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14/03/2015 04:15 CET | Aktualisiert 14/05/2015 07:12 CEST

Warum die Nachhaltigkeits-Governance Deutschlands auf dem Prüfstand steht

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Nachhaltigkeit - Interview mit Prof. Dr. Günther Bachmann Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der dafür plädiert, transformative Nachhaltigkeit aus dem Begriffshimmel auf die Erde zu holen.

Herr Prof. Bachmann, wie kann eine Nachhaltigkeits-Governance konstruktiv gemacht werden? Und welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Transformationen?

Große Transformationen sind nichts Außergewöhnliches. Sie geschehen allenthalben, denkt man an die Deutsche Einheit, die europäische Einigung. Auch die Energiewende ordne ich hier ein. In den 70er und 80er Jahren waren brennende Giftdeponien, Müllberge und gelbe Schornstein-Schwaden an der Tagesordnung.

Dass sie es heute nicht mehr sind, ist Teil transformativen Wandels. Er verändert das Leben der Menschen und die Rahmenbedingungen für Politik und Wirtschaft. Das Neue heute ist, dass unser Wachstumsmodell zur Transformation zwingt, und zugleich die Illusion nährt, alles könnte so weitergehen wie bisher.

Weshalb wird dies aber oft nicht wirklich wahrgenommen?

Veränderungsprozesse erstarren allzu leicht in Zuständigkeiten und Disziplinen bis hin zu siloartigem Ressortdenken. Ihre Protagonisten erscheinen dann satt, verteidigen ihre Bereiche und schauen bei wirklich neuen Herausforderungen auch gerne einmal weg. Wer mit aktivem Verändern begonnen hat, der setzt das nicht automatisch fort. Seminare ersetzen dann Aktionen. Transformation verliert an Lebenswirklichkeit.

Die Idee der Transformation leidet Ihrer Meinung nach unter einem öko-diktatorischen Unterton, der aber gar nicht nötig ist. Wie kann er ausgeräumt werden?

Beispielsweise durch die rechtsstaatlichen Prinzipien der Nachhaltigkeits-Governance. Transformation müsste sich auch stärker mit der Lebenswelt der Menschen und der Praxis in Unternehmen verbinden. Und vor allem: Wer von Transformation redet, sollte sie als Teil der repräsentativen Demokratie sehen.

Viel zu viele Menschen spielen mit der verführerischen Vorstellung, Transformationen gingen nur von oben und Regierungsmodelle wie das in China seien im Vorteil. Ich halte diese Annahme für falsch. Meine Meinung ist, dass erst eine demokratisch gelebte Idee der Transformation die Chance gibt, die oft geringe Wahlbeteiligung in Deutschland zu verbessern.

Weshalb verbietet sich in einer Welt von bald zehn Milliarden Menschen, mit Restriktionen der Ressourcenverfügbarkeit und Einschränkungen durch die Auswirkungen des Klimawandels für Sie der Gedanke an ein Business-as-usual?

Was die Aufklärung für den Absolutismus ist, muss die Maxime der Nachhaltigkeit für die Ressourcennutzung werden: Eine Wende zu Kreislaufwirtschaft, Schadstofffreiheit und Ressourceneffizienz.

Was bedeutet das konkret für die Governance?

Ein Beispiel: Weltweit werden über eine Milliarde Tonnen Lebensmitteln im Jahr weggeworfen oder gehen verloren. Darunter ist in den Industrieländern ein skandalös hoher Anteil von Fleisch, was die Verschwendung natürlicher Ressourcen noch vervielfacht.

Verluste und Vernichtung von noch brauchbaren Nahrungsmitteln sind eine Plage biblischen Ausmaßes, auch und gerade in Deutschland. Zivilgesellschaftliche Initiativen reagieren mit Aufklärung und Aktionen: taste the waste, zu gut für die Tonne, essens-werte, safe food, united against waste sind einige aktuelle Stichworte. Die „Tafeln" arbeiten an der sinnvollen Verwendung von noch brauchbaren Resten.

Die Gesellschaft ist bereit zu handeln. Was fehlt sind Rahmenbedingungen, ein klares Ziel zur schnellen Halbierung der Wegwerfmenge, Klarheit und Zuverlässigkeit von Daten und Informationsgrundlagen sowie Vorgaben für Einzelhandel und Außerhausverpflegung.

Transformative Nachhaltigkeits-Governance heißt hier zunächst Ziele vereinbaren und Verantwortung für Maßnahmen zuordnen, Indikatoren und Daten sicherstellen, um Veränderung zu messen.

Was heißt das beispielsweise konkret für den Bereich Abfalltrennung?

Ziele, Gesetze liegen hier vor und werden auch überwacht. Deutsche sehen sich selbst gerne als Weltmeister im Getrenntsammeln von Abfällen. Doch der hohe Anteil getrennt erfassten Mülls täuscht darüber hinweg, dass die Quote des tatsächlichen Recyclings viel kleiner ist. Elektroschrott und Recycling: Das muss völlig neu buchstabiert werden.

Dass die Kreislaufwirtschaft vorne, beim Produktdesign und in der Produktion anfangen muss, ist zwar ein Credo, aber noch keine Wirklichkeit. Viele wichtige Rohstoffe, selbst solche mit strategischer Bedeutung, verschwinden im Müll.

Unmenschliche Arbeitsbedingungen auf Schrottplätzen in Afrika oder Indien müssten ebenfalls zu einer Politikänderung bei uns führen. Transformative Nachhaltigkeits-Governance wäre hier vor allem ein Neustart der Kreislaufwirtschaft und eine Re-Organisation von Innovation und Partnerschaften.

Internationale Experten haben auf Einladung der Bundesregierung die deutsche Nachhaltigkeitspolitik unter die Lupe genommen. Was war das Ergebnis?

Ergebnis ist, dass Deutschlands Nachhaltigkeits-Governance in der Regierung, im Parlament und in der Gesellschaft gut aufgestellt ist, aber wirksamer agieren könnte.

Die Experten betonen, dass Nachhaltigkeit längst nicht mehr nur „nice to have" ist, sondern gute Nachhaltigkeitslösungen eine strategische Rolle in Politik und Wirtschaft, aber auch für die Einstellungen und Haltungen der Menschen spielt.

Was zeichnet das moderne Verständnis von Governance aus?

Es geht über Gesetze und Regierungshandeln hinaus. Es geht auch um die Rolle von Medien, der Wissenschaft und um den gesellschaftlichen Kontext. Gute Governance lässt Raum für Unvorhersehbares und versteht sich als etwas Entwickeltes, aus Protest Entstehendes und sich Wandelndes.

In einer komplexen Welt gilt es, mit Zielkonflikten und Widersprüchen, Ambivalenzen, unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Asymmetrien umzugehen. Unsere politische Praxis reflektiert die Idee der Unabhängigkeit.

Mit der Idee, von etwas unabhängig zu sein, wurden Staaten gegründet und entwickelten sich die Städte. Mit dieser Idee wurden aber auch Zuständigkeiten und Ressorts, Disziplinen und Fachgemeinschaften von Menschen definiert. Das gilt es zu überwinden, wenn wir Nachhaltigkeit wollen.

Was sind für Sie Nachhaltigkeitsstrategien?

Sie sind quasi eine Art Abhängigkeitserklärung. Hier geht es um Zusammenarbeit und Integration von Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Es geht um Koordination und Kohärenz, um die verschiedenen Aspekte sinnvoll zu ordnen.

Das ist eine große Lernaufgabe für alle Beteiligten. Transformationen müssen in der Mitte der Gesellschaft gelingen. Ein gutes Zeichen: Viele der mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichneten Unternehmen kommen aus Geschäftsfeldern, die den Mainstream beeinflussen.

Die Bundesregierung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt und lässt ihren Erfolg oder ihre Defizite im Verfolgen dieser Ziele durch unabhängige Statistiker messen. Wo zeigen sich erste Effekte für den Wandel?

Beispielsweise im privaten Konsum. Der Begriff Nachhaltigkeit ist einer steigenden Zahl von Menschen bekannt. In den Medien taucht er öfter auf als früher. Das Internet spielt eine zunehmende Rolle vor allem in der Generation, für die herkömmliches Fernsehen nur noch kaputtes Youtube ist.

Hier breiten sich Nachhaltigkeits-Ideen aus. Heute ist Nachhaltigkeit gefragter als in den Jahren zuvor: als politisches Konzept, aber auch als Orientierung und Haltung für ein gutes Leben. Neue Produkte, Umstellungen der Produktion und Nachhaltigkeitskriterien bei Lieferanten und Vorproduzenten sind ein richtiger Weg. Hier ist aber mehr Mut und mehr Verbindlichkeit gefordert.

Die Nachhaltigkeits-Governance Deutschlands steht auf dem Prüfstand. Woher kommt der Impuls dazu?

Der Impuls kommt von der globalen Politik. Die Staaten der Welt werden sich gemeinsame Ziele für ihre Nachhaltigkeitspolitik geben. Angesichts des Dramas der globalen Gemeinschaftsgüter ist das in der Tat dringend.

Diese Ziele sollen - das ist neu - für alle Staaten der Welt gelten. Sie sollen universell gültig sein. Insofern ist auch Deutschland ein Entwicklungsland.

Die Idee universeller Sustainable Development Goals hat die Politik verändert, noch bevor sie implementiert wird.

Jetzt müssen wir zeigen, wie die Ziele innerhalb von Deutschland umgesetzt werden und womit Deutschland dabei helfen kann, die Ziele auch in anderen Weltregionen zu erreichen, zum Beispiel: durch Finanzierung, Kooperationen, Partnerschaften, modellhafte Durchbrüche, Kompetenzaustausch und die Mittel der internationalen und der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit.

Es gibt weltweit ein erhebliches Interesse daran, wie gerade Deutschland seine Nachhaltigkeits-Governance anwendet und weiterentwickelt. Aktuell prüfen wir für die Bundesregierung, was hierbei an der Nachhaltigkeits-Governance zu verbessern ist.

Das Interview basiert auf dem Vortrag „Lebensqualität, Wachstum und Wandel: Wie wirksam kann eine Nachhaltigkeits-Governance sein?" von Prof. Günther Bachmann, den er am 26.2.2014 in Hamburg auf der Transformationskonferenz „Ressourcennutzung in einer veränderten Welt" bei der Konrad Adenauer Stiftung gehalten hat.

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