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11/09/2015 12:49 CEST | Aktualisiert 11/09/2016 07:12 CEST

Malen und Basteln: auch für Erwachsene als Ausgleich zum Job

Alex Wong

„Let's bastel a bit": Die Kinder der „digitalen Großmeister" lernen im Silicon Valley, wo Waldorfschulen derzeit einen Boom erleben, „ohne Bildschirme, aber mit viel physischer und menschlicher Interaktion, handwerkliches Arbeiten" - durch Basteln. Sie beschriften Wandtafeln mit farbiger Kreide, können in Bücherregalen stöbern und erhalten Bastelmaterial mit Anleitungen.

Leider gibt es für das deutsche Wort Basteln im Englischen keine Entsprechung. „Do it yourself" wird der Bedeutung nicht gerecht. In seinem Buch „Analog ist das neue Bio" plädiert Andre Wilkens deshalb dafür, das Wort zu internationalisieren, denn das Bedürfnis, dass Menschen trotz fortschreitender Digitalisierung ihre Hände benutzen wollen, wächst weltweit. Selbstbauen ist überall cool.

Der Nostalgie-Trend

Ein bisschen Nostalgie spielt hier sicher auch mit hinein. Denn das Empfinden von Nostalgie - altgriech. „nóstos" (Heimat) und „álgos" (Schmerz) - bedeutet, dass wir an einer „alten Wunde" leiden:

„Wir sind von der tiefen Verbundenheit mit profunden Wahrheiten abgeschnitten", schreibt der internationale Marketingexperte Tim Leberecht in seinem Bestseller „Business-Romantiker". Nostalgie bezeichnet für ihn auch eine „zeitlosere, existenzielle Empfindung":

„Der Mini, der Fiat 500, der VW Beetle: Sie alle zitieren nicht nur eine vermeintlich bessere, charaktervolle Zeit des Autobaus, sondern auch eine nostalgisch aufgeladene Epoche der Unschuld."

All diese Dinge beherbergen zugleich unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen, sie zeigen, „wonach wir uns sehnen, und verteidigen die radikale Idee, dass ein anderes Leben möglich sei".

Basteln fordert Fähigkeiten, die sonst verkümmern

Basteln ist auf Dinge bezogen, die Körper und Geist gleichermaßen erfüllen und befriedigen, denn es findet ein Wechsel von Hand- und Kopfarbeit statt. Mit der Hand zu arbeiten bedeutet, sich von der einseitigen Konzentration zu regenerieren und zugleich etwas über Herstellung und Reparatur zu erfahren.

Die einseitige Beschäftigung mit der digitalen Welt und das ausschließliche Vertrauen in die Automatik lässt Fähigkeiten verkümmern, „indem sie einen oft heilsamen Zwang zur geistigen Auseinandersetzung abschafft".

Häufig wird sie uns mit dem Versprechen verkauft, dass wir dann Kopf und oder Hände frei hätten für die „wirklich wichtigen" Dinge, schreibt der Psychoanalytiker und Schriftsteller Wolfgang Schmidbauer.

Seine Kritik richtet sich vor allem auf eine Konsumgesellschaft, in der fast alles fertig gekauft werden kann. Auch Kindern werden etliche Fertigprodukte angeboten, die kaum mehr erkennen lassen, wie sie hergestellt wurden und sichtbar funktionieren.

Dabei kann gerade das Basteln ihre Kreativität fördern und dazu beitragen, dass sie verschiedene Materialien kennenlernen. Der Umgang mit Werkzeugen wie Schere, Kleber und Malstiften schult ihre motorischen Fähigkeiten.

Nachhaltig basteln

„The Bastler Paradise": in Berlin-Kreuzberg gibt es ein Bastelkaufhaus, „Modulor", in dem auf vier Etagen alles erhältlich ist zum Malen, Kleben und Bauen. Wer auch beim Basteln auf rein ökologische Produkte setzen möchte, wird in Deutschland beispielsweise in den Filialen von „Knauber Freizeit" fündig, die unter dem Motto „Selbermachen - Wohlfühlen - Aufblühen" stehen, aber auch im Onlineshop des Bonner Familienunternehmens.

Weitere Online-Plattformen zum Thema nachhaltiges Basteln sind unter anderem „Grüne Helden", „Nachhaltig einkaufen", „Utopia" oder „memolife" für Privatkunden. Hier gibt es beispielsweise „ökoNORM"-Flüssigkleber, der rein pflanzlich und biologisch abbaubar ist, aber auch Knete, Kreide und Fingerfarben, die die Motorik und Vorstellungskraft von Kindern schulen.

Maltropfen aus nachwachsenden Rohstoffen lassen sich von den Kleinen sehr gut greifen, sind bruchstabil, abwaschbar und sparsam im Verbrauch. Alle Produkte dieser Marke werden zu 100 % aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt.

