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03/07/2015 08:45 CEST | Aktualisiert 03/07/2016 07:12 CEST

Klick zum guten Leben: So können sich Kinder jetzt für eine bessere Welt engagieren

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Nachhaltigkeit ist zu wichtig, um das Wort denjenigen zu überlassen, die sie als Worthülse abtun oder in Werbe-Claims verwässern. Sagen die Nachhaltigkeits- und Bildungsexpertinnen Ina Rieck und Petra Reinken.

Mit WINS, einem Spiele- und Bildungsportal für Mädchen und Jungen, setzen sie sich dafür ein, dass Nachhaltigkeit in der Gesellschaft positiv besetzt ist. Das ist nicht selbstverständlich, denn die deutsche Nachhaltigkeitsdebatte wird vor allem durch den Tenor des schlechten Gewissens bestimmt. Ihr Portal soll helfen, aus einem anderen Blickwinkel auf die Dinge zu schauen und Kinder darin unterstützen, sich in ihrem Alltag für eine bessere Welt zu engagieren.

Interview mit Ina Rieck und Petra Reinken

_ Was sind Ziel und Inhalt des Nachhaltigkeitsportals für Kinder?

Reinken:

2050 erreichen wir einen Tippingpoint: Kinder, die jetzt zur Schule gehen, werden dann nicht nur mit Artenschwund, Klimawandel und anderen lebenswichtigen Themen konfrontiert (so wie schon heute) - sie sind dann auch die Entscheidungsträger. Das Portal berücksichtigt die Grundsätze der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), die ja unter anderem zum Ziel hat, Handlungskompetenz zu vermitteln.

Rieck:

Das Portal soll Mädchen und Jungen etwa im Alter zwischen neun und zwölf Jahren auf kreative Weise zum selbstständigen, nachhaltigen Denken und Handeln anregen und vermitteln, dass Nachhaltigkeit auch Spaß macht.

Zudem setzen wir uns dafür ein, die Entfremdung vom Ursprung der Dinge - wo es möglich ist - ein wenig aufzuhalten. So haben Kinder heute zuweilen Schwierigkeiten, Gemüsesorten zu erkennen oder irreale Ängste vor etwas Natürlichem.

Reinken:

Unsere Seite berücksichtigt verschiedene Anknüpfungspunkte in der Lebenswelt der Kinder. Das Portal wollen wir aber auch verstanden wissen als Ideengeber für Multiplikatoren. Wir fördern die Vernetzung der Akteure der Bildung für nachhaltige Entwicklung und vernetzen die Angebote für Kinder.

_ Wie kamen Sie auf die Idee?

Rieck:

Wir beide sind auf dem Land aufgewachsen und haben eine Affinität zu Nachhaltigkeitsthemen. Wir haben Berufe im Bereich der Kommunikation gewählt - als Journalistin und Marketingfachfrau. Zum anderen arbeiten wir gerne eigenständig, darum haben wir geschaut: Was fehlt auf dem Markt? Ist es etwas, das wir können? Ist es etwas, was uns wichtig ist? Dann sind wir bei WINS gelandet.

Petra Reinken:

Wir hatten einmal einen verschmutzten Trinkwasserbrunnen zu Hause, und das bedeutete, dass nichts mehr funktionierte. Jedes elementare Lebensbedürfnis - waschen, essen, sauber wohnen - musste aus Mineralwasserflaschen befriedigt werden, und das war ein Ding der Unmöglichkeit. Deutlicher wurde mir nie vor Augen geführt, dass so etwas nie passieren darf: Wasser muss vorhanden und sauber sein.

_ Gibt es solche Plattformen nicht schon?

