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03/04/2016 07:09 CEST | Aktualisiert 04/04/2017 07:12 CEST

Karriere: Warum wir besser nicht nur auf die innere Stimme hören

Tom Merton via Getty Images

Eine Form von Intelligenz


Neuerdings wird im Kontext neuer Arbeits- und Lebenswelten verstärkt auf die innere Stimme verwiesen, die nach Prof. Gerd Gigerenzer eine Form von Intelligenz ist. Pro Sekunde nehmen wir etwa elf Millionen neue Sinneseindrücke auf - doch das Bewusstsein kann nur vierzig von ihnen gleichzeitig verwalten. Der Rest wird sozusagen via Autopilot verarbeitet. Die innere Stimme spricht heute aus allen Generationen: „...nur wer sein Leben in Einklang mit der inneren Stimme lebt, kann von einer gelungenen Selbstführung im eigenen Leben sprechen", sagt Jonathan Sierck, Autor und Speaker der Generation Y. Ähnlich äußert sich der Neuromerchandising-Experte Bert Martin Ohnemüller, der Generation zwischen 50 und 60: „Ich bin davon überzeugt, dass eine bessere Welt entstehen kann, wenn wir anfangen, noch stärker auf unser Herz zu hören und der Weisheit unserer inneren Stimme noch mehr zu vertrauen." Er plädiert dafür, die Zahlen-, Daten-, Faktenebene zu verlassen und sich einer Arbeitswelt zuzuwenden, in der Menschen das, was sie tun, gerne und mit Leidenschaft tun. Das romantische Unternehmen ist für den Business-und Managementexperten Tim Leberecht „ein Anti-Amazon und schafft Raum für Intuition, Kreativität und Mehrdeutigkeit." Es erlaubt Mitarbeitern und Führungskräften Entscheidungen auch „gegen besseres Datenwissen" (Finanzierung, Erlösoptimierung, Steigerung der Fallzahlen und Kostensenkung) zu treffen - nur aus dem Bauch heraus.

Die Suche nach neuen Perspektiven


Die „Herausforderung Karriere" hat bei den Business Romantikern mit der Suche nach neuen Perspektiven zu tun, den Wert unserer Intuition und Emotionen zu erkennen, „Konflikt und Reibung zu begrüßen und unsere eigene Menschlichkeit zu zelebrieren". Doch viele Unternehmen und Organisationen sind heute überfordert, Antworten auf die dringendsten Fragen zu liefern bzw. überhaupt zu formulieren. Dabei sollten sie Möglichkeiten schaffen, dass Mitarbeiter Sinn finden können und ihnen nicht das Gefühl geben, dass der Sinn ihrer Tätigkeit darin besteht, nur ihre Miete zu zahlen. Dann haben sie auch die Kraft, vieles besser durchzustehen und sind zu besseren Leistungen fähig. Auch Steve Jobs war davon überzeugt, dass dies gelingen kann, wenn wir anfangen, noch stärker auf unsere Herzen zu hören und unserer inneren Stimme noch mehr zu vertrauen. „Lassen Sie nicht zu, dass Ihre innere Stimme in den Stimmen anderer untergeht. Und was am wichtigsten ist: Haben Sie den Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen." Diesen Rat gab er in einem Doktorandenseminar an der Stanford University, nachdem bei ihm Leberkrebs diagnostiziert worden war, an dem er einige Jahre später starb. Er setzte nicht auf systematische Analyse, sondern nur auf das Bauchgefühl: „Man muss auf etwas vertrauen - auf seinen Bauch, das Schicksal, das Leben, Karma oder was auch immer. Dieser Ansatz hat mich nie im Stich gelassen und alles, was in meinem Leben wichtig war, bewirkt." Auf das Bauchgefühl setzt auch Der Graf, Sänger der Band Unheilig, der es sogar mit Gott vergleicht: „Es zeigt mir, welchen Weg ich gehen soll."

