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15/12/2016 09:17 CET | Aktualisiert 16/12/2017 06:12 CET

Roxette-Sängerin Marie Fredriksson und das Gute Leben: Was ihre Fans wirklich bewegt

Reuters Photographer / Reuters

Private Gedanken gehören für den englische Philosophen und Historiker Theodore Zeldin zu den größten Schätzen der Menschheit, denn sie enthalten die Essenz menschlicher Erfahrungen. „Lies keine Geschichtsbücher, sondern nur Biographien, denn sie zeigen das Leben ohne Theorie", zitiert er den Schriftsteller und britischen Premierminister Benjamin Disraeli (1804-1881).

Es ist ein innerer Gewinn, sein aktuelles Buch „Gut leben" parallel zur Autobiographie der Roxette-Sängerin Marie Fredriksson zu lesen. Die Themen gehen ineinander über - das Allgemeine wird im Buch der Künstlerin zu etwas Besonderen und umgekehrt: Das, was in der Autobiographie nur Beispiel ist, geht im Zeldin-Buch in einem übergeordneten Zusammenhang auf, der immer mit dem Weihnachtsfest und der Sehnsucht nach mehr Licht verbunden ist:

Durch die Bestrahlung verlor Marie ihre Haare. Während der Weihnachtszeit lösten sich immer mehr Büschel von ihrem Kopf. Während der Krankheitsphase versuchte sie, weiter kreativ zu sein. Kurz nach der ersten Operation machten ihr Mann Micke und sie das Album „The Change". Damit hatten beide schon vor ihrer Krankheit begonnen, und es gab bereits eine Coverversion namens „The Good Life".

Das ist die Klammer zu Zeldin, für den Gutes Leben im Dialog mit der Vergangenheit und mit unseren Mitmenschen entsteht. Nur so können wir erahnen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Es geht nicht darum, welchen Sinn das Leben hat, sondern welchen Sinn jeder dem eigenen Leben geben möchte.

Das ist auch ein Grundanliegen von Marie Fredriksson, die in ihrem Buch ihr Leben reflektiert und auch über ihren Glauben spricht, der für sie sehr persönlich ist. Die Kraft, die ihr dadurch geschenkt wurde, half ihr durch so manche schwere Stunde.

Weihnachten möchte sie ins Warme und Helle, denn die Zeit ist kurz: „Man darf sich nicht in der Dunkelheit verfangen. Ich werde für jeden einzelnen hellen und schönen Augenblick kämpfen - für den Rest der Tage, die mir noch bleiben."

Doch wie wurde und wird diese Zeit von ihren Fans begleitet und reflektiert? Was macht diese Menschen aus? Wie leben und denken sie? Kirsten Ohlwein war so freundlich, davon zu erzählen. Sie ist 35 Jahre alt, gelernte Redakteurin und derzeit im öffentlichen Dienst in einer Pressestelle angestellt.

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Kirsten Ohlwein: Was bleibt

Ich bin Fan von Roxette seit 1991, da war ich kurz vor meinem 10. Geburtstag. Ich kannte die Band schon durch meinen Bruder und erinnere mich, wie ich, vermutlich 1989, zu „Dressed for Success" und „Dangerous" getanzt habe. Aber ein Fan wurde ich tatsächlich erst mit dem Joyride-Album. "Fading like a flower" war mein absolutes Lieblingslied. Ich habe dann irgendwann zwischen „Joyride" und „Fading like a flower" abgewechselt. Ähnlich war es bei „Tourism" 1992: Ich hörte eigentlich nur „How do you do" und „Fingertips". Immer abwechselnd.

1994 durfte ich zum ersten Mal auf ein Konzert. Mit meinen Eltern. Festhalle Frankfurt, Sitzplätze im 2. Oberrang. Ich war sehr geflasht, aber ich weiß noch, dass ich tatsächlich nur auf ein Lied wartete: „Fading like a flower". Das „Crash! Boom! Bang!"-Album kannte ich zu dem Zeitpunkt seltsamerweise noch gar nicht, dabei war es ja die „Crash!Boom!Bang!"-Tour gewesen..