Zudem gibt es u.a. einen Naturfarbkasten, der zwölf vegane Wasserfarben enthält. Aber auch Kunsthaarpinsel für Schule, Kindergarten oder Hobbybedarf sind hier zu finden, deren Stiele aus FSC-zertifiziertem Holz sind.

Es gibt fast alles in ökologischer Variante

Viele Klebebänder sind aus reißfestem Polypropylen hergestellt und haben einen Kern aus Recyclingmaterial. Auch Maler-Krepp, der zu 100 Prozent frei von Bleichmitteln ist und aus lösemittelfreier Kautschukklebmasse besteht, gehört zum Angebotsspektrum.

Außerdem Scheren mit Recyclingkunststoff, Tonzeichenpapier-Block aus Recyclingpapier sowie „JoyPac".Bastelsets aus FSC-zertifiziertem Karton zum Zusammenstecken und Bemalen. In dieser Bastel- und Mal-Serie wird stabile, weiß kaschierte Recyclingwellpappe schnell und ohne Kleber in Spielzeuge verwandelt.

„Wir haben natürlich sehr viele nachhaltige Produkte auch für gewerbliche Kunden, zum Beispiel Kindergärten. Für diesen Bereich gilt prinzipiell das gleiche wie für den Bereich Schulbedarf - möglichst umwelt- und gesundheitsverträglich", sagt Claudia Silber, die Leiterin der Unternehmenskommunikation der „memo AG".

Im Trend liegen auch Zauber- und Straßenmalspiele sowie Lernmalbücher zum Thema Umwelt, die auf Recyclingpapier gedruckt sind.

Malbücher für Erwachsene

Malbücher erleben im Zuge des Retro- und Selbermachtrends vor allem bei Erwachsenen derzeit einen Boom, weil sie die wachsende Sehnsucht nach Ruhe und Entschleunigung stillen. Vor allem Mandalas und Yantras, Meditationsbilder, die immer um ein Zentrum herum geordnet sind.

„Die Betrachtung der Strukturen und die Konzentration auf die Mitte helfen uns, uns wieder auszurichten und zu sammeln, wenn unser Geist unruhig und/oder zerstreut ist", schreibt Anna Trökes in ihrem Buch „Anti-Stress Yoga".

Die Autorin verweist auf unzählige neue Mandalas, die in den vergangenen Jahren erschaffen wurden und zum meditativen Ausmalen gedacht sind. Durch das Ausmalen ist es unserem Geist möglich, all das zu vergessen, „was ihm im Laufe des Tages Stress bereitet hat, und sich stattdessen mit Formen, Farben und einer klaren Struktur und Ordnung der Linien zu beschäftigen."

Hochwertige, meist in Schwarz- oder Tintenblauweiß gehaltene Malbücher für Erwachsene sind inzwischen zu Bestsellern avanciert. Sie werden auch von gestressten Kopfwerkern wie Bankern und Anwälten sehr geschätzt. Star dieser Bewegung ist die Britin Johanna Basford.

Das Erstlingswerk der Anfang Dreißigjährigen „Secret Garden" verkaufte sich in 14 Ländern 1,5 Millionen Mal. Die Startauflage von „Mein Zauberwald", wie das zweite Buch auf Deutsch heißt, war bereits nach drei Wochen beim Knesebeck-Verlag vergriffen.

Alles von Hand

Ursprünglich arbeitete Basford als Werberin, verlor jedoch in der Finanzkrise 2008 ihren Job. Sie arbeitete als freie Grafikerin und gestaltete Verpackungen und Verkaufsmaterial für Markenunternehmen.

Ihre Schwarz-Weiß-Entwürfe faszinierten alle, weil sie so „schön" seien und zum Ausmalen einluden. Nachdem sie der Verlag „Laurence King" fragte, ob sie ein Kinderbuch machen möchte, schlug sie ein Malbuch für Erwachsene vor.

Sie legt großen Wert darauf, ihre Bilderwelten mit der Hand zu zeichnen, Entwürfe am Computer findet sie „klinisch" und „seelenlos". Andererseits nutzt Basford „die Vorzüge der Digitalisierung, wenn es um die Vermarktung ihrer Bücher geht".

Mit einem dünnen schwarzen Tintenstift zeichnet sie intakte Pflanzen- und Tierlandschaften, die zugleich ein Gegenentwurf zu den wachsenden Untergangsszenarien von heute sind. Die schöne neue Ordnung der Dinge und des Lebens - ein Paradies für Bastler.

Literaturempfehlungen:

Andre Wilkens: Analog ist das neue Bio. Metrolit Verlag 2015

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015.

Wolfgang Schmidbauer: Enzyklopädie der Dummen Dinge. Oekom Verlag München 2015.

Anna Trökes: Anti-Stress Yoga. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015.

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