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19/05/2017 14:30 CEST | Aktualisiert 19/05/2017 14:30 CEST

Warum die Küche 21.0 Werkstatt und Statussymbol ist

Kelvin Murray via Getty Images

„Die Kultur hängt von der Kochkunst ab." (Oscar Wilde)

Die Rückkehr der Küche

Anfang der 1980-er Jahre beeinflusste der Grafikdesigner Otl Aicher die Küchenwelt. In seiner Publikation „Die Küche zum Kochen. Das Ende einer Architekturdoktrin" sagte er die Rückkehr der Küche voraus, die wieder ins Zentrum des Hauses rückt. Aicher schlug ein Küchenkonzept vor, bei dem das Essen und die Kochkunst als sinnliches Erlebnis gefeiert werden.

Heute wird die Küche „zum Mittelpunkt des Zuhauses und einmal mehr zum Statussymbol der Deutschen", bestätigte der Geschäftsführer des Küchenhersteller-Verbands AMK, Kirk Mangels, am 8. Mai bei der Vorlage des Jahresberichts in Köln. Die Küchenbranche sieht einen Trend zu „genussvollem Kochen": Es sei davon auszugehen, dass während der Woche etwas weniger, aber am Wochenende mehr gekocht werde, so Mangels.

Inzwischen ist jede zehnte Küche ein Luxusprodukt, Tendenz steigend. Der Küchenbranche gelingt es wie nur wenigen Branchen, Tradition, Innovation und Digitalisierung erfolgreich miteinander zu verbinden: Handwerk 2.0. „Digitalisierte Strukturen beispielsweise in Baugewerbe, Handwerk (!) oder Pflege sind uns größtenteils noch gar nicht bekannt (aber in den Startlöchern)", schreibt Philipp Riederle in seinem aktuellen Buch „Wie wir arbeiten und was wir fordern.

Die digitale Generation revolutioniert die Berufswelt", in dem er unter anderem nachweist, dass die Digitalisierung Handwerker nicht so schnell ins Hintertreffen bringen wird, „denn smarte Tools oder Roboter können helfen, aber nicht übernehmen"!

So ist es auch kein Zufall, dass sich bis heute auch viele traditionelle Bezeichnungen wie „Werkstatt" erhalten haben und aus einer „Gedankenwerkstatt" hervorgingen: Hier wird heute nicht mehr nur geschraubt und gewerkelt, sondern es stehen Ästhetik, Komfort und Kochen im Fokus. Hier lernten die Inhaber meistens das Tischlerhandwerk „von der Pieke" auf und verbinden es nun mit dem digitalen Wandel, in dem das traditionelle Handwerk nicht verschwindet.

Denn Digitalisierung ohne echtes Handwerk ist Masse, Unendlichkeit, Kopierbarkeit. Eine Qualitätsküche aber hat einen Wert der Begrenztheit, welche die Basis von wahrem Luxus ist. Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt, der Kunden immer wichtiger wird: Nachhaltigkeit. Küchenmöbel, die nachhaltig hergestellt wurden, sind an folgenden Labeln zu erkennen: Blauer Engel, DGM-Emissionslabel, LGA schadstoffgeprüft, Programme PEFC, FSC und ÖkoControl.

Stil-Dauerbrenner und nachhaltige Küchenhelfer

Ökologische Lebensweisen gewinnen in der Gestaltung unseres Alltags und Lebensumfelds immer mehr an Bedeutung. Das gilt auch für die Einrichtung und Nutzung der Küche. Dabei sind nicht nur Umweltgesichtspunkte von Bedeutung, sondern auch die Steigerung der eigenen Lebensqualität durch gesunde Nahrungsmittel sowie die Verwendung nachhaltig produzierter Küchenmöbel und Elektrogeräte.

Mit einem guten Herdsystem werden heute sowohl Ressourcenverbrauch als auch Schadstoffbelastungen der Umwelt auf ein absolutes Minimum reduzieren. Dies gilt für den Kochprozess ebenso wie für den Herstellungsprozess. „Herdplatten" gelten als Vorläufer gusseiserner Kochflächen. Sie gab es offenbar schon in der Steinzeit, wie Rekonstruktionen von aufgeschichteten Feuerstellen belegen, deren Oberfläche mit Lehm ausgestrichen und geglättet waren. Vermutlich dienten sie zum Backen von Fladenbrot, so wie es heute noch in Afrika oder Südamerika zu beobachten ist. Das spiegelglatte Ceranfeld mit seinen grafisch gekennzeichneten Heizbereichen oder der ebenfalls glatte Induktionsherd schließen mit ihren glatten Oberflächen formal an die holz- oder kohlebefeuerten Gusseisenherde („Kochmaschinen") des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an.

In den 1960-er Jahren wurden Elektrogeräte für fast jeden erschwinglich. 1963 entwarf Joe Colombo Minikitchen für Boffi - es wurde damit der Trend der räumlich unabhängigen Küche antizipiert, den Luigi Colani etwa zehn Jahre später mit seiner Kugelküche für Poggenpohl weiterdenkt. Die 1970-er Jahre galten als Epoche des Aufbruchs, die von experimentierfreudigen Gestaltern geprägt wurde.

Hausgeräte machen heute etwa 40 Prozent des Gesamtverbrauchs im Haushalt aus. Deshalb ist es erforderlich, sparsam mit Energie umzugehen. Auch für Elektrogeräte in der Küche wie Kühlschrank, Backofen, Gefrierschrank oder Kleingeräte wie Mixer und Toaster gilt deshalb das Prinzip der Nachhaltigkeit. Dabei sind nicht nur die Reduzierung des Energieverbrauchs der Elektrogeräte von Relevanz, sondern auch sämtliche chemische oder elektromagnetische Emissionen.

