BLOG
12/08/2015 12:17 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 07:12 CEST

Stichhaltig: Darum können wir ohne Insekten nicht leben

Thinkstock

„Ohne Insekten überleben die Menschen keine zehn Jahre." Sagte der US-amerikanische Insektenkundler und Biologe Edward O. Wilson. Diesen Satz zitiert auch der Unternehmer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus in der aktualisierten Auflage der Dokumentation „Insect Respect". Sie wurde ergänzt durch ein umfangreiches Kapitel zu Nutzen und Bedrohung der Insekten, deren Arten und Populationen in Deutschland, in Österreich und der Schweiz massiv zurückgegangen sind und zeigen:

Zehn Gründe, warum Insekten unseren Respekt verdienen

1. Resilienz: Insekten geben der Natur mehr Widerstandskraft.

Nur eine vielgestaltige Natur ist auch resistent.

2. Bestäubung: Insekten halten die Pflanzenwelt am Leben. Nicht nur Bienen, sondern auch Mücken, Fliegen und weitere Insekten tragen durch Bestäubung oder Samentransport zur Vermehrung der Flora bei.

3. Ökosystem: Insekten sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette.

4. Futter und Essen: Insekten sichern die Welternährung. Rund ein Drittel aller Nahrungsmittel geht auf die Bestäubung durch Insekten zurück.

5. Hygiene: Insekten können uns nicht nur von Kot befreien, sondern gleichzeitig diesen Mist in eine sehr proteinreiche Biomasse verwandeln.

6. Böden: Insekten machen unsere Erde fruchtbar, denn sie sind an der Umlagerung, Durchmischung und Durchlüftung des Erdreichs beteiligt.

7. Kleidung: Insekten sind für die Textilproduktion unverzichtbar.

8. Industrie: Insekten produzieren Chemikalien. Sie helfen der Industrie bei der Chemieproduktion.

9. Medizin: Insekten heilen.

10. Forschung: Insekten sind wissenschaftlich äußerst wertvoll.

Vom Umdenker zum Vordenker

Der Geschäftsführer der Reckhaus GmbH & Co. KG beauftragte Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben, eine Idee für den Markteintritt einer neuen Fliegenfalle zu suchen.

Die Konzeptkünstler empfahlen ihm das Gegenteil und forderten ihn auf, das Verhältnis zwischen Mensch und Insekt zu hinterfragen. Im Vordergrund stand dabei nicht die Bekämpfung, sondern der mit den Mitteln der Kunst geschärfte Blick auf die Insektenwelt. Das führte auch bei dem Unternehmer zu einem Umdenken, das entsprechende Auswirkungen auf sein Handeln hatte.

Insect Respect sensibilisiert einerseits für den Wert von Insekten, produziert aber andererseits Biozide, mit denen Insekten bekämpft werden. Befürwortet wird der private Gebrauch von Bioziden, um gezielt schädliche Insekten zu bekämpfen.

Gerade deshalb muss sich das Unternehmen auch den negativen Auswirkungen seiner Produkte stellen. Die Analyse des Lebenszyklus hat gezeigt, „dass der größte ökologische Eingriff die Anwendung selbst ist". Unterstützt werden ausschließlich „zeitgemäße" Biozide.

Das bedeutet, dass grundsätzlich versucht wird, zunächst auf chemische bzw. umweltbelastende Stoffe zu verzichten. Viele Biozide enthalten heute keine dieser Wirkstoffe mehr (z.B. Klebefallen), oder sie enthalten umweltverträgliche Stoffe (z.B. Lockstoff-Fallen), die mit Lebensmitteln funktionieren.

Gleichzeitig gibt es für einzelne Anwendungsbereiche (z.B. Ungezieferspray) noch keine umweltschonenden Alternativen, die über eine vergleichbare Wirksamkeit verfügen. Bei jedem Produkt achtet Insect Respect darauf, ob es eine umweltschonendere Alternative gibt, und lehnt besonders umweltbelastende Produkte ab.

In Kooperation mit den Biologen der ARNAL, Büro für Natur und Landschaft AG, wurde erstmalig detailliert berechnet, wie Biozide die Insektenpopulation beeinträchtigen. Daraus ist ein Modell abgeleitet worden, um diesen Einfluss mit Ausgleichsflächen zu kompensieren.

Biozidhersteller und Handelsunternehmen können ihre eigenen Flächen für Kompensationsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Sofern sie nicht ausreichen oder nicht genutzt werden sollen, bevorzugt Insect Respect Orte, die einen konkreten sozialen Aspekt haben. Am 8. September 2015 wird die erste Insektenausgleichsfläche der Schweiz eröffnet Reckhaus AG.

Wirklich nachhaltig ist dieser Ansatz nur, wenn auch soziale Aspekte berücksichtigt werden. „Eine zu starke Betonung der ökologischen und ökonomischen Aspekte widerspricht einer zeitgemäßen Verantwortung gegenüber allen Bezugsgruppen sowie dem generellen Rollenverständnis des Menschen in der Natur", sagt Reckhaus.

Warum Randgebiete so wertvoll sind

Nachhaltigkeit hat mit dem Blick fürs Ganze zu tun, der auch die Randgebiete und Übergänge einschließt. Das zeigt die Autorin und philosophische Beraterin Natalie Knapp, die über Heidegger, Derrida und Rilke promovierte und von 2001 bis 2013 als Kulturredakteurin beim SWR arbeitete, auf wunderbare Weise in ihrem aktuellen Buch „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind".

