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04/12/2016 09:40 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

AUF EIN WORT von Roxette-Sängerin Marie Fredriksson: Stille

Ints Kalnins / Reuters

An dieser Stelle wurden in unregelmäßigen Abständen Menschen mit ihrem „Wort" vorgestellt - viele von ihnen beteiligten sich an der Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT, die von Valerie Niehaus, ihrer Schauspielkollegin Christina Hecke und der Fotografin Steffi Henn gegründet wurde. Ziel ist es, über sämtliche Kommunikationskanäle ganz Deutschland zu erreichen und das WIR zu stärken.

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Logogestaltung: Ruth Spiller

Als ich die Biographie der Roxette-Sängerin Marie Fredriksson las, wurde mir bewusst, dass es unmöglich ist, dieses Buch wie ein „Rezensionsexemplar" zu behandeln. Lebensbücher wie „Listen to my Heart", das auf emotionalen Erinnerungen beruht, haben einen anderen Zugang verdient, der dazu beiträgt, dass der Leser eingeladen wird, sich auf einen Rhythmus einzulassen, der ihm entspricht, vor allem aber auf ein stilles Gespräch mit der Autorin oder dem Autor.

Ein Wort erhält in Marie Fredrikssons Buch besonderes Gewicht, es ist in gewisser Weise das Fundament: Stille. Vermutlich kennt sie die deutsche Gemeinschaftsinitiative nicht, aber das ist auch nicht wichtig, weil es um die innere Substanz eines Begriffs geht, der ihr besonders am Herzen liegt und eine Brücke zu uns schlägt.

Mit ihrer Autobiographie - die auf Gesprächen mit Helena von Zweigbergk basiert (2013 bis 2015) - möchte sie uns ermuntern, aufmerksam zu sein und uns umeinander zu kümmern, denn sie weiß selbst, wie es sich anfühlt, wenn einem der Rücken zugekehrt wird.

Ihr Leben war schon früh von Schmerz gezeichnet: Sie wuchs in der schwedischen Provinz in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Eltern arbeiteten viel, und es gab kaum genug zu essen für die fünf Kinder. Als eine der älteren Töchter bei einem Autounfall ums Leben kam, verfiel der Vater zusehends dem Alkohol. Marie flüchtete in die Musik.

Per Gessle überzeugte sie, gemeinsam Pop-Musik zu machen - geboren war eines der erfolgreichsten Musik-Duos. Als er den Text zu „It Must Have Been Love" schrieb, wollte er etwas vermitteln, das davon handelt, einen Partner zu finden, der einen zu einem besseren Menschen macht. Das traf auf beide zu: „Musikalisch haben wir es einander definitiv besser gemacht, als jeder von uns für sich wäre." Sie waren nie verliebt ineinander, konnten sich jedoch immer aufeinander verlassen. Roxette eroberte mit Hits wie „It must have been love", „Joyride", „Spending my time" weltweit die Charts.

2002 der Schock, die Diagnose Gehirntumor. Durch die Bestrahlung verlor sie ihre Haare. Weihnachten lösten sich immer mehr Büschel von ihrem Kopf. Ihr Ehemann Micke fürchtete, dass es das letzte gemeinsame Weihnachtsfest ist, doch Marie kämpfte und gilt als geheilt.

Die Kraft, die ihr seit Kindheitstagen der ihr Glaube schenkte, half ihr auch durch manch schwere Stunde ihrer Krankheit, deren Spätfolgen sie noch immer einschränken: So kann sie keine Bücher und Zeitungen mehr lesen, auch den PC kann sie nicht mehr bedienen. Alles muss langsam gehen, es darf nicht zu viel auf einmal passieren, dann macht ihr Kopf nicht mehr mit.

In all den Jahren ist Marie, die als Kind „kleine Schwätzerin" genannt wurde und immer in Bewegung war, stiller geworden. Sie gibt im Buch unumwunden zu, dass sie ohne die Krankheit vermutlich Alkoholikerin geworden wäre, sie wollte nicht anhalten. „Volldampf" und Erfolg haben sie ständig vorangetrieben. Sie wollte alles auf einmal sein, machte mehrere Dinge gleichzeitig und legte ein immenses Tempo vor.

