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15/09/2015 15:27 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 07:12 CEST

Warum Flüchtlingspolitik nachhaltiges Management braucht

dpa

Von Daten zu Menschen

Das Flüchtlingsthema beherrscht wie kaum ein anderes die aktuelle gesellschaftliche Diskussion, von der enormen individuellen Hilfsbereitschaft, aber auch von der Unterstützung durch Unternehmen und Organisationen ist täglich zu lesen und zu hören.

Weniger thematisiert wird allerdings, wie die Globalisierung - die sich plötzlich nicht in Form von „Daten, Flugzeugen und Containerschiffen" zeigt, sondern durch Menschen - nachhaltig zu managen ist. Sie wurde ermöglicht durch technologische Innovationen wie den globalen Datenfluss, das Internet und die elektronische Weltbörse. Alles ist offen.

„Wer von Grenzzäunen oder ethnisch geschlossenen Gesellschaften träumt..., steht nicht nur den Flüchtlingen im weg, sondern auch sich selbst", schreibt Miriam Meckel in der WirtschaftsWoche (11.9.2015)

Doch was ist zu tun? Es gibt kein Zurück. Die Globalisierung ist Realität. Um sich nicht in ihr zu verlieren und von den eigenen Ängsten und Unsicherheiten fehlgeleitet zu werden, braucht es die richtigen Wegweiser und Werkzeuge.

Gerade in Zeiten wie diesen zeigt sich, was Themen wie Nachhaltigkeit und CSR in Politik und Wirtschaft wirklich bedeuten, ja wie professionell oder hilflos eine Organisation ist.

Dabei geht es nicht darum, „etwas" für Flüchtlinge zu tun: sie warmherzig zu empfangen, sie aufzunehmen, Sach- und Geldmittel zu geben. Ein bisschen spenden ist so wenig wie ein bisschen Frieden - nicht nachhaltig.

Es gehört auch das richtige Management dazu. Wird es nicht berücksichtigt, haben Organisationen mit Überforderung, Ineffizienz und Langsamkeit zu kämpfen und werden von den Ereignissen überrollt. Mit veralteten Strukturen, Abläufen und Entscheidungsprozessen können sie heute nicht überleben.

Navigieren in Zeiten des Umbruchs

In diesen Tagen erschien das aktuelle Buch von Fredmund Malik: „Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten" (Campus Verlag Frankfurt am Main 2015). Es enthält viele Kernthesen seiner vorangegangenen Bücher, ist jedoch ein hervorragendes Kompendium für alle, die einen Anfang suchen, um sich zu orientieren.

Es richtet sich an Politiker, Unternehmer und Konzernmanager genauso wie an „normale" Manager. Auch Verantwortliche von CSR-Kursen, die das Lehrprogramm zusammenstellen, würden wie die Teilnehmer davon profitieren.

Denn angesichts der sich überstürzenden Ereignisse muss auch hier die Frage gestellt werden: Was bedeutet das Flüchtlingsthema konkret für den Zertifizierungslehrgang CSR-Manager (IHK) und die hier definierten vier Handlungsfelder Markt, Umwelt, Arbeitsplatz und Gemeinwesen? Wie ist es in den organisatorischen Rahmen von Unternehmen integriert? Was bedeutet es für die Gesamtorganisation?

Das, was sich überall nachlesen lässt (Rolle des UN Global Compact, Deutscher Nachhaltigkeitskodex, Global Reporting Initiative, OECD-Leitlinien), kann man auch als Handout verteilen - mehr nicht.

Was es wirklich braucht, ist ein solides Handwerkszeug, um richtig mit Komplexität und unvorhergesehenen Ereignissen umzugehen.