Warum Intuition zusätzliche Stabilitätsfaktoren braucht


In der Wissenschaft wird auch häufiger von Intuition gesprochen. Sie nutzt sämtliche Erfahrungen aus Reaktionsmustern, Erfahrungen und Erinnerungen ohne zu rechnen. Für einen Augenblick sieht sie das Wesentliche und blendet alles andere aus. Ihre Entstehung im Gehirn verdankt sich drei „Instanzen", die an unserer Entscheidungsfindung arbeiten: So ist die Hirnrinde mit dem Abwägen befasst, im Hippocampus ist das Erfahrungswissen gespeichert, und zur emotionalen Bewertung zur Lösung steuert der Mandelkern bei. Intuition führt zur Erkenntnis der Dinge, ohne dass man sich bewusst wird, „wie" sie erkannt werden. Doch eine Garantie, dass man damit immer richtig liegt, gibt es nicht, weil Intuition auch sehr emotionsgeladen ist und deshalb nach Ansicht des Psychologen Prof. Henning Plessner fehleranfällig sein kann. Wenn man als Experte in Gebiete eindringt, in denen man kein Fachmann ist, kann es geschehen, dass sich fachliche Unerfahrenheit, Selbstüberschätzung und Begeisterung negativ auswirken. Neuere Studien von Erik Dane bestätigen, dass unsere Intuition nur in den Bereichen treffsicher ist, in denen wir über viel Erfahrung verfügen. Das zunehmende Tempo der Veränderung macht heute vieles unvorhersehbar, was uns nach neurowissenschaftlichen Forschungen mehr Angst bereitet als das „Negative", das wir uns „ausmalen" können und dadurch scheinbar mehr Kontrolle haben.

"Bei Unbekanntem sind wir schnell hilflos."


Wenn es aber ums Unbekannte geht, sind wir oft hilflos, weil es uns an Wissen und Erfahrungen fehlt. Dadurch schwindet auch die Verlässlichkeit der Intuition als Mittel der Beurteilung. Ja, Intuition ist wichtig - aber sie braucht auch zusätzliche Stabilitätsfaktoren, die uns helfen, den Überblick zu behalten. Ohne inneren Maßstab wird dies nicht möglich sein. „Aber auch nicht ohne ein gesundes Misstrauen gegenüber jedem, der glaubt, ihn gefunden zu haben." (Gabriele Fischer) Gewiss können Zahlen ein Mehr an Orientierung liefern, wenn verstanden wird, was sie bedeuten. Viele Menschen und Institutionen versuchen die aktuellen Probleme mit alten Ansätzen zu lösen. Doch Prognosesucht, Quantifizierungswut und Strukturen sind keine hinreichende Antwort, wenn es um echte Problemlösungen geht. „Sich auf Strukturen zu konzentrieren, hat etwas Richtiges, weil man so immer das Wesentliche bearbeitet", sagte der Publizist Roger Willemsen einmal. Er verwies aber auch darauf, dass es etwas Kaltes im Augenblick hat, wo es sich über das Einzelleben hinwegsetzt. Es braucht heute beides gleichzeitig: die innere Stimme und einen flexiblen äußeren Rahmen, in dem sie gehört wird. 2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpgLiteraturempfehlungen: Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Goldmann Verlag, München 2008. Adam Grant: Nonkonformisten: Warum Originalität die Welt bewegt. Droemer Verlag, München 2016. Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015. Bert Martin Ohnemüller: LEAD SPEAK INSPIRE: Eine Inspirationsquelle für die vor uns liegende "Dekade der Menschlichkeit", die neue Sichtweisen auf Führung, Teams und Unternehmenserfolg fordert. Frankfurt a. M. 2016. Jonathan Sierck: Fü(h)r Dich Selbst: Mit dem richtigen Mindset zum Erfolg. Münster 2014 (Edition Octopus).