von Anfang an eine integrale Betrachtungsweise, basierend auf einem klaren Konzept, berücksichtigt wird. Der Bauherr eines Rechenzentrums sollte schon vor Planungsbeginn sehr deutlich beschreiben und nahezu unumstößlich dokumentieren, was seine Anforderungen an seinem Rechenzentrum sind. Dann sollte er ein gutes Berater- und Planerteam wählen, das diese Anforderung interpretieren und planerisch umsetzen kann. Teuer bis hin zu „tödlich" ist es in diesem Prozess, von Vorgaben wieder abzuweichen, da alle Flächen, Anlagen und Komponenten sowie Trassen optimal auf das Gebäude angepasst sind

_ Wie sieht ein nachhaltiges Konzept aus?

Jeder Rechenzentrumsbetreiber hätte am liebsten die 100 Prozent Verfügbarkeit seines Rechenzentrums. Abgesehen davon, dass es diese nicht gibt, kostet dieses Ziel immer mehr Geld. Budgetvorgaben sind hier aber immer der begrenzende Faktor. Deshalb macht es Sinn, sich zunächst auf ein Sicherheits- und Verfügbarkeitsniveau festzuschreiben. Auf dieser Basis kann man dann Konzepte bzw. nachhaltige Lösungen aufbauen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass das Thema Effizienz und insbesondere „Energieeffizienz" in der Planung berücksichtigt wird. Und das fängt mit der Überlegung an, welches der effizienteste Rechner für meine Anwendung ist. Allein wenn das schon umgesetzt werden würde, würden wir 30 bis 50 Prozent der Energiekosten und Investitionskosten einsparen. Wenn diese Information nun auch an das Facility Management weitergegeben wird, könnten sie die optimale Versorgungstechnik dafür bereitstellen.

_ Neu in Ihrem Schulungsprogramm ist auch das Thema "Blauer Engel". Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Die Idee hinter dem „Blauen Engel" ist genau richtig: Energieeffizienz als Teil des unternehmerischen Handelns fest zu verankern. Da wir an den Ausarbeitungen mitgewirkt haben, ist es auch naheliegend, dass wir dieses Wissen weiter geben.

_ Wie kann die Effizienz der IT-Geräte verbessert werden?

Ich finde es wichtig, schon beim Einkaufen auf Effizienz zu achten und diese Einstellung auch den Lieferanten zu verdeutlichen. Sie sind damit angehalten, ihre Geräte effizienter zu gestalten. Im Betrieb sollten IT-Geräte überwacht und der Energieverbrauch messbar gemacht werden: Wenn diese Kriterien erfüllt sind, können Benchmarks abgefragt werden. So entwickelt sich schnell ein Gefühl, welche Rechner effizient laufen, und wo die Stellschrauben sind.

_ Weshalb ist es aus Ihrer Sicht nicht ratsam, dem Reflex „Schneller, höher, weiter" beim Einkauf von Hardware zu folgen?

Weil die Anwendung vorgibt, was für Leistung benötigt werden. Sehr häufig liegt die mittlere Auslastung eines guten Servers in Deutschland unter 20 Prozent. Nur verändert sich der Energiebedarf von Rechnern nicht linear. Die besten Server haben im Idle-Modus (Standby) heute noch 40 Prozent der maximalen Lastanforderung. Das ist verschwendete Energie. Aber auch Überdimensionierung und damit unnötig gebundenes Investitionskapital müssen kritisch betrachtet werden.

_ Welche aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen sehen Sie derzeit im Bereich Energieeffizienz und Einsparpotenziale von Rechenzentren?

