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05/03/2016 10:10 CET | Aktualisiert 06/03/2017 06:12 CET

Schöne Nebensache: Warum uns das Unwichtigste oft das Liebste ist

gruizza via Getty Images

Literatur gibt Sicherheit in Krisenzeiten

„Von allem, was es zu sagen gibt, ist mir das Unwichtigste das Liebste." Mehr als diese dreizehn Wörter brauchte es nicht, um dem Nebensächlichen einen Sinn zu geben auf einer Briefkarte, die der Autor und Literaturredaktor Jörg Steiner am 1. Mai 2003 an Hanne Kulessa schrieb.

Für den 2013 an Krebs verstorbenen Autor, der zahlreiche Auszeichnungen für sein literarisches Schaffen erhielt (u.a. Erich-Fried-Preis, Berliner Literaturpreis, Max-Frisch-Preis), war nur das Beiläufige, Wunderbare erzählenswert, z.B. ein Vogelhaus oder eine Taube, die er als liebenswert empfand, weil sie nicht so „effizient", „fleissig und berechnend" ist wie die Alpensegler auf ihrem Durchzug nach Afrika.

Literatur war für ihn ein Zufluchtsort, der in Krisenzeiten „ein wenig Sicherheit bietet". Durch sie begreifen wir die Welt und die Dinge.

Die in Frankfurt am Main lebende freie Autorin Hanne Kulessa hat die Briefkarten, die Jörg Steiner an sie schrieb, mit der Hand oder der Schreibmaschine (die „zierliche Olivetti 22"), geordnet und zusammengeführt ganz in seinem Sinne: „So endet immer alles: mit Aufräumen. Mir gefällt das, es bringt einen sanft auf den Boden zurück." (6.11.2000)

Das von ihr herausgegebene Buch „Jörg Steiner: Im Sessel von Robert Walser" (Limmat Verlag, Zürich 2016) ist zugleich ein großartiges Plädoyer für das Nebensächliche, das in Krisenzeiten besonders wichtig ist, weil es „greifbaren" Trost spendet.

Die Kleinlauten

Das Buch von Hanne Kulessa lädt auch dazu ein, Bezüge herzustellen zu anderen beiläufigen Dingen, die uns heute den „Kummer von der Seele schrammeln". So lautete am 21./22. November 2015 ein Artikel von Hannes Vollmuth in der Süddeutschen Zeitung, der sich mit der Ukulele (die schon in den Zwanzigerjahren vor dem Hintergrund der dramatischen Weltgeschichte für Begeisterung sorgte) in unserer Zeit der Dauerkrise beschäftigt:

Derzeit boomen Ukulele-Clubs, Ukulele-Läden und Ukulele-Bücher - auch Judith Holofernes stand mit einer Ukulele bei einem Flüchtlingskonzert in München auf der Bühne.

1879 brachte der Portugiese João Fernandes die Ukulele den Hawaiianern, die das Instrument „hüpfender Floh" tauften, der auch heute ein Begleitphänomen der Krise ist.

Ein Krisenbegriff ist auch „Nachhaltigkeit". Beide - Ukulele und Nachhaltigkeit - haben mit einem Unvergesslichen zu tun, der kürzlich im Alter von 78 Jahren in der Nähe von Husum verstarb: Peter Lustig.

Für Millionen Zuschauer wird er ewig in einem blauen Bauwagen in Bärstedt, Elchwinkel 23, wohnen, neugierig durch seine kauzige Nickelbrille schauen und Jung und Alt die Welt erklären - und wie man sie besser machen kann.

In den ZDF-Sendungen "Pusteblume" und "Löwenzahn" zeigte er, warum wir selbständiges Denken der Neugier brauchen, um die Welt zu verstehen und zu verändern. Er kümmerte sich um Menschen genauso liebevoll wie um die Natur. Ihn interessierte auch das kleinste Insekt.

Sein Mitbewohner war Klaus-Dieter, eine sprechende Türklingel, dessen Körper eine Ukulele war, die zum Ausdruck bringt:

Die Kleinlauten sind auch in Krisenzeiten nicht zu unterschätzen, denn sie sind stimmungsvolle Hoffnungsträger.

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