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07/12/2015 05:27 CET | Aktualisiert 07/12/2016 06:12 CET

So blicken die Deutschen in die Zukunft

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Begreifen, was uns ergreift

Wenn wir begreifen, was diese Zeiten prägender gesellschaftlicher Veränderungen ausmacht und wie wir handlungsfähig bleiben, können wir sie mit den Mitteln, die uns heute zur Verfügung stehen, anders und nachhaltig gestalten.

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Ich nutze regelmäßig meinen Blog bei der Huffington Post und das Schreiben, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Trends „in Form" zu bringen, damit sie eine klare Kontur erhalten. Sie lassen sich dadurch besser begreifen und (hoffentlich) „in den Griff" bekommen.

Das erfordert auch im Internet neue Denkstile und Methoden sowie neue Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit, etwa mit Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftlern, Ökonomen, Informatikern, Psychologen und Philosophen, die hier regelmäßig zu Wort kommen.

Es geht um Orientierung und Positionen, um die Klärung und Schärfung von Begriffen, aber auch um das Zusammenbringen von Theorie und Praxis, Denken und Handeln.

Ich nutze den HuffBlog, um Gegenwart und Zukunft besser verstehen zu können, um bessere Übersetzungsarbeit zu leisten, wenn es um die Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen geht und um bessere Bücher zu machen, die die digitale Substanz in sich aufnehmen und in neuen Kontexten gedeihen lassen.

Sämtliche Beiträge der letzten Jahre lassen sich unter der übergeordneten Frage zusammenfassen:

„Was ist der Mensch?"

Für den heute fast vergessenen Literaturwissenschaftler Emil Staiger (1908-1987) standen die Geisteswissenschaften ebenfalls unter dieser Frage, die wiederum das Ergebnis der drei Fragen ist, mit denen sich die kritische Philosophie laut Immanuel Kant zu beschäftigen hat und die prägend für den HuffBlog sind:

„Was kann ich wissen?" (Grenzen der menschlichen Erkenntnis)

„Was soll ich tun?" (Grundlegung der Ethik)

„Was darf ich hoffen?" (Sinnfragen des Daseins)

Es geht heute darum, Lösungen für Mega-Krisen wie Klimawandel, Ressourcenverknappung, demografischer Wandel, instabile Finanzsysteme, die Folgen der Globalisierung, zunehmende Gewaltbereitschaft, Digitalisierung sowie das schwierige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu finden.

Das sind nicht nur Herausforderungen für Politik und Gesellschaft, sondern auch für jeden Einzelnen. Sie erfordern eine kollektive Anstrengung des Denkens und eine veränderte Kommunikation.

Mein Blog in der Huffington Post: ein Kaleidoskop unserer Gesellschaft und unserer Zeit

Der Blog ist ein großes Experiment für mich, das mich ständig an die Worte des Arztes, Dichters und Essayisten Gottfried Benn erinnert:

„Ich habe es nicht weiter gebracht", vermerkte er, „etwas anderes zu sein als ein experimenteller Typ, der einzelne Inhalte und Komplexe zu geschlossenen Formgebilden führt, der unter Einheit von Leben und Geist nur das gemeinsame sekundäre Resultat verstehen kann: Statue, hinterlassungfähiges Gebilde - ich gehe das Leben an und vollende ein Gedicht."

Essays und Fragmente sind ein Zeichen unserer Zeit. Sie fehlen in keiner Wochenzeitschrift, vielfach sind es sogar feststehende Rubriken. Der im HuffBlog gewählte essayistische Ansatz entspricht zwar meinen eigenen Vorlieben, soll aber auch die Leser in eine produktive Position im Umgang mit der Gesellschaft und der Gegenwart bringen.

Dabei geht es um positive und negative „Dinge", die unsere Identität prägen. Ich möchte zeigen, wie sie unsere Möglichkeiten, einsichtig zu handeln, schwächen können - oder wie wir durch „gut gemachte", bessere Dinge gestärkt werden.

Es finden sich in den Essays, Interviews und Gastbeiträgen viele Beispiele dafür, wie wir im Kleinen handeln können ohne auf einen Strukturwandel von „oben" (Politik und Wirtschaft) warten zu müssen.

Warum wir „das" schaffen

Die folgenden Fragen der HuffPost-Redaktion zum Thema „Wie blicken die Deutschen in die Zukunft?" habe ich der Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber vorgelegt und folgende Antworten erhalten:

_ Frau Silber, was bewegt die Menschen gerade vor Ort in Ihrer Heimat? Was davon wird möglicherweise in Berlin gerade überhört?

