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15/08/2015 06:57 CEST | Aktualisiert 15/08/2016 07:12 CEST

Kinderlos, aber nachhaltig. Warum wir „Muttis" fürs Ganze brauchen

Die Entscheidung

Die Aktion „200 Menschen aus Deutschland sagen in der Huffington Post: 'Willkommen, liebe Flüchtlinge, gut, dass ihr hier seid'" stößt noch immer auf eine unglaublich hohe positive Resonanz. Allerdings finden sich auch Leserkommentare wie dieser:

„Die, die hier kommentiert haben, haben im Verhältnis wenig oder keine Kinder. Also nach der Logik ist nach ihrem Tod ihr Wort nichts mehr wert und damit auch dieser Aufruf sinnlos. Hätten sie für mehr (eigene) Kinder plädiert, wäre ich dabei." (10.8.2015)

Ich wollte diesen Satz zuerst ignorieren, weil er menschenfeindlich ist - zuerst sollte man(n) Herz und Verstand haben (und dann gern auch eigene Kinder). Doch da in dieser Aussage weitaus mehr als „nur" das Flüchtlingsthema streckt, soll er hier eine Brücke fürs „Ganze" sein.

Als die Journalistin Naomi Klein als werdende Mutter begann, an ihrem Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima" (S. Fischer Verlag, 2015) zu arbeiten, nahm sie sich die Klimakrise anders zu Herzen als vorher. Ihr wurde bewusst, dass sie sich vorher immer ausgegrenzt fühlte, wenn von der Verantwortung gegenüber „unseren Kindern" und „unseren Enkeln" ("Enkeltauglichkeit") gesprochen wurde.

Gewiss kommen solche Bekenntnisse in den meisten Fällen aus innerer Überzeugung, und wohl niemand, der sich für Nachhaltigkeitsthemen einsetzt, möchte andere ausschließen. Aber es bleibt ein trauriges Gefühl zurück, wenn die Sorge um die Zukunft so kommuniziert wird, dass sie von der Liebe zu den eigenen Nachkommen abhängt.

Naomi Klein fragt zu Recht, wo denn jene bleiben, die keine Kinder haben oder keine bekommen können? Ist es für einen Menschen ohne Kinder überhaupt möglich, ein „echter Umweltschützer" zu sein? Oder sich für Nachhaltigkeit zu engagieren?

Ja, viele können das sogar nur in besonderer Weise tun, weil sie keine Kinder haben, weil sie sich für eins richtig entschieden als sich nur halbherzig zu kümmern.

„Kinder lassen sich mit dem Beruf, wie ich ihn mache, nicht verbinden", sagte die Marketingexpertin Karen Heumann, heute Sprecherin des Vorstands und Partnerin der thjnk ag, vor einigen Jahren. Das bedauerte sie zwar manchmal, aber ihr Job und ihr Hobby, „die Phänomenologie des Alltags zu erforschen, das ist so interessant, dass ich eigentlich immer und überall ,on' bin."

Auch wenn sie keine eigenen Kinder hat, so hört sie ihnen gern zu. Der Sohn einer Freundin habe sie einmal gefragt: "Kann auch ein Mann Bundeskanzlerin werden?" Genau da müssen wir hinkommen, sagte Heumann daraufhin. „Und deswegen plädiert sie für die Frauenquote."

Die Entertainerin, Schauspielerin und Autorin Désirée Nick hat dazu in ihrem amüsanten, aber nicht minder tiefgründigen Buch „Neues von der Arschterrasse" (Verlag Marion von Schröder, Berlin 2014) einen sehr klugen Passus geschrieben, der unbedingt auch in der Nachhaltigkeitsdebatte berücksichtigt werden sollte:

„Jede Frau, die sich aus freiem Willen, in voller Besonnenheit und nach reiflicher Überlegung bewusst gegen eigene Kinder entscheidet - erweist der Menschheit auf lange Sicht einen wertvollen Dienst. Die Welt braucht Frauen, denen es möglich ist, ihren Wert als Persönlichkeit aus sich selbst heraus zu definieren, ihre Fähigkeiten und Talente in vollstem Potential zu entfalten und nicht nur in den Dienst der eigenen Familie, sondern einer großen Gemeinschaft zu stellen. Vom Mikrokosmos zum Makrokosmos: Hier bietet sich eine nur zu gern übersehene Chance, ‚zur Mutter vons Janze' zu werden! Denn das Programm der Hausfrau und Mutter ist nach sechzehn Jahren ausgeträumt."

In den attraktivsten Frauen von morgen steckt für sie ein ganzer Kerl - „und zwar einer mit Haaren, die sitzen!"

Klimawechsel in der Politik

Über die Haare von Angela Merkel mögen andere urteilen. Hier soll lediglich interessieren, was die kinderlose Kanzlerin zur Mutti eines ganzen Volkes gemacht hat. Wer sie zuerst so bezeichnet hat, ist nicht bekannt. Von „Mutti" sprachen früher hinter vorgehaltener Hand vor allem Unions-Männer aus der Altersgruppe 60 plus.

Gleiches gilt für die kinderlose Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball im Deutschen Fußball-Bund Hannelore Ratzeburg (Jahrgang 1951), die Fußball-Funktionäre im gleichen Alter zuweilen als „das Muttchen" bezeichnen.

Bei Angela Merkel ist aus der Lästerei längst ein positives Markenzeichen geworden, das für Sympathie, Bodenständigkeit, Bescheidenheit, Unaufgeregtheit, Glaubwürdiger und Kompetenz steht.

„Die Familie weiß, dass auf sie Verlass ist. Mutti baut keine Luftschlösser, sondern sorgt dafür, dass das Haus sauber ist und etwas zum Essen auf den Tisch kommt. Mutti stellt auch ein paar Regeln auf, aber nicht zu viele. Mutti ist verlässlich."

Doch das letzte Wort hat immer noch Mutter Erde, die allerdings eine Menge Fruchtbarkeitsprobleme hat: vom Boden bis zu den Niederschlägen. Was Naomi Klein im Laufe ihrer Schwangerschaft zuversichtlicher machte, war allerdings folgende Erkenntnis:

„Der Schutz und die Wertschätzung für die genialen Systeme der Erde zur Erhaltung des Lebens und der Fruchtbarkeit all ihrer Bewohner sollten im Mittelpunkt eines neuen Weltbilds stehen, das wir uns aneignen müssen, wenn wir den Extraktivismus hinter uns lassen wollen. Ein Weltbild, das auf Regeneration und Erneuerung beruht statt auf Dominanz und Ausbeutung."

Denn die Erde ist, wie der Ökologe Stan Rowe schrieb, nicht nur „Ressource", sondern „Quelle" („source"). Männer, die sie in der Vergangenheit „erschöpfen" bzw. bezwingen wollten, mussten schmerzliche Erfahrungen machen, die wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen sollten.

Die Geschichte, auf die auch Naomi Klein in ihrem Buch verweist, muss nicht stimmen. Doch die Botschaft dahinter, die sich um den Tod des Philosophen Francis Bacon (1561-1626) rankt, der kinderlos (!) starb, wirkt bis heute nachhaltig:

Er wollte seine Hypothese prüfen, dass gefrorenes Fleisch nicht verdirbt - so spazierte er bei frostigen Temperaturen im Freien und stopfte Schnee in ein totes Huhn. Angeblich zog er sich dabei eine Lungenentzündung zu, die ihn das Leben kostete.

„Obgleich nicht unumstritten, überdauerte die Anekdote die Jahrhunderte, weil sie anscheinend von ausgleichender Gerechtigkeit erzählt: Ein Mensch, der meinte, er könne sich die Natur gefügig machen, starb einfach an den Folgen der Kälte." (Naomi Klein)

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