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01/03/2015 09:49 CET | Aktualisiert 01/05/2015 07:12 CEST

Über die große Bedeutung des guten, alten Bauchgefühls

Thinkstock

Der gesunde Menschenverstand ist Titelthema der aktuellen Ausgabe des kostenlosen Kundenmagazins „Der Lebensbaum", das sich der Welt hochwertiger Bio-Lebensmittel und einem nachhaltigen Lebensstil widmet.

In der Huffington Post erscheint das erweiterte Interview mit Dr. Alexandra Hildebrandt, das Manuela Wiegmann geführt hat. Sie arbeitet seit 2012 bei Lebensbaum in der Unternehmenskommunikation und studierte vorher an der Universität Flensburg Kultur-, Sprach- und Medienwissenschaften.

_ Frau Dr. Hildebrandt, gesunder Menschenverstand, was ist das eigentlich? Und wozu ist der gut?

In der Wissenschaft wird häufiger von Intuition gesprochen, deren Fundament gesammeltes Erfahrungswissen ist. Sie führt zur Erkenntnis der Dinge, ohne dass man sich bewusst wird, „wie" sie erkannt werden. In einer unübersichtlichen Zeit und offenen Gesellschaft, in der vieles aus den Fugen gerät, ist eine Rückbesinnung auf den gesunden Menschenverstand, der direkt zu Herz und Sinn spricht, nötig und nützlich.

„Gesund" steht hier für „natürlich" im Sinne von „intuitiv, emotional" - mit Verstand (von „verstehen" von althochdeutsch „firstȃn", im Sinne von „dicht davor stehen"), der hilft, Dinge zu erkennen und zu begreifen.

Es braucht einen Maßstab, um den eigenen Kurs im Leben festzulegen, der hilft, die eigene Existenz neu auszurichten. Der gesunde Menschenverstand kann dabei helfen, Gelegenheiten auch dann zu erkennen, wenn es schwierig wird, Unvorhergesehenes zuzulassen, die eigene Sichtweise zu fokussieren und den Kurs in eine bessere Welt abzustecken. All das gelingt durch Einfachheit, die dem gesunden Menschenverstand entspricht, und der vor allem dort wirken kann, wo die Fähigkeit ausgeprägt ist, sich auf Wesentliches konzentrieren zu können.

_ Und doch verlieren wir uns oft in Kleinigkeiten. Gibt es Umstände, die uns den gesunden Menschenverstand vergessen lassen?

Ja, Arianna Huffington beschreibt dies beispielsweise sehr treffend in ihrem Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs": Die Publizistin und Herausgeberin verliert sehr leicht den Zugang zu ihrer Intuition (die sie als eine Stimmgabel bezeichnet, die uns in Harmonie hält), wenn sie zu wenig schläft. Das ist nicht nur schlecht für die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis, sondern auch für die emotionale Intelligenz, das Selbstbewusstsein und unsere Empathiefähigkeit.

_ In welchen Bereichen fehlt er Ihrer Meinung nach besonders?

Leider wird in der Ausbildung angehender Führungskräfte kaum etwas über Intuition gelehrt, obwohl später bei unternehmerischen Entscheidungen Bauchentscheidungen dominieren. Sie sind auch ein Forschungsgegenstand des Psychologen Gerd Gigerenzer, Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition am Max-Planck-Institut, der in seinem Buch „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft" feststellt, dass es Managern häufig schwer fällt, vor anderen Menschen zuzugeben, dass sie ein Baugefühl haben.

Denn wer sich mit seiner Offenheit einmal die Finger verbrannt hat, ist später sehr zurückhaltend. Führungskräfte, die dem gesunden Menschenverstand vertrauen, unterscheiden sich von anderen, die vorwiegend auf antrainierte Managementmethoden setzen, vor allem darin, dass sie ihre Arbeit um das entscheidende Maß persönlicher nehmen, intuitiv handeln und niemals mittelmäßig sind.

Vor einiger Zeit tauschte ich mich dazu mit Claudia Silber aus, die bei der memo AG die Unternehmenskommunikation leitet. Der Versandhändler arbeitet seit vielen Jahren sehr erfolgreich mit Lebensbaum zusammen und beide Unternehmen gelten als Pioniere nachhaltigen Wirtschaftens.

Sie wundert sich oft, wie wenig Menschen im täglichen Leben ihren gesunden Menschenverstand einsetzen und vermutet die Gründe darin, „dass wir schon viel zu sehr ans ‚Folgen' gewöhnt sind und nicht mehr selbst die Richtung bestimmen wollen oder sogar können".

Ihrer Meinung nach gibt es allerdings fast immer die Möglichkeit, Bauch, Herz und Verstand gemeinsam entscheiden zu lassen. „Wenn mir eine Entscheidung schwer fällt, halte ich kurz inne oder schlafe einmal darüber - am nächsten Tag ist dann meistens alles klar und deutlich, auch dank des gesunden Menschenverstands."

_ Wenn wir uns den gesunden Menschenverstand abgewöhnt haben - können wir ihn wieder zurückgewinnen?

Er lässt sich zurückgewinnen, weil er ja vorhanden ist. Wichtig ist zu erkennen, dass Verstand und Gefühl, Inneres und Äußeres, Sein und Bewusstsein zusammen gehören. Erst dann ist man in der Lage, Entscheidungen zu treffen und sich der Folgen (selbst) bewusst zu sein.

Wichtig ist, dass auch in Unternehmen vermittelt wird, dass der gesunde Menschenverstand hilft, mit den Anforderungen moderner Führung besser umzugehen. Damit verbunden ist auch die Erkenntnis, dass Informationen kein Machtinstrument und Statussymbol mehr sind, um einen Platz in der Hierarchie zu sichern oder zu erhalten.

Charakter und Persönlichkeit sind heute wichtiger als Wissen. Beides ist aber nur zu haben, wenn der Instinkt dafür nicht verlorengeht, was richtig ist. Wer sich auf sein Inneres verlässt, ist auch in der Lage, das Richtige zu tun.

_ Gab es Zeiten, in denen er präsenter war als heute?

Der gesunde Menschenverstand war zu allen Zeiten präsent - aber vielleicht ist die Besinnung auf das Einfache, das uns als Menschen ausmacht, in Krisenzeiten besonders ausgeprägt. Es wird wieder mehr auf das „Innerste", das Herz gehört. Es ist für die Augen nicht zu sehen, aber es ist spürbar, es geht uns an - es ist der „Stoff", aus dem das Leben ist.

Der Begriff „gesunder Menschenverstand", der viele Bedeutungsnuancen kennt - unter anderem „innerer Sinn, gewöhnlicher Verstand, natürliches Urteilsvermögen, Sinn für Gemeinschaft, gemeinsames Wissen, Meinung der Menge" - geht wie „Gemeinsinn", die französischen Pendants „bon sens" und „sens commun" sowie der englische „common sense" auf den lateinischen Terminus‚ „sensus communis" zurück.

Er ist eine Übersetzung des von Aristoteles geprägten Begriffs „koine aisthesis" - ein innerer Sinn mit Sitz im Herzen, der die verschiedenen Informationen der Einzelsinne zusammenfasst und beurteilt.

In der Moralphilosophie des deutschen Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant spielt der gesunde Menschenverstand ebenfalls eine wichtige Rolle, denn in Fragen der Moral urteile dieser oft richtiger als die Wissenschaft. Ihn zu besitzen sei ein Geschenk des Himmels. Kant formuliert drei Maximen für den erfolgreichen Gebrauch des gesunden Menschenverstands: „Selbstdenken", „An der Stelle jedes andern denken" und „Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken".

Aus alledem lässt sich viel für uns Heutige ableiten - zum Beispiel die Frage: Kann jemand eine gute Führungskraft sein, wenn er kein großes Herz hat? Wenn ihm die Gabe fehlt, es „sprechen" zu lassen, es in seine Gestaltungen einzuschließen? Wohl kaum. Großes hinterlassen können nur Menschen mit einer intensiven Hingabe - an Menschen, ihre Gedanken, an das, was sie tun und an ihre Vision. Sie sind intuitiv und dennoch inspiriert.

_ Gesunder Menschenverstand und Nachhaltigkeit. Gehört das zusammen?

Wer sich mit Nachhaltigkeit in einer sehr persönlichen Weise beschäftigt, wird immer wieder auf eine tiefere Ebene des eigenen Gewissens geführt. Diese innere Stimme, der gesunde Menschenverstand, stellt als Bauchgefühl eine Orientierung in einer gemeinsamen Welt dar. In einer immer komplexer werdenden und instabilen Welt wird es verstärkt darauf ankommen, denn die wichtigsten Entscheidungen werden vor allem intuitiv getroffen.

Damit verbunden ist eine Philosophie des Handelns, die in der Lage ist, dem Leben einen Sinn zu geben. Worauf es heute auch und vor allem im Nachhaltigkeitskontext ankommt, ist das Mitmachen und Dabei-Sein, um nicht nur zu empfangen, sondern eine Wahl treffen zu können und diese mit anderen zu teilen. Der gesunde Menschenverstand ist dabei ein unentbehrlicher Begleiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Manuela Wiegmann


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