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20/03/2016 07:11 CET | Aktualisiert 21/03/2017 06:12 CET

Mein Körper, mein Geist, meine Welt: Der Inbegriff eines Selbstständigen

VALERY HACHE via Getty Images

Leben mit sich selbst


„Stehe alleine, am Rande, ganz still." Das ist die letzte Regel der Business-Romantiker. Sie ist wie das gleichnamige Buch von Tim Leberecht als Vorschlag und geistige Kontur zu verstehen und nicht als fest umrissene Aufstellung. 2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg Es widmet sich dem Inbegriff des Selbstständigen. Wer ihn für sich in Anspruch nimmt, spricht wie Karl Lagerfeld niemals von Arbeit. Denn das würde bedeuten, etwas zu tun, was man eigentlich nicht mag: „Sobald man liebt, was man tut, ist es keine Arbeit mehr." Das Buch von Tim Leberecht lädt dazu ein, sich mit Menschen zu beschäftigen, die wie Lagerfeld aus der Zeit gefallene, undatierte Wesen sind, die alles interessiert. So möchte Lagerfeld alles hören, sehen und kennen, aber nicht beteiligt sein: „Ich beobachte und deute die Welt von meinem Fenster aus. Anschließend gehe ich auf Reisen, um herauszufinden, ob dort wirklich alles so interessant ist, wie ich es mir immer vorgestellte." „Ich bin ein Zeuge, einer aus dem Publikum, der die Welt aus seiner Loge betrachtet." Menschen wie er sind gleichzeitig anwesend und abwesend, verrückt und diszipliniert, leben in einem Zustand der Unzufriedenheit und dennoch äußerst angenehm mit sich selbst.

Grenzgänger über die Welt und das Leben


Die Lagerfeld-Zitate finden sich in einem der schönsten Bücher der vergangenen Jahre: „Karl über die Welt und das Leben".
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Das Buch ist auch ein Beleg dafür, dass Hochkreative nicht allein aus sich selbst schöpfen, sondern sich alles „anverwandeln". Das Erlebte und Erlesene geht durch sie hindurch und fügt sich zu etwas Neuem. Dass im Komplexitätszeitalter besonders der französische Lyriker, Philosoph und Essayist Paul Valéry wiederentdeckt wird, hat mit der Zeitlosigkeit seines fragmentarischen Werkes zu tun, aber auch mit seiner Anschlussfähigkeit, die verwandte Geister heute schätzen. Auch Valéry graste nicht nur seine eigene Gehirnwiese ab, sondern fand das meiste bei anderen: „Neun Zehntel dessen, was wir von uns wissen, wurde uns von anderen gelehrt oder eingeblasen." Seine unfertigen Aufzeichnungen weisen über Grenzen hinaus und wollen weitergedacht werden. Das Fragment war beispielsweise auch für den kürzlich verstorbenen Publizisten Roger Willemsen eine Lieblingsform, weil sie Leser dazu anregt, selbst produktiv zu werden. Er empfand „fertige" Texte häufig als tot, weil alle Arbeitsspuren getilgt sind. Auch er liebte Paul Valérys Aufzeichnungen und fand das „Mach weiter", das „Champagnerartige der überbordenden Einfälle", immens anregend.

Ganz für sich


Alle Randständigen brauchen aber auch das Alleinsein, weil sich nur aus der Tiefe wirklich Substanzielles schöpfen lässt. Tim Leberecht (bei dem sich diese Beispiele zwar nicht finden, aber durchaus den Business-Romantikern zugeschrieben werden können) bemerkt zu Recht, dass sich

Denken


... nicht beschleunigen lässt, indem man im Netz nach dem nächsten „großen Ding" sucht ... studiert, was die Konkurrenz macht ... anderen sagt, was sie tun sollen, und sie dann dabei überwacht ... sich den Terminkalender mit Meetings vollpackt.
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Tim Leberecht (Copyright Foto: Marcel Kampmann) Einsamkeit macht für Leberecht das eigentliche Wesen von Führung aus, denn die „Position des Anführers" sei letztendlich eine äußerst einzelgängerische, denn schwere Entscheidungen müssen oft allein getroffen werden: „Und in solchen Momenten haben Sie wirklich nur sich selbst." Das Flanieren, Allein-Herumwandern, ist für sie eine „Übung in Sachen Aufmerksamkeit", die sich auch bei Valéry findet: „Allein. Ganz für sich - Man muß zugeben, daß das ich - nur ein - Echo ist." Karl Lagerfeld, für den das Alleinsein ein Sieg und keine Niederlage ist, lebt sehr gut mit sich selbst: „Aber ich sehe auch mich immer neben mir, also bin ich auch zu zweit. Und der eine macht sich über den anderen lustig." Auch über sein ständiges Übergewicht - im Kopf. Der Rest kam später, den ist er aber „wieder losgeworden." Je mehr Lagerfeld macht, desto mehr Ideen hat er auch. „Das Gehirn ist ein Muskel und ich bin eine Art geistiger Bodybuilder." Er zeichnet wie er atmet - nicht auf Befehl, sondern aus innerer Notwendigkeit, die einfach passiert. In Valérys berühmten „Cahiers" wird in diesem Zusammenhang die Stärkung eines Muskels durch Übung beschrieben: „Die Produktion von Ideen ist bei mir eine natürliche, gleichsam physiologische Tätigkeit - deren Unterbindung meinen körperlichen Zustand ernsthaft beeinträchtigt, deren Ausübung mir unerlässlich ist." Für hochkreative Menschen ist alles geistige Nahrung. Ihre Spezialität ist ihr Gehirn, das die Dinge gebraucht und verwandelt (übersetzt).

