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09/04/2016 12:34 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Organisationshygiene: Aufräumen beim DFB

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Sauber machen im deutschen Fußball

Organisationshygiene bedeutet, dass die Organisation systematisch sauber gehalten und regelmäßig von Methoden, Regeln und Ritualen sowie unwirksamen Instrumenten entrümpelt wird. Erst wenn das gewährleistet ist, entsteht „konstruktive Veränderung" (Niels Pfläging). Viele Organisationen können damit allerdings nicht umgehen: So wird an Symptomen angesetzt und versucht, Probleme einfach „wegzumanagen", indem neue Arbeitsgruppen entstehen, neue Berater geholt werden und sich Berichte und Protokolle stapeln, die so viel Zeit und Geld verschwenden, dass für echte Problemlösung kaum etwas übrig bleibt. Was muss ein DFB-Präsident heute können? Es geht heute nicht nur um die Frage, wie ein Problem gelöst wird, sondern auch darum, wer das am besten tun kann. Doch was bedeutet das für eine Sportorganisation wie den DFB und den neuen DFB-Präsidenten, der am 15. April 2016 gewählt werden soll? Braucht eine Organisation, die gemeinnützig UND wirtschaftlich tätig ist, einen Hyprid-Präsidenten? In Zeiten des digitalen Wandels und Mehrdeutigkeit ist es wichtig, dass gleichzeitig evolutionäre Ansätze weiter entwickelt werden, aber daneben auch das Revolutionäre nicht vernachlässigt wird, dass ein Aufräumer da ist, der für richtige Strukturen sorgt, aber auch innovativ ist und bestehende Strukturen zerstört. Corporate Entrepreneure können gleichzeitig den Ast ansägen, auf dem sie sitzen und neue wachsen lassen. Dass das in der Wirtschaft erfolgreich funktioniert, ist unumstritten. Doch im Fußball ist vieles anders (und im Gegensatz zu „normalen" Wirtschaftsunternehmen erlaubt): So sagte Karl Rothmund, Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes beim Neujahrsempfang des NFV, dass er einen künftigen hauptamtlichen DFB-Präsidenten vehement ablehnt: "Ich möchte keinen DFB-Präsidenten haben, der Angestellter des Verbandes ist. Nur wenn er nur eine Aufwandsentschädigung erhält, behält er seine Unabhängigkeit". Doch kann jemand, der Verantwortung übernimmt, überhaupt unabhängig sein? Wie relevant ist für einen Verband, was eine einzelne Person „möchte"? Wenn der künftige DFB-Präsident Repräsentant der Amateure und des Ehrenamts sein soll, hätte er logischerweise doch keinen Einfluss auf das Wirtschaftsunternehmen DFB und das operative Geschäft? Doch Karl Rothmund plädiert für einen ehrenamtlichen DFB-Präsidenten: "Das muss man den Leuten von der DFL mal ganz klar sagen. Die meisten haben das noch nicht verstanden" (kicker, 21.01.2016).

Warum der deutsche Fußball professionelle Organisationsstrukturen braucht

Rothmund reagierte damit vermutlich auf ein Interview des DFL-Chefs Christian Seifert mit der ZEIT (17.12.2015). Seifert fand hier klare Worte für die Notwendigkeit zeitgemäßer Organisationsstrukturen. So wurde bei der DFL eine Struktur eingezogen, die sich an Corporate-Governance-Kriterien orientiert: „Einem Vorstand, dem die Verbandsmitglieder satzungsgemäß und transparent Aufgaben übertragen haben, einer Geschäftsführung, die für das gesamte operative Geschäft zuständig ist - und einem Aufsichtsrat, der diese Geschäftsführung" und damit auch den DFL-Chef kontrolliert. Christian Seifert ist sich sicher, „dass es im Zuge des ohnehin anstehenden Erneuerungsprozesses sinnvoll ist, die Strukturen den sich verändernden Anforderungen selbst anzupassen, als irgendwann von den äußeren Umständen dazu gezwungen zu werden. Eine klare Trennung von Aufsicht und operativer Verantwortung ist unumgänglich." „Wir müssen Ordnung schaffen" DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball sieht das Image des DFB durch die WM-Affäre beschädigt und betrachtet seine Neustrukturierung als große, aber notwendige Herausforderung: "Wir haben Veranlassung genug, trotz aller Skandale nicht nur auf die internationalen Verbände Uefa und Fifa zu schauen. Wir müssen in unserem eigenen Beritt Ordnung schaffen und verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinnen", zitierte ihn der Bonner Generalanzeiger bei einem Auftritt auf der Mitgliederversammlung des Verbandes Westdeutscher Sportjournalisten. Die Gremien müssten so strukturiert sein, "dass keine Dinge passieren wie die, über die wir uns zu sehr unterhalten mussten. Wir müssen auch personell sehen, dass wir einen Verband, der mehrere Monate ohne Präsidenten, Generalsekretär und Direktor für Finanzen war, neu aufstellen." Die Klugen haben fundamentale Veränderungen und Transformationen schon in satten Zeiten im Blick, bauen vor und zerlegen sich selbst, um schneller und flexibler auf neue Anforderungen rechtzeitig zu reagieren. Dazu wird die Eigenverantwortung aller im System Beteiligten gestärkt. Andere verlassen sich auf ihre Größe und gehen davon aus, dass sie alle Zeit der Welt haben. Sie setzen zu viel Fett an und ruhen sich auf vergangenen Erfolgen aus und machen das, was sie immer getan haben.

