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09/12/2017 10:56 CET | Aktualisiert 09/12/2017 10:56 CET

Möglichkeiten der Digitalisierung richtig verstehen und umsetzen

Interview mit Tobias Loitsch, Leiter des NeuInstituts für Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft

Westend61 via Getty Images

Interview mit Tobias Loitsch, Leiter des NeuInstituts für Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft

Herr Loitsch, inwiefern wird sich unsere Arbeitswelt in den nächsten zehn Jahren verändern?

Sicher wird es noch einige Menschen geben, die jeden Tag zur Arbeit gehen, aber es werden zukünftig deutlich weniger sein, die es in der heute üblichen Art und Weise tun. Die technologischen Veränderungen und die neuen digitalen Werkzeuge werden über die Hälfte der bisherigen Tätigkeiten überflüssig machen. Auch wenn über die Form und Ausprägung der Veränderungen in der Arbeitswelt nur spekuliert werden kann. Die Prozesse der Digitalisierung werden unsere Arbeitswelt und Gesellschaft fundamental verändern. Daran besteht kein Zweifel.

Wie drückt sich dieser Wandel an einem konkreten Beispiel aus?

Durch neue Technologien wird zukünftig völlig normal sein, dass Beschäftigte zu selbst gewählten Zeiten tätig sind und nicht an festen Orten arbeiten. Das hat zur Folge, dass die gewohnte Präsenz-Kultur in Unternehmen nicht mehr notwendig ist. Wer beispielsweise von zu Hause aus arbeitet, kann auf lange Arbeitswege verzichten und die zur Verfügung stehende Zeit effizienter nutzen. Zudem können sich in diesem Zusammenhang tiefgreifende Veränderungen im gesamten Mobilitätsverhalten ergeben. Die Voraussetzung besteht hier jedoch in einer entsprechenden modernen Infrastruktur, welche geschaffen werden muss.

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Welche Bereiche oder Branchen werden von den Veränderungen hauptsächlich betroffen sein?

Die Medizinbranche ist ein Bereich, der sich radikal verändern wird. Meiner Meinung nach ist der klassische Facharzt, der Diagnosen erstellt, in der heutigen Form durch den Einsatz von Algorithmen vom Aussterben bedroht. Auf künstlicher Intelligenz basierende Software wie Watson von IBM ermöglicht es, Ergebnisse von Patienten innerhalb von Sekunden gleichzeitig mit Millionen anderen Patientenakten, verfügbaren Behandlungsmethoden und wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen. So können Algorithmen schon jetzt eine genauere Diagnose und wirkungsvollere Therapievorschläge erstellen, als es je ein einzelner Mediziner mit seinem Fachwissen tun könnte.

Beispielsweise werden Algorithmen von Forschern eingesetzt, um anhand von Gewebebildern die Überlebensrate von Krebspatienten vorherzusagen. Die Algorithmen lernen völlig selbständig, auffällige Merkmale zu finden, die helfen, aggressive Krebszellen von gesunden Zellen zu unterscheiden. Während der Forschungstätigkeit entdeckten die Wissenschaftler sogar mehr Merkmale zu Diagnose, als bis dahin in der medizinischen Literatur bekannt gewesen sind.

Warum ist gerade der Medizinbereich so stark von der Digitalisierung getrieben?

Laut der Gesundheitsorganisation WHO ist die Medizinbranche mit ca. 7 Billionen Euro eine der größten Wirtschaftsbranchen weltweit. Das Potenzial ist also gewaltig. Das zeigt besonders das Engagement von großen Technologieunternehmen wie Google, Amazon, IBM oder SAP auf diesem Gebiet. Sie sind die entscheidenden Treiber dieser Entwicklung: So hat Google inzwischen eine eigene Plattform geschaffen, auf welcher Mediziner, Patienten, und Forschungseinrichtungen Daten speichern können. Durch die Analyse dieser gesammelten Daten in Verbindung mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz wird es ermöglicht, völlig neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Beispielsweise wurden in den USA bei einem wissenschaftlichen Wettbewerb Algorithmen eingesetzt, um Moleküle zu suchen, die sich zur Herstellung von neuen Medikamenten eignen könnten. Die dafür eingesetzte Software des Informatikers und Psychologen, Geoffrey Hinton, schaffte es in nur zwei Wochen, unter Tausenden von Molekülen die erfolgversprechendsten zu identifizieren.

Das zeigt?

