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03/01/2016 06:54 CET | Aktualisiert 03/01/2017 06:12 CET

Morgen kann ein schönes Zeitalter sein

Thinkstock

"Morgen kann ein schönes Zeitalter sein", sagte Walt Disney einst zu seinen Landsleuten. Zukunft und Vergangenheit haben ihn immer mehr interessiert als die Gegenwart, mit der er oft nicht einverstanden war. So schuf er eine eigene heile Welt, in der die Dinge oft besser sind als die Wirklichkeit, in der es keine geschundene Natur, Wirtschaftskrisen, keine Kriege und keine Rassenkonflikte gibt, sondern liebenswerte skurrile Außenseiter.

Walt Disney, der einen der mächtigsten Medien- und Unterhaltungskonzern aufbaute, eine neue Form der Kinokunst schuf und Disneyland erfand, war ein „Business Romantiker", der die Zukunft oft klarer sieht als die Gegenwart. Den Begriff prägte der internationale Marketing- und Managementexperte Tim Leberecht.

Walt Disney wurde für sein harmonisches Amerikabild, die abgeriegelte Außenwelt, die die inszenierte Disney-Innenwelt nicht stören sollte, sowie seine "Bonbon-Ästhetik" oft kritisiert.

Der heutige Nostalgie-Boom hat ähnliche Wurzeln und Wirkungen wie die Disneywelt

Nostalgie-Boom und Disneys Welt haben eine wichtige psychologische Funktion: Sie stärken soziale Bindungen und das Gemeinschaftsgefühl, erhöhen die Selbstachtung und das Wohlbefinden.

Der Autor Daniel Rettig bemerkt in seinem Buch „Die guten, alten Zeiten", dass Menschen wohl gar nicht anders könnten als rückblickend die schönen Dinge zu betonen und die unschönen auszublenden.

Die einen nennen das romantische Verklärung, für andere wie den Psychologen Daniel Gilbert ist dies Teil eines psychischen Immunsystems, das die prosozialen Seiten des Menschen aktiviert. Das bestätigt auch eine Studie von Francesca Gino von der Harvard Business School:

Sie weckte Kindheitserinnerungen in ihren Probanden und ließ diese Anekdoten aufschreiben. „Wer sich zuvor an schöne Momente aus der Vergangenheit erinnert hatte, spendete anschließend mehr für einen guten Zweck." („Gutes von gestern", Süddeutsche Zeitung, 28.1.2014)

Nostalgie hat aber nicht nur mit der Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit zu tun, sondern bezeichnet auch eine „zeitlosere, existenzielle Empfindung" (Leberecht), die sich bei Disney im Rückgriff auf uralte Mythen zeigen.

Träume werden wahr

In seinen letzten Lebensjahren spürte Walt Disney verstärkt das Gefühl für etwas Größeres, das nichts mit seiner Verantwortung für die Aktionäre seines Konzerns zu tun hatte, sondern mit etwas Sinnvollem, das die Menschheit weiterbringen sollte: „Was ist mein Vermächtnis?"

Lange war der Themenpark „EPCOT", der dem technologischen Fortschritt der Menschheit sowie den verschiedenen Kulturen der ganzen Welt gewidmet ist, der untypischste innerhalb des Walt Disney World Resort nahe Orlando (Florida).

EPCOT (Experimental Prototype Community of Tomorrow) wurde ursprünglich als eine Planstadt von Walt Disney entworfen. Nach seinem Tod im Dezember 1966 übernahm sein Bruder Roy alle Geschäfte und vollendete die Ideen für das Florida Projekt. Walts Pläne wurden allerdings erst etwa zehn Jahre später in einer abgewandelten Form wieder aufgegriffen. Anstatt der futuristischen Stadt sollte ein Themenpark auf der Grundlage einer Weltausstellung entstehen.

Heute ist EPCOT neben dem Magic Kingdom einer der meistbesuchten Parks der Welt. 1971 öffnete Disney World Orlando „Magic Kingdom", in dem Disneys Vision einer Stadt der Zukunft präsentiert wird. Hier gibt es keine Müll-, Energie-, Verkehrs- und Umweltprobleme und keinen Autoverkehr. Die Menschen werden überirdisch (in klimatisierten Zügen) transportiert. Windräder sind in Disney World undenkbar.

Die Systeme für regenerative Energie sind hier fast unsichtbar. Das Versorgungsnetz funktioniert unterirdisch. Das Recycling System von Disney World wurde von sogenannten „Imagineers", die sich mit Technologien beschäftigten, konzipiert.

Im Walt Disney World Resort in Florida erhalten Besucher im „Vision House" einen Einblick in ein „grünes" Zuhause. Herzstück von Epcot® ist „Innoventions", ein aus zwei Gebäuden bestehender Pavillon mit interaktiver Erlebniswelt.

2012 eröffnete das US-Medienunternehmen Green Builder Media mit dem „Vision House" eine experimentelle Ausstellung, die nachhaltiges Denken und Handeln forcieren soll. Thematisiert wurden Energieeffizienz und Wasseraufbereitung, der automatisierte Haushalt, Wohnqualität, Mehr-Generationen-Design, Sicherheit und Langlebigkeit.

Mit einer umweltfreundlichen CERAN® Glaskeramik-Kochfläche und einer ROBAX® Kaminsichtscheibe werden im Vision House auch Produkte der SCHOTT AG aus Deutschland präsentiert (SCHOTT solutions Nr. 1/2013).

