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02/03/2015 05:10 CET | Aktualisiert 02/05/2015 07:12 CEST

Wie wir in unserer Nachbarschaft die Welt verändern können

Thinkstock

Nachhaltigkeit - Sie handeln vor Ort, in ihrer Stadt oder Gemeinde - „transpolitisch" und gemeinsam setzen sie Ideen und Konzepte in die Tat um, denn sie wissen, dass sie die Welt selbst verändern können. Wo die Strukturen überschaubar und kleinräumig sind, greifen auch Verantwortung und Zuständigkeiten von Menschen, die wissen, dass es nur sinnvoll ist, über die Zukunft zu sprechen, wenn daraus schon jetzt ein Handeln wird.

„Wir können Konferenzen zum globalen Klimawandel abhalten, doch die Ergebnisse bleiben belanglos. Die Idee einer globalen Politik leuchtet den Menschen rein rational betrachtet ein, sie erreicht jedoch nicht unser Herz", schreibt Jaron Lanier in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?" Deshalb organisieren sich immer mehr Menschen vor Ort, um etwas im eigenen Leben und ihrem Umfeld zu verändern. Ganz einfach, weil sie es wollen. Sie kommen von der Idee zum nachhaltigen Handeln in der Nachbarschaft.

Nachhaltiges Magazint: Der Veedelfunker

Im ehemaligen Arbeiterviertel Ehrenfeld leben die 90-Jährige Urgroßmutter in ihrem Geburtshaus, die Studenten in ihrer WG, die italienische Arbeiterfamilie und die junge Freelance-Familie nebeneinander. Ihre und viele weitere Geschichten aus der Nachbarschaft präsentiert monatlich der "Veedelfunker - Das Magazin, das Ehrenfeld verbindet". Es erscheint seit Oktober 2013 im Kölner Stadtteil Ehrenfeld in einer Auflage von 5000 Exemplaren. Mittlerweile sind es rund 90 Standorte (darunter Geschäfte, Cafés, Arztpraxen ), an denen er kostenlos ausliegt.

Als Hauptmedium des Pilotprojektes für Deutschland berichtet der Veedelfunker über Menschen, Nachbarn und Freunde aus dem Viertel, die sozial-ökologisch handeln und macht die kleinen guten Taten sichtbar. Damit es auch jeden erreicht und nicht nur diejenigen, die sich ohnehin schon für Nachhaltigkeit interessieren, gibt es das Magazin an über 100 Auslegestellen kostenlos. Es ist auf recyceltem Papier und mit erdölfreien Farben gedruckt.

In dem für das Experiment ausgewählten Viertel Köln-Ehrenfeld ist das Bewusstsein und damit auch die Nachfrage nach dem Veedelfunker stetig gestiegen. Warum? Weil im Mittelpunkt vor allem Menschen stehen, die das Leben vor der Haustür besonders lebenswert machen und mit ihren Taten Großes bewirken. Ihre Ideen, weitsichtigen Impulse und nachbarschaftliche Initiativen sollen zum Nachahmen anregen.

Den Reiz des Authentischen macht sich das Pilotprojekt zunutze, das Dunja Karabaic und Nika Rams mit ihrer Agentur "labor gruen" im Kölner Westen starteten - mit dem Ziel, ökologisch und sozial nachhaltiges Handeln in der Nachbarschaft zu beleben. Die Botschaft kommt allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger daher: „Im Veedelfunker begegnen sich Leser und Autoren auf Augenhöhe.

Die Beiträge widmen sich der Frau von nebenan, die ihr Auto mit Freunden und Nachbarn teilt. Ebenso um den Herrn, der saisonal und regional kocht, oder den Schüler, der defekte Elektrogeräte repariert, die andere wegwerfen. „Viele Ehrenfelder handeln bereits nachhaltig, wissen jedoch nichts von ihrem vorbildhaften Charakter", sagt Mitinitiatorin Dunja Karabaic.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Das Projekt wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) unterstützt und macht vorbildliches Verhalten sichtbar - frei nach dem Motto „Mit gutem Beispiel vorangehen". Neben dem Einblick in spannende Projekte bietet der Veedelfunker auch praktische Tipps zu monatlich wechselnden Themen. Nachbarn gärtnern gemeinsam als Baumpaten, andere installieren in ihrer Straße nach dem Vorbild der Berliner Givebox einen offenen Geschenke-Schrank. Zwei Design-Studenten der Hochschule Ecosign entwickeln ein Veedel-Brett, auf dem Nachbarn Nachrichten und Grüße hinterlassen, ihre Talente anbieten oder nach Verbündeten in der Nachbarschaft suchen können.

Davon profitieren nicht nur das nachbarschaftliche Ambiente und die Umwelt - nebenbei kommen sich auch seine Bewohner näher. "Wir wollen erreichen, dass sich die Nachbarn in der anonymen Großstadt wieder kennenlernen und ihr direktes Lebensumfeld nachhaltig mitgestalten. Denn das passiert nicht automatisch", sagt Nika Rams. Das Veedel ist nicht genug. Das Pilotprojekt wird dokumentiert und später evaluiert. Die Erfahrungen, die in zwölf Monaten Veedelfunker in Köln gesammelt wurden, sollen dann andernorts nutzbar gemacht werden.

