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16/11/2015 17:20 CET | Aktualisiert 16/11/2016 06:12 CET

Klimawandel: Wie wir die „kollektive Selbstverbrennung" abwenden können

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Das nahende Desaster

Echter Klimaschutz kostet etwa ein Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, sagte 2009 der britische Ökonom Sir Nicholas Stern. Aber Nichtstun werde mit bis zu zwanzig Prozent deutlich teurer.

Auch wenn der Klimawandel eine langfristige und globale Herausforderung ist, so können wir es uns nicht leisten, die Hände in den Schoß zu legen und zu warten.

Der Physiker und Aphoristiker Albert Einstein hat vorhergesehen, dass die Welt nicht von denjenigen zerstört werden wird, die Böses tun, „sondern von denen, die dabei zuschauen, ohne etwas zu unternehmen."

Mit dieser gewollt überzeichneten Einstellung decken sich auch weitgehend die persönlichen Erfahrungen von Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam sowie am Santa Fe Institute in den USA.

Das routinemäßige Wegschauen der allgemeinen Wissenschaft in der Klimadebatte bestürzt ihn, doch wenn er seine Einsichten über den Klimawandel und die Aussichten für den Klimaschutz nach 25 Jahren intensiver Auseinandersetzung in einem Wort zusammenfassen sollte, so lautet sein Fazit: Verzweiflung.

Dazu sei hier auch auf den Dirigenten und Umweltschützer Enoch Freiherr von und zu Guttenberg verwiesen, der zwar nicht im Buch von Schellnhuber vertreten ist, sondern im Sammelband von Anja Paumen und Jan-Heiner Küpper („It's the Planet, Stupid!"), aber eine ähnliche Sicht hat:

Auch er ist fest davon überzeugt, dass die Generation der jetzt Fünf- bis Achtzehnjährigen in ein „Desaster" unglaublichen Ausmaßes hineingeboren wird - bedingt durch die Klimakatastrophe.

Nach Hans Joachim Schellnhuber befindet sich die Menschheit auf direktem Weg „ins selbst entfachte Feuer", weil die „Diktatur des Jetzt" ungebremstes Wirtschaftswachstum setzt. Dazu gehört der exzessive Konsum von Kohle, Öl und Gas. Durch den enormen Ausstoß von Treibhausgasen wird das Erdsystem in nie dagewesener Weise aufgeheizt.

Doch die gleichsam kollektive Selbstverbrennung aus Gier und Torheit ist immer noch abzuwenden. Denn paradoxerweise sind bereits alle technischen und ökonomischen Voraussetzungen für einen Kurswechsel zur globalen Nachhaltigkeit gegeben. Jetzt müssen nur Wissen und Wollen endlich zusammenkommen.

Die Erkenntnis, dass unsere Zivilisation dem Feuer immer näher rückt, ist für den international führenden Experten auf dem Gebiet des Klimawandels (der ein Menschheitsproblem darstellt, das alle Maßstäbe „traditioneller Lösungskompetenz sprengt") erdrückend.

Der „Gewissenschaftler" und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Studien und Mitglied der Nationalen Wissenschaftsakademien Deutschlands und Amerikas ist auch Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen und berät Institutionen wie Weltbank.

Im Juni 2015 stellte er im Vatikan als Mitglied der Pontifikalakademie zusammen mit höchsten kirchlichen Würdenträgern die „grüne Enzyklika" von Papst Franziskus vor.

Wie diese spricht sein Buch „Selbstverbrennung" nicht von einer fernen Apokalypse, sondern von einem nahen „Desaster", auf das wir zusteuern. Der Titel des Buches erscheint ihm deshalb angemessen.

In diesem umfangreichen Werk steckt er nach eigenen Worten das „Dokument" seines Lebens in Brand, um damit vorübergehend deutlicher sichtbar zu sein als üblich. Dabei benutzt er keine kalte Fachsprache, sondern die erwärmende des Herzens. Dazu gehört etwa die Sicht des Autors, dass sich „einzelne Worte auf dem brennenden Papier sekundenlang aufwölben und aufleuchten".

Auch die Klimaaktivistin Naomi Klein benutzt in ihrem aktuellen Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima" das Bild des Feuers und fragt: „Was ist los mit uns? Was hält uns wirklich davon ab, das Feuer zu löschen, das unser gemeinsames Haus zu verbrennen droht?"

Streitfall Klimawandel

Fast alle Publikationen, die aktuell zum Thema Klimawandel erschienen sind, arbeiten mit diesem emotionalen Bild. Die Autoren „brennen" im besten Wortsinn für das Thema - in der Hoffnung, ihre Leser zu „entzünden".

Jeder setzt andere Schwerpunkte, reflektiert und kommentiert das Thema aus seiner Sicht - aber eines haben alle gemeinsam: den interdisziplinären Ansatz und den persönlichen Zugang zum Klimawandel: die eigene Lebensgeschichte. Das macht diese Bücher besonders lesenswert.

Sie können parallel oder hintereinander gelesen werden - eine Erkenntnis bleibt immer gleich: dass die Quellen, warum wir über den Klimawandel (globale Erwärmung, Treibhauseffekt) so häufig uneins sind, tief in uns selbst liegen, „in unseren Werten und in unserem Gefühl von Identität und Bestimmung. Sie befinden sich nicht ‚dort draußen', als Ergebnis unserer Unfähigkeit, eine letztendlich physische Realität zu begreifen".

Schreibt Mike Hulme in seinem Buch „Streitfall Klimawandel", das verschiedene Wege aufzeigt, sich der Vorstellung vom Klimawandel zu nähern und damit umzugehen.

Wir sind nach Mike Hulme über Klimawandel uneins, weil wir

- unterschiedlicher Meinung über unsere Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen sind

- Menschen und Natur in unterschiedlicher Weise wertschätzen

- verschiedene Einstellungen zu Klimarisiken haben

- unterschiedliche Glaubensvorstellungen davon haben, was unsere Pflicht gegenüber anderen, der Natur und unseren Gottheiten ist

- unterschiedliche Bewertungen von Risiko haben

- mannigfache und widersprüchliche Botschaften über Klimawandel erhalten und diese unterschiedlich interpretieren

- unterschiedliche Auffassungen von Entwicklung haben.

Unsere Beschäftigung mit dem Klimawandel und die Uneinigkeit, die damit verbunden ist, sollten nach Hulme „stets eine Art von Erleuchtung sein" - ein inneres Feuer, das nie gelöscht werden darf.

Literatur:

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

Anja Paumen, Jan-Heiner Küpper: It's the Planet, Stupid! Sieben Perspektiven zum Klimawandel. Oekom Verlag, München 2015.

Mike Hulme: Streitfall Klimawandel. Warum es für die größte Herausforderung keine einfachen Lösungen gibt. Oekom Verlag, München 2014.

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