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08/10/2015 05:46 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 07:12 CEST

Heimat: Garten des Menschlichen (Teil 1/5)

Gastbeitrag von Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern (Teil 1):

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Copyright: Dr. Norbert Göttler

Was haben Kulturarbeit und Heimatpflege mit Demokratie und Menschenrechten zu tun?

Im Jahr 1977 veröffentlichte der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker den Band „Der Garten des Menschlichen" und lenkte damit den Blick auf den gefährdeten Lebensraum Erde sowie auf seine - gleichermaßen gefährdete wie gefährdende - Bewohnerschaft, die Menschheit. Es ging Weizsäcker damals um eine Sensibilisierung für die Vielgestaltigkeit unseres gemeinsamen Lebensraums Erde. „In einem Garten gibt es Wege", so schreibt er, „und ein verständig angelegter Garten zeigt von jedem Blickpunkt aus ein jeweils anderes, sinnvolles Bild."

Unseren Lebensraum mit dem Bild des Gartens zu charakterisieren, ist nicht neu. Bereits die Schöpfungsgeschichte weist dem Menschen einen Garten als Handlungsraum zu, den er sorgfältig zu schützen und zu bewahren habe. Die Schönheit, aber auch die Verletzlichkeit des „Gartens Erde" ist ständiges Thema von Literatur, Philosophie und Weltreligionen. Auch Weizsäcker wollte mit seinem Buch auf die ständige Gefährdung des „Gartens des Menschlichen" hinweisen.

Neben wirtschaftlichen, militärischen und ökologischen Verwerfungen nannte er die zunehmende Unfähigkeit der Weltpolitik, die Völker der Erde humanitär und gewaltfrei zu regieren: „Minderheiten haben gelernt, Gewalt zu üben und erzeugen damit einen Drang der ´schweigenden Mehrheit´ zur Billigung eines Polizeistaates. Die Welt wird unregierbarer."

37 Jahre sind seit Weizsäckers Analyse vergangen. Die Welt hat sich, zumal seit dem Fall der Mauer und der immer deutlicher erfahrbaren Globalisierung, fundamental verändert, manche ehedem brisante Themen sind in den Hintergrund gerückt - doch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen den menschenrechtlich-demokratischen Ansprüchen des Einzelnen und den realpolitischen Wirklichkeiten vieler Staaten hat weltweit an Dringlichkeit eher zugenommen.

Weizsäcker hatte globale Lebensräume im Blick. Liegt es aber nicht auf der Hand, dass das Bild vom „Gartens des Menschlichen" auch auf jene Phänomene anzuwenden ist, die wir „Heimat" und „regionale Kultur" nennen?

Heimat als globales Phänomen

Überall auf der Welt gibt es „Heimaten", in der Ferne und in der Nähe. Überall gibt es Menschen, die sich Heimaten verbunden fühlen, überall gibt es aber auch Diktaturen, Vertreibungen, Zwangsumsiedelungen, Gleichschaltung, Verelendung, Folter, Todesstrafe. Können wir so tun, als ob das alles die konkrete Heimatpflege in Bayern nichts anginge?

Glauben wir tatsächlich, in einer globalisierten Welt könnten wir in unserer Heimat auf einer Art „Insel der Seligen" leben? Kann jemand annehmen, die Gefährdungen auch unseres Heimatraumes durch totalitäre, rassistische und menschenverachtende Bewegungen seien ein für alle Mal gebannt? Nichts ist selbstverständlich! Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur erwachen, so heißt es. Kann eine Diktatur Heimat sein? Kann man sich in einem totalitären, menschenverachtenden Staat heimisch machen, ohne mitschuldig zu werden?

Zweifellos gibt es die innere Emigration, die Möglichkeit, in kleinen Nischen Schutz und Geborgenheit zu suchen. Einen totalitären Staat in seiner Gesamtheit hingegen als Heimat zu interpretieren, wird kaum ohne ideologische Unterwerfung vor sich gehen können. Das ist die bittere Erfahrung, die auch die Heimatpflege im Dritten Reich machen musste, als sie meinte, ihre Ziele mit den Mitteln der Anbiederung und Anpassung erreichen zu können.