Von Epcot aus ist auch ein simulierter Flug auf den Mars möglich. „Dabei wird nicht nur der Blick ins All und auf die Planeten geboten, sondern auch die physikalischen Kräfte, die dabei entstehen, werden simuliert." Einzelne Attraktionen in Epcot werden regelmäßig von Unternehmen wie der Siemens AG gesponsert, die beispielsweise die „Spaceship Earth" unterstützt.

Was Walt Disney mit Elon Musk verbindet

Der Mars und das Potenzial der Menschheit sind auch Hauptthemen des US-amerikanischen Investors, Unternehmers und Erfinders Elon Musk, der wie Walt Disney eine „große Geste für die Menschheit" zu finden hofft.

Beim Sterben würde auch gern denken können, „dass die Menschheit noch eine leuchtende Zukunft vor sich hat". Die Sicherung einer Zukunft für die Menschheit im All sieht er als seine persönliche Verpflichtung an.

Musks Ziele schienen anfangs genauso absurd wie die von Disney. Aber auch er ließ sich von seinen Überzeugungen nicht abbringen. Wie Disney hatte er ein anderes Verständnis der Realität als „normale" Menschen - und viel Fantasie, von der Einstein sagte, dass sie wichtiger sei als Wissen.

Im Kopf von Elon Musk waren bis zur Mitte seiner Teenagerjahre Fantasie und Realität kaum auseinanderzuhalten. Der Einfluss von Disney & Co ist unübersehbar: „Vielleicht habe ich als Kind zu viele Comics gelesen", sagt er.

Hier scheint es irgendwie immer darum zu gehen, „die Welt zu retten. Ich bekam das Gefühl, man sollte versuchen, die Welt besser zu machen, weil das Gegenteil keinen Sinn ergeben würde."

Während Disney am Ende seines Lebens von der Stadt der Zukunft mit bewegtem Herzen sprach, kommuniziert Musk über Autos, Solarmodule und Batterien mit der gleichen Leidenschaft. Alles hat für sie eine Bedeutung und steht in einem größeren Sinnzusammenhang.

Das zeigt auch das Buch von Tim Leberecht, das parallel gelesen werden sollte, wenn man sich mit beiden Biographien beschäftigt, weil es daraus „mehr" macht - sogar aus nebensächlichen Anekdoten.

So ist die Warteschlange für Leberecht ein öffentlicher Raum, wo man Freunde und Nachbarn treffen kann. Es ist eine Investition von „Zeit und Mühe, für die man im Gegenzug eine gewisse Exklusivität erhält". Was hat das mit Walt Disney zu tun? Er hat Warteschlangen geliebt, denn hier konnte er sich unbemerkt in Disneyland einreihen, um den Gesprächen der Menschen zu lauschen.

Auch Elon Musk kann sich weitgehend allein durch Muskland bewegen, während die meisten bekannten CEOs ständig Aufpasser um sich herum haben.

Disney und Musk, die in jungen Jahren schon berühmt wurden, werden in den Medien oft mit einem negativen Unterton als Getriebene bezeichnet. Zum Jahreswechsel strahlte ARTE die zweiteilige Doku „Walt Disney - Der Zauberer" (USA 2015) aus, in dem Disney als zweischneidiger Mensch charakterisiert wird: mal kindlich, scherzhaft und kreativ, mal gnadenlos und melancholisch.

Aber genau das macht echte Lebenskünstler aus, die ihrer inneren Stimme folgen und durch ihre Arbeit der Welt das geben, woran sie selbst glauben.

Spiel mit anderen Regeln

Als Business-Romantiker haben sich Musk und Disney die Lust am Spiel und Spielerischen mit dem Blick des Kindes bewahrt. Musk liebt beispielsweise Maskenbälle: Bei einem erschien er als Ritter verkleidet und „focht mit einem Sonnenschirm ein Duell gegen einen Zwerg im Darth-Vader-Kostüm".

Als Business-Romantiker spielen sie ihr Spiel nach anderen Regeln und kommen deshalb auch zu anderen Ergebnissen.

Sie haben das große Ganze im Blick, vernachlässigen aber niemals das Kleine. Für Tim Leberecht, der sich von den Spannungsfeldern Geld und Sinngehalt, Kommerz und Kultur, Transaktion und Transzendenz schon immer angezogen fühlte, erfordert Romantik im Business: Überzeugung, Sorgfalt und eine fast schon übertriebene Aufmerksamkeit für Details.

Am Beispiel von Walt Disney lässt sich das sehr schön zeigen: Er entwarf die große Epcot-Welt, die auf dem Papier fast unüberschaubar schien, wusste aber genau, wo seine Parkbank stehen sollte und sein Platz in der Welt ist, die heute „ein besserer Ort wäre, wenn es mehr Romantik in unserem Leben gäbe" (Tim Leberecht).

Literatur:

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015

Ashlee Vance: Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX. Wie Elon Musk die Welt verändert. Die Biografie. FinanzBuch Verlag 2015.

Daniel Rettig: Die guten alten Zeiten: Warum Nostalgie uns glücklich macht. dtv premium 2013.

Lesenswert:

Tarzan, das Biest und Aladin: So würden Disney-Prinzen im echten Leben aussehen

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