Dann kam ich komplett in die Pubertät, verlor Roxette, die eine Pause machten, aus den Augen. Internet gab es noch nicht. Ein paar Jahre hörte ich die Songs nicht mehr, interessierte mich nur noch für Roxette, wenn sie in der Bravo auftauchten. So verpasste ich Per Gessles Soloalbum, ein spanisches Balladenalbum und zwei neue Lieder auf einem Best Of.

Als ich 1999 „Wish I could fly" im Radio hörte, war die alte Liebe wieder da. Ich kaufte die Platte und wartete vergebens auf eine Tour. Sie gingen stattdessen wieder ins Studio. 2001 war es dann soweit. Ich, inzwischen 20 Jahre alt, steckte in meiner ersten Lebenskrise, meine erste große Liebe war gerade zerbrochen. Statt mich weiter zu grämen, ging ich auf ein Roxette-Konzert. Wieder Frankfurt.

Wieder die Festhalle, diesmal Reihe zwei am Catwalk. Als Marie kam, änderte sich mein Leben. So stark, so kraftvoll, so selbstsicher, so hübsch. Da war sie wieder: meine Ikone, mein Vorbild. Nach diesem Konzert wurde ich in der Fanbase aktiv, registrierte mich bei Planet Roxette im Forum und wurde schnell zum Administrator. Mein Leben drehte sich seither nur noch um Roxette und im Speziellen um Marie.

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Marie Fredriksson und Kirsten Ohlwein im April 2014 vor einem Solo-Konzert von Marie (Copyright: Kirsten Ohlwein)

2002 im August waren wir dann mit einer Gruppe Fans in Basel. Wir kannten uns nicht, trafen uns am Bahnhof und verbrachten dann eine Woche in einem kleinen Häuschen am Baseler Stadion. Wir tranken, hörten Roxette, saßen am Lagerfeuer und freuten uns auf die anstehende Night-of-the-Proms-Tour, die für 2002 geplant war. In ein paar Wochen sollte der neue Song rauskommen...

Als die Nachricht von Maries Gehirntumor kam, brach bei uns eine Welt zusammen. Aber im Chat, am gleichen Abend, wurde darüber nicht geredet. "Was sollen wir auch darüber reden?", schrieben einige, "wir wissen ja nichts weiter". Ich weinte in den ersten Tagen relativ viel. Dann hoffte ich einfach nur noch, dass sie es schaffen würde. Uns war zu keiner Zeit so richtig klar, WIE ernst es eigentlich um sie steht. Irgendwann später sagte Per mal, dass Marie eine Überlebenschance von 5% gehabt hatte. Zum Glück sagte er das erst, als es keine Rolle mehr spielte.

Wir verfolgten jeden ihrer Schritte, so zaghaft sie waren. Ich werde nie vergessen, als ich am Morgen nach einem Konzert von Per Gessle in Halmstad die Zeitung aufschlug und mir ein Bild von Marie entgegensprang: vom Cortison komplett aufgegangen, nicht mehr sie selbst. Ich war so schockiert darüber, dass ich das schöne Konzert schon wieder komplett vergessen hatte. Wir hofften und beteten, wir schickten Briefe und Geschenke.

2005 traf ich sie dann zum ersten Mal persönlich. Sie hatte ein Buch mit ihren Zeichnungen veröffentlicht und wir reisten zu einer Autogrammstunde nach Stockholm. Wir hatten von diesem Termin zwei Tage vorher erfahren und buchten innerhalb von zehn Minuten die Flüge. Mittags hin, abends Autogramme abholen, am nächsten Morgen in aller Frühe wieder zurück. Das Ganze fand in einem Kaufhaus in Stockholm stand, die Schlange war sehr lang. Als Marie kam, ging das Licht auf.

