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22/04/2016 04:44 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Klare Entscheidung: Darum wollen die Besten nüchtern bleiben

Phil Ashley via Getty Images

„Wer fliegen will, muss nüchtern bleiben." (Wolf Lotter)

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, braucht es einen klaren Blick, um sich in der Orientierungslosigkeit nicht zu verlieren. Geschult werden könnte er durch die Erinnerung an erfolgreiche, vorausschauende und kreative Köpfe, die auf Nummer sicher gehen und keine Draufgänger sind, die nicht unbedacht losfliegen und alles auf eine Karte setzen.

Als Grenzgänger tasten sie sich lediglich bis zum Rand einer Klippe vor und berechnen die Fallgeschwindigkeit, ja checken ihren Fallschirm lieber mehrmals und haben unten sogar noch ein Sicherheitsnetz gespannt - für den Fall der Fälle.

Der Managementexperte Adam Grant führt in seinem aktuellen Buch „Nonkonformisten" etliche Beispiele dafür an, dass viele Unternehmer zwar große Risiken eingehen - aber das sind nicht solche mit einer nachhaltigen Erfolgsgeschichte. Die Besten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich in einem Bereich für das Risiko entscheiden, in einem anderen aber vorsichtiger agieren.

Edwin Land, der Gründer von Polaroid, bemerkte einmal, dass vermutlich niemand auf einem Gebiet originell sein kann, „wenn er nicht auf allen anderen Gebieten psychische und soziale Stabilität besitzt, die auf einem festen Fundament ruht".

Aber woher Stabilität nehmen, wenn es keinen äußeren Halt gibt?

Die Klugen wissen, dass es nur eine Welt gibt, die noch klar und fest verankert ist: die innere. Sie soll möglichst rein gehalten werden, um richtig und schnell auf das reagieren zu können, was von außen auf sie einstürmt.

Eigenständiges Denken macht sie selbstständig und bewegt sie dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Weniger ist für sie nicht mit Verzicht verbunden, sondern mit Realitätsgewinn.

Er kommt dort zum Vorschein, wo nichts vernebelt ist, deshalb sind die meisten von ihnen auch nicht an Alkohol und Rausch interessiert:

Karl Lagerfeld hat nie getrunken, auch wenn ihm „sauertöpfische Puritaner und Calvinisten" wie er ein Gräuel sind. Auch er ist ein Grenzgänger, der durchaus interessiert auf jene schaut, die dazu geboren sind, sich zu zerstören. Aber er ist nach eigenen Worten „fürs Überleben gemacht". Sein Selbsterhaltungstrieb war immer stärker, und das hat ihm immer geholfen, in der Wirklichkeit ganz selbst zu sein.

Skandale waren auch seiner einstigen Muse Claudia Schiffer immer fremd. In den Neunzigerjahren erledigte sie ihren „Glamour-Job" absolut zuverlässig. „Nie zu spät, nie betrunken, nie Diva." (GALA 31.3.2016, S. 50)

Auch der Umweltaktivist und Frontsänger der Popband a-ha, Morten Harket, nahm niemals Drogen. "Ein Rausch bringt mir nichts. Außer, dass er mich runterzieht", sagte er 2012 in einem "Bild"-Interview.

Er raucht nicht, trinkt „wenig Alkohol" und geht meistens früh ins Bett. Wie Lagerfeld bezeichnete er 2009 sein Leben als „ziemlich langweilig".

Alles, was ihm den „Zugang zu sich selbst" verbaut, mag er nicht.

„Soziale Störfälle"

Ein grundlegender Optimismus, die äußere Welt wieder - so gut es geht - in den Griff zu bekommen, braucht Nüchternheit.

Ein interessanter Kommentar dazu findet sich im aktuellen Buch der Entertainerin Désirée Nick: „Säger und Rammler und andere Begegnungen mit der Männerwelt". „Wer säuft, hat in unserer Gesellschaft ein Problem", schreibt sie. Aber wer nicht mit säuft, eben auch.

Die Autorin und Moderatorin Else Buscheuer bezeichnete sich einmal als „eingebildete Trinkerin", die sich „voll" auf den sozial akzeptierten Alkoholismus eingelassen hat, um gesellschaftlich dazuzugehören:

So trank sie vor ihrer Talkshow, die sie 2005 moderierte, einen Prosecco (für den Blutdruck). Vor der Sendung stieß sie dann mit den Gästen an, um ihnen die Scheu zu nehmen. Auch während der Livesendung wurde Alkohol serviert. Wenn nach der Sendung der Druck von ihr abfiel, wurde gefeiert.

Sie trank in Gesellschaft, zu Hause, beim Telefonieren, beim Rauchen, beim Schreiben, auf Empfängen. Um den Effekt des Trinkens auf ihr Schreiben zu vergrößern, erhöhte sie mitunter die Dosis.

Wer nicht trinkt, gilt als „sozialer Störfall" und macht sich verdächtig, schreibt Désirée Nick in ihrem Buch, weil sich die Nein-Sager sozialen Zusammenhängen und althergebrachten Traditionen entziehen:

„Jahrhundertelang war das Trinken nämlich auch ein Zwang. Es konnte nicht abgelehnt werden, wenn es ans Zutrinken ging, wie das rituelle Leeren der Becher damals hieß. Geschäfte wurden so besiegelt, Lehnsverhältnisse, Ehren, alles."

Désirée Nick gehört selbst zu jenen Feinsinnigen, die nur nippen, weil die Gratwanderung zur Übelkeit bei ihr sehr schmal ist. Auch wenn ihre Ironie der nüchternen Betrachtung des Themas noch eins draufsetzt, so trifft auch sie den Kern der Wahrheit: dass Selbstbestimmung eine klare Sicht braucht.

