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28/02/2016 09:20 CET | Aktualisiert 28/02/2017 06:12 CET

Krisen und Grenzen: Warum wir (unter)scheiden müssen

Bloom Productions via Getty Images

Warum wir uns heute so schwer tun, Grenzen zu ziehen und Unterscheidungen zu treffen

„Der ewige Streit über Obergrenzen ist ein Signal, dass dem Krisenmanagement nach wie vor der klare Rahmen fehlt, was unser Land genau stemmen soll." Horst von Buttlar, Chefredakteur „Capital" (3/2016) ----------------------- Eine Krise ist eine Phase, in der sich die Dinge scheiden und danach nichts mehr ist, wie es war. Das griechische Verb krinein bedeutet „trennen" oder „unterscheiden". Davon abgeleitet ist „Kritik" (kritikē téchnē), die die Kunst der Beurteilung bezeichnet. Sie basiert auf der Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen. Beide Begriffe entstammen derselben sprachlichen Wurzel und markieren Grenzen: In der Kritik werden Unterscheidungen vorgenommen, und in der Krise Unterscheidungen getroffen, die heute vonnöten sind vor dem Hintergrund des Flüchtlingsthemas und der Frage, was Deutschland ist und künftig sein soll. Damit verbunden ist der immer lauter werdende Wunsch nach Abgrenzung und einer zivilisierten Regulierung der Flüchtlingszuwanderung, nach Beobachtung, Kontrolle und Gestaltung der eigenen Grenzen, also ihrem richtigen „Management". Sich mit dem Thema Grenzen zu beschäftigen, wird heute immer wichtiger, denn Demokratie lebt auch von Abgrenzung und Trennungslinien, ohne die es keine unterschiedlichen Positionen gibt. Problematisch ist nur, dass zuweilen eine Bevormundungskultur dominiert, die sich auch in vielen Unternehmen zeigt: Diversity wird hier groß geschrieben - aber die Art der Kommunikation sowie die homogene Führungskultur unterscheidet sich kaum.

Wer heute die anschwellenden Diversitygesänge nicht mitmacht, muss sich häufig dafür rechtfertigen

In ihrem Beitrag „Krisen und Grenzen" verweist die Chefredakteurin der WirtschaftsWoche, Miriam Meckel, darauf, dass die Obergrenze für die Integration von Flüchtlingen in Deutschland dann erreicht wäre, „wenn das Land sich so weit veränderte, dass es sich selbst nicht mehr ähnlich wäre. So weit sind wir noch lange nicht. Und das will auch niemand. Aber wir müssen diese Grenze, ab der Deutschland ein anderes Land wäre, diskutieren." (WirtschaftsWoche 43, 16.10.2015) Dabei muss Kritik erlaubt sein. Wir tun uns oft schon im Denken schwer, Grenzen zu ziehen, denn das bedeutet, etwas auszuschließen, zuweilen auch Nein zu sagen. Und wenn wir es tun, „sei es in der Wirklichkeit, sei es im Denken, gilt es als unfein", bestätigt Konrad Paul Liessmann, Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien. In seinem bereits 2012 erschienen Buch „Lob der Grenze" beschreibt er, dass der Zeitgeist der Globalisierung Grenzen überschreiten und beseitigen will, aber die Funktion und Möglichkeiten von Grenzen sowie die Bedeutung, die diese für die Analyse und Bewältigung von Krisen einnehmen, nicht berücksichtigt. Es lohnt sich deshalb, unbedingt darüber nachzudenken, wie alles begann, wann, wo und warum erste Grenzen gezogen werden mussten, unter welchen Bedingungen Grenzen aufgehoben oder überschritten wurden, wer durch Grenzen ausgeschlossen, aber unter Umständen auch geschützt werden konnte - vor allem aber „entlang welcher Bruchlinien im Denken und in der Wirklichkeit die Grenzen unserer Tage verlaufen".

Auch Nachhaltigkeit braucht Grenzziehungen

Konrad Paul Liessmann lenkt den Blick auch auf ein Thema, das für viele allerdings mit einem faden Beigeschmack verbunden ist: Dass der aus der Forstwirtschaft stammende Begriff „Nachhaltigkeit" weder provoziert noch aufregt, weil er keinen Unterschied markiert und keine Schärfe hat. Natürlich hat er gegen ein Wirtschaftssystem, das nicht mehr Ressourcen verbraucht, als es auch erneuern kann, nichts einwenden. Aber genau darin liegt für ihn das Problem: „Ein Prinzip, zu dem sich nahezu alle Staaten und alle politischen Parteien dieser Erde ohne größere Vorbehalte bekennen, ist entweder eine nichtssagende Selbstverständlichkeit oder eine gut klingende Phrase." Die unattraktive Wirkung des Begriffs hat für ihn auch mit Traditionen zu tun, die viele als starr, unmodern, unbeweglich und unzeitgemäß empfinden: „Man muss diesem Widerspruch ins Auge sehen, wenn man wissen will, warum in einer dynamischen, alle Kontinuitäten auflösenden Welt Nachhaltigkeit zu einer Phrase werden musste." Allerdings sind seine Ausführungen auch nicht hoffnungslos: Wie viele Engagierte bricht er den Begriff auf Einzelthemen herunter, die getrennt nebeneinander stehen und dadurch dem Gesamtthema eine neue Dimension und Bedeutung geben. Dazu gehört beispielsweise das Ehrenamt, das mit Tätigkeiten verbunden ist, die dem alten Begriff der Praxis entsprechen: Es sind soziale und kommunikative freiwillige Aktivitäten, in denen es um gelebte Gemeinschaft geht. Wer sich heute mit Kritik und Krise beschäftigt, kommt nicht umhin, auch den Begriff der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. „Nachhalt" ist das, „woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält." Der Satz von Joachim Heinrich Campe, erschienen 1807 im Wörterbuch der deutschen Sprache, verweist darauf, dass Nachhaltigkeit vor allem ein Begriff der Krise ist.

