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15/10/2015 07:01 CEST | Aktualisiert 15/10/2016 07:12 CEST

Keine Abziehbilder: Warum wir echte Köpfe brauchen

Thinkstock

"Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu", schrieb der österreichische Dramatiker Ödön von Horváth. Viele Menschen sind von der Volkskrankheit „Fremdbestimmung" betroffen und haben deshalb auch kaum ein stimmiges Bild von sich selbst. Ihre Konturen sind so unscharf wie ihr Blick in die Zukunft.

Anders ist es bei denen, die mit sich selbst im Einklang leben und Ecken und Kanten zeigen. Nein, bequem sind sie nicht, aber ehrlich und erkennbar, weil sie Profil haben.

Sie wissen, wie Menschen angesprochen werden müssen, um sie auch innerlich zu erreichen. Das Einfachste ist für sie das Beste, was sich auch in ihrer Sprache zeigt. Unterhaltung und Information schließen sich für sie nicht aus.

Die anderen sind „Zeitgenossen, haufenweise", wie sie Erich Kästner 1924 in seinem gleichnamigen Gedicht beschrieben hat. Sie „haben Köpfe wie auf Abziehbildern":

Sie loben unermüdlich unsre Zeit,

ganz als erhielten sie von ihr Tantiemen.

Ihr Intellekt liegt meistens doppelt breit.

Sie können sich nur noch zum Scheine schämen.

Sie haben Witz und können ihn nicht halten.

Sie wissen viel, was sie nicht verstehen.

Man muss sie sehen, wenn sie Haare spalten!

Es ist, um an den Wänden hochzugehn.

Der Unterschied macht die einzigartige Kunst des Lebens aus. Und das eigene Schlappmaul, denn ein erfülltes und ehrliches Leben braucht zuweilen auch eine "trefflich lockere Zunge".

Für sein „schlagkräftiges Wort" wurde dem Sportmoderator Waldemar Hartmann im Februar 2015 von der Kitzinger Karnevalsgesellschaft während ihrer Rosenmontagssitzung der Schlappmaulorden überreicht.

Die Laudatio hielt seine Vorgängerin, Bundestagsvizepräsidentin und Grünen-Politikerin Claudia Roth: "Haudrauf, Schenkelklopf-Produzent, der Duz-Dudelsack, die Kumpelei-Qualle - das ist nicht fair. Das ist Klischee. Deswegen: Einspruch". Es folgte ein flammendes Plädoyer auf einen Menschen, der in allem, was er in seinem Leben tat, einzig und nicht immer artig war.

In diesem Blog wird zugleich die Arbeit am Nachhaltigkeitsalphabet fortgesetzt. Aus allen Begriffen, Zitaten und Blogbeiträgen wird ein Profil unserer Gegenwart erstellt.

Auch wenn Waldemar Hartmann den Nachhaltigkeitsbegriff in seinem Buch nicht benutzt, so haben seine Themen sehr wohl mit diesem Thema zu tun - wie sich an der Auswahl der folgenden Zitate zeigt, die der unten genannten Quelle entnommen sind.

Dass sich die Themen auf wunderbare Weise mit vorangegangenen Blogbeiträgen verbinden, zeigt einmal mehr, dass alles mit allem zusammengehört - und dass Ernstes nicht immer ernst vermittelt werden muss.

Kleines Alphabet der Nachhaltigkeit nach Waldemar Hartmann

Alter:

Mensch, Waldemar Hartmann! Absolut lebens- und livetauglich

„Wir machen alle nur Fernsehen. Und in unsere Sendungen kannst du am nächsten Tag nicht einmal den Fisch einwickeln wie in die Zeitung von gestern.

Also: Entzugserscheinungen habe ich keine. Und wenn ich ein rotes Licht sehen will, kauf ich mir irgendwann eine Rheumalampe, aber jetzt noch nicht. Ich fühle mich nicht wie ein Rentner. Ich habe Leute erlebt, die haben mit fünfzig entschieden, jetzt bin ich alt. Und eine Woche später waren sie alt."

Erfolg:

Design Your Life! Leben und Arbeit neu gestalten

„Wenn du etwas machst, das du nicht magst und damit Erfolg hast, ist das vielleicht noch in Ordnung. Aber etwas zu machen, das du nicht magst und damit keinen Erfolg mehr hast - das muss die Hölle sein."

Fahrrad:

Bewegte Zeiten. Warum das Fahrrad unsere Sehnsucht nach Selbstbestimmung stillt

Unverwundbar klug! Warum Selbstbildung Schule machen sollte

„Ich hatte mir also früh eine gewisse Selbstständigkeit geschaffen, die durch zwei Faktoren noch verstärkt wurde: Ich bekam endlich ein Fahrrad. Und ich fuhr 1959 zum ersten Mal ins Ferienlager, ausgerechnet in die DDR..."

Frauenquote:

Qualität macht Quote. Warum kluges Management keine Geschlechterfrage ist

„So kam es, dass meine ehemalige Hospitantin auf einmal meine Chefin war. Womit ich grundsätzlich kein Problem hatte. Aber der Weg dahin, dieses Vorgehen aus dem Hintergrund, hat mir gestört. Und irgendwann hat die neue Chefin vielleicht in einem schlauen Buch gelesen, wie sich neue Chefs am besten profilieren können - indem sie den alten Leithirsch absägen. Wenn der erst erledigt ist, gehen alle anderen eh vor lauter Angst auf Tauchstation."

Gemeinschaft:

"Zum Wohle!" Warum Gemeinschaft und Genuss zusammengehören

Starke Gemeinschaft. Warum das lokale Engagement in der Globalisierung boomt

„Ich habe abgespült, meine Schwestern haben abgetrocknet. Es war ein Gemeinschaftsleben mit sehr viel Solidarität, und ich kann nicht behaupten, dass wir (in der Kindheit, A.H.) unglücklich waren."

Heimat:

Heimat: Garten des Menschlichen

Heimat 2.0: Sechs Gründe, warum wir eine Kultur der Nähe brauchen

„Wir wohnten im Glasscherbenviertel Gibitzenhof im Nürnberger Süden... In der Zeit feierte ich auch meine Erstkommunion, und zwar bei den Franziskanern in der St. Ludwigskirche. Dort gab es für mich zwei große Bs: die Bibel und den Ball. ... Die Franziskaner, das war ein Stück Heimat für mich."

Kommunikation:

Einfach verstehen. Warum Kommunikation eine Lebenskunst ist

Wie Öffentlichkeit erreicht, geschaffen und verbessert werden kann

„... die Leute schalten eine Sendung nicht ein, weil sie den Grimme-Preis bekommen hat, sondern weil sie gut unterhalten und gut informiert werden wollen."

Leben:

Leibhaftig! Warum wir im digitalen Zeitalter eine Stammtischkultur brauchen

„Probiert es aus! Das Leben macht auch Spaß, wenn man seine Nase nicht mehr in die Kamera hält."

Macht:

Macht: Wieso wir Erfolg haben. Und scheitern.

„Dadurch, dass ich nicht mehr BR-Sportchef war, war meine Machtbasis dahin, so ist das in der ARD."

Romantiker:

Warum die Wirtschaft Business-Romantiker braucht

Fels sein und Wasser: Interview mit einem internationalen Business- & Managementexperten Tim Leberecht

„Gerd (Roy Black, A.H.) war ein Rock´n´Roller, aber er war zugleich ein Romantiker. Und dieser Zwiespalt hat ihn immer wieder schier zerrissen. Ich habe seine Hoch-Zeiten erlebt, aber auch seine Downs. Sein ganzes Leben war eine Achterbahnfahrt..."

Team:

Gewöhnlich und wirksam. Woran wir richtiges Management erkennen

Gipfelstürmer: Warum der Berg eine Lebens- und Karriereaufgabe ist

„Du darfst als Mensch, der seinen Rüssel in eine Fernsehkamera hält, nie vergessen, dass du ohne Team gar nichts bist, eine Null. Hab Respekt vor denen, die dir zuarbeiten! Denn ohne den Kameramann hast du kein Bild. Der kann dich auch so abfilmen, dass du ihm keine böse Absicht unterstellen kannst, wenn er dich als ausschauen lässt, im wahrsten Sinne des Wortes."

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Waldemar Hartmann ist am 16. Oktober 2015 Ehrengast der Burgthanner Dialoge.

Literatur:

Waldemar Hartmann: Dritte Halbzeit. Eine Bilanz. Wilhelm Heyne Verlag, München 2013.

Kästner, Erich: Zeitgenossen, haufenweise Gedichte. Hanser Verlag, München 2003.

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