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12/10/2015 06:42 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

Sein und Stein: So nachhaltig können wir unser Leben bauen

Bau- und Lehrmeister: Dichter, Denker und Life-Designer

„Bauen" bezieht sich etymologisch auf Sein: "Ich bin" und "ich baue" oder "buan" haben dieselbe Wurzel. Bevor wir Häuser errichten, bauen wir an uns selbst. Wir sind Architekten unserer Physis und Psyche. Dass vor allem Künstler und Kreative Freude daran haben, an ihrer Identität zu bauen, zeigt sich beispielsweise beim Dichter Rainer Maria Rilke:

Im Herbst 1897, während seines Studiums in München, änderte er auf Anraten seiner Geliebten Lou Andreas-Salomé seinen Namen René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in „Rainer Maria Rilke". Damit einher ging eine Änderung seiner Handschrift.

Und bald pflegte er auch eine neue und nachhaltige Lebensweise: Er versuchte, im Sinne der Reformbewegungen der Jahrhundertwende zu leben, wozu vegetarische Kost, Barfußgehen und eine asketische Lebensweise gehörten.

Bilden, Bauen und Sein gehörten für ihn zusammen: Bauen hieß für Rilke, nicht wissen, dass die Welt schon ist, sondern eine machen. Vor allem der Künstler soll Dinge bauen, sie mit anderen Mitteln neu hervorbringen und dabei ihr Wesen freilegen, geduldig Formen vervollkommnen:

"Deshalb muß des Künstlers Weg dieser sein: Hindernis um Hindernis überbrücken und Stufe um Stufe bauen, bis er endlich hineinblicken kann in sich selbst." (Florenzer Tagebuch, 15.4. bis 6.7.1898).

Das Thema ist hochaktuell - nur sind die Begriffe heute andere. „Design Your Life" meint etwas Ähnliches. In ihrem gleichnamigen Buch schreiben Robert Kötter und Marius Kursawe: „Statt große Pläne zu schmieden, setzen sie (Life Designer, A.H.) ihre Ideen schnell in die Praxis um, bauen Job-Prototypen und testen aus." Auch sie orientieren sich an Künstlern.

Für Rilke war das Muster eines Künstlers, wie er ihn im Florenzer Tagebuch beschrieb, der französische Bildhauer Auguste Rodin, dessen Kunst sich "nicht auf eine große Idee aufbaut, sondern auf eine kleine gewissenhafte Verwirklichung, auf das Erreichbare, auf ein Können". Er sieht in ihm den ernsten, gesammelten Arbeiter, der "tief wie ein Knecht" seinen Weg geht und sein tägliches Handwerk ausübt.

Das Bauen von Hand ist ein wiederkehrendes Thema bei Rilke. Die Hand bedarf, um sinnvoll zu funktionieren, der konkreten Dingwelt: „Das ist das Beste der Menschenhand: / daß sie im Bauen beharre."

Auch Handwerk und Können gewinnen heute wieder an Bedeutung, weil eine reine Wissensgesellschaft nicht ausreicht für eine tragfähige Zukunft.

Ohne diese innere Entwicklung kann die äußere nicht wirklich begriffen werden. Es ist wichtig, dass Themen wie nachhaltiges Bauen möglichst viele Menschen interessiert, damit auch sie den gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten. Aber das ist nur möglich, wenn die Themen auch unmittelbar mit ihnen zu tun haben und „greifbar" sind.

Gut gebaut: Nachhaltige Arbeitswelten

Nicht jedem ist es möglich, nachhaltig zu bauen - aber er kann sein Leben ändern. Das zu zeigen, ist auch Aufgabe der Nachhaltigkeitskommunikation. Unternehmen verweisen häufig vor allem auf das, was sie alles im Nachhaltigkeitsbereich tun - wie auch die folgenden Beispiele zum nachhaltigen Bauen zeigen.

Doch ist es genauso wichtig, diese Informationen zu nutzen und anschlussfähig zu machen an eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Das Große muss sich im Kleinen finden und umgekehrt, sonst hat es Nachhaltigkeit schwer, auch in den Köpfen Wurzeln zu schlagen.

Zwei aktuelle Unternehmensbeispiele aus unterschiedlichen Branchen stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die von außen nach innen zurückführt und (hoffentlich) dazu beiträgt, dass das Thema Bauen auch in einem breiteren Kontext wahrgenommen wird, der nachhaltige Lebens- und Arbeitswelten zeigt, die zukunftsweisend sind.

Vor vier Jahren verpflichtete sich die Geschäftsleitung von Rinn Beton- und Naturstein, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und alle unternehmerischen Entscheidungen daran auszurichten. Nun ist der Hersteller hochwertiger Betonwerkstein-Produkte für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2015 nominiert.

Insgesamt hatten sich rund 500 Unternehmen um den Preis beworben. Rinn gehört in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste mittelgroße Unternehmen" zu den Top 3-Unternehmen. Seit 2014 produziert Rinn als erster Hersteller von Betonsteinprodukten an allen Produktionsstandorten in Hessen und Thüringen CO2-neutral.

Damit übernimmt das Unternehmen eine Vorreiterrolle in der Betonindustrie und setzt Standards im Bereich nachhaltige Baustoffe. Seit 2014 ist die CO2-neutrale Produktion an allen Standorten bei Rinn Realität.

Dies wurde vor allem durch die Eigenstromerzeugung in der werkseigenen Photovoltaikanlage, die bis Ende 2015 voraussichtlich rund 10 % des Strombedarfs im Werk Heuchelheim abdecken wird, eine Geothermieanlage sowie die Wärmerückgewinnung bei der Drucklufterzeugung erreicht.

Darüber hinausgehender Strombedarf wird durch den Bezug von Ökostrom aus Wasserkraft gedeckt.

„Die Energiewende bei Rinn hat durch konsequente Umsetzung von Effizienzmaßnahmen und Nutzung regenerativer Energie die Emissionen von Treibhausgasen in der Produktion seit 2012 um 53,5 % gesenkt", sagt Geschäftsführer Christian Rinn.

Außer der CO2-neutralen Produktion werden auch die Rohstoffe bei Rinn CO2-neutral angeliefert. Ab 2016 soll auch eine klimaneutrale Produktauslieferung gewährleistet sein. Ziel bis 2020 ist es, ein klimaneutrales Produkt zu schaffen, das auch die Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe in der vorgelagerten Produktionskette berücksichtigt.

Neben einer ressourcenschonenden und klimafreundlichen Produktion sind vor allem Qualität und Langlebigkeit wichtige Kennzeichen nachhaltiger Baustoffe. Denn durch die lange Lebensdauer der Betonsteinprodukte werden die Kosten für Instandhaltung und Wartung während der Nutzung reduziert. Auf die Produktqualität bietet das Unternehmen im privaten Hausgarten eine 30-jährige Garantie.

Um einer zunehmenden Ressourcenverknappung zu begegnen, mischt das Unternehmen seit 2015 dem Kernbeton seiner Produkte 5 % Recyclingmaterial zu - bei gleichbleibender Produktqualität. Außerdem wird derzeit an einem Betonstein-Prototyp mit bis zu 50 % Recyclinganteil geforscht.

Die VAUDE Sport GmbH & Co. KG ist von der Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises nominiert in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Marken 2015". Bereits 2011 ist der Outdoor-Ausrüster in der Kategorie "Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien" für seine soziale und ökologische Nachhaltigkeit ausgezeichnet worden.

Vor einigen Tagen wurde der Öffentlichkeit das komplett umgebaute, nachhaltige Firmengebäude am Hauptsitz in Tettnang vorgestellt. Es wurden u.a. moderne Bürokonzepte, ein begrünter Campus, eine Kletterwand, eine Bio-Kantine mit Holz-Terrasse geschaffen.

Der gesamte Umbau erfolgte nach strengsten ökologischen Kriterien und ist DGNB-zertifiziert. Beispiele für ökologisches Bewusstsein finden sich überall:

In den Teppichböden wurden im Meer zurückgelassene Fischernetze verarbeitet, die eine große Bedrohung für die Fische darstellen. Für die Holzterrasse wurde Walaba-Holz aus Surinam verwendet, das aus einem Stausee geborgen wird.

Dieser enthält enorme Mengen hochwertiges Holz, das in den kommenden Jahren ungenutzt verrotten und klimaschädliches Methan freisetzen würde.

"Es ist eine offene, inspirierende Arbeitsumgebung entstanden, in der sich innovatives und kreatives Denken frei entfalten kann - und all dies im Einklang mit der Natur", sagt Geschäftsführerin Antje von Dewitz (Pressemitteilung VAUDE, 9.10.2015)

Arbeit und Leben lassen sich heute nicht mehr trennen - alles geht ineinander über. Umso wichtiger ist eine Umgebung, in der der Mensch „zuhause" ist. Auch beim Arbeiten, das mit Bauen und Sein genauso verbunden ist wie das Wohnen.

Es sind besondere Weisen des Seins, die Dichter und Philosophen genauso ansprechen wie alle, die sich für Nachhaltigkeit interessieren.

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Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis wird seit 2008 jährlich vergeben und ist die nationale Auszeichnung für herausragende Akteure und Projekte der Nachhaltigkeit aus Wirtschaft, Kommunen und Forschung. Die Auszeichnung ist eine Initiative der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung, kommunalen Spitzenverbänden, Wirtschaftsvereinigungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungseinrichtungen. Mit fünf Wettbewerben, über 800 Bewerbern und 2.000 Gästen zu den Abschlussveranstaltungen ist die Auszeichnung die größte ihrer Art in Europa. Die Auszeichnung wird am 27. November 2015 in Düsseldorf verliehen.

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