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21/10/2015 08:20 CEST | Aktualisiert 21/10/2016 07:12 CEST

Ideen für 8 Milliarden: Welche Lösungen für die Städte von morgen schon heute funktionieren

Thinkstock

Gastbeitrag von Tina Teucher

2025 werden laut Prognosen acht Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Wie werden Städte mit der zunehmenden Urbanisierung umgehen, mit den infrastrukturellen und sozialen Problemen? Wie lassen sich Nahrungsmittelproduktion und -konsum nachhaltiger gestalten? Diese Fragen beschäftigen die Politik, doch immer mehr Bürger und Unternehmer nehmen die Suche nach Lösungen selbst in die Hand. Und sie finden Unterstützer.

Das Programm "Eight Billion Lives" sucht Unternehmer mit innovativen Geschäftsideen

Die Munich Re und der Impact Hub München vergeben derzeit ein einjähriges Fellowship für Social Startups zu den Themen City und Food. Das Programm "Eight Billion Lives" sucht Unternehmer mit innovativen Geschäftsideen, die eine nachhaltige Urbanisierung oder Nahrungsmittelkonsum und -produktion anstreben.

Je Thema werden zwei Teams von einer Jury zu Impact Hub Fellows gewählt. Die vier Fellows erhalten gemäß der Ausschreibung ein Lebenshaltungsstipendium und Anschubfinanzierung für ihre Idee, außerdem einen Arbeitsplatz („Impact Hub Membership"), Netzwerke und Coaching.

Mutmachende Unternehmen und Initiativen, die solche Herausforderungen der Zukunft bereits angehen, feiern heute schon erste Erfolge. So konnte das Münchner Kartoffelkombinat in nur drei Jahren über 700 Mitglieder und Unterstützer für die Solidarische Landwirtschaft gewinnen.

Als Erntegemeinschaft engagieren sie sich in einer gemeinwohlorientierten Struktur für die regionale, saisonale Lebensmittelversorgung: Mit einem monatlichen fixen Beitrag sichern die Städter die Existenz und Produktionsmöglichkeiten eines Bio-Bauern. Im Gegenzug erhalten sie von ihm Obst und Gemüse, das sie unkompliziert an städtischen Verteilstationen abholen können - oder beim Wochenendausflug in Familie selbst mit ernten.

Die Genossenschaft möchten jedoch mehr bieten als „nur" eine Gemüsekiste. Deshalb verfolgt das Kartoffelkombinat auch politische Ziele, betreibt aktive Bildungsarbeit und steht selbst als Untersuchungsobjekt der Forschung zur Verfügung. Das Projekt ist Teil der europaweiten Studie EU-InnovatE, die analysiert, inwiefern innovative und unternehmerisch aktive Verbraucher einen Beitrag zu einer grünen EU-Wirtschaft leisten können.

Rund 200 der knapp 700 Mitgliedshaushalte nahmen teil. Sie erhalten von ihrer Genossenschaft nicht nur ständig frisches Obst und Gemüse, sondern auch Rezepte zur Verarbeitung sowie in der „Kartoffelakademie" Kurse zum Haltbarmachen von Nahrungsmitteln, aber auch zu globalen Zusammenhängen, Mobilität oder Bienen in der Stadt.

75 Prozent der Befragten gaben an, dass sie durch ihr Engagement in der Erntegemeinschaft in allen Lebensbereichen achtsamer und nachhaltiger handeln.

Einen anderen Ansatz zur städtischen Lebensmittelversorgung verfolgen die TopFarmers. Das Berliner Startup will Nahrung direkt in der Stadt produzieren. „Urban Farming 2.0" nennt sich der Anbau auf Dächern, bei dem Fisch, Gemüse und Obst in einem Treibhaus-Kreislauf gezüchtet werden. Die Ausscheidungen der Fische laufen dabei durch einen Bio-Filter und düngen damit wiederum die Pflanzen.

2011 startete das Unternehmen mit einen zehn Quadratmeter großen Prototypen. Zwei Jahre später funktionierte bereits ein 100 m2 großes Kreislaufsystem, noch in diesem Jahr soll eine 2.000 m2 große Produktionsanlage in Betrieb gehen. Außerdem wirken die TopFarmers als städtisches Bildungsprojekt mit zahlreichen Workshops, Führungen und eigenen Unterrichtsmodellen.

Mit einer Partnerschule entwickeln sie nun sogar ein eigenes Berufsbild: das des Stadtgärtners bzw. der Fachkraft für Aquaponik. Er könnte Anlagen bewirtschaften, die Fischzucht (Aquakultur) mit Pflanzenzucht auf Wasser (Hydroponics) verbinden.

Der Bedarf ist vorhanden: Allein die Deutschen konsumieren jedes Jahr 1,2 Millionen Tonnen Fisch.

Das Konzept ist skalierbar und kann grundsätzlich von Landwirten übernommen werden: 100 bis 200 m2 des Aquaponic-Kreislaufs können eine 2-3 Personen Familie tragen.

Der Vorteil gegenüber der normalen Aquakultur: Normale Fischzüchter haben ein riesiges Gülle-Problem. Vor allem bei den Farmen in Norddeutschland ist der Nitratgehalt viel zu hoch. Die Berliner Initiative nutzt diesen „Abfall" als Pflanzendünger - sogar für Südfrüchte wie Bananen und Papayas.

Neben der Nahrungsmittelversorgung wird auch der Zustand der Luft in den Städten zur kritischen Herausforderung: „430.000 Europäer sterben jährlich an Feinstaub", titelte vor kurzem der Spiegel.

Weltweit sind es wohl mehr als drei Millionen Menschen pro Jahr. Der CityTree des Dresdner Startups Green City Solutions will das Luftverschmutzungsproblem in Ballungsgebieten lösen:

Die mit Moos-Töpfen besetzte Fläche soll die Stadtluft so gut von Feinstaub und anderen Schadstoffen befreien, wie bis zu 275 Bäume. Ein CityTree kostet mit 25.000 Euro allerdings weniger als ein Zehntel der für die Bäume nötigen 275.000 Euro. Auch die Wartungskosten liegen mit weniger als 1.500 Euro pro Jahr unter denen für einen normalen Straßenbaum.

Darüber hinaus benötigt der CityTree 90% weniger Fläche und keine Verankerung im Boden. Um eine Stadt wie Leipzig vollständig und dauerhaft vom Feinstaub-Problem zu befreien, braucht es laut den Dresdner Gründern lediglich circa 200 CityTrees.

Die Städte könnten dabei nachweislich mit einer Reduktion der Feinstaubwerte um bis zu 10% rechnen. Nebenbei soll das autarke Stadtgestaltungselement als Sitzfläche oder Elektrofahrrad-Tankstelle dienen, sich als naturnahe Werbefläche nutzen lassen und die lokale Biodiversität durch den Einsatz seltener Arten erhöhen.

Derzeit sind die Gründer im Gespräch mit den Städten Oslo, Leipzig, Jena, Reutlingen und Stuttgart und mit Energieversorgern wie EON zur Implementierung von Elektro-Ladestationen in die CityTrees.

Für ihre Idee erhielten sie bereits mehrfach Anerkennung, u.a. mit dem European Youth Award 2015 und als Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen 2015.

Weitere Informationen:

Eight Billion Lives

Kartoffelkombinat

Top-Farmers

Green City Solutions

Video: Ein-Dollar-Brille: Ein deutsches Startup verbessert mit seiner Idee das Leben von 150 Millionen Menschen Siemens Stiftung

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