Rieck:

Das Internet quillt über vor Nachhaltigkeitsthemen. Aber nur, weil die Suchmaschinen eine Fülle von Seiten anbieten. Wenn die Begriffe „Kinder" und „Nachhaltigkeit" eingegeben werden, ist noch lange kein Kind erreicht oder ein Bildungsauftrag erfüllt. Auch zeigt sich: Im Kindergartenalter spielt Nachhaltigkeitspädagogik eine große Rolle - auf dem Weg ins Jugendalter jedoch dünnen die medialen Angebote aus.

Reinken:

Ein bundesweites, holistisches Online-Portal rund um Nachhaltigkeit, das speziell für Kinder gemacht ist und konsequent vom Kind ausgeht, gibt es augenscheinlich bisher nicht. Experten wie Prof. Matthias Barth von der Leuphana Universität in Lüneburg und Prof. Torsten Schäfer von dem Medienforum Grüner Journalismus bestätigen das. Diese Lücke wollen wir mit dem geplanten Projekt schließen.

_ Inwiefern sind Websites ein geeignetes Medium?

Reinken:

Dass der Weg ins Handeln über das Internet führt zeigt zum Beispiel eine aktuelle Studie, die U9-Studie „Kinder in der digitalen Welt" vom Bundesfamilienministerium: Über 90 Prozent aller Kinder von zehn bis elf Jahren sind online. Und das Smartphone gehört im Alter von zwölf schon zur Standardausstattung.

Rieck:

Also, die Reichweite von Websites ist groß, darum sind sie erst einmal ein guter Zugang. Kinder sind Digital Natives. Gerade das macht es möglich, den Jungen und Mädchen über das Portal zu zeigen, wie Nachhaltigkeit in ihr eigenes Leben eingebettet ist.

_ Thematisieren sie auch alltägliche Entscheidungen und Zielkonflikte?

Reinken:

Ja, hier ein Beispiel: Ich weiß, dass das Öko-T-Shirt das Beste ist, aber brauche ich wirklich ein neues? Ich weiß, dass Flugreisen die Luft verpesten, aber jeder fliegt doch heute! Ich weiß, dass der Wolf eine streng geschützte Art ist, aber jetzt, wo er in meiner Nähe ist, macht er mir Angst. Den Kindern werden diese Zielkonflikte aufgezeigt, und ihnen werden Informationen an die Hand gegeben, die ermutigen, Lösungen dafür im eigenen Alltag zu suchen.

Rieck:

Die Kinder bekommen dabei konkrete Impulse, denn daraus generieren sich die Themen. Wir wollen das Verzahnen mit der realen Welt aber auch selbst realisieren, zum Beispiel mit Videoclips aus Projekten oder Kinderreportern. Außerdem suchen wir den Kontakt zu Kindern schon in der Entwicklungsphase der Seiten - mit Usability Tests.

_ Was heißt das konkret?

Reinken:

Wir fragen: Ist euch diese Figur, die wir hier entworfen haben, sympathisch? Könnt ihr mit den Farben was anfangen, was findet ihr blöd an der Seite? Was erwartet ihr, wenn ihr auf diesen Button klickt? Darauf hören wir dann.

_ Wie erreichen Sie die Kinder?

Rieck:

Wichtige Mittlergruppen sind Eltern und insbesondere auch Pädagogen. Um sie zu erreichen, steht uns als erfahrene Kommunikationsexpertinnen die gesamte Bandbreite der Marketinginstrumente zur Verfügung: online wie offline, Social Media und Blogger-Relations genauso wie klassische Pressearbeit mit Kindermedien oder der persönliche Kontakt zu Multiplikatoren und z. B. über Lehrer-Netzwerke.

Reinken:

Selbstverständlich achten wir darauf, dass das Portal bestimmten Kriterien entspricht, dass es in Kindersuchmaschinen wie Frag Finn aufgenommen wird. Da sind zum Beispiel Anforderungen an die Barrierefreiheit gefragt. Aber die Kinder sind ja auch Teil unserer kontinuierlichen Marktforschung und lernen uns auch in der realen Welt kennen, weil wir ihre Meinung wissen wollen.