Um im eingangs angebotenen Bild zu bleiben: Lange Jahre haben sich Heimatpflege und regionale Kulturarbeit damit begnügt, sich liebevoll um einzelne Pflanzen und Tiere im „Garten Heimat" zu kümmern. Sinnvollerweise ist langsam ein Bewusstsein entstanden, sich auch mit den Verwerfungen und Brüchen im Erdreich dieses Gartens auseinanderzusetzen und Gefährdungen festzustellen. Ist es jetzt nicht an der Zeit, uns aufzurichten und über den Gartenzaun zu blicken?

Wie immer man weltweit jenes Bemühen auch nennen mag, das wir mit dem Begriff „Heimatpflege" bezeichnen, ihre Vertreter haben sich in den letzten hundert Jahren große Verdienste um den Erhalt einzelner Kulturgüter erworben. Bei allem Schmerz um Verluste, die kulturelle Welt wäre überall deutlich ärmer ohne das Bemühen, Denkmäler und Ensembles, Ortsbilder und Landschaften, Bräuche und Musiktraditionen, Mundarten und Regionalliteraturen zu erhalten sowie historisches und volkskundliches Wissen zu vermehren.

Aber es ist auch an der Zeit, kritische Bilanz zu ziehen. Die Heimatpflege und die regionale Kulturarbeit verlieren sich zu oft in Einzelaktionen und singulären Liebhabereien, ohne sich Gedanken über die großen Gefährdungsszenarien zu machen, die unsere Heimat wirklich bedrohen. Das Bild des Gärtners kann diesen Sachverhalt illustrieren:

Wir bemühen uns liebevoll um einzelne wohlriechende Kräuter und Blumen, gekieste Seitenwege und barocke Brunnen, während schon die Schubraupen ihre Motoren angeworfen haben, den Garten wegen eines neuen Bauprojektes über den Haufen zu schieben. Wir hören zwar irgendwelche bedrohlichen Geräusche und riechen Abgase, wir heben aber nicht einmal den Kopf, um uns die Gefahr wirklich zu vergegenwärtigen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, auch schwer zu vermitteln, mit welch liebevoller Detailgenauigkeit wir uns um Trachtenpflege und Musikkultur, um Bräuche und Denkmäler kümmern, während wir hilf- oder interesselos die wirklich lebens- und kulturverändernden Flutwellen über uns ergehen lassen, die mit zunehmender Wucht auf unsere Dörfer und Städte heranrollen.

Was bedeutet es etwa, wenn in den Ballungsräumen der Metropolregionen Zersiedelung, Landverbrauch und Grundstücksspekulation nie gekannte Ausmaße erreichen, während in anderen Regionen Landflucht und Strukturschwäche ganze Dörfer veröden lassen? Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass sich in der globalisierten Welt Armutsmigration nicht mehr mit Polizeimaßnahmen verhindern lässt, sondern nur mit einem wirtschaftspolitischen Bemühen um eine gerechtere Welt?

Was sagen wir dazu, dass auch in Deutschland viele Menschen wieder abschätzig die Nase rümpfen, wenn sie Begriffe wie Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit hören? Dass bereits in vielen Lebensbereichen wieder ein Klima der Angst herrscht, weil politische und religiöse Extremisten zu den altbewährten Mechanismen von Gewalt und Einschüchterung greifen? Dass auch in Deutschland Rassismus und Antisemitismus wieder Hass und Zerstörung in die Dörfer und Städte tragen? Das alles sollen keine Fragen der Heimatpflege sein? Von welcher Heimat reden wir dann?