Überleben in der Gleichzeitigkeit

Sich selbst regulierende Organisationen können beides: Sie sind so strukturiert, dass sie sich klug anpassen können („fit" sind), aber auch das zulassen, was der Managementautor Reinhard Sprenger „Neuentwurf-Rebellion" nennt. Das funktioniert, wenn das Gesamtsystem aus vielen kleinen Einheiten in einem agilen Netzwerk besteht, das sie mit Ressourcen versorgt. Damit verbunden sind auch weniger Missbrauchsskandale, die sich eher dort sammeln, wo sich große Machtzentralen befinden. „Meetings definieren Bedeutung, Status, Zugehörigkeit. Jours Fixes, Abteilungs- und Bereichsleitertreffen, Ausschüsse und Gremien jeder Art: Diese Routinen sollen Stabilität und Kontinuität in der Führungsarbeit sichern. In der Realität absorbiert der Meetingtourismus viele Führungskräfte - sie entfernen sich faktisch von der eigentlichen Arbeit", schreiben Susanne Ehmer, Wolfgang Regele, Doris Regele, Herbert Schober-Ehmer in ihrem Buch „ÜberLeben in der Gleichzeitigkeit". Sie verweisen darauf, dass es nicht genügt, dass sich Organisationen immer wieder neu zu „erfinden". Das gilt auch für Fußballorganisationen: Wenn sie wieder ein „offenes Spielfeld" werden, können sie sich im Fluss der Veränderung auch neu definieren. Die jeweilige Führung muss entsprechende Rahmenbedingungen setzen und ihre Einhaltung sicherstellen. Das gelingt allerdings nicht durch Herumbasteln an Einzelteilen, sondern durch Arbeit an den Interaktionen. Mit einer Ethikkommission, einem Finanzbericht und der Einrichtung einer Compliance-Stabsstelle ist es nicht getan. Was eine moderne Organisation zuerst braucht, sind zeitgemäße Strukturen, zu denen die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Organisationen heute zwingt (z. B. klare Trennung von Gemeinnützigkeit und Wirtschaftsunternehmen). Dazu gehört auch, ihre Steuerung zu erweitern: z.B. um ein professionelles Nachhaltigkeitsmanagement. Es integriert Einzelaspekte wie Compliance oder die Notwendigkeit einer Ethikkommission in richtige Strukturen und Prozesse. 2013 erschien zwar ein DFB-Nachhaltigkeitsbericht, der allerdings den professionellen Anforderungen an ein solches Medium nicht standhält. „Nicht prioritär" Im DFB-Journal 1 (2016) sagte der designierte DFB-Präsident Reinhard Grindel, der in den Medien als konservativ bezeichnet wird: „Ich glaube (!), wir brauchen in Zukunft mehr Transparenz auf allen Ebenen. Etwa bei dem jetzt anstehenden Vertrag mit einem Generalausrüster." Auch ist er „persönlich" dafür, dass „wir (!) mehr wirtschaftliche Transparenz zeigen, indem wir etwa jedes Jahr eine Bilanzpressekonferenz veranstalten und einen Finanzbericht veröffentlichen". Ein Konservativer ist im Grunde nicht realistisch - genauso wenig wie jemand realistisch ist, der die Zukunft der Gesellschaft planen will, sagt Alexander Kluge. Denn kein Subjekt kann die Evolution (auch nicht von Organisationen), für die der Grindel-Vorgänger Wolfgang Niersbach „stand", steuern: „Man kann sich versammeln und sagen, wir sind jetzt das Zentralkomitee und organisieren die Zukunft." (Der DFB behauptet in seiner Kommunikation sogar: „Fußball ist Zukunft"!) Das funktioniert allerdings nicht, weil wir als Lebewesen zu komplex sind. Deshalb ist es wichtig, auf die Selbstorganisation zu achten - das gilt ebenso für lebende Systeme wie Organisationen. Alle von Reinhard Grindel genannten Themen haben vor allem mit dem Hauptamt zu tun. Weshalb setzt sich der DFB dann für einen ehrenamtlichen Präsidenten ein? "Politik war immer meine Leidenschaft", erklärte der CDU-Mann Grindel. Marlehn Thieme, Ratsvorsitzende des Rats für Nachhaltige Entwicklung (RNE), appellierte aus Anlass seines 15-jährigen Bestehens an die Bundesregierung und alle Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik (!), Nachhaltigkeit auch künftig höchste politische Priorität zu geben. Kritisch beobachtet sie in jüngster Zeit ein nachlassendes Engagement und warnt vor einem Rückfall in vermeintlich „einfache Lösungen". Daher sei es Aufgabe der Politik, Zukunftsverantwortung groß zu schreiben und ernst zu nehmen. Das Medium, das dem künftigen DFB-Präsidenten u. a. dafür als Grundlage dient, ist der DFB-Nachhaltigkeitsbericht. Am Ende findet sich im GRI-Index unter dem Thema „Strategie und Analyse" („Wichtigste Auswirkungen, Risiken und Chancen") der Vermerk: „Nicht prioritär".
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