Erst mit der Krankheit, die eine Tragödie für sie war, fand sie Ruhe und lernte, sich wertzuschätzen, sich besser zu organisieren und mit sich selbst zufrieden zu sein. Aber es gab auch eine Phase, in der sie fast nur noch schwieg. Auf ihrem dritten Album „Den ständiga resan" gibt es ein Lied, das „Tid för tystnad" („Zeit für Stille") heißt.

Sie lernte wieder, das Wesentliche zu erkennen und dass es im Leben Zeit für Stille geben muss: „Mein Gott, wie viel Stress da draußen herrscht. Alle rennen herum und ereifern sich. Manchmal ist es richtig befreiend, das nicht mehr zu müssen." Marie kann mittlerweile auch Nein sagen zu Angeboten, die ihr wie pure Zeitverschwendung erscheinen.

Der Advent ist schon lange keine stille Zeit mehr, denn unser Körper bleibt ständig in Alarmstellung (von Alarm kommt das Wort Lärm). Marie glaubt, dass dieser Stress das Gehirn zerstört. Hinzu kommt, dass kaum mehr jemand richtig miteinander spricht, denn das gelingt nur, wenn auch Stille ihren Platz im Leben hat:

„Setz dich hin und sprich mit mir, um einen ordentlichen Zugang zu finden, das möchte ich am liebsten allen Menschen sagen. Kann das niemand mehr? Einander das schenken? Richtig zuhören und miteinander sprechen?"

Zuhören, sagte der Theologe Paul Tillich, ist die erste Pflicht der Liebe. Doch wer nicht einmal mehr fähig ist, sein Ohr der Natur zu schenken, wird auch im zwischenmenschlichen Bereich nichts mehr hören können.

Das Buch von Marie führt uns dorthin zurück: So erzählt sie davon, dass Vögel schon immer eine Leidenschaft von ihr waren und sie es immer genossen hat, ihnen zu lauschen. Schon als Kind fand sie Trost in der Natur. Sich ihr zu widmen „birgt Schmerz und Freude. Es ist die Geschichte des Lebens selbst".

In ihrem Garten steht eine alte, kräftige Linde. Sie liebt es, ihre Nähe zu suchen, denn der Baum gibt ihr Kraft: „Lieber eine Linde als Facebook", sagt sie. Da Per Gessle häufig in der digitalen Welt unterwegs ist, ist der Kontakt zwischen beiden immer schlechter geworden, da er in seiner eigenen Welt lebt:

„Früher hatten wir einen viel besseren Draht, wir haben mehr gelacht, waren herzlicher. Dafür muss man sich aber Zeit nehmen. Und das macht heute kaum noch jemand. Alle sind völlig von ihren Computern in Beschlag genommen." Alle außer ihr, so empfindet sie es.

Marie fühlte sich zweitweise hoffnungslos außen vor, weil sie die digitale Welt nicht beherrschte und keinen Zugang zu ihr fand. Jetzt hat sie sich daran gewöhnt und fühlt sich nicht mehr ganzen außen vor.

Sie versuchte, auch während der Krankheitsphase weiter kreativ zu sein. Kurz nach der ersten Operation machte sie mit ihrem Mann Micke das Album „The Change". Nach der Fertigstellung des Albums wurde ein Bild für das Cover benötigt, doch sie wollte sich nicht aufgedunsen fotografieren lassen. Stattdessen malte sie ein Selbstporträt. Dadurch fand sie zurück zum Zeichnen und Skizzieren.

Es ist für sie das größte Glück, etwas zu Papier zu bringen und sich auf diese Weise auszudrücken zu können. Als alle Mitteilungswege wegfielen, gab es trotzdem noch die Musik. Sie schlug eine Brücke zu den Wörtern, und aus den Wörtern wurde Gesang, die für sie schon immer Kraftquelle und Trost waren.

Manchmal schreibt sie ein Wort auf einen Zettel, das ihr etwas bedeutet. „Stille" ist für sie das schönste Wort, das sie kennt, weil es mit Ruhe, Frieden und hellen Augenblicken zu tun hat:

„Man darf sich nicht in der Dunkelheit verfangen. Ich werde für jeden einzelnen hellen und schönen Augenblick kämpfen - für den Rest der Tage, die mir noch bleiben."

Literatur:

Marie Fredriksson und Helena von Zweigbergk: Listen to my Heart. Meine Liebe zum Leben. Edel Books Germany GmbH, Hamburg 2016.

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