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23/11/2015 10:07 CET | Aktualisiert 23/11/2016 06:12 CET

Alles Physik: Die Logik der Weltretter - von Merkel bis Musk

MICHAEL KAPPELER via Getty Images

Was lässt sich von Menschen lernen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Welt verbessern und aus der Physik kommen? Vor allem eines: Sie richten ihr Handeln an dem aus, was sie von Grund auf verstanden haben.

Dass sich Weltverbesserer ernsthaft über Nachhaltigkeit Gedanken machen, verdankt sich nicht allein ihrer technischen Intelligenz, sondern der viel wichtigeren „Systemintuition", auf die der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber in seinem aktuellen Buch „Selbstverbrennung" verweist.

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Mission Merkel: Die Physikerin der Macht

Angela Merkel, deren Denkweise von ihrer Ausbildung als Physikerin geprägt ist, ist für Schellnhuber ein Beispiel für jemanden, der zwischen „taktischer Geschmeidigkeit, ja Beliebigkeit, und strategischer Prinzipientreue" zu unterscheiden weiß.

Sie gilt als authentisch, bodenständig, pragmatisch und als besondere Ausgabe der klugen schwäbischen Hausfrau, von der sie in Finanzfragen spricht.

Als die Kanzlerin 2014 von einem Journalisten gefragt wurde, was sie da trägt, antwortete sie: „Ein Kleid." Ein echter Merkel-Satz: kurz und schnörkellos.

So wichtig ihr Amt auch ist - sie ist davon überzeugt, dass sie sich als Person nicht so wichtig nehmen darf. Kontrolle bedeutet für sie, den Überblick zu behalten. Sie glaubt an die Wirkung der kleinen Schritte, die sich unterwegs besser korrigieren lassen, und nicht an den großen Wurf.

Merkel macht um ihre Person kein Aufhebens - wie der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel, den sie sich als Festredner zum 60. Geburtstag wünschte. Nur keine üblichen Lobhudeleien, lieber ein wissenschaftlicher Vortrag, aus dem sich ein praktischer Nutzen gewinnen lässt.

Als Physikerin hat sie die Gabe, die Energie ihrer Kritiker umzulenken und für sich nutzbar zu machen. Das macht immun gegen manchen Angriff.

Viele sehen in ihr eine kühle Strategin, die nach Zahlen regiert. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" (37/2014) schrieb dazu: „Wie mit einem Pulsgerät lässt das Kanzleramt nonstop den Herzschlag der Gesellschaft messen."

Heute fast vergessen ist, dass Angela Merkel einst den Spitznamen „Klimakanzlerin" trug. 2007 ließ sie sich in Grönland mit einem roten Anorak vor einem Eisberg ablichten und sagte: „Hier wird der Klimawandel sichtbar, ja fassbar."

Ihre Fähigkeit zu warten wird von vielen kritisiert - für sie hat es mit Nachhaltigkeit zu tun: „Solange ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden." (Cicero 10/2014)

Das Gehirn würfelt nicht

Mit dem Hirnforscher Wolf Singer, der den Festvortrag zu ihrem 50. Geburtstag hielt, diskutierte sie vor einigen Jahren darüber, wie es Politikern und Wirtschaftslenkern gelingt, trotz Unwägbarkeiten klare Positionen zu beziehen und Entscheidungen zu treffen - und was man diesbezüglich von der Natur lernen kann, da die Evolution sehr komplexe Systeme hervorgebracht und optimiert hat.

„Weltverbesserer" wie sie sind Schellnhuber besonders nah, weil er sich „schamfrei" selbst zu ihnen zählt mit seiner besonderen Art zu denken, bei der es ums Ganze geht - darum, Komplexität zu begreifen. Dazu bedarf es einer „durchgreifenden Kombination von inneren und äußeren Wirkkräften".

Unüberlegter Reformwahn, lediglich Schräubchen anziehen und an Rädchen drehen ist ihm fremd, weil solche „Rechnungen" in der Realität selten aufgehen.

Emotionen, Bauchentscheidungen, Herzlichkeit und menschliche Wärme sind großen Geistern oft fremd. Sie wollen das Ganze und sind selbst nicht ganz - das ist der Preis des Lebens.

Dennoch können wir von den „Weltrettern" lernen, weil sie uns die Ordnung der Dinge lehren, die uns hilft, sie zu begreifen. Und sie zeigen uns, dass es auf die Wirkung unseres Handelns ankommt und nicht auf den Effekt.

Das Wesentliche

Das Interesse der Weltverbesserer gilt den „wichtigen", den wesentlichen Dingen. Angela Merkel sagte 1991 über die Chancen von Frauen in der Politik: „Wenn es aber um das Wesentliche geht, kann ich genauso knallhart wie die Männer sein."

Für den selbst ernannten Industrierevolutionär Elon Musk, der eigentlich immer nur Ingenieur sein wollte, ist wesentlich, „was mit nachhaltiger Mobilität und Energie zu tun hat" (Süddeutsche Zeitung, 11.2.2014).

Er versteht es, Menschen für seine Ideen begeistern. Dass Tesla, SpaceX oder die Solaranlagenfirma Solar City an der Börse so hoch bewertet sind, verdankt sich nicht nur ihren großen Gewinnen, sondern vor allem auch seinem „gewinnenden" Wesen:

„Was die Anleger bewegt, ist das Versprechen einer glänzenden Zukunft, das vom Chef höchst selbst immer wieder erneuert wird." (SZ, 20./21.6.2015)

Musk versteht es auch, öffentliche Gelder für seine Investitionen sichern. Er ist nicht nur Physiker und Ingenieur. Er wird auch als „Egomane, Narziss, Fantast" (stern 21.5.2015) und „Politikerflüsterer" (Süddeutsche Zeitung, 20./21.6.2015) bezeichnet, weil er das hat, was Schellnhuber Systemintuition nennt.