Ein gepflegter Garten, ein „Garten des Menschlichen", braucht ganz gewiss Menschen, die sich liebevoll um Details kümmern, die wiederkehrende, manchmal vielleicht ermüdende und stupide Handarbeit leisten. Er braucht aber auch Menschen, die rechtzeitig vor verheerenden Trockenheiten, Sintfluten, herannahenden Straßenwalzen und Schubraupen warnen. Auch diese Menschen sind Heimatpfleger im besten Sinn des Wortes. Ihnen wurde in der Vergangenheit der klassischen Heimatpflege sowie in der Kulturarbeit zu wenig Gehör geschenkt.

In den Bereichen der Ökologie und der Friedensforschung, der sozialen, politischen und religiösen Zukunftsverantwortung sind aus dem Bereich der Heimatpflege in den letzten Jahrzehnten bei allen löblichen Ausnahmen zu wenige Impulse ausgegangen. Prospektive Heimatpflege ist aber - bei aller Bescheidenheit unserer Ressourcen und Mittel - überparteiliches, politisches Wirken.

Heimatpflege ist Zukunftsvorsorge. Es liegt auf der Hand, dass ein dergestalt erweiterter Heimatpflegebegriff nicht von einer Handvoll ehren- oder hauptamtlicher Kräfte allein geleistet werden kann. Er muss ausgeweitet werden auf alle Bürgerinnen und Bürger, die sich um das heimatliche Gemeinwesen kümmern.

In diesem Sinn ist natürlich auch Kommunalpolitik, insofern sie dem Allgemeinwohl und nicht Partikularinteressen verpflichtet handelt, praktische Heimatpflege. Heimatpflege muss aus historisch fundierter Verantwortung heraus gegenwärtige und zukünftige Lebensprozesse unserer Gesellschaft reflektieren und mitgestalten.

Steckt hinter dieser These eine hybrische Selbstüberforderung? Der Anspruch ist in der Tat hoch. Aber er stammt nicht von uns selbst, sondern von Staat und Gesellschaft, expressis verbis ausgedrückt etwa in der „Gemeinsamen Bekanntmachung des Bayerischen Kultur- und Innenministerium", neu aufgelegt im Jahr 1998: Die Heimatpfleger werden gebeten, auch in Zukunft dazu beizutragen, unsere Heimat vor Verlusten zu bewahren und den vorhandenen Werten neue hinzuzufügen."

Hier gehts zu Teil 2.

Literatur:

Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie. München 1977.

Zur Person:

Dr. Norbert Göttler, Jahrgang 1959, ist Schriftsteller, Filmemacher und Bezirksheimatpfleger. Er studierte in München Philosophie, Theologie und Geschichte. Promotion 1988 (Wirtschafts- und Sozialgeschichte). Von 1985 bis 2012 Freier Publizist, Schriftsteller (Rowohlt, dtv, u.a.) und Fernsehregisseur (BR, ARD, 3sat, arte). Von 2000 bis 2011 hauptamtlicher Kreisheimatpfleger des Landkreises Dachau, seit 2012 Bezirksheimatpfleger von Oberbayern.

2002 bis 2012 Lehraufträge für Publizistik, Kreatives Schreiben und Wissenschaftsjournalistik an der Hochschule für Philosophie SJ (München) und der Stiftungsfachhochschule für Sozialpädagogik (München). 2013 Gastprofessor für Deutsche Geschichte an der Tulane-Universität, New Orleans (USA). 2014 Lehrauftrag für Heimatpflege und Regionale Kulturarbeit an der Hochschule München, Fakultät Touristik.

Er ist Ordentliches Mitglied des deutschen und des deutschschweizer PEN-Zentrums, der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg) und des Münchner Presse-Clubs. Mitglied (2000 bis 2011 Co-Präsident) der Literatenvereinigung „Münchner Turmschreiber". Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Literatur in Bayern". 2002 Freundeszeichen der Katholischen Akademie Bayern, 2004 Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, 2008 Bayerischer Poetentaler.

Weitere Informationen:

Dr. Norbert Göttler

Fachberatung Heimatpflege

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