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13/12/2016 15:16 CET | Aktualisiert 14/12/2017 06:12 CET

„Nutzt Eure Möglichkeiten!" Ein Plädoyer für Menschlichkeit

dpa

„Erinnert euch eures Menschseins und vergesst den Rest." Bertrand Russell und Albert Einstein

Um die Grundprobleme unserer Zeit zu erkennen und zu lösen, braucht es ein Denken, das die Praxis nicht vernachlässigt. Genauso wichtig ist es, zukünftige Handlungen und Einstellungen zu berücksichtigen. „Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre", schreibt Roger Willemsen in seiner Zukunftsrede, die im schmale Band „Wer wir waren" enthalten ist.

Das von seiner Nachlassverwalterin Insa Wilke herausgegebene Buch basiert auf einem zweimal gehaltenen Vortrag, aus dem ein Buch entstehen sollte, als Roger Willemsen noch nichts von seiner Krankheit wusste.

Im August 2015 erfuhr der Publizist von seiner Krebserkrankung und zog sich konsequent aus der Öffentlichkeit zurück. Im Februar 2016 starb er, 60 Jahre alt. Sein Vermächtnis umfasst ebenfalls knapp 60 Buchseiten. Allerdings empfand er seinen Geburtstag als prägende Zäsur, der auch jene Ernsthaftigkeit geschuldet war, die seine letzten Interviews und dieses Buch prägt. Ernsthaftigkeit hat immer damit zu tun, dass wir uns zu etwas bekennen, dass wir etwas wichtiger finden als etwas anderes.

Das Vermächtnis des Roger Willemsen

Roger Willemsen hatte keine Zeit mehr für poetische Ausschmückungen und wollte nicht mehr unterhalten, sondern beobachten und präzise sagen, wie es ist. Ihn beschäftigten die blinde Flecken in der Beobachtung der Welt, ihres ökologischen und des gesamten Zustandes, aber auch des Bewusstseinszustandes. Er wollte sich nur Dingen widmen, die wirklich notwendig sind. Sich die Wirklichkeit vergegenwärtigen, sagte er oft.

Viele Freunde und Wegbegleiter bemerkten in ihren Nachrufen, dass er ihrer Arbeit „neben der ihnen eigenen Dringlichkeit einen besonderen Glanz" (Amnesty International) gegeben hat.

Ihm blieb am Ende nicht mehr viel Zeit, die noch verbleibende Frist zu nutzen. Aber er bezog schon im Leben aus dem Tod „die Dringlichkeit, die ihn vor blödsinnigem Fernsehkarrierismus und tausend anderen Eitelkeitsfallen der Egomanie schützte" (Iris Radisch). Dringlichkeit fußt auf Verstehen, Hoffnung und Identifikation, und sie zeigt sich in der Erkenntnis, sofort handeln zu müssen.

In seinem letzten Buch blickt er aus der Zukunft auf die Gegenwart, weil sie ihm ermöglicht hat, sie schärfer zu sehen:

„Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten."

Beschrieben werden die Bedingungen, unter denen sich unser Bewusstsein verändert. Dazu gehört der technische Fortschritt, die Veränderung unserer Aufmerksamkeit, die Instabilität und Flüchtigkeit. Willemsen fragt, wie es möglich sein kann, dass wir heute (wo alle Ressourcen und auch die Zukunft knapp werden) alles vor uns auf dem Tisch liegen haben, aber daraus keine Konsequenzen für unser Handeln gezogen werden.

Wir sind „jene die wussten, aber nicht verstanden. Voller Informationen, aber ohne Erkenntnis. Randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir von uns selbst nicht aufgehalten."

Er befürchtet (im durchgängigen Futur II), dass wir „das Menschsein" wohl aufgeben haben werden und uns künftig „weniger mitfühlend, weniger solidarisch, weniger sentimental" verhalten.

Der „Wesentlichkeit", die sich bekanntlich langsam vollzieht, setzen wir die schnelle „Selbstoptimierung" entgegen. „Wesentlich" war Willemsens Domäne, die bis zum barocken Dichter Angelus Silesius zurückreicht („Mensch, werde wesentlich...") und sich auch bei Gottfried Keller findet: "Mensch werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht, / So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht."

Das letzte Buch von Roger Willemsen ist ein Konzentrat, das weiterverarbeitet werden will. Es steht für das, was der französische Lyriker, Philosoph und Essayist Paul Valéry an Büchern wie an Gerichten am meisten liebte: das Magere.

Er holte sich daraus nur Keime, die er in sich produktiv „weiterzüchtete". Nur aus dem Mageren, Unfertigen konnte er etwas hervorbringen. So ist es auch mit Willemsens Zukunftsrede - sie ist nicht reich an Antworten, sondern macht aufmerksam und fordert uns auf, uns einen Überblick zu verschaffen und selbst Antworten zu finden. „Nutzt eure Möglichkeiten." Das ist sein Vermächtnis an die nächste Generation und sein Plädoyer für Mitmenschlichkeit.

Es macht Sinn, diesem schmalen Band ein fast 500 Seiten starkes Werk an die Seite zu stellen, damit sich die Inhalte gegenseitig durchdringen, und wir einen Kompass auf der Suche nach Antworten haben. Es ist die kurze Geschichte der Gegenwart von Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

21.0 ist ein Crashkurs durch unsere Geschichte, der Mechanismen der Wahrnehmung und des Denkens. Und auch dies erinnert an Roger Willemsen: „Wir wissen so viel wie nie zuvor - und verstehen die Welt dennoch nicht."

Es ist ein hoffnungsvolles Buch - trotzdem. Denn es nimmt dem Leser die Angst vor der Zukunft: Alles kann auch ganz anders werden als gedacht. Wer sich das immer wieder bewusst macht, ist auch fähig, die Chancen des Unvorhergesehenen zu nutzen.

Literatur und weiterführende Informationen:

Andreas Rödder: 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. Beck Verlag, München 2016.

Roger Willemsen: Wer wir waren. S. Fischer Verlag. Frankfurt a, M. 2016.

Über Roger Willemsen in der Huffington Post

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