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05/12/2015 10:13 CET | Aktualisiert 05/12/2016 06:12 CET

Mit Bioökonomie die Welt ernähren?

Great divide Photography via Getty Images

Die Frage, ob Bioökonomie die Welt ernähren kann, stand unter anderem im Mittelpunkt des Global Bioeconomy Summit, der vom 24. bis 26. November in Berlin stattfand. Die Verfechter der Bioökonomie sehen die Antwort in der Technologisierung der Landwirtschaft.

Ertragssteigerungen, (gen-)technische Lösungen und mehr Effizienz sollen dafür sorgen, dass alle satt werden. Doch so wirksam ist die Ökonomisierung des Biologischen im Kampf gegen Hunger und Armut nicht. Das zeigt die soeben erschienene Kurzstudie zur Bioökonomie.

Kaum Beitrag zur Welternährung, aber Schaffung neuer Fluchtursachen

Das World Food Institute e. V. (IWE) hat die Autoren Franz-Theo Gottwald und Joachim Budde in der Studie „Mit Bioökonomie die Welt ernähren?" damit beauftragt, die Ziele und Methoden der Bioökonomie daraufhin zu untersuchen, ob sie überhaupt dazu geeignet sind, die Welt von morgen zu ernähren. Daran sind erhebliche Zweifel berechtigt.

Die ernüchternde Bilanz der Studie: Bioökonomie leistet bislang keinen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung der Welternährung. Vielmehr verschärft die bioökonomische High-Tech- und Investitionsstrategie den Kampf um Boden und biologische Ressourcen. Damit fördert der bioökonomische Ansatz Hunger, Armut und Flucht, anstatt diese Probleme zu lösen.

Interessierte erhalten Details zu den Hintergründen der Bioökonomie und Quellentipps für diejenigen, die tiefer ins Thema einsteigen möchten. Zudem werden Alternativen aufgezeigt, „die mindestens ebenso gut die Probleme angehen können wie das von der Bundesregierung favorisierte Konzept der Bioökonomie".

Die Studie soll zum Nachdenken darüber anregen, was für eine Welt Technik und Wissenschaft in naher Zukunft möglich machen. Und wo im zivilgesellschaftlichen und politischen Rüstzeug Lücken klaffen, die es zu schließen gilt.

Unterstützt wurde sie durch die Schweisfurth-Stiftung, die seit 1985 innovative Ansätze in Wissenschaft und Bildung fördert, die einer zukunftsfähigen Kultur und Wirtschaft Bahn brechen können. Angestrebt wird eine Renaissance ganzheitlicher Lebensqualität.

Dabei wird auf eine „Ökologie der kurzen Wege" gesetzt, die ein Denken und Handeln umfasst, das dem natürlichen Kreislauf gerecht wird, „vom Futtermittelanbau bis hin zur Nutzung biologischer Abfälle."

Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung tragen auf natürliche Weise zur Verringerung der gesellschaftlichen Kosten bei, die von der industrialisierten Land- und Ernährungswirtschaft verursacht werden.

Die Studie ist ein Weckruf, schon jetzt ins Handeln zu kommen. Denn schon heute werden die Weichen so gestellt, dass im Jahr 2030 eine völlig andere Welt Wirklichkeit werden könnte.

Dass „am Ende" der Studie ein Zitat von Erwin Chargaff, dem renommierten österreichisch-amerikanischen Chemiker steht, ist ein Signal, um endlich aufzuwachen:

„Wir haben eine der scheußlichsten Epochen der Weltgeschichte durchlebt; ich bin überzeugt, dass die beginnende Vergewaltigung der Natur durch die Forschung unter die verhängnisvollsten Verirrungen gezählt werden wird. Diejenigen, die behaupten, dieses Vorgehen sei in Ordnung, denn es diene guten Zwecken und werde aufs Schonendste durchgeführt, machen einen entsetzlichen Fehler. Sie ahnen nicht, wie gefährlich es ist, sich den Grenzen des Lebendigen auch nur zu nähern." (Zwei schlaflose Nächte 14, Scheidewege, 1997/1998)

Das vollständige Dossier

Pressemitteilung „Bioökonomie schafft neue Fluchtursachen", November 2015, Institut für Welternährung e.V.

Weiterführende Informationen:

Leben als normierte Ware. Warum Bioökonomie ein Irrweg ist

Anita Krätzer, Franz-Theo Gottwald: Irrweg Bioökonomie . Kritik an einem totalitären Ansatz. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014 (edition unseld).

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

Die Autoren:

Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Agrar- und Ernährungsethiker sowie Politik- und Unternehmensberater, ist Vorstand der Münchner Schweisfurth-Stiftung.

Joachim Budde arbeitet als Wissenschaftsjournalist für Hörfunk und Printmedien.

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