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10/01/2016 12:12 CET | Aktualisiert 10/01/2017 06:12 CET

Schöne neue Arbeitswelt: Von Stilblüten, Worthülsen und Labs

Rawpixel Ltd via Getty Images

Gute Arbeit

Nie waren sie so wertvoll wie heute: Lebenskünstler, die sich nicht als Verwalter ihrer Existenz begreifen, sondern als innerlich unabhängige Gestalter. Was sie hervorbringen, verdanken sie ihrem Können, wozu es allerdings ständige Übung braucht.

Sie sind Handwerker ihres eigenen Lebens und gehen einfach „ans Werk". Die schöpferische Dimension des Begriffs ist auch im altgriechischen „ergon" (Werk) verborgen - darin steckt „energeia" (Verwirklichung, Vollendung).

Um etwas hervorzubringen, müssen sie keine künstlichen Welten aufsuchen, sondern nehmen die Realität so, wie sie ist. Die Natur ist ihnen dabei ein guter Wegweiser.

Seltsame Blüten treibt allerdings derzeit eine Entwicklung, die den Lebenskünstlern fremd sein dürfte und mit einer echten Könnensgesellschaft wenig zu tun hat.

Zwischen Wasserpistolen und Plastiktieren

Vor allem in Großunternehmen boomen die so genannten Innovations- und Kreativlabs, physische oder virtuelle Räume, in denen der Austausch von Wissen, Ideen und Informationen im Fokus steht.

Viele Vorstände verweisen gern auf die Labs in ihren Unternehmen, weil sie damit auch demonstrieren, dass sie am Puls der Zeit sind. So berichtet Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bahn AG und DB Mobility Logistics AG im Buch „Das agile Unternehmen „Wie Organisationen sich neu erfinden" (Kai Anderson und Jane Uhlig, Campus Verlag 2015), dass sie solche Labs, „Laboratorien für die digitale Zukunft" (zukunftslabor d.lab) aufgebaut haben: ein Mobilitäts-Lab in Frankfurt, ein Infrastruktur-Lab an der Berliner Jannowitz-Brücke, ein Transport-Logistik-Lab in Dortmund, ein Lab für Produktion und für IT und Arbeitswelten 4.0.

„Das sind abgeschirmte Räume oder Gebäude, die wir für den Spirit der Turnschuhgeneration und Start-up-Mentalitäten öffnen wollen. Wir haben uns dabei durchaus vom Silicon Valley inspirieren lassen."

Das bedeutet, dass ein „Dutzend Bahn-Mitarbeiter" 2014 das Silicon Valley bereiste, „um Gründeratmosphäre zu schnuppern und Entwicklergeist mitnehmen zu können". Danach hatten sie laut Peter Schütz lediglich die Erkenntnis: „So geht es nicht weiter." (Handelsblatt Wochenende, 30.4.- 3.4.2015)

Was folgte, waren äußere „Anpassungen": So schmückt der berühmte Satz von Steve Jobs „Stay hungry, sty foolish" das Lab. Glühlampen finden sich unter Sonnenschirmen, „garniert mit Plastikranken" (Handelsblatt Wochenende, 30.4. bis 3.4.2015), Laptops befinden sich auf Ikea-Arbeitsplatten. Und auch ein bunter Stoffpapagei gehört zum Inventar.

In der Ideenschmiede (Business Intelligence) der Hamburger Otto Group, einem luftigen Großraum mit kleinen Gesprächsinseln, stehen Ohrensessel in „Star Trek"-Optik. Morgens gibt es hier eine Aufwärmrunde, „für die auf einer Balustrade bunte Hütchen bereitstehen. Zwischen den Schreibtischen liegen Wasserpistolen und gelbe Plastiktiere." (Capital 4/2015)

Träume statt Räume

Was diesen Scheinwelten häufig fehlt, sind die „Regeln der Garage", die viele Unternehmensgründer für sich formuliert haben, die ihre Ideen einem Traum verdanken.

Bevor Unternehmen Labs errichten, sollten sie dazu beitragen, dass Mitarbeiter und Führungskräfte wieder träumen können. Denn wer nicht träumen kann, ist auch nicht in der Lage, sich, seine Organisation oder die Welt zu verändern.

Auch wenn der Designer Karl Lagerfeld im Gegensatz zu denen, die in solchen Kreativräumen arbeiten, ein „Luxusleben" führt, so lässt sich von ihm lernen, dass jeder ein Lebenskünstler sein kann.

Kreative wie Lagerfeld brauchen auch keinen Stoffpapagei, weil sie selbst der Taubenschlag sind, „bei dem die Ideen ein- und ausfliegen".

Inspiration braucht allerdings auch Einsamkeit - erst dann kann man aus seinen Träumen schöpfen. So waren nach eigener Aussage seine besten Kollektionen die, die er beispielsweise im Morgengrauen im Traum gesehen und nach dem Aufwachen direkt aufgezeichnet hat.

An seinem Beispiel zeigt sich, dass Ideen „kommen", wenn Beruf und Berufung verschmelzen. Sie können nicht „bestellt" werden. Vermutlich würde sich Lagerfeld über einige Kreativlabs amüsieren, denn man kann nicht sagen: „Morgen früh hätte ich gern eine Idee, und dann kommt sie einfach. Sie kommen, wann sie kommen wollen...".

Statt Lab-Kultur lässt sich auch aus Lagerfelds Leb-Kultur lernen. Dazu gehört ...

• keinen Alkohol zu trinken und keine Drogen zu nehmen - „so bleibt der Kopf klar"

• ausreichend Schlaf (Lagerfeld schläft jede Nacht sieben Stunden ohne aufzuwachen)

den Tag abzuschließen vor dem Schlafengehen

• sich täglich Stunden mit dem Lesen zu beschäftigen

• nicht darauf zu warten, von der Muse geküsst zu werden, sondern sich ihr durch kontinuierliches Arbeiten zu stellen

• immer etwas Neues zu schaffen, was voraussetzt, dass man sich für alles interessieren muss und nicht nur in eine Richtung gehen darf

• nie zufrieden zu sein, denn „Selbstgefälligkeit ist furchtbar"

Das Silicon Valley in uns

Um sich dem Geheimnis der Kreativität und Innovation anzunähern, braucht es keine Reisen ins Silicon Valley oder lange Bärte, denn der Mensch bleibt innen gleich. Wer kreativ ist, ist es zu jeder Zeit und an jedem Ort. Wem das Schöpferische fehlt, erhält es auch nicht durch äußere Impulse.

Unternehmen sollten vielmehr Bedingungen schaffen, die ein ständiges gutes Arbeiten in einem natürlichen Umfeld ermöglichen. Hier lässt sich vor allem von soliden Mittelständlern mit einer nachhaltigen Firmenphilosophie lernen:

„Unternehmen, die sich nach außen modern und innovativ präsentieren und nach innen ‚verstaubt' und altmodisch handeln, sind meiner Ansicht nach nicht glaubwürdig. Wenn in einem Hochglanzpalast mit Designermöbeln und modernster Technik der Mitarbeiter zu kurz kommt und die Zusammenarbeit schwierig ist, passt etwas nicht zusammen. Manch einer mag unseren naturnahen Stil gerade bei der Büroeinrichtung als überholt empfinden, aber er repräsentiert das, was wir sind - ehrlich, glaubwürdig und bodenständig", sagt Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG.

1995 wurde der Firmenstandort des Öko-Pioniers vom Würzburger Stadtzentrum ins Gewerbegebiet der Gemeinde Greußenheim verlegt. Er liegt sprichwörtlich „auf der grünen Wiese". Daran angrenzend hat die Gemeinde ein kleines Biotop angelegt. Die Errichtung des Firmengebäudes erfolgte nach gesundheits- und umweltverträglichen Kriterien.

Solche naturnahen Firmenareale leisten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt und haben eine wichtige Vorbildfunktion für die Gesellschaft.

Wie naturnahe Firmengelände unsere Arbeitswelt prägen

Die folgenden Beispiele der memo AG zum „natürlichen" Wohlbefinden der Mitarbeiter zeigen zugleich Möglichkeiten zur Förderung von Kreativität und Innovation in Unternehmen:

• Ein Naturgarten rund um das Firmengebäude ist mit einheimischen Wildblumen, Sträuchern und Bäumen bepflanzt. Ein Teil der Wiese wird in der warmen Jahreszeit nicht gemäht, um Insekten Lebens- und Nahrungsraum zu geben.

• Bei schönem Wetter stehen den Mitarbeitern in den Pausen eine bestuhlte Terrasse zum Entspannen und eine große Rasenfläche für sportliche Aktivitäten zur Verfügung. Sie ist mit Gartenmöbeln aus dem eigenen Sortiment bestückt und wird im Sommer auch für Besprechungen genutzt.

• An kalten oder regnerischen Tagen werden die Pausen in den Wintergarten verlegt, wo sich ein Cafeteria-Bereich mit Küche und bequemen Sitzmöglichkeiten befindet.

• In allen Büroräumen und in der Cafeteria befinden sich für die dortigen Raum- und Lichtverhältnisse ausgewählte Pflanzen, die das Arbeitsumfeld verschönern und das Raumklima verbessern.

• Die Bürowände wurden mit recycelten Papierfasern gedämmt, die hochwärmeisolierenden Fenster sind aus heimischen Hölzern.

• Ergonomische Naturholzmöbel aus dem eigenen Produktsortiment sollen eine optimale und motivierende Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter schaffen.

• Die Mitarbeiter erhalten kostenloses Obst und Gemüse aus regionalem, saisonalem und biologischem Anbau. Einige haben in Eigeninitiative einen kleinen Mitarbeitergarten auf dem Firmengelände angelegt, der zur Erntezeit frischen Salat, Gemüse und Kräuter liefert.

• Eine Mitarbeiterin mit entsprechender Zusatzausbildung bietet während der Arbeitszeit kostenlose Massagen an.

„Mensch und Arbeitsplatz in Harmonie" lautet eine Headline im memo Nachhaltigkeitsbericht. Sie zeigt zugleich, worum es in der Diskussion um moderne Arbeitswelten geht. „Nur mit Plastikblumen ist es nämlich nicht getan", bestätigt der Experte für digitale Kommunikation Tobias Loitsch.

Er ist Gründer des 2014 am Google Campus in London gegründeten und seit 2015 in Dresden und Berlin beheimateten StartUps HarmonyMinds.de. Die Plattform widmet sich dem Thema „Achtsamkeit und bewusstes Leben". Es finden sich hier zahlreiche Beispiele für die inneren und äußeren Bedingungen, die es braucht, um auch gute Arbeit leisten zu können.

Experimentierorte wie Labs können dazu sicher einen entsprechenden Beitrag leisten, wenn sie sich von innen heraus entwickeln, aus dem Wollen und Können des Einzelnen, und den Bezug zur Wirklichkeit nicht verlieren.

Wer selbst fliegen will und in den Labs aus Plastik und Stahl mit den Flügeln schlägt, sollte zuerst die Natur kennen und lieben, denn der Aufprall in Scheinwelten kann nicht nur hart sein, sondern auch blind machen für die Wirklichkeit.

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