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29/02/2016 12:43 CET | Aktualisiert 01/03/2017 06:12 CET

Unter Komplizen: Darum werden andere Begriffe für kollektive Arbeits- und Lebenswelten gebraucht

Hans Neleman via Getty Images

Die neue Verschwörung

In den letzten Jahren ist in der Gesellschaft viel von „Verschwörung" die Rede. Zuletzt im Zusammenhang mit dem Tod von Roger Willemsen. „Zusammenarbeit begriff er prinzipiell als eine ‚Verschwörung'. Als eine Mitarbeit an einem Engagement, bei dem auch er nur Mitarbeiter war." Schrieb Jörg Bong, Chef des S. Fischer Verlages, in dem die Bücher von Roger Willemsen erscheinen sind, in seinem Nachruf „Jörg, hier ist Frohsinn" (DIE ZEIT, 11.2.2016)

Sich an den Intellektuellen zu erinnern, bedeutet für Jörg Bong auch:

• sich seiner Haltung und seines dezidierten Engagement in dieser Welt bewusst zu sein und ihm darin zu folgen

• konkret die Welt zu verändern

• nachhaltig Einfluss zu nehmen auf das Politische und Gesellschaftliche.

Der Begriff „Komplize" gehörte zum festen Wortschatz des Publizisten, für den der Kabarettist Dieter Hildebrandt „der klarste Komplize im öffentlichen Leben" gewesen ist, weil er mit ihm in sämtlichen Gesinnungsfragen eine „Deckungsgleichheit" empfand. Und auch der großherzige Mentor Hildebrandt sei immer auf der Suche nach Komplizen gewesen, dessen „Wirklichkeitshunger" nie nachließ.

Im Herausgeberband von Insa Wilke zum Werk von Roger Willemsen ist noch ein weiteres Fundstück verborgen - im Text des Publizisten Manfred Bissinger:

„Lieber Freund, die Literaturkritik pflegt gerne die Debatte um den ersten Satz eines Manuskriptes. Wenn ich einen solchen über uns zu schreiben hätte, dann würde er lauten: 'Es war Komplizenschaft auf den ersten Blick.'"

Was ist damit gemeint? Und warum begegnen uns Komplizen, die „miteinander Verbundenen", vor allem verstärkt seit 2013 in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten?

Das Jahr der Komplizen

2015 erschien das Buch „Freundschaft" von Katja Kraus, in dem sich der Begriff ebenfalls wie ein roter Faden durchzieht: Wenn adidas-Chef Herbert Hainer davon spricht, dass aus mancher langjährigen Freundschaft eine berufliche Komplizenschaft geworden ist, und der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschafter Joseph Vogl in Bezug auf Willemsen auf eine gegenseitige und geheimnisvolle Inspiration und „Komplizenschaft" verweist. Oder Manfred Bissinger über die „liebgewonnenen Schrulligkeiten seines Lebenskomplizen" schmunzelt.

Was alle miteinander verbindet, ist das, was Willemsen als „Idee von der Komplizenschaft des verwandten Blickes" bezeichnete.

Merkwürdig ist allerdings, dass der Begriff hier so häufig im Zusammenhang mit Freundschaft fällt, manchmal sogar Freundschaft meint, aber eben nicht „ist", denn Komplizenschaften sind projektorientierte Gemeinschaften, die etwas zusammen tun, aber wieder auseinandergehen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Zur Freundschaft gehört neben hoher Emotionalität auch Dissenz, der zu langer Dauer führt.

Das hat die Professorin für Kulturtheorie Gesa Ziemer in ihrem Buch „Komplizenschaft", erschienen 2013, auf eindrucksvolle Weise gezeigt.

Sie untersucht das Konzept der Komplizenschaft als Form gemeinschaftlichen Handelns und hat den Begriff aus dem strafrechtlichen auf den kreativen Kontext übertragen - und fragt, ob wir nicht dort auch komplizitär agieren, ohne ein kriminelles Ziel zu verfolgen.

Komplizenschaft, so ihre These, ist eine spezifische Arbeitsform, die von einer destruktiven in eine konstruktive, lustvolle Arbeitsweise umgedeutet werden kann und dazu führt, dass alternative Strukturen entwickelt werden, die zu Innovationen führen können.

Was sind Komplizen?

• Sie sind Verbündete (im positiven wie im negativen Sinne).

• Sie kreieren ein gemeinsames Ziel und schreiten koordiniert und konzentriert zur Tat.

• Sie sind für sich selbst genauso wie für den anderen verantwortlich.

• Sie fordern das „Unerwartbare" heraus und treten in gesellschaftlichen Kontexten auf, in denen es nicht verhindert wird, sondern aktiv provoziert werden soll.

Was Komplizenschaft ausmacht:

• Sie basiert auf Freiwilligkeit oder kollektive Gegenwehr der Schwachen gegen die Starken.

• Sie kann als intensive Bündnisform innerhalb von Netzwerken auftreten und später in ein Netzwerk übergehen.

• Sie ist gekennzeichnet durch Energie, Fantasie und eine subversive Kraft.

• Sie bedeutet Regelbruch und „Mittäterschaft".