Nur spenden ist nicht genug

Kleine Fußballvereine zeigen in diesen Tagen, wie professionelles Management im Flüchtlingskontext funktioniert, und wie Großes mit Kleinem verbunden ist, aber auch welche Probleme bleiben:

Durch die Flüchtlingsinitiative "1:0 für ein Willkommen" werden Vereine, die Flüchtlingen Fußballangebote machen, mit 500 Euro unterstützt. Seit dem Start am 19. März in Berlin haben sich ca. 600 Vereine für eine Teilnahme beworben, für 2015 und 2016 war die Kampagne mit 600.000 Euro budgetiert. Sie ist jetzt um drei Jahre bis 2019 verlängert worden:

"Kleine und kleinste Fußballvereine im ganzen Land bieten den ankommenden Menschen in unserem Land ein Stück neue Heimat. Das bleibt über die nächsten Jahre ein Dauerthema", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in der ZDF-Gala "Menschen auf der Flucht".

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Auch Matthias Görz, Abteilungsleiter Fußball beim TSV Burgthann, erhielt für den Verein von der Egidius-Braun Stiftung 500 Euro zur Unterstützung. „Damit können wir den Syrern jeweils eine Trainingsausstattung zur Verfügung stellen. Seit dem 7. September sind die Syrer auch spielberechtigt und beim Punktspiel am 13. September konnten erstmalig einige Spieler in einem Punktspiel der zweiten Herrenmannschaft eingesetzt werden", sagt er.

Aktuell sind zehn syrische Flüchtlinge Mitglied beim TSV Burgthann, die regelmäßig am Training teilnehmen. Insgesamt läuft die Integration sehr gut: „Die Sprachprobleme sind natürlich manchmal ein Problem, aber man bekommt es immer irgendwie hin. Einige sprechen zumindest schon etwas deutsch oder auch Englisch."

Auch DFB und DFL stehen vor der enormen Herausforderung, diese Komplexität zu managen und das Flüchtlingsthema in die eigene Nachhaltigkeitsarbeit zu integrieren. Dazu braucht es vor allem ein anderes CSR- und Nachhaltigkeitsverständnis, das beim Management und Kerngeschäft ansetzt und nicht beim Ehrenamt.

Spenden allein können der Herausforderung nicht gerecht werden. Es braucht die Basis eines anderen Denkens, neue Methoden und Instrumente, um beweglich und handlungsfähig zu sein.

Krise des Funktionierens

Die internationale Fluchtbewegung ist ein aktuelles Beispiel für die von Malik benannte Transformation, die fast alles verändert: „Was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun - und auch wer wir sind."

Es ist nicht nur eine Krise des Navigierens, sondern auch des Funktionierens. Versagen - wie am Flüchtlingsbeispiel - die Organisationen, dann versagen auch die Menschen.

Es genügt nicht, das WAS zu kennen und et"was" zu tun. Was es für das WIE braucht, ist ein methodisches Instrumentarium. „Gib den Unternehmensführern und Politikern neue, wirksame Instrumente in die Hand, dann werden sie viele der Probleme auch lösen", sagt Malik.

Auch für die Flüchtlings- und Nachhaltigkeitspolitik gilt, dass zuerst die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Malik zitiert den häufig strapazierten Management- Standardlehrsatz (der auch im Flüchtlingskontext oft genannt wird): „Es kommt auf die Menschen an". Ja, das stimmt. Doch vor allem kommt es auf die Beziehungen zwischen ihnen an.

Das Flüchtlingsthema hat wie das Thema Komplexität zwei Gesichter: Es ist Herausforderung und Chance zugleich. Wer damit nicht umgehen kann, überfordert sich - auch Gesellschaftssysteme können kollabieren.

Andererseits ist Komplexität für Malik auch „der Rohstoff für Informationen, für Intelligenz und Kreativität".

Es braucht ein richtiges Flüchtlings- und Nachhaltigkeitsmanagement, das sich mit dem Funktionieren von Systemen und Organisationen befasst. Dazu gehört: Regulieren, Steuern, Lenken und Gestalten. Wenn hier der Begriff „effektiv" von Malik entlehnt wird, so bedeutet das nicht, immer noch mehr zu spenden, sondern klüger zu agieren:

„Effektivität ist die Essenz des Berufes der Führungskraft. Sie ist vielleicht nicht der Grund für den Erfolg, aber sie ist dessen Fundament."

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