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08/10/2015 05:48 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 07:12 CEST

Heimat: Garten des Menschlichen (Teil 4/5)

Gastbeitrag von Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern (Teil 4):

Die Verantwortung der Kultur- und Heimatpflege

Das alles, so wird man an dieser Stelle einwenden können, sei nachvollziehbar, liege aber doch in erster Linie in der Verantwortung von Politik und Wirtschaft, Polizei und Justiz. Die großen nationalen und internationalen Entwicklungen entzögen sich dem Einfluss der kleinen Ebene, hätten gar eine Eigendynamik erreicht, die unregulierbar geworden sei.

Ein solcher Einwand entbehrt nicht jeder Plausibilität, ist aber doch erfahrungsresistent gegenüber den vielen Beispielen, in denen eine breite Masse von Bürgerinnen und Bürgern gesellschaftliche Veränderungen vollziehen konnte. Natürlich hat nicht jeder die gleichen Möglichkeiten Einfluss auszuüben, aber, trotz gelegentlich gegenteiliger und sicherlich frustrierender, Wahrnehmung werden Heimatpfleger und Kulturschaffende in der Öffentlichkeit gehört, haben einen politischen Stellenwert, haben Chancen, Themen und Positionen zu platzieren. Chancen, die leider zu selten wahrgenommen werden. Einige Handlungsmöglichkeiten für haupt- und ehrenamtliche Heimatpfleger seien an dieser Stelle beispielhaft skizziert.

1. Wissen vermitteln

Eine Binsenweisheit - Wissen und Aufklärung sind immer noch der beste Schutz gegen enge und falsche Weltbilder, gegen Indoktrination und Volksverhetzung. Die Heimatpflege und Kulturvermittlung aller Art können Vorträge und Ausstellungen über die politische Geschichte ihrer Region, über die kleinräumige Entstehung der Demokratie und ihre Unterdrückung im Dritten Reich, über eklatante Wunden in unserer heutigen Gesellschaft anbieten. Zeitgeschichtliche Angebote und Geschichtswerkstätten finden erfahrungsgemäß auch beim jüngeren Publikum und bei den Medien Anklang.

Moderne Heimatpflege ist historisch fundiert, aber der Zukunft verpflichtet. Workshops und Zukunftswerkstätten, die sich mit der Gefährdung der heimatlichen Region beschäftigen, sollten auf den örtlichen Heimatpfleger nicht verzichten. Er kann ein wichtiges, überparteiliches Bindeglied zur Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung darstellen und sollte sich dieser Aufgabe nicht entziehen.

2. Sich mit Gleichgesinnten vernetzen und Haltung zeigen

Nahezu in jeder Kommune gibt es Einrichtungen der Menschenrechtsarbeit, der Erwachsenenbildung, der Flüchtlingsarbeit und der politischen Bildung. Der Heimatpfleger und Kulturschaffende sollte der natürliche Partner dieser Institutionen sein, sollte sie mit seinem Spezialwissen unterstützen und auf regionale Angebote drängen.

Ob er selbst einer politischen Partei angehören will, muss er selbst entscheiden. Manche Heimatpfleger sehen in einer solchen Mitgliedschaft, andere in der Überparteilichkeit bessere Umsetzungsmöglichkeiten ihrer Ideen. Heimatpfleger sind Personen des öffentlichen Interesses. Es wird wahrgenommen, ob und wie sie sich zu demagogischen Meinungen in der öffentlichen Diskussion oder gar zu gewaltsamen Übergriffen in ihren Dörfern und Städten äußern.

Nicht selten berufen sich Volksverhetzer auf historische Traditionen. Dann ist es an der Reihe des Heimatpflegers, seinem Dienstauftrag zu folgen und für unsere demokratische, freie und plurale Gesellschaftsordnung einzutreten.

3. Die Wurzeln des Übels erkennen

Verächtlichmachung von Demokratie und Menschenrechten beginnt im Kleinen. In der unpassenden Benennung von Straßen, in der Diskriminierung von Asylsuchenden, im Gebaren von Antiquaren, die ihre Hauptgeschäfte mit NS-Devotionalien betreiben, in rassistischen Äußerungen und Verhaltensweisen in Vereinen und Verbänden. Dann muss der Heimatpfleger seiner Verantwortung gerecht werden und laut und deutlich seine Meinung sagen. Keine noch so gut gemeinte Traditionspflege ist legitim, wenn sie Hass und Intoleranz sät.

4. Ein anderer Blick auf die Welt

Schlimm genug, in welcher menschenverachtenden Weise die Gewaltverherrlichung in Film und Fernsehen um sich greift. Längst geht es dort nicht mehr um Kunst, sondern um die Quote des Marktes, um die Gunst des Voyeurs. Das Maß an bereitwillig konsumierter Gewalt korrespondiert dabei erschreckend mit der zynischen Verweigerung, sich der weltweiten realen Gewalt wirklich entgegenzustellen.

Viele Medien und ihre gewaltgeilen Zuschauer machen sich auf diese Weise mitschuldig an einer tagtäglich sich erneuernden, gesellschaftlichen Abstumpfung und einem vollkommenen Mangel an Empathie gegenüber den Opfern von realer Gewalt. Historiker, Journalisten und Heimatpfleger sollten hingegen ihr Augenmerk auf die wirklichen Helden der Gesellschaft richten, auf Menschen, die sich unter Lebensgefahr für ein friedliches, gerechtes und tolerantes Miteinander einsetzen.

5. Das Heilende der Heimat stärken

Das Konzept Heimat kann glücken oder scheitern. Heimat kann seelisch gesunde oder seelisch kranke Menschen hervorbringen, kann heilen oder kränken. Wann macht Heimat gesund? Wann krank? Das dauerhafte Fehlen einer Sicherheit bietenden Umgebung ist in den meisten Fällen kränkend und schädigend. Zu engherzige Familien, Clans und Dorfgemeinschaften können aber den gleichen Schaden anrichten.

Sie zwingen dem einzelnen Mitglied ungeliebte Normen auf, entziehen ihm bei abweichendem Verhalten Schutz und Empathie. Sie neigen dazu, Andersdenkende und Anderslebende radikal auszuschließen. Die Literatur- und Filmgeschichte ist voll von Berichten Ausgestoßener und Diskriminierter, man denke nur an die Werke von Lena Christ und Oskar Maria Graf. Wenn eine vermeintliche Heimat aber zum disziplinarischen Damoklesschwert wird, hat sie jegliche Berechtigung und Schutzwürdigkeit verloren.

Gott sei Dank gibt es auch genügend Gegenbeispiele. Beispiele für glückende Heimaterfahrungen, die Urvertrauen und Lebensfähigkeit stärken.

Zu den heilenden Faktoren gehört die Erkenntnis, dass die heimatliche Region immer auch Kulturraum ist, den es zu schützen, aber auch fortzuentwickeln gilt. Die oft gestellte Frage, ob Kultur und Demokratie überhaupt zusammenpassen, erweist sich in dieser Hinsicht als polemisch. Natürlich sind künstlerische und kulturelle Ausdrucksweisen immer zunächst Produkte individueller Kreativität, die nicht per Mehrheitsbeschluss organisiert werden können.

Wie viel Raum man Kunst und Kultur lässt, welches Maß an Moderne, welches an Tradition die eigene Kommune prägen soll, sind hingegen sehr wohl Fragen, die ein demokratisches Gemeinwesen kommunikativ und tolerant lösen kann. Die Auffassung, nur in totalitären Systemen könne Kunst zur Hochform auflaufen, ist fatal, unverantwortlich und historisch nicht zu belegen.

6. Den Blick für Maßstäbe bewahren

Heimat- und Traditionsbewusstsein sind hohe Tugenden, müssen