„Schnell empfinde ich den Alkohol als ein Zellgift, das meine sensiblen Nervenzellen schädigt, indem es unkontrollierbar seine toxische Wirkung entfaltet. Ich spüre dann regelrecht, wie das Glas Schnaps durch meinen Körper transportiert wird, sich in meinem zarten Gewebe verkantet und meine gesamte seelische Verfassung auf den Kopf stellt und aus dem Gleichgewicht bringt."

No Man's Land

Désirée Nick beschreibt in ihrem Buch nicht nur die Spezies Mann, die sich in alten Machtstrukturen verrannt hat und heute auf eine lange und ungewisse Reise „hinaustreibt":

„Bärenstark, tonangebend, federführend - als all das galt er einst, der Mann als die Krone der Schöpfung. Doch das Alte versinkt in Lächerlichkeit, und die Konturen des Neuen sind noch kaum zu erkennen."

Dies ist auch eine Zeitdiagnose, die den Übergang von der Alten zur Neuen Welt beschreibt, denn wir befinden uns heute an einer Grenze zu dem, was wir noch nicht verstehen, von dem wir aber wissen, dass es alle Lebensbereiche grundlegend beeinflussen und verändern wird.

Die Aussage des Managementvordenkers Fredmund Malik, dass vieles in der Alten Welt nicht mehr funktioniert, weil sie ihrem Ende zugeht, und in der Neuen Welt vieles noch nicht geht, weil es entweder nicht richtig da oder noch nicht reif genug ist, deckt sich in Grundzügen mit der Aussage der Entertainerin.

William Bridges nennt die von beiden beschriebenen Übergangsphasen das „no-man's-land" (das Alte ist nicht mehr, das Neue ist noch nicht da).

Das erzeugt Ängste und Verunsicherung in Krisenzeiten, was verstärkt auch dazu führt, sie durch Alkohol betäuben zu wollen.

Wer sich tiefer mit Krisenphänomenen beschäftigt, kommt am Angst- und Alkoholthema heute nicht vorbei. Doch wie geht die Generation Y damit um?

Jonathan Sierck ist ein Autor und Speaker dieser Generation. 2014 erschien sein Buch „Fü(h)r Dich Selbst: Mit dem richtigen Mindset zum Erfolg".

Da ihn Themen wie Konzentration intensiv beschäftigen, bat ich ihn, das Thema „Alkohol und seine Bedeutung für die Generation Y" zu kommentieren. Das Ergebnis ist auch hier „ernüchternd" positiv.

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Jonathan Sierck: Besser nüchtern

„Vorglühen - schütten - zechen - kippen - übelst bechern - sich richtig einen hinter die Birne kippen oder aus der Welt schießen - ..." Die Generation Y könnte fast ein Wörterbuch für die verschiedenen Begriffe erstellen, mit denen sie den Konsum von Alkohol beschreiben. Für unterschiedliche Anlässe und unterschiedliche Mengen gibt es unterschiedliche Wörter dafür.

Das mag schnell so klingen, als wären viele von uns jüngeren Menschen harte Trinker. Doch ist dem keineswegs so. Neben der „Work Hard - Drink Hard"-Mentalität, die sich einige getriebene und zielstrebige junge (sowie auch ältere) Menschen, von Vorbildern wie u.a. Richard Branson abschauen, gibt es auch viele Verfechter der „Don´t Live and Drink" Maxime.

Eines meiner größten Vorbilder und Inspirationsquellen im Leben ist der geniale Denker Dr. John Demartini. Bei einem gemeinsamen Frühstück in Johannesburg durfte ich ihn etwas besser kennenlernen und einen Einblick in seine fast schon unmenschliche Arbeitsethik gewinnen.

Selten bin ich jemandem begegnet, der härter, intensiver und fokussierter arbeitet als er. Auf die Frage, ob er gelegentlich auch mal einen entspannten Abend macht, sich zurücklehnt und gemütlich ein Glas Wein oder etwas anderes trinkt, meinte er nur mit einem Lächeln im Gesicht:

„Das letzte Mal, dass ich einen Schluck Wein oder Alkohol getrunken habe, liegt mehr als 30 Jahre zurück. Meine Frau wollte damals, dass ich etwas Wein mit ihr trinke. Das habe ich auch getan. Doch am nächsten Morgen habe ich mich in meinem Denken nicht so klar und frisch gefühlt, wie es sonst der Fall ist. Das war ein Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin und war, weswegen ich es seitdem gelassen habe."

Klare Worte, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben und auf mehrere seiner Schüler abgefärbt haben.

Die in sich Gefestigten, die wissen, was sie wollen, sich nicht äußeren Stimmen hingeben und sich nicht von diesen beeinflussen lassen, die gerne selbstbestimmt und mit einer bewussten Kontrolle über sich und ihre Gedanken durchs Leben gehen, trinken höchstens einmal aus Genuss oder gar nicht.

Der Preis, dass die eigene Kreativität darunter leiden könnte, ist ein Preis, den sie nicht bereit sind zu zahlen - egal welcher Generation sie angehören.

Literaturhinweise:

Adam Grant: Nonkonformisten. Warum Originalität die Welt bewegt

Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2016.

Morten Harket: My take on me: Autobiografie. Edel Germany, Hamburg 2016.

Karl Lagerfeld: Karl über die Welt und das Leben. Hg. von Jean-Christophe Napias und Sandrine Gulbenkian. Edel Germany GmbH, Hamburg 2014.

Désirée Nick: Säger und Rammler und andere Begegnungen mit der Männerwelt. Heyne Verlag 2016.

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