Ein Plan reicht nicht

Im Unternehmenskontext steht vor allem das Nachhaltigkeitsmanagement im Fokus. Der Weg zu dessen Wirksamkeit führt nicht nur über einen Plan, sondern über Grundsätze (Regeln), Aufgaben (Was) und Werkzeuge der Führungskräfte. Daneben gibt es für den Business-Experten Fredmund Malik noch ein viertes Element: Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Was in vielen Unternehmen richtig und professionell umgesetzt wird, fehlt an vielen Stellen in der (Flüchtlings-)Politik. Da hilft angesichts der Flüchtlingskrise auch keine Forderung nach einem „Plan", der Kontrolle suggeriert und „Einhalt gebietet". Für die Publizistin Carolin Emcke ist das alles sehr bizarr: „Außengrenzen, die ganz außen liegen, Außengrenzen, die irgendwo innen liegen, aber gegen ein Außen sichern sollen, Registrierzentren, aus denen die Menschen verteilt werden sollen auf Staaten, die sie nicht wollen und sich weigern, sie aufzunehmen... Zäune, die mehr ein als ausschließen." (Süddeutsche Zeitung 20./21.2.2016) Sie folgt damit der Kritik am politischen Missmanagement, die der ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bereits am 3. Dezember 2015 in seinem Leitartikel „In Grenzen willkommen" übte: Was viele Menschen irritiert und verärgert, sei die „offizielle Begründung" dafür, dass der Flüchtlingsstrom momentan nicht steuerbar sei. „Aus einem europäischen Problem, der Sicherung der EU-Außengrenzen, wurde so ein nationales, ein deutsches Problem. Und wer bislang in dem Glauben gewesen war, dass Staaten nun mal Grenzen haben, wurde jetzt von der Bundesregierung eines Besseren belehrt: Man könne Flüchtlinge nicht aufhalten und die deutschen Grenzen auch nicht wirksam schützen - was jeder persönlichen Vorstellung und der Wirklichkeit widerspricht." Er forderte ein Zeichen der Eingrenzung, ein deutliches Signal in die Herkunftsländer der Flüchtlinge. Wird dies nicht getan, verschärft sich die Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung, die mit einer Verschlechterung der Lage der Flüchtlinge bei uns verbunden ist. Das Eingeständnis unserer Grenzen sei die Voraussetzung für den Erfolg unserer Willkommenskultur. Die globale Wirklichkeit sieht eben doch anders aus als das lokale Umfeld vor der eigenen Haustür. Bis hierhin ist der Krieg noch nicht vorgedrungen - ihn erleben „nur" jene hautnah, die vor ihm fliehen. Das eigentliche Problem ist der furchtbare Krieg in Syrien und die „tektonischen Machtverschiebungen und Gewaltspiralen". Was es dafür braucht, sind diplomatische Verhandlungen, „vermutlich unbequeme Kompromisse für alle - und Geduld." (Carolin Emcke)

Das bleibt: der Engel der Geschichte

Keine Lösung. Nirgends. Stattdessen begegnet uns der „Engel der Geschichte", der einst kluger Vermittler zwischen Vergangenheit und Zukunft sein sollte. Ihm widmete sich Miriam Meckel am 19. Februar 2016 ausführlich in der WirtschaftsWoche: Die Metapher des Engels der Geschichte prägte 1940 der jüdische Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin, der sich im spanischen Grenzort (!) Portbou 1940 das Leben nahm: „Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst." Das erinnert an die Wirklichkeit, der sich auch der Beitrag „Leben in der Schwebe" (Huffington Post, April 2015) widmete. Ein Mann aus Syrien konnte seine Zukunft nicht in Angriff nehmen: „Seine Vergangenheit hatte er hinter sich gelassen, seine Zukunft war durch die ausstehende Entscheidung blockiert, und seine Gegenwart schwebte zwischen dem Leben, das er geführt hatte, und dem, das er in Schweden zu führen hoffte." Und jetzt? Schaut der Engel an der syrischen Grenze auf die Trümmer des Landes und - wenn er sich umdreht - auf die Trümmer Europas: „Die Reste einer Union und handlungsunfähig. Der Engel wird künftig an jeder Landesgrenze wieder seinen Pass zeigen müssen und nur mühsam vorankommen." (Miriam Meckel) Literaturempfehlung: Konrad Paul Liessmann: Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. Auch auf HuffPost:

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