_ Was bedeutet WINS?

Rieck:

Der Projektname W I N S ist abgeleitet von "Was ist Nachhaltigkeit? Spannend!" Durch diese Negativ-Karriere und diese enorme Verwässerung, die dem Begriff Nachhaltigkeit wiederfahren ist, kann man ihn schlecht für die URL und das Projekt gebrauchen.

Reinken:

Die Kinder können sehen und vergleichen: Wie haben andere Kinder in dieser Situation gehandelt, und wie haben sie Herausforderungen gelöst. Sie können sich - in der zweiten Phase, nach dem Aufbau der Seite - selbst präsentieren. Sie sind auch das ständige Korrektiv dieser Seite durch unsere Marktforschung und Evaluation - es ist irgendwie auch ihre Seite.

_ Warum sind Sie die richtigen „Betreiberinnen" für das Projekt?

Rieck:

Wir verfügen über jahrelange Erfahrung in der Nachhaltigkeitskommunikation und der Arbeit für Kinder. Wir waren beziehungsweise sind für die Kindernachrichten der Deutschen Presse-Agentur tätig und schreiben Texte für Kinder.

Reinken:

Mindestens genauso wichtig ist, dass wir uns ständig und tagtäglich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Kürzlich wollten wir jemandem Blumen mitbringen und haben erst einmal vor dem Stand debattiert, welche Blumen gerade in Deutschland wachsen, ob man die fair gehandelten nehmen sollte, wieso die in Plastik einpackt sind und wo eigentlich die Herkunftsorte liegen. Genommen haben wir dann die regionalen.

_ Wie sieht Ihr Finanzierungskonzept aus?

Reinken:

Wir haben Anträge gestellt für öffentliche Förderung beziehungsweise wollen das noch tun. Die Finanzierung soll ein Dreiklang sein zwischen öffentlichen Geldern, Drittmitteln und Eigenmitteln - das ist ja der ganz übliche Weg für Projekte, die nicht sofort Geld abwerfen.

_ Und wie ist die langfristige Finanzierung gesichert?

Rieck:

Gesichert ist sie noch nicht, aber wir werden die drei Jahre der Projektphase natürlich nutzen, um das zu tun. Wir haben drei verschiedene Konzepte zur langfristigen Finanzierung von WINS entwickelt. Unsere Wunschvorstellung ist, dass Unternehmen aus der Nachhaltigkeitsbranche das Potential für sich entdecken und nach Projektende den Weiterbetrieb der Seite sichern. Diesen Weg werden wir verfolgen, aber natürlich könnten auch NGOs oder eine Hochschule das Projekt weiterführen.

Reinken:

Man kann, immer unter Wahrung der besonderen Anforderungen an eine Website für Kinder, auch mit einem Shop Geld einnehmen. Egal welcher Weg es letztlich wird, uns ist wichtig, direkte kommerzielle Interessen und Abhängigkeiten außen vor zu lassen.

_ Was bieten Sie Ihren Unterstützer/innen?

Rieck:

WINS hat als ein Angebot, das für Kinder gemacht ist, ein unglaubliches Potential, eine Atmosphäre und ein Verständnis für nachhaltiges Handeln zu schaffen. Kinder sind Botschafter, sie können andere - ihre Eltern, Verwandte, Freunde - anstecken, die eigenen Werte und das tägliche Handeln zu verändern.

Reinken:

So eine Atmosphäre, so eine Werteveränderung benötigen Unternehmen letztlich, wenn sie nachhaltige Produkte am Markt anbieten. Unternehmen haben viele Möglichkeiten, ihr Engagement in die eigene Kommunikationsstrategie einzubinden. Da können wir uns vieles vorstellen - eine Kinderseite im Kundenmagazin, Sammelkarten, Preisausschreiben wären dabei nur erste Ideen.

Weitere Informationen:

WINS


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