Ökologische Übergänge (z.B. der Rand zwischen Feld und Wald) sind für sie kreative Begegnungsstätten der Natur, weil sie Pflanzen und Tiere aus beiden angrenzenden Lebensräumen beherbergen, „aber auch seltene Lebewesen, die nur im speziellen Klima einer solchen Zone gedeihen."

Die Artenvielfalt dieser Rand- und Zwischenzonen sowie ihre permanente Gefährdung verdeutlichen, „dass wir mit den Ausnahmezonen des Lebens besonders achtsam umgehen müssen."

Sie zeigt anhand zahlreicher eindrucksvoller Beispiele, dass die Erforschung der Randeffekte mit Erkenntnissen darüber verbunden ist, wie sich die Artenvielfalt in Zeiten des Klimawandels erhalten lässt, um unser Ökosystem stabil zu halten:

„Die Wiese braucht Licht und Bewegung. Sie kann nur Wiese bleiben, wenn sie regelmäßig gemäht oder beweidet wird und vielen Insekten Nahrung bietet."

Der bunte Lebensraum steht vor dem Niedergang. Das ist auch die Grundaussage einer Sonderseite, die das Wochenmagazin DIE ZEIT dem Thema „Wiesen" gewidmet hat (6.8.2015). Sie sind nicht nur hübsch und wohlduftend, sondern vor allem ein Zuhause für Pflanzen und Tiere, das rasant schrumpft.

So mussten zwischen 2003 und 2012 252 000 Hektar Grünland Siedlungen, Ackerland und Straßen weichen. Pro Tag entspricht das etwa 100 Fußballfeldern (Flächennutzung Deutschland 2009).

Wiesen statt Krisen

Am Umgang mit Auszubildenden zeigt sich häufig zuerst, wie ernst es Unternehmen mit dem Thema biologische Vielfalt ist. Ein gutes Beispiel ist das Kooperationsprojekt von drei ganzheitlich nachhaltig ausgerichteten Unternehmen: der Neumarkter Lammsbräu, der Weleda AG und der memo AG.

Die Ausbildung junger Menschen ist bei allen ein wichtiger Bestandteil der nachhaltigen Philosophie. Neben der Vermittlung fachlicher Qualifikationen wird vor allem der Umgang mit ökologischen Fragestellungen vermittelt.

„Eigenständiges Denken und selbstverantwortliches Handeln ist uns bei unseren Azubis sehr wichtig. Dazu gehört gerade in unserer Branche der ‚Blick über den Tellerrand' des eigenen Unternehmens", sagt Lothar Hartmann, Nachhaltigkeitsmanager der memo AG.

Welchen Einfluss haben die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde auf die Biodiversität? Dieser Frage sind die Auszubildenden der drei Firmen nachgegangen. Ihr Ergebnis präsentierten sie den Besuchern der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd im Oktober 2014 mit der „Erlebniswelt 4 Elemente" - einem Holzpavillon, der mit verschiedenen Blumen und Kräutern bepflanzt war.

Die gemeinsame Gestaltung des Pavillons wurde in drei Projekttreffen an den jeweiligen Unternehmensstandorten in Neumarkt/Oberpfalz, Schwäbisch Gmünd und Greußenheim entwickelt. Hier ist der Firmenstandort von memo, der sprichwörtlich „auf der grünen Wiese" liegt.

Beim Blick aus dem Fenster sehen die Mitarbeiter zu jeder Jahreszeit eine idyllische Landschaft mit Feldern, Wiesen und Wäldern. Angrenzend an das Areal hat die Gemeinde Greußenheim, die bereits mehrfach für ihr Engagement im Natur- und Umweltschutz ausgezeichnet wurde, ein Biotop angelegt.

Rund um das Firmengebäude wurde zudem ein Naturgarten angelegt, der mit einheimischen Wildblumen, Sträuchern und Bäumen bepflanzt ist. Ein Teil der Wiese wird in der warmen Jahreszeit nicht gemäht, um Bienen und anderen Insekten wertvollen Lebens- und Nahrungsraum zu geben (Quelle: Nachhaltigkeitsbericht).

Dass das zum Unternehmen gehörende Portal memolife auch ökologisch interessierten Konsumenten ein Insektenhotel anbietet, sei nur „am Rande" bemerkt.

Wir brauchen den besonderen und tiefen Blick zu den Randzonen und kleinen Dingen des Lebens auch im Nachhaltigkeitskontext, weil er uns hilft, unser Bild von der Welt zu ergänzen. Denn Vielfalt kann nur verstehen, wer sie auch verinnerlicht hat.

... und noch etwas können wir von den Insekten lernen: uns intelligent zu verschwenden und auf nachhaltige Weise fleißig zu sein wie die Ameisen, von denen Donald Duck einmal zu seinen Neffen sagte, sie fragten nicht erst lange, was sie tun sollten, sondern täten eben etwas.

Natürlich will niemand so leben wie sie, doch „würden wir unsere Systeme und Gemeinden nach ihrem Vorbild einrichten, gäbe es keine Vergeudung von Ressourcen". (Michael Braungart)

Literatur:

Hans-Dietrich Reckhaus: Insect Respect. Das Gütezeichen für mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit Insekten. Bielefeld: Insect Respect 2015.

Natalie Knapp: Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2015.

Michael Braungart und William McDonough: Intelligente Verschwendung. Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft. München: oekom 2013.

Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Die Kleidung ist entscheidend: Fliegen, Mücken, Wespen: So werden Sie Plagen an heißen Tagen los

Hier geht es zurück zur Startseite