Selbstlernende Künstliche Intelligenz wird schon bald viel besser in der Lage sein, solche Aufgaben zu erledigen und sich in allen Bereichen etablieren wo es möglich ist. Doch die Möglichkeiten zum Einsatz Künstlicher Intelligenz reichen weit über Diagnostik und mögliche Therapien hinaus. Herzattacke vorzubeugen oder einen Diabetiker rechtzeitig vor Insulinmangel warnen, die Technologie steht hier erst noch am Anfang.

Welche Vorgehensweise empfehlen Sie Unternehmen, die noch ganz am Anfang stehen, aber die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen wollen?

Digitalisierung bedeutet Innovation und Veränderung - in einer bisher ungekannten Geschwindigkeit. In Pionierarbeit wurden von Unternehmen bereits neue Märkte und Bereiche im digitalen Umfeld besetzt, obwohl hier teilweise die technologischen, ökonomischen oder auch rechtlichen Rahmenbedingungen noch unklar sind. Denn der digitale Wandel wird in den Unternehmen unterschiedliche wahrgenommen. Es geht grundsätzlich darum, bestehende Geschäftsmodelle „neu zu denken", zu sichern, fortentwickeln und so profitable Bereiche schaffen. Dazu muss jedes Unternehmen für sich selbst herausfinden, wie die neuen Werkzeuge und Möglichkeiten der Digitalisierung das eigene Geschäft unterstützen und weiterentwickeln können.

Was ist dabei besonders wichtig?

... sich von der Betrachtung zu verabschieden, die sich auf die Implementierung von Software zu beschränkt. Dabei ist zu bedenken: Innovationen durch Digitalisierung entstehen insbesondere durch die Individualisierung von Massenprodukten und Dienstleistungen. Deshalb kann ein erster Schritt sein, mithilfe neuer technologischer Möglichkeiten Produkte und Dienstleistungen mit einem konkreten Mehrwert zu erweitern. Denn wenn die Möglichkeiten der Digitalisierung richtig verstanden und realisiert werden, können mit Hilfe intelligenter Technologien Möglichkeiten geschaffen werden, effektivere Entscheidungen zu treffen und insbesondere innovativer zu sein um Kundenbedürfnisse genauer zu treffen.

Wie beeinflussen digitalen Technologien die Kultur und Kreativwirtschaft, wie können hier die Möglichkeiten der Digitalisierung optimal ausschöpft und gefördert werden?

Kaum ein Bereich ist mit der Digitalisierung so eng verknüpft wie die Kultur und Kreativwirtschaft, denn deren Akteure treiben den digitalen Wandel wesentlich voran. Dabei ist es übergreifend, ob es um Dienstleistungen, Produktionsprozesse, Produkte oder die umfassende Vernetzung von Geschäftsmodellen geht. Die Kultur- und Kreativwirtschaft befand sich bisher als eigenständige Branche, in Bezug auf die ökonomische Wertschöpfung, durchaus auf einem gleichen Niveau im Vergleich zu klassischen Wirtschaftsbereichen. Aufgrund des Wandels besteht jedoch die Herausforderung darin, die Ausrichtung und das Selbstverständnis neu zu definieren.

Die digitalen Technologien bieten zwar große Chancen für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Doch gerade mit Sicht auf global agierende Medienunternehmen stoßen einzelne Kunst- und Kulturschafende sowie kleine Unternehme an ihre Grenzen, wenn sie nur über begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen verfügen.

Was schlagen Sie vor?

Hierzu bietet sich eine Vernetzung von kleinen und mittleren Unternehmen an, welche besonders durch digitale Plattformlösungen ermöglicht wird. Somit erfolgt eine grundlegende Verschiebung der Wertschöpfung weg vom eigentlichen Produktionsprozess, hin zum Ende einer jeweiligen Wertschöpfungskette. Ein gutes digitales Geschäftsmodell verknüpft Informationen, Produkte und Leistungen auf eine neue Art und Weise mithilfe der Technologie.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Tobias Loitsch (Mitte) referierte beim Chinesisch-Deutschen Symposium "Digitalisierung von Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft" am Shanghai Administration Institute am 1. Dezember 2017 zum Thema "Digitalisierung der Wirtschaft - Wohin geht die Reise? China / Deutschland im Vergleich" auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Shanghai.

Foto und Copyright: Tobias Loitsch

Weitere Informationen:

Tobias Loitsch: Wie Unternehmen mit glaubwürdigem und empathischem Handeln zu digitalen Vorreitern werden können. In: In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.

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