Eine aktuelle Entwicklung ist es, neue Lösungen für eine energieeffiziente Klimatisierung zu implementieren. Aktuell sind es Hybridlösungen - freie Kühlung so lange es geht und simple Kälteerzeugung für den Rest der Zeit. Der nächste Schritt wird sein, die mechanische Kälteerzeugung komplett zu eliminieren. Ein zweiter Trend ist, die Energieversorgung des Rechenzentrums dynamisch in das Gesamtnetz einzubinden. Batterien werden als Speicher genutzt und kappen Spitzenlasten, und NEAs geben bei Bedarf Energie in das Netz. Zu einem weiteren Trend gehört, dass Server und Infrastruktur mehr zusammen wachsen. Die Wärme wird direkt am Rechner abgeholt und kann zu Heizzwecken genutzt werden. Die Lüftungsregelung der Server kommuniziert mit denen der Klimageräte.

_ Was bedeuten Ihnen das „future thinking"/DRZP und die Vergabe des Deutschen Rechenzentrumspreises?

Ich sehe, wie im Rechenzentrum Energie verschwendet wird, wie wenig wir darüber nachdenken, warum wir überhaupt so viel Energie verbrauchen. Es fehlt das Bewusstsein oder die Verantwortung dafür. Auch ist der Betrachtungszeitraum eines einzelnen Menschen nicht konform mit dem Zeitraum des Klimawandels. Klimaveränderungen oder andere Phänomene wollen oder können wir noch nicht direkt verknüpfen. Hier ist innere Überzeugung gefragt. Unsere Aufgabe ist es, nachhaltige Lösungen wieder sichtbar zu machen und in den Markt zu kommunizieren.

_ Wie ist wirtschaftliches Wachstum mit sozialer Verantwortung zu vereinbaren?

Beide schließen sich nicht aus. Ich bin davon überzeugt, dass gerade große Teile der deutschen mittelständischen Unternehmen hohe soziale Verantwortung übernehmen und sich sowohl für die Mitarbeiter, die Region als auch für die Umwelt verantwortlich fühlen. Doch erst ein gewisser Reichtum sorgt dafür, dass so etwas umsetzbar ist. Bill Gates oder Warren Buffet können erst durch ihren Reichtum das bewirken, was sie heute auszeichnet. Future thinking und der Deutsche Rechenzentrumspreis wäre nicht möglich, wenn kein unternehmerisches Denken und Wachstumsstreben mitspielen würden. Also wenn nicht Gier, Habgier oder Größenwahn, sondern Verantwortung für das eigene Tun sowie Respekt gegenüber den Mitmenschen berücksichtigt werden lässt, sich beides gut vereinbaren. Das sollte das Ziel sein.

_ Weshalb sehen Sie in der green blue social you Stiftung, wo Sie Kuratoriumsmitglied sind, einen Partner der Nachhaltigkeit? Was ist das Besondere an deren Konzept?

Ich nehme die Menschen hinter green blue social you wahr als engagierte Mitstreiter, die sagen, dass es besser ist, etwas zu tun als gar nicht zu handeln. Jeder sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für die Gemeinschaft einsetzen. Und es wird gewünscht, dass man eigene Ideen entwickelt. Der Initiator von green blue social you, Andreas Marth, hatte ähnliche Ansätze bei der Grünung der Stiftung wie ich bei der future thinking und dem DRZP. Wir sehen uns nicht als vordergründige „Weltverbesserer", sondern haben beide Ideen entwickelt, wie wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Nachhaltigkeit leben und uns gut dabei fühlen.

Zur Person:

Ulrich Terrahe ist Geschäftsführer dc-ce RZ-Beratung GmbH. Der Dipl.-Wirtsch-Ing. (FH) studierte an den technischen Fachhochschulen in Gießen und Berlin. Erste berufliche Stationen waren Lennox Industries in England, die Kraftwerksunion, Rudolph Otto Meier und Raab Karcher Wärmetechnik. Seit 1997 ist er ausschließlich in der Rechenzentrumsplanung tätig. Zunächst bei Schnabel AG (von 2000 bis 2007 als Vorstand), danach als Inhaber des eigenen Unternehmens dc-ce RZ-Beratung GmbH & Co KG.