Seit einigen Jahren gibt es europaweit ein einheitliches Energieeffizienzlabel, das für alle Hersteller verbindlich ist. Die Klassen sind eingeteilt in A+++ bis D (die EU plant eine Neuregelung von A bis G - Kennzeichnung A++ und A+++ sollen abgeschafft werden, die ersten neuen Labels werden vermutlich erst in ca. zwei Jahren im Handel zu sehen sein), wobei D die schlechteste Variante ist.

Ein bunter Aufkleber auf den Geräten gibt Auskunft, in welche Klasse das jeweilige Gerät eingestuft wird. Daran können dann der jährliche Energieverbrauch und andere produktspezifische Daten abgelesen werden. Neben diesen Daten ist es auch wichtig, dass das Gerät zur individuellen Nutzung passt.

Im Betrieb und während der Nutzung sollten die Geräte so umweltverträglich wie möglich sein. Es sollte allerdings auch darauf geachtet werden, dass der gesamte Lebenszyklus der Geräte auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Zu vergessen sind auch nicht die kleinen Küchenhelfer: Produkte aus Kunststoff mögen zwar pflegeleicht sein, werden jedoch aus Erdölprodukten hergestellt und stellen dadurch eine stärkere Belastung für unsere Umwelt dar. Gleiches gilt für Vorratsbehälter aus Kunststoffen. Eine bessere Alternative sind Küchenhelfer und Behälter, die aus natürlichen bzw. schnell nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden.

Die Küche ist neben dem Badezimmer der Raum des Hauses, der in den vergangenen einhundert Jahren die meisten architektonischen und technischen Veränderungen erfahren hat: Mit zunehmendem Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der voranschreitenden Industrialisierung stand in den Mietshäusern der Küche häufig nur noch ein Minimum an Platz zu: In den engen Etagenwohnungen der Arbeiter haben einzeln stehende Küchenmöbel (wie in großbürgerlichen Haushalten) keinen Platz.

Es entsteht das Arbeitsdreieck Herd, Spüle und Kühlschrank. Zeitgleich wurden Kücheneinrichtungen vereinheitlicht. Die Rationalisierung der Küche ging mit der Industrialisierung der Nahrungsmittelherstellung einher. 1926 erschien das Buch „Der neue Haushalt - ein Wegweiser zu wirtschaftlicher Haushaltsführung" von Erna Meyer. Einige Jahre zuvor analysierte die Amerikanerin Christine Frederick die Küchenarbeit in ihrer Publikation „Household Engineering. Scientific Management in the Home". Beide trugen zu einer Reform der Wohnkultur bei, bei der es auch um die Konzipierung einer neuen Ordnung ging: kurze Arbeitswege, leichte Reinigung, „Handwerkszeug" in Reichweite.

Für einen Meilenstein der Küchengeschichte sorgte auch die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihhotzky. Unter dem Initiator des Wohnungsbauprogramms „Neues Frankfurt", Ernst May, plante sie 1926 mit der Frankfurter Küche ein „Raumwunder" nach ergonomischen Kriterien. Die Mustermöbel sind durch eine Schiebetür mit dem Wohnzimmer verbunden. Sie gilt als Vorläufer der Einbauküche und wurde in 10.000 Wohnungen verbaut.

Stil-Dauerbrenner sind seit Jahren offene Wohnküchen, die nach Branchenangaben bereits in gut jedem vierten deutschen Haushalt zu finden sind. Beleuchtete Regale für den Anbau von frischen Küchenkräutern sind heute ebenso beliebt wie extra große Kühlschränke und Herde oder Spezialküchen für Veganer oder Vegetarier. Auch Zubereitungsformen wie das Garen mit Dampf oder die Arbeit mit niedrigen Temperaturen nehmen zu. Darauf reagieren viele Hersteller und bieten passende Geräte und Einbauelemente an. Induktionskochflächen werden durch ihre Flexibilität immer beliebter.

Die Hersteller setzen bei den neuen Kochflächen verstärkt auf Bedienelemente mit LCD-Bildschirmen. Beim Dunstabzug werden die Module nicht mehr über dem Herd installiert, sondern im Kochfeld eingebaut. Das macht sich vor allem bei offenen Küchen bezahlt. Auch die Steuerung von Küchengeräten mit Hilfe von Smartphones oder Tablet werden künftig weitere zunehmen.

Design und Technik mögen in einer Küche zwar äußerlich dominieren - am Ende ist sie doch immer ein Ort, der all die Küchenhelfer beherbergt, die zum Zubereiten von Speisen benötigt werden. Und ein Ort der Gemeinschaft und des Genusses, der für den Journalisten Wolf Lotter eine „Schlüsselqualifikation für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts" ist, denn Kopf und Darmhirn gehören beim sich selbst bewussten Menschen zusammen: Er kann genießen im Bewusstsein, dass Freiheit, Selbstverantwortung und Genuss keine Widersprüche sind, sondern „die Säulen, auf die eine offene Zivilgesellschaft nicht verzichten kann."

Der Text basiert auf Teilen des Buches, das gemeinsam mit der Autorin Claudia Silber entstanden ist. Der Erlös kommt HORIZONT e.V. zugute. Der gemeinnützige Verein wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet und hilft wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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