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06/02/2017 12:35 CET | Aktualisiert 07/02/2018 06:12 CET

Narzissten in Führung: Ein Psychogramm

Anstand und Bildung scheinen derzeit auf der Verliererseite zu stehen. Primitive Kräfte mit einem Schuss krimineller Energie und intellektueller Begrenzung gewinnen die Oberhand, und weltweit einflussreiche Chefstrategen arbeiten daran, die ganze Welt aus den Angeln zu heben.

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Narzissten und Populisten: Entenhausener Redensarten

Anstand und Bildung scheinen derzeit auf der Verliererseite zu stehen. Primitive Kräfte mit einem Schuss krimineller Energie und intellektueller Begrenzung gewinnen die Oberhand, und weltweit einflussreiche Chefstrategen arbeiten daran, die ganze Welt aus den Angeln zu heben. DER SPIEGEL widmete sich in seiner aktuellen Ausgabe (6/2017) „Mephistos Plan". Schon Goethe lässt seinen Mephistopheles sagen:

„Man fragt ums Was? und nicht ums Wie?

Ich müsste keine Schiffahrt kennen.

Krieg, Handel und Piraterie,

Dreieinig sind sie, nicht zu trennen."

(Faust, Zweiter Teil, V. 1185-88)

In seinem „Faust" stellt Goethe die Tat an den Anfang und bemerkt, dass der Handelnde mit seinem „selbstischen Ich" immer gewissenlos sei. Gewiss, wir müssen anpacken, pragmatisch sein und weniger Fensterreden halten, um die Probleme der Gegenwart zu lösen - aber mit Überlegung und Urteilsfähigkeit.

Aber wo sind die Intellektuellen, die imstande wären, komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen und zu erklären, die sich mit dem Jargon der Narzissten und Populisten beschäftigen und sich in der Öffentlichkeit bemerkbar machen? Die Krise der Welt ist auch eine Krise der Intellektuellen, die sich häufig nur um sich selbst drehen. Sie schotten sich ab und arbeiten mit einem Vokabular, das nur sie selbst verstehen (und sich darin gefallen). „Hermeneutische Initiation des Lesers" ist nur ein Beispiel für viele - warum sagt man nicht einfach „Vorwort"?

Wenn heute keine Übersetzungsarbeit geleistet wird und sich die Intellektuellen hinter ihren Wortkonstruktionen verschanzen, wird es nicht mehr lange dauern, bis ihnen andere ihre simplen Überzeugungen aufdrücken.

Viele Begriffe, die heute Konjunktur haben, erinnern an Entenhausen, wo Dagobert Duck Inhaber einer vollautomatischen Eindosungs- und Verpackungsanlage ist. Auch sein darwinistisches Motto lautet: „Das Leben ist Kampf." Das Fließband transportiert die Spinatkonserven bis zu den Frachtern. Mittelständische Betriebe sind in riskante Investitionen verwickelt. „Ohne Risiko kein Reichtum" ist hier eine Redensart der Stadtbewohner. Denn ohne Risiko kein Reichtum, lautet eine Entenhausener Redensart.

Schon der Blick aufs Meer lässt die Bewohner glauben, dass sich Unwägbarkeiten berechnen lassen, auch haben sie sich daran gewöhnt, dass Untergänge abgeschrieben werden können. Machbarkeit ist ein Schlüsselbegriff in Entenhausen.

Warum die Sache schiefgeht

Die neuen selbsternannten Macher rechtfertigen ihr Tun damit, dass sie Arbeit schaffen, Kosten senken und Gewinne für Aktionäre erzielen wollen. Begriffe wie Erwerbungen, Zinsen, Anteile und Profite prägten ihr Denken. Sie behaupten sich „brutalstmöglich".

Amerikanische Forscher bemerkten bereits 2014, dass in Chefetagen der Anteil psychisch kranker Menschen sechsmal höher ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. Das Problem mit diesen Menschen ist, dass sie regelmäßig das Risiko ihrer unüberlegten und oft spontanen Handlungen falsch einschätzen und deshalb das Unternehmen, das sie führen, an die Wand fahren.

Der Begriff Narzissmus geht auf einen Mythos zurück, von dem es mehrere Versionen gibt. Hier eine positive Abwandlung davon: Der Jüngling Narzissus verliebt sich in sein Spiegelbild, das ihm aus einer Quelle entgegenblickt. Verzweifelt versucht er, sich mit diesem Bild zu vereinen, stürzt dabei ins Wasser und ertrinkt. An jener Stelle lassen die Götter eine Blume wachsen: die Narzisse, die für Friede, Neubeginn und Leben steht.