Ich denke, dass es das Thema Flüchtlinge ist, das die Menschen gerade sehr und noch länger bewegt. Und ich denke auch, dass uns als Bürger die Politik zu wenig zutraut. Warum soll meine Generation X und die nachfolgenden es nicht ebenso schaffen, Menschen willkommen zu heißen und zu integrieren, so wie es die Generation unserer Eltern und Großeltern nach dem zweiten Weltkrieg geschafft hat?

Deutschland ist ein Land, auf das wir - ohne jeglichen rechten oder braunen Hintergedanken - sehr stolz sein können. Ich denke u.a. daran, dass wir das einzige Land auf dieser Erde sind, das eine friedliche Wiedervereinigung geschafft hat. Aber seitens Berlin habe ich oft den Eindruck, wir Bürger gelten als unmündig und könnten nicht selbst denken und handeln. Und ja, sie hat Recht: Wir schaffen das!

_ Vor welchen Problemen stehen die Menschen? Die Unternehmen? Sie ganz persönlich?

Ich bin seit über sechs Jahren beruflich mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Unser größtes Problem ist und bleibt der Klimawandel. Wenn wir es nicht schaffen, die Treibhausgas-Emissionen auf der ganzen Erde massiv zurück zu fahren und eine maximale Temperatur von +2° zu erreichen, sind die jetzigen Probleme auf der Welt null und nichtig. Dann werden wir und vor allem unsere Kinder und Kindeskinder ein Szenario erleben, das es bisher und seit Menschengedenken nicht gegeben hat.

_ Was wird sich nächstes Jahr verändern? Was MUSS sich verändern?

Ich befürchte, es verändert sich nichts - auch das nicht, was sich verändern muss. Die Politik wird weiter diskutieren und für alle möglichen, drängenden Probleme Gipfel veranstalten. Die Menschen in den westlichen Ländern werden weiter ihren Konsum pflegen und nichts von ihrem Reichtum abgeben wollen. Und die Menschen in den armen Ländern werden weiterhin darunter leiden. Es wird sich erst dann etwas ändern, wenn es so gar nicht mehr anders geht. Das ist nun mit Sicherheit eine sehr pessimistische Einschätzung, aber todsicher eine wahrscheinliche.

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Das Interview mit Claudia Silber bestätigt, dass nicht die Politik mutig vorangeht. Das können immer nur die Bürger! Dies zeigen auch die Ergebnisse der 17. Shell Jugendstudie 2015, die sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.558 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern stützt, die von den Interviewern von TNS Infratest zu ihrer Lebenssituation und zu ihren Einstellungen und Orientierungen befragt wurden.

Ergebnis: 41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert. Damit verbunden ist die gestiegene Bereitschaft, sich politisch zu engagieren. Dazu gehören beispielsweise der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das Unterzeichnen von Petitionen.

Vom wachsenden Politikinteresse der Jugendlichen können die etablierten Parteien allerdings nicht profitieren. Ihnen wird von den Jungen wenig Vertrauen entgegengebracht.

Für die Jugendlichen steht das Thema Sicherheit (Respekt vor Gesetz und Ordnung) weit vorn sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen. Auch Zuwanderung beschäftigt junge Menschen in Deutschland. Zunehmend interessieren sie sich auch für das Weltgeschehen, das ihnen allerdings auch Sorgen macht.

Die gestiegene Terrorgefahr ist im Bewusstsein der Jugendlichen stark präsent. Drei Viertel haben Angst vor Terroranschlägen.

Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen bei den Jugendlichen, die ein stabiles Wertesystem haben, an erster Stelle.

Diese Ergebnisse decken sich in großen Teilen mit den Erfahrungen im HuffPost-Blog. Er ist für mich auch ein Instrument, mehr über die Befindlichkeiten unserer Gegenwart zu erfahren.

Hier gibt es allerdings kein Ranking wie beim Werte-Index, denn alles geht ineinander über, verändert sich stetig, das Große steht neben dem Kleinen, das Einfache neben dem Komplizierten. Der alphabetische Ansatz wird dem „Ganzen" aus meiner Sicht am besten gerecht.

In einigen Beiträgen ist er bereits aufgenommen worden:

Wenn Ihr dieses Nachhaltigkeitsalphabet lest, seid Ihr 100% öko

Vom Google-Alphabet zur Dekade der Menschlichkeit (von Bert Martin Ohnemüller)

Das Alphabet der Gegenwart entstand im Rahmen der Auswertung des HuffPost-Blogs:

Angst

Burn-out

Charakter

Digitalisierung

Empathie

Freundschaft

Gelassenheit

Heimat

Identität

Journalismus

Klimawandel

Liebe

Muße

Natur

Ordnung

Pegida

Quellen des Lebens

Resilienz

Selbstbestimmung

Terror

Überraschung

Vertrauen

Wahrheit

X Y Z - Generation

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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Video: Bedrohlich: Schon bald könnten die Gletscher des Mount-Everest getaut sein

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