• Sie ist entgrenzt und entfaltet sich in der Aktivität und der gemeinsamen Begeisterung für eine Sache.

• Sie ist schnell und zielorientiert.

• Sie ist immer temporär und endet, wenn die Tat „vollzogen" ist.

Komplizenschaft ist einer der wichtigsten Begriffe für die Generation Y

Die Bedeutung der Komplizenschaft für die Generation Y zeigt sich beispielhaft in den Büchern von Joshua Groß (Jahrgang 1989). Bekannt geworden ist er durch seine bemerkenswerten Buchpublikationen bei starfruit publikations: „Der Trost von Telefonzellen" (das ebenfalls im Jahr der Freundschafts- und Komplizenbücher, 2013, erschien!) und „Magische Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem Spätkapitalismus" (2014).

Seine Generation bezeichnet er in „Der Trost von Telefonzellen" als „Komplizen ohne Alibis". Die Komplizenschaft findet hier ihren Ausdruck beispielsweisel im gemeinsamen Rauchen, was aber nichts an der „grundsätzlichen Abgeschiedenheit" ändert

Für Joshua Groß sind Komplizen Menschen, denen es um Auseinandersetzung geht, und die keine Erklärung brauchen. Im Idealfall sind sie für ihn ineinander Eingeweihte, die sich aufrichtig begegnen, zwischen denen Akzeptanz und Verständnis wächst, die sich im Prozess immer weiter kennen lernen.

Am Ende seines Buches sind die beiden Hauptfiguren denn auch keine Komplizen mehr, sondern Freunde und Detektive.

Auch in „Magische Rosinen" muss der Leser mehr Detektiv sein und weniger Komplize. Durch inhaltliche Überspitzung werden die Bedingungen gesellschaftlicher Veränderungen ebenfalls hinterfragt.

Der kleinkriminelle Musikfetischist Mascarpone wehrt den Wunsch seines Freundes Sergio ab, mit dem Longboard „einfach komplizenhaft zu rollen". Er verfällt der „schlau-biederen" Sahra Wagenknecht, einer Verfechterin einer radikalen gesellschaftlichen Sehnsucht.

Beide erkennen, dass Utopien durchaus real werden können. Am Ende zählt auch hier wie im Debütroman von Joshua Groß nur das, "was wir machen". Beim Handeln gibt es keine Phrasen. Der Begriff der Komplizenschaft verbindet sich hier mit praktischer Nachhaltigkeit.

Komplizen der Nachhaltigkeit

Noch kaum wahrnehmbar bewegt sich der „Komplize" heute immer mehr ins weite Feld der Nachhaltigkeit. Zuweilen scheint er dort auf, wo sich Neues entwickelt und mit anderen Bereichen verbindet.

Der Wirtschaftsvordenker Lars Vollmer, Begründer von intrinsify.me, nach eigenen Angaben dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung, widmet den Komplizen sogar ein Unterkapitel in seinem aktuellen Buch „Zurück an die Arbeit", in dem es um die freiheitliche Zusammenarbeit von Menschen geht.

Vor einiger Zeit führte Prof. Kai-Uwe Hellmann, Geschäftsführer des CSRcamp, ein Interview zum Thema unternehmerische Verantwortung mit Daniela Röcker, die sich „Kultur-Komplizin" (!) nennt und Impulsgeberin der „Initiative EnjoyWork - Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft" ist.

Sie ist Komplizin einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Unternehmenskultur sowie nachhaltigem Wirtschaften im Sinne von Corporate Social Responsibility und Cradle-to-Cradle. CSR ist für sie ein offenes System, in dem „gutes Wirtschaften" stattfindet. Darunter versteht sie den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, Umwelt und Stakeholdern.

„In Unternehmen, in denen Mitarbeiter selbstbestimmt arbeiten und Führung als agil und moderativ verstanden wird, kann CSR noch mehr Gewicht bekommen. Denn hier gibt es keine CSR-Abteilungen oder CSR-ManagerInnen. CSR wäre hier eine Strategie, die alle Mitarbeitenden gleich fordert. Alle hätten die Möglichkeit, CSR-Maßnahmen zu initiieren und verantwortlich umzusetzen.

Dies würde sowohl die Vielfalt der Aktivitäten fördern, als auch ein verstärktes Bewusstsein dafür schaffen, wo überall CSR drinstecken kann. Ein angenehmer Nebeneffekt wäre dann die Motivation des Einzelnen, weil sich jeder für ein CSR-Thema engagieren könnte, das seiner persönlichen Lebenswelt am nächsten steht."

Vor diesem Hintergrund braucht es ein ausgeprägtes Verständnis darüber, was Komplizenschaft heute ausmacht und warum wir andere Begriffe für kollektive Arbeits- und Lebenswelten benötigen.

Literaturhinweise:

Joshua Groß / Philippe Gerlach: Der Trost von Telefonzellen. starfruit publications, Fürth 2013.

Joshua Groß / Philippe Gerlach: Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem Spätkapitalismus. starfruit publications, Fürth 2014.

Katja Kraus: Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz. S. Fischer Verlag 2014.

Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden. Linde Verlag, Wien 2016.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Gesa Ziemer: Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität. transcript Verlag, Bielefeld 2013.

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