Die mächtigsten Narzissten 21.0 blühen leider nicht auf, denn sie sind ruhmsüchtig, egozentrisch, verblendet, gierig, ignorant und brauchen stets ein Feld, auf dem sie sich hervortun können. Sie schnüren Konflikte und provozieren andere. Sie kommen nicht nach oben, weil sie intelligenter, kompetenter oder sozialer als andere, sondern weil sie gemeiner, aggressiver und schamloser sind.

In ihrem Buch „Warum die Sache schiefgeht" verweist Karen Duve auf die Ursache in ihrem Gehirn:

„Es handelt sich um einen Defekt im paralymbischen System, das für Impulskontrolle sorgt und moralische Entscheidungen trifft. Dort werden unsere Erfahrungen an Gefühle gekoppelt. Bei Psychopathen ist dieser Hirnbereich weniger aktiv und strukturell schwächer." Deshalb sind sie nicht fähig, Reue, Scham oder Mitgefühl zu empfinden (ein Fehler an der Amygdala). Aufgrund der fehlenden Empathie können sie ihre Ziele gnadenlos verfolgen.

Menschen werden von ihnen danach „gescannt", inwiefern sie als Selbstobjekt verwendbar sind oder verwendbar gemacht (manipuliert) werden können. Der Wert des anderen ergibt sich nicht aus dessen Sein an sich, sondern aus dessen Nutzen für die „narzisstische Regulation".

Aus allem möchten sie einen Vorteil ziehen. Ihr Leben ist ganz von außen gesteuert, weshalb es sich niemals selbst begegnen kann. Alles, was sie tun, folgt einem inneren Stressprogramm, was auch ihre Sprunghaftigkeit und Unruhe erklärt.

Rücksichtslose Ichlinge

Der erste Narzisst in Chefetagen, der mir begegnete, arbeitete in jenem Konzern, dessen CEO kurz nach der US-Wahl im November mit Blick auf den von Trump angedachten Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko sein Unternehmen ins Spiel brachte: „Ob die Mauer gebaut wird, weiß ich nicht. Aber wenn, wären wir [mit unseren Zementwerken] in Texas und Arizona nicht schlecht bedient."

Der damalige Manager brauchte keine Grammatik, denn sein Leben war eine Baustelle, auf der die Worte wie Schutt herumlagen. Die Grenzen seiner Sprache waren die Grenzen seiner Welt: „Wir beschäftigen uns um (!) das Thema", die „Adresse geht an (!) Ihnen", „die Kosten liegen über alles (!)".

Sein Weltbild war ebenfalls voller Kampf wie in Entenhausen: In seiner Welt „fackelte" der „Wort-Gewaltige" Gesprächsthemen ab, Kritik begegnete er, indem er seinem Gegenüber die „Waffe" abnahm und sie gegen ihn richtete.

Er war berechnend, aber er verrechnete sich: Er konstruierte Organigramme und verplante die nächsten Jahre, ohne auf seine Umwelt zu blicken. Er sah in seinem Hochmut nur sich selbst und war dann plötzlich überrascht, dass sich die Dinge anders entwickelten als in seinem Mephisto-Denken. Sein konstruiertes Karrieregebäude war nicht überlebensfähig.

Rücksichtslose Ichlinge sind überempfindlich, schnell beleidigt und verzeihen nie, sie entwerten andere und betrachten ihre Mitmenschen als Manipulationsmasse, um ihre Ziele zu erreichen. Ein Mensch, der mit sich im Reinen ist, handelt in nachhaltiger Weise auf der Basis stabiler Selbstsicherheit, die das Grundgerüst einer demokratischen Gesellschaft bildet. Doch wo es nur noch um die Kompensation seelischer Defizite geht, gedeiht die narzisstische Gesellschaft, aus der nichts Gutes hervorgehen kann.

Literaturhinweise:

Karen Duve: Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Verlag Galiani, Berlin, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.

Reinhard Haller: Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis. Ecowin Verlag, Salzburg 2013.

Alexandra Hildebrandt: Manieren 21.0: Warum gutes Benehmen heute wieder salonfähig ist. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Hans-Joachim Maaz: Die narzisstische Gesellschaft: Ein Psychogramm. C. H. Beck, München 2013.

Tillmann Prüfer: Psychopathen ganz oben. In: Handelsblatt (9. Juni 2014) S. 35.

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