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24/12/2016 06:08 CET | Aktualisiert 25/12/2017 06:12 CET

Resteküche? Nicht nur zu Weihnachten...

Jamie Grill via Getty Images

In Deutschland werden 313 Kilogramm Lebensmittel pro Sekunde weggeworfen. Der Großteil ist genießbar und deshalb vermeidbar. Der deutschlandweit erste Foodtruck kocht hauptsächlich mit geretteten Bio-Lebensmitteln. Keine Verschwendung, sondern gutes Essen: „Resteküche - Beste Küche". Es ist eine Kombination aus Streetfood, Achtsamkeit und kulturellem Austausch.

ShoutOutLoud geht es mit dem Foodtruck darum, das Thema Lebensmittelverschwendung in ein neues Licht zu stellen, welches einer breiten Masse zugänglicher sein soll. Bewusstseinsbildung und Achtsamkeit können auf diese Weise einfach spielend mit Genuss verbunden werden, wodurch der Intention, Lebensmitteln mit mehr Wertschätzung zu begegnen, ein potentiell größerer Impact zugeschrieben werden kann.

Deshalb soll der Foodtruck auch neben seinen regelmäßig wiederkehrenden Auftritten auf Streetfood- und Wochenmärkten zum Zweck des Verkaufs von Speisen sowie dem Angebot von Catering-Services auch als Pop-up Think Tank funktionieren: Unternehmen, Schulen oder sonstige Organisationen können die Resteküche engagieren, um sich im Rahmen einer Veranstaltung intensiver mit dem Thema Lebensmittelverschwendung auseinanderzusetzen. Workshopartige Settings vermitteln relevantes Wissen durch Impulsvorträge, Diskussionen und Live-Cooking.

Wird Wissen nicht mit erhobenem Zeigefinger vermittelt, wird es auch gern weitergetragen. Mit der Resteküche soll genau das erreicht werden: genießen, lernen und die Welt ein bisschen besser machen. Deshalb ist es für die Initiatoren auch selbstverständlich, dass die Gewinne aus dem Geschäftsbetrieb in regionale soziale oder ökologische Projekte investiert werden.

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Interview mit Daniel Anthes, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei ShoutOutLoud & Leiter des Projekts "Resteküche"

_ Herr Anthes, was bedeutet "gerettete" Bio-Lebensmittel?

"Gerettet" erzeugt leider vielfach noch negative Assoziationen, aber bei uns geht es einfach nur um Wertschätzung. Im praktischen Sinn meinen wir damit, dass wir Lebensmittel vor der Tonne bewahren und sie eben nicht - wie oft vermutet - aus dem Müll holen (auch bekannt als "Containern"). Ob krumm, gewachsen, nah am Mindesthaltbarkeitsdatum oder durch Transportschäden an der Verpackung beschädigt - unterschiedliche Gründe führen dazu, dass es ein Großteil der Nahrungsmittelproduktion nicht in den Supermarkt bzw. zu euch nach Hause schafft. Genau hier setzen wir an und wollen damit zeigen, dass dies nicht sein muss und die Lebensmittel noch 1A in Ordnung sind.

_ Wie stehen Sie zu anderen Organisationen wie die Tafel oder Plattformen wie Foodsharing, die ebenfalls Lebensmittel retten?

Wir verstehen unser Engagement als komplementär und nicht konträr zu anderen Organisationen - aktiv im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung. Als gemeinnütziger Verein geht es uns hier schlichtweg ums große Ganze und damit die langfristige und nachhaltige Reduzierung der Verschwendung. Beispielsweise im Hinblick auf die Tafel setzen wir noch weiter hinten an, nehmen wir auch kleinere Mengen ab und haben im Team auch deshalb die nötige Zeit, eine braune Stelle vom Apfel wegzuschneiden. Wir schätzen die Tafel sehr und würden hier nie einen Interessenkonflikt erzeugen. Gleiches gilt für Foodsharing, kooperieren wir doch direkt mit Erzeugern bzw. dem Großhandel und kommen so sowieso keinen Foodsavern in die Quere. Apropos: Wir sind selbst auch privat bei Foodsharing organisiert und verteilen regelmäßig (beste) Reste unserer Events über diese Plattform.

_ Wie kommen die Preise Ihrer Speisen zustande?

Ein Foodtruck ist ein extrem kostspieliges Unterfangen und erzeugt laufende Kosten, die für uns als gemeinnütziger Verein eine große Herausforderung darstellen. Wenn wir von Achtsamkeit im Umgang mit Lebensmitteln sprechen, sollten wir dies auch im Hinblick auf unser Engagement und unser Team tun. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind extrem wichtig für unsere Gesellschaft, kommen aber eben nicht ohne finanzielle Unterstützung aus. Außerdem ist es bei uns im Foodtruck letztlich wie in jedem anderen Gastronomiebetrieb - die Lebensmittel erzeugen nur einen Bruchteil der Gesamtkosten. Dafür bedarf es aber viel Energie und Zeit, diese für euch täglich frisch und mit viel Liebe zuzubereiten.

_ Was passiert mit den Einnahmen aus dem Foodtruck?

Zuallererst dafür sorgen, dass der Foodtruck überhaupt betrieben werden kann. Laufende Kosten á la Versicherung, Steuern, TÜV, Benzin und Stellplatz bedeuten regelmäßig einen großen Batzen Geld, der erstmal aufgetrieben werden muss. Je größer unser finanzielles Polster ist, desto eher können wir auch unserem Team eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen - mit der Konsequenz, vermehrt im sozialen Bereich aktiv werden zu können, ohne direkt auf die schwarze Null schielen zu müssen. Und wenn wir uns dann gar nicht mehr vor Gästen und Aufträgen retten und viele Einnahmen verzeichnen können, fließt jeder verdiente Extra-Euro in gemeinnützige Zwecke - sei es im Rahmen unseres Vereins oder der Partner unseres Netzwerks.

_ Was passiert mit Resten, die Sie selbst übrig haben?

Im ersten Schritt kalkulieren und planen wir besonders achtsam, sodass erst gar keine großen Reste anfallen. Sollte es dann doch hin und wieder zu Übriggebliebenem kommen, wissen wir dies gut zu verteilen: Entweder mithilfe von "Beste Reste-Boxen" an die Gäste des Events, oder über unser Netzwerk an diverse Foodsaver. So oder so - bei uns kommt kein Essen in die Tonne!

Weitere Informationen

Weiterführende Literatur:

Alexandra Hildebrandt, Claudia Silber: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

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Das Buch präsentiert eine Vielzahl von Möglichkeiten, knappe oder umweltbelastende Ressourcen durch bereits vorhandene Materialien zu schonen und der Wiederverwertung und dem Recycling Vorrang vor dem Abbau neuer Rohstoffe zu geben: reduce - reuse - recycle. Nachhaltige Kreisläufe messen sich an Vernunft, Klugheit und gesellschaftlichen Fundamenten, die sich als „tragfähig" erweisen.

Der Erlös des Buches kommt HORIZONT e.V. zugute. Der gemeinnützige Verein wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet und hilft wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch.

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