Lebenskunst und Komplexität


„Ich bin wie eine Satellitenschüssel, die alles empfängt, aufnimmt, verarbeitet und auf meine Art wiedergibt", sagt Lagerfeld über sich selbst, der einfach seinem Instinkt folgt. Wie Valéry passt er in keine Kategorie, weil er nichts gründlich betreiben (will), denn das würde bedeuten, seinen geistigen Taubenschlag vor anfliegenden Ideen zu verschließen. Von solchen Menschen lässt sich lernen, sein eigener Lehrer zu sein, mit unbekannten Situationen und mit Komplexität umgehen zu können. Dabei kommt es nicht darauf an, überall und mit jedem vernetzt zu sein, sondern sich richtig zu vernetzen. „Das Leben so einfach, das Denken so komplex wie möglich, so ist's nach meinem Geschmack", schreibt Valéry. Warum ist das Zusammendenken der Ideen von Valéry, Lagerfeld und Leberecht heute so dringlich? Weil alle das weite Feld der Lebenskunst und Komplexität verbindet. Es findet sich schon im Denken einiger kluger Frauen des 18. Jahrhunderts, die Lagerfeld maßgeblich beeinflussten: Liselotte von der Pfalz, Madame du Deffand, Julie de Lespinasse. Sich mit diesen Männern und Frauen zu beschäftigen ist heute deshalb eine Bereicherung, weil sich dadurch Denkprinzipien und Regeln des Handelns bei Ungewissheit und hoher Komplexität offenbaren, die wir dringend brauchen. Denn wir benötigen Lösungen, um mit der neuen komplexen Welt besser umgehen zu können. Sie ist unbekannt, was uns nach neurowissenschaftlichen Forschungen mehr Angst bereitet als das „Negative", das wir uns „ausmalen" können und dadurch scheinbar mehr Kontrolle haben. Wenn es aber ums Unbekannte geht, sind wir oft hilflos, weil es uns an Wissen und Erfahrungen fehlt. Viele Menschen und Institutionen versuchen die neuen Probleme mit alten komplizierten Ansätzen zu lösen, denn das Komplizierte agiert vorhersehbar in leblosen Systemen, die nur auf Anweisung funktionieren. „Es gibt keine Überraschung, keine Unsicherheit und keine Subjektivität. Komplizierte Systeme können mithilfe von Ursache-Wirkungsketten beschrieben werden. Sie sind extern kontrollierbar", sagt der Managementexperte Niels Pfläging. Das Komplexe verunsichert, weil sich ein lebendes System (das von außen beobachtbar, aber nicht kontrollierbar ist) ständig verändert und Überraschungen erzeugt. „Tools, Standardisierung, Regeln, Strukturen oder Prozesse" sind hier keine hinreichende Antwort, wenn es um handfeste Problemlösung geht.

Echte Könner lassen sich gern überraschen


Gerade die Methoden, die im Industriezeitalter nützlich waren, versagen heute. In einem komplexen Umfeld geht es, so Pfläging, „nicht um die Frage, wie ein Problem gelöst wird, sondern wer das tun kann. Deswegen werden erfahrene Menschen bedeutsam. Menschen mit Können und Ideen. Wir nennen sie Könner. Könner, die Schüler haben, nennen wir Meister." Die Brücke zu Lagerfeld, Valéry und Leberecht ist schnell geschlagen: Interessant sind für Lagerfeld Menschen, die etwas können (!), was er nicht kann. Und Veränderung ist für den Kreativen die „gesündeste Art zu überleben." Er lebt zwar sehr geordnet, möchte aber nicht zu ordentlich sein, denn dann würde man nur das finden, was man gesucht hat. Nie würde es „Überraschungen und die Freude des zufälligen Wiederfindens" geben. Für Valéry, der den Begriff Können mit wirksamem Wissen, Fähigkeit und dem Aspekt des Handelns verbindet, ist die Überraschung nicht nur eine besondere Empfindung („Verzögerung der physiologischen modifizierten Reizbeantwortung"), sondern Unordnung oder Störung einer „bestimmten normalen Ordnung", die seine Natur stets erhellt hat. Wer Überraschungen, das Ungewöhnliche, Plötzliche in sein Leben lässt, ist auch in der Lage, die Gegenwart mit anderen Augen zu sehen, aktuelle Entwicklungen zu reflektieren und eine lockere Distanz zu sich selbst zu entwickeln - sonst ist es schwer, in einer komplexen Welt mit Überraschungen klarzukommen.

Deshalb schlägt auch Tim Leberecht vor:


„Gestalten Sie die Dinge mit dem naiven Blick eines Kindes, und finden Sie die unverfälschten Momente von Überraschung und Zuneigung." Weitere Informationen: How Tim Leberecht creates space through romance in business Karl über die Welt und das Leben. Hg. von Jean-Christophe Napias und Sandrine Gulbenkian. Edel Germany GmbH, Hamburg 2014. Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015. Niels Pfläging: Organisation für Komplexität. Wie Arbeit wieder lebendig wird - und Höchstleistung entsteht. Redline Verlag, München 2014. Thomas Stölzel (Hg.): Ich grase meine Gehirnwiese ab. Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016.
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