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08/10/2015 05:48 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 07:12 CEST

Heimat: Garten des Menschlichen (Teil 5/5)

Gastbeitrag von Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern (Teil 5):

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Mit gebrochenen Heimaten leben lernen: Lernorte und Kulturarbeit

Kann man sich einer Mutter entziehen, ohne Schaden zu nehmen? Zu Zeiten, als man ohne „Heimatrecht" mehr oder weniger recht- und schutzlos war, sicher nicht. Auch nicht zu Zeiten unserer Großeltern, als sich die topographische Heimat für die allermeisten auf wenige Dörfer, Stadtviertel oder Landstriche bezog. Heute ist Heimat eine Frage der freiwilligen Entscheidung. Man kann sich bewusst mit Geschichte, Baukultur, Brauchtum, Sprache und Kunst einer Region auseinandersetzen, oder man kann es eben bewusst nicht tun.

Man kann die Nachbarschaft von Menschen suchen, inklusive ihrer möglichen Sozialkontrolle, oder sie meiden, verbunden mit der Gefahr der Vereinsamung. Diese Wahlmöglichkeit ist ein begrüßenswerter Zugewinn an Autarkie und Selbstbestimmung des Einzelnen. Aber auch verbunden mit einem zwingenden Maß an persönlicher Entscheidung - denn beides gleichzeitig ist leider selten erreichbar: Freiheit und Nähe, Grenzenlosigkeit und Bindung.

Heimat- und Kulturpflege hat sich in der Vergangenheit als lernfähig erwiesen und muss diese Fähigkeit auch in Zukunft bewahren. Dass Themen der Zeitgeschichte heute unumstritten zum Kanon regionaler Geschichtsforschung gehören, dass aus Orten ehemals totalitärer Unterdrückung „Lernorte" werden, ist hoch erfreulich - es war vor dreißig Jahren nicht unbedingt vorauszusehen!

Solche „Lernorte" stehen für historische Reflexion. Sie könnten aber auch überzeugende Plattformen sein, sich auf dem Boden ihrer Geschichtserfahrung den drängenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft zu stellen. Wo bleibt die Würde des Einzelnen in einer dramatisch sich verändernden Welt?

Wie gefährdet sind humanitäre Fundamente wie Demokratie und Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Soziale Marktwirtschaft? Wie müssen sie sich ihrerseits verändern? Welche Modelle des Zusammenlebens sind international zukunftsfähig? Wo müssen sich Politik und Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie, Kirchen und Medien erneuern, um menschendienlich zu bleiben? Wo gibt es totalitäre Denkmuster auch in versteckter Form?

Diktatorische Systeme geben vor, gesellschaftliche Probleme mit einfachen Mitteln lösen zu können. Menschen des kritischen Wortes gehörten immer zu den ersten Opfern totalitärer Regime. Demokratische Systeme hingegen brauchen das ergebnisoffene Gespräch, das beharrliche Ringen um die Wahrheit, aus dem sich dann ein vielgestaltiges Arsenal an Entscheidungsmöglichkeiten eröffnet.

Die in den vergangenen Jahrzehnten bewiesene Lernfähigkeit macht zuversichtlich, dass auch Heimatpflege und regionale Kulturarbeit nächste Schritte gehen und an einer humanitären Gesellschaft mitarbeiten werden, in der Heimat nicht Aufmarschplatz von Maßlosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Ausgrenzung und Intoleranz ist, sondern - im Sinne Carl Friedrich von Weizsäckers - ein wirklicher „Garten des Menschlichen".

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