Musk ist zudem ein eifriger Leser. Am liebsten sind ihm Bücher über Raketen. Aber auch Geschichten über Menschen interessieren ihn. Denn sie haben eine Bedeutung, stiften Sinn in einer zunehmend komplexen Welt und sind eine werthaltige Gestaltungskraft.

Von Geschichten geht, so der Psychologe Gary Klein, eine Macht aus, weshalb auch das doppelsinnige Wort Potenz hierher gehört, weil es auf die Kraft des Menschen (seine Potenz), aber auch auf das Mögliche (das Potenzielle) verweist.

Batterien der Lebenskraft

2003 gründete Elon Musk mit einigen Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen Tesla Motors. Drei Jahre später machte er als einer der Pioniere das Elektroauto salonfähig. Er schaffte es als erster Autobauer der Welt, eine langstreckentaugliche, rein batteriebetriebene Luxuslimousine zu bauen.

„Für die elektrische Revolution brauchen wir den heiligen Gral: ein Superauto, elektrisch, mit großer Reichweite, das für Kunden erschwinglich ist", sagt Musk (Süddeutsche Zeitung, 11.2.2014)

Mit Tesla Motors wiederum möchte er die Art und Weise neu definieren, wie Autos produziert und verkauft werden. Parallel soll dazu ein weltweites Stromvertriebsnetz aufgebaut werden. Hybridautos sind für ihn nur Kompromisse - reine Elektroautos die Zukunft, weil sie die Grenzen der Technologie verschieben, Kauflust und Fahrspaß wecken.

Der Verkauf erfolgt nicht über klassische Händler, sondern über das Internet und Ausstellungsräume in teuren Einkaufszentren, die Ähnlichkeit mit Apple-Stores haben.

Jahrelang verbrachte Musk seine Zeit vor Computern und arbeitete allein vor sich hin, was noch heute dazu führt, dass er häufig Pausen macht, um nach den richtigen Worten zu suchen. Wenn er über wissenschaftliche Themen spricht, achtet er kaum darauf, seine Zuhörer mit vereinfachenden Erklärungen dabei zu unterstützen, ihm besser folgen zu können.

Der strategisch und intellektuell ausgerichtete Musk geht davon aus, dass man ihn versteht. Mitarbeiter bezeichnen ihn zuweilen als „Irren" und „total durchgeknallt", betonen aber auch das Geniale und Charismatische.

Wie einst Steve Jobs kann er sich Dinge ausdenken, von denen die Kunden und Geschäftspartner vorher gar nicht wussten, dass sie sie „brauchen" könnten - beispielsweise die Türgriffe oder den riesigen Touchscreen.

Statt zur Tankstelle zu fahren, „hängen" Tesla-Fahrer das Auto über Nacht an die Steckdose. Entweder lädt es sich dann sofort auf, oder es wird in die intern entwickelte Software eingegeben, dass es erst später in der Nacht beginnen soll, wenn der Strom billiger ist.

Denken und lenken

Bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren fand er eine Methode, um sich voll auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren. Ashlee Vance bemerkt in seiner lesenswerten Biographie über Elon Musk, dass diese Fähigkeit teilweise auf der sehr visuellen Arbeitsweise seines Gehirns beruhte. So konnte er vor seinem geistigen Auge detaillierte Bilder sehen, die heutigen Computer-Konstruktionszeichnungen ähneln:

„Es ist, als ob der Teil des Gehirns, der normalerweise zur Verarbeitung von visuellen Eindrücken dient - also der Teil, der von meinen Augen eintreffende Bilder verarbeitet -, stattdessen für Denkprozesse genutzt wird", sagt Musk.

Ein Großteil des Gehirn, der für eintreffende Bilder vorgesehen ist, unterstützte das Denken mit. Das „Abspeichern" im Kopf half ihm zugleich dabei, ein gutes Auge zu entwickeln.

Er sieht sehr anschaulich, wie Beschleunigung, Dynamik oder kinetische Energie von Objekten beeinflusst werden. Nicht das Bauchgefühl, die Intuition, ist für ihn entscheidend, sondern die Frage nach den Grundprinzipien für ein Problem:

• Wie sieht die Physik dahinter aus, wenn etwas nicht funktioniert?

• Wie viel wird es kosten?

• Wie viel günstiger kann es gemacht werden?

Sind die Fragen gefunden, ist für ihn auch die Antwort relativ einfach. Unbedingt sollte versucht werden, „die Breite und Tiefe des menschlichen Bewusstseins zu vergrößern", weil wir nach Musk nur dann verstehen, welche die richtigen Fragen sind. Schon als Teenager war für ihn das einzig Sinnvolle, „sich für mehr kollektive Aufklärung einzusetzen".

Der Beurteilung von Dingen und Vorgängen muss ein bestimmtes Wissen über Technik und Physik zugrunde liegen. Wenn ein Problem gelöst werden soll, sagt er immer:

„Brechen Sie es auf die Physik herunter."

Literatur:

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

Ashlee Vance: Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX. Wie Elon Musk die Welt verändert. Die Biografie. FinanzBuch Verlag 2015.

CSR und Energiewirtschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016.

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