Sie brauchte Hilfe, um auf ein Podest zu steigen - ansonsten wirkte sie frisch und munter wie eh und je. Meine Freundin, sonst nicht sehr nah am Wasser gebaut, brach in Tränen aus. Marie legte eine Hand auf ihren Arm und sagte nur "It's okay, we're back." Wen auch immer sie mit "wir" meinte.

Seitdem habe ich Marie regelmäßig treffen dürfen. Bei Autogrammstunden, Meet und Greets, an Hotels, an Flughäfen. Sie kennt ihre Fans sehr genau. Die, die schon seit den 90er Jahren dabei waren und uns, die relativ neuen. Wenn sie einen guten Tag hatte, verteilte sie großzügig Umarmungen, so auch am Flughafen in Amsterdam 2011. Unvergessen.

Ihre Krankheit hat mich tatsächlich enorm verändert. Ich bin ruhiger geworden, gelassener. Beispielsweise musste ich inzwischen mehrere Male eine MRT machen lassen. Und kurz, bevor die Panikattacke kommt, weil mir alles zu eng wird, denke ich jedes Mal: "Verdammt noch mal, reiß dich gefälligst zusammen. Marie lag in diesen Dingern in fünf Jahren öfter als du es vermutlich in deinem ganzen Leben wirst."

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Umarmung Amsterdam 2011 (Copyright: Kirsten Ohlwein)

Ich bin offener geworden. Ich mache keinen Hehl mehr daraus, dass Marie MEINE Ikone ist, meine Kraftquelle, meine Inspiration. Ich hätte gerne für drei Minuten an einem Tag das, was sie immer hat: dieses "im Moment leben", da sein, wo sie ist. Nicht schon in Gedanken die Wäsche abhängen, während man gerade mit jemandem redet. Sie ist angekommen, sie lebt. Etwas, das wir alle von ihr lernen können.

Sie hadert nicht mit sich und ihren Einschränkungen, sie hat das angenommen und macht das Beste daraus. Niemals habe ich sie klagen hören oder sehen. Sie schaut immer nach vorne, nur nach vorne. Auch das habe ich von ihr gelernt. Weitermachen, niemals aufgeben. Es gibt immer einen Weg.

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Maries Geburtstag 2016: Ihr wurden zwei Sträuße mit jeweils 58 weißen Rosen und einen Strauß mit 58 weißen Pfingstrosen geschickt (Copyright: Kirsten Ohlwein)

Die Kraft, die sie uns jahrelang gegeben hat, muss jetzt aus Erinnerungen kommen. Aber wir haben auch ihr Kraft gegeben. Nach ihrer Krankheit war jeder ihrer Auftritte ein Geben und ein Nehmen. Sie hat Kraft aus unseren Rufen und unserer Unterstützung geschöpft, wir aus ihrer Anwesenheit.

Es gab zwei Situationen, in denen sie uns das hat wissen lassen. Einmal, es war im Dezember 2009, am Ende der Night of the Proms, haben wir ihr gedankt für diese Tour. Und sie sagte: "No, I thank you." Und dann sinngemäß, dass sie das ohne uns nicht geschafft hätte. Und dann, im April 2014, am Ende ihrer Solotour verabschiedete sie sich nach dem letzten Konzert mit den Worten: "We're back with Roxette in autumn. You must help me then."

Am Ende sind wir Fans und sie ist der Star. Aber in der Beziehung zueinander hat sich seit ihrer Krankheit sehr viel verändert. Es ist ein Miteinander geworden. Es war ein Traum! Und ich hoffe noch, dass er einfach niemals endet. Wenn auch ohne Konzerte.

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Konzert in Dresden (Copyright: Kirsten Ohlwein)

Weitere Informationen:

Planet Roxette

Roxette Blog

Literatur:

Marie Fredriksson und Helena von Zweigbergk: Listen to my Heart. Meine Liebe zum Leben. Aus dem Schwedischen von Ulrike Brauns. Edel Books Germany GmbH, Hamburg 2016.

Theodore Zeldin: Gut leben. Ein Kompass der Lebenskunst. Aus dem Englischen von Claus Sprick. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016.

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