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09/11/2015 10:55 CET | Aktualisiert 09/11/2016 06:12 CET

Wie wir von Ausbeutung, Massenproduktion und Billigartikeln im Textilsektor zu Qualität und Nachhaltigkeit kommen

thinkstock

Interview mit der Diplom-Designerin Dorothea Hess, die gemeinsam mit Heinz Hess das Naturtextilversandhaus hessnatur gründete

_ Frau Hess, was macht für Sie den Wert der Nachhaltigkeit eines Kleidungsstücks aus?

Es soll bequem sein, leicht zu pflegen, angenehm zu tragen, gut zu kombinieren, funktionell sein, gut aussehen, die Persönlichkeit unterstreichen und im Idealfall zum Lieblingsstück werden. Und natürlich soll es inklusive Garn und Knöpfen aus humanökologischen Gesichtspunkten und Aspekten der Umweltfreundlichkeit aus natürlichen Grundstoffen bestehen.

_ Wann wissen Sie als Designerin, dass Ihr Produkt vollendet ist?

Fachkenntnis, Kreativität und persönliche Erfahrung lassen ein Produkt reifen. Hinzu kommen Zeitgeschmack und modische Trends, die ebenfalls zu berücksichtigen sind. Insofern gehört sehr viel Intuition und ein gewisser Mut dazu, das Optimum zu erkennen, soweit man unter dem Aspekt des steten Wandels von Optimum sprechen kann.

_ Ins Design eines Textils fließen etliche Faktoren mit ein: Ökonomie, Komfort, Markenidentität und Ökologie. Welche Bereiche bereiten die größten Schwierigkeiten, weil sie die meisten Zugeständnisse verlangen?

Alle Bereiche haben die gleiche Wertigkeit und erfordern Erfahrung und Fingerspitzengefühl, um tragbare Mode aus naturbelassenen Materialien produzieren zu können. So wurde auch hess natur von Anfang an zu einer signifikanten Marke mit großem Wiedererkennungswert.

_ „Jede Saison bringt in ihren neuesten Kreationen irgendwelche geheimnisvollen Flaggensignale der kommenden Dinge." Was bedeutet Ihnen diese Aussage von Walter Benjamin?

Künstler, auch Mode-Designer, zeigen in ihren Entwürfen häufig Anzeichen oder Signale späterer Trends, die zunächst irritieren, sich aber Jahre später als vorausschauend erweisen.

Bereits 1974 war es mir als Designerin und Mutter wichtig, für mein Kind schöne und gesunde Kleidung zu finden. Da es diese fast nicht gab, schneiderte und strickte ich selber. Darüber hinaus beschäftigte ich mich intensiv mit dem Thema „Mensch und Bekleidung", den möglichen Folgen der zunehmenden Synthetisierung sowie den Auswirkungen der Textil-Ausrüstung und der Farbstoffe auf die menschliche Haut. Dies war für mich deutlich eine Bestätigung meines Engagements für die ausschließliche Verwendung von Naturmaterialien.

_ Warum sollte ein Designer seinen eigenen Ideen gegenüber immer der schärfste Kritiker sein?

Weil ein erster Entwurf überwiegend zu optimieren ist. Hier gibt es allerdings keine Faustregel. Was nach intensiver Prüfung meinen Anspruch an Ästhetik, Ökologie und Ökonomie erfüllt, kann ich guten Gewissens in die Tat umsetzen.

_ Sehen Sie sich selbst als eine Art Vermittlerin zwischen Ihren eigenen Ideen und den Wünschen und Anforderungen der Kunden?

Ja selbstverständlich. Hier spielt die Erfahrung eine große Rolle, um Innovationen bzw. Kreationen umzusetzen, egal ob im Textil- oder Kommunikationsbereich, ferner den Geschmack der Kunden zu treffen, und darüber hinaus mit dem vorhandenen Budget auszukommen.

_ Wenn es der Markt ist, der das Image einer Marke und den Erfolg einzelner Produkte bestimmt, welche Rolle können Sie als Designerin dabei spielen?

Der Erfolg einer Marke wird bestimmt durch das Image, seine Ästhetik und die Funktion. Um dies zu erreichen, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Designern und Unternehmen erforderlich, und zwar in der Konzeptionsphase, bereits zu Beginn bei der Planung, wie sich bei der Gründung von hess natur erfolgreich gezeigt hat.

_ Ist das Entwerfen nicht wie eine Reise ins Unbekannte, bei der sich der Designer nicht sicher ist, ob er sein Ziel je erreichen wird, weil sich die Reiseroute ständig ändert?

Ein Designer hat ja gewisse Vorgaben. Seine eigenen Ziele richten sich nach ganz bestimmten Design-Richtlinien, dem Briefing seiner Auftraggeber, Zielvorgaben, der angestrebten Positionierung und natürlich auch dem Budget, das zur Verfügung steht. Insofern macht man sich mit einem "Rucksack" an Vorgaben auf eine Reise mit einigen Unbekannten, muss mitunter auch mal umsteigen, um zum Ziel zu kommen.

_ Basiert Ihre Arbeit ausschließlich auf Intuition?

Meine Ideen entstehen auf unterschiedlichste Weise. Ich verorte sie in einem Konzept, in dem sich dann klärt, was standhalten kann und was weiter entwickelt werden muss.

_ Wurzelt die Kunst des Entwerfens in der Kunst des Lebens?

Mit Sicherheit: Eine gewisse Bescheidenheit im Leben und zugleich Großzügigkeit im Denken, Neugier und Spaß an allem, was einem im Alltag begegnet, sind eine gute Voraussetzung für kreative Gedanken. Nicht fehlen sollte eine Wertschätzung für Leistungen der Vergangenheit und die Neugier, daraus Neues zu schaffen.

_ Welche Geschichte ist mit Ihrer Anfangszeit als Designerin verbunden?

Der Wunsch und Wille zum Gestalten lag mir wahrscheinlich im Blut. Schon als Kind begeisterte ich mich für Stoff und Papier und was daraus zu machen war, immer unterstützt von meiner Mutter als Schneiderin. So wurde z.B. der rote Westfalenstoff "Hähnchen", der mich von klein auf begeisterte, als "Westfalenkittel" der verkaufsstärkste Artikel in der Startphase bei hess natur.

Als Diplom-Designerin mit Schwerpunkt Ökologie und ganzheitlicher Sichtweise sollte mein Engagement der Reform- und Ökobranche zur einem besseren, sympathischeren und dennoch authentischen Image verhelfen.

Als Mutter von zwei Söhnen stellte ich mich den Herausforderungen der 70-er Jahre, denn mir war wichtig zu zeigen, dass es Alternativen zu den problematischen Entwicklungen der Textilindustrie geben kann.

_ Was ist Ihrer Meinung nach für die Mode- und Textilindustrie in den kommenden Jahren entscheidend?

Bei zunehmender Bevölkerung weltweit und der Verschwendungssucht vieler Menschen besteht als erstes ein Rohstoffproblem verbunden mit Energie-, Abfall-, und Produktionsproblemen. Wir benötigen daher ganz neue Konzepte auf der Grundlage von Respekt, Wertschätzung und Sparsamkeit - weg von der Verschwendung, Ausbeutung und Massenproduktion.

Es sollte ein Bewusstsein entstehen für hochwertige und funktionsfähige Bekleidung, was die Mode- und Textilindustrie unterstützen kann durch gute Kombinationsmöglichkeiten und veränderte Modezyklen. Praktisch weg von den Billigartikeln und hin zu Qualität.

_ Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit sich Ökonomie und Ökologie im Designbereich fruchtbar miteinander verbinden?

Die Menschen müssen es wollen und nicht aus Profitgründen immer neue Ausreden erfinden, warum es nicht geht. Es sind Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Fairness erforderlich. hess natur - angefangen von Heinz und mir, über die vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - hat bewiesen, dass Ökologie und Ökonomie zusammen funktionieren.

_ Weshalb muss ein Unternehmen, wenn es nachhaltig erfolgreich sein will, bei seinen Mitarbeitern ständig neue Denk- und Handlungsweisen freisetzen?

Ein Unternehmen, das ökologisches Denken und Nachhaltigkeit in allen Phasen der Wertschöpfungskette erfolgreich realisiert, thematisiert und überzeugend vermittelt, gibt diese Haltung automatisch an seine Mitarbeiter weiter.

Die Kommunikation nach innen und außen muss allerdings ehrlich, stimmig und fair sein. Ferner sollten Bildungsarbeit und interne Schulungen ein gemeinsames erfolgreiches Wachsen ermöglichen.

_ Weshalb wird Kreativität die Arbeitsmärkte der Zukunft dominieren?

Unsere Arbeitswelt ist einem steten Wandel unterworfen. Sicherheit und Zukunftsplanung wird immer schwieriger. Daher sind Kreativität und Erfindungsgeist gefragt, um neue Produktions- und Wertkonzepte, neue Lebensmuster und Zukunftsmodelle zu entwickeln.

_ Was verbindet innovative Menschen und innovative Unternehmen, und was fördert die Kultur der Innovation?

Freiheit und Weitblick, eine starke Vision, konzentrierte Vorgehensweise und Mut zu Neuem. Aushalten können, dass man erst als Spinner ausgelacht, bei Erfolg aber als Star gefeiert wird. Mut zu innovativen Ideen und eine gegenseitige Wertschätzung vielfältiger Leistungen, die nur in einem offenen Dialog ohne Vorurteile gestemmt werden können.

Zur Person:

Zwei Dinge prägen das Leben von Dorothea Hess seit frühester Jugend: Gestaltung und Nachhaltigkeit. Nach ihrem Designstudium, das ihr die wesentlichen Grundlagen guter Gestaltung vermittelte, und ihrem persönlichen Interesse an ökologischen Themen, fiel ihr Augenmerk zunächst auf Unternehmen, die im Biosektor angesiedelt waren. Da fast all diese Produkte ein optisches Manko aufwiesen, war dies für sie ein interessantes Aufgabengebiet.

Ein weiterer Anreiz zeigte sich im Bekleidungssektor, denn naturbelassene Textilien waren in den Siebziger Jahren fast nicht im Handel zu finden. Dies war 1976 die Initialzündung zur Gründung eines Unternehmens für Naturtextilien für die ganze Familie, der Geburtsstunde von hess natur. 1982 eröffnete sie darüber hinaus ihr Büro für Life-Cycle-Design.

1994 begann das kooperative Forschungsprojekt zu den "earthCOLORS®", ein völliges Novum auf dem Druckfarbenmarkt. Dorothea Hess ist Dozentin an der ecosign in Köln und war 2008 Mitbegründerin die Arbeitsgruppe "Design und Nachhaltigkeit" in der Allianz deutscher Designer AGD sowie der „Charta für nachhaltiges Design".

Sie übt ferner Beirats- und Jurytätigkeit aus und wurde in den Projektbeirat des „Bundespreis Ecodesign" berufen. Sie arbeitet interdisziplinär und ihre Arbeiten sowie ihr Büro (im "Geburtshaus" von hess natur) wurden mehrfach ausgezeichnet.

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