Einige deutsche Großstädte haben bereits Interesse an dem Projekt für ihre Stadtteile angemeldet. Denn Vorgestellt werden soll der Veedelfunker 2015 in zehn Städten Deutschlands - damit auch dort die nachhaltige Vielfalt sichtbar wird. Denn erst wenn sich die Menschen mit ihrer Umwelt identifizieren, werden sie sich auch dafür verantwortlich fühlen.

Die Veedelfunker Tour im Frühjahr 2015 soll u.a. diese These nun auf andere Städte übertragen.

Stationen:

03.03. Hameln

06./07.03. Lüneburg

16.03. München

17.03. Frankfurt a.M.

27.03. Hamburg

Wochen der Nachhaltigkeit

Das Veedel steht für Vielfalt: Die Stadtteile Kölns zeichnen sich durch eine sehr heterogene Mischung an Architektur, Kultur, Lifestyles und Traditionen aus. Unter dem Motto „Phantastische Vielfalt" steht in diesem Jahr auch das Deutsche CSR-Forum -Internationales Forum für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit, das am 20. und 21. April 2015 in Ludwigsburg bei Stuttgart stattfindet.

Und vielfältig ist auch der Rahmen des Kongresses: So finden vom 6. bis 26. April 2015 zum sechsten Mal die bundesweiten "Wochen der Nachhaltigkeit" statt, ausgerufen vom Deutschen CSR-Forum und der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ). Die Veranstalter wollen damit zum Nachdenken anregen, wie sich im eigenen Umfeld mehr Nachhaltigkeit leben lässt.

Das Deutsche CSR-Forum und die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) rufen deshalb Kinder, Schüler, Studenten, Erwachsene, Rentner, Unternehmen und andere Organisationen auf, mit einem Projekt sich und anderen zu zeigen, wie wir um eigenen Umfeld nachhaltiger werden können.

Wolfgang Scheunemann, Initiator und Veranstalter des Deutschen CSR-Forums, wünscht sich, dass möglichst viele Unternehmen - ob groß oder klein - die ‚Woche der Nachhaltigkeit' zum Anlass nehmen, über ihre nachhaltigen Produkte und Prozesse zu informieren: Die Restaurants und Kantinen bittet er, „ihren Speiseplan in dieser Woche an Prinzipien der Nachhaltigkeit auszurichten.

Handwerksbetriebe sollten aufzeigen, wie einfach es ist, Energie und Wasser und damit nicht nur Ressourcen, sondern auch Geld zu sparen. Alle Lehrer werden gebeten, sich in den Schulen in den Fächern Biologie, Chemie Deutsch, Englisch, Erdkunde, Kunst oder Wirtschaft dem Thema "Nachhaltigkeit" zu widmen. Auch alle Kommunen, Vereine und Verbände sind aufgefordert, sich aktiv in die 'Woche der Nachhaltigkeit' einzubringen."

Einige Anregungen der Organisatoren für die Wochen der Nachhaltigkeit 2015:

• Gestalten Sie in Ihrem Unternehmen einen CO2-reduzierten Tag, in dem Sie Fahrgemeinschaften bilden oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren.

• Organisieren Sie in Ihrer Gemeinde einen Secondhand-Markt, denn nicht alles muss neu gekauft werden.

• Nehmen Sie die Woche der Nachhaltigkeit zum Anlass, den Stromanbieter in Ihrer Firma oder Organisation zu wechseln und auf Erneuerbare Energien umzusatteln.

• Bieten Sie in Ihrer Kantine oder in Ihrem Restaurant eine Woche lang regionale und fair gehandelte Lebensmittel an.

• Organisieren Sie ein Seminar für Ihre Kunden und Geschäftspartner, in dem Sie darüber informieren, wie nachhaltiger Einkauf aussieht.

• Widmen Sie sich als Lehrer in Ihrem Fach dem Thema Nachhaltigkeit.

• Präsentieren Sie Ihr Engagement zu Nachhaltigkeit mit einem Stand auf der Expo des 11. Deutschen CSR-Forums.

„Wir fangen nicht bei Null an: Es tut sich schon viel!"

Die erste bundesweite Woche der Nachhaltigkeit wurde im April 2010 vom Deutschen CSR-Forum, der SEZ und der Landesmesse Stuttgart ausgerufen. Die Aktionen der „Woche der Nachhaltigkeit" sollen sich an der Definition der nachhaltigen Entwicklung orientieren, die die damalige Brundtland-Kommission den UN vorgeschlagen hat

Ein fester Bestandteil der "Wochen der Nachhaltigkeit" ist auch die internationale Messe für Fair Trade und global verantwortungsvolles Handeln FAIR HANDELN, die die SEZ gemeinsam mit der Landesmesse Stuttgart veranstaltet. Sie zeigt, was jeder Einzelne für eine nachhaltige Zukunft tun kann: ob beim täglichen Konsum, der Beschaffung im Unternehmen, dem Reisen oder der Finanzanlage.

All das sind erfolgversprechende Antworten auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen, denn sie sind weitreichend - und im Sinne des Umweltaktivisten Rob Hopkins, für den es nicht genügt, wenn wir nur ein paar Glühbirnen austauschen oder etwas langsamer fahren: „Die neue Große Vision, wonach lokales Handeln die Welt verändern kann, könnte unsere Bedürfnisse als Individuen und Gemeinden tatsächlich besser erfüllen als die Vision, die gegenwärtig als die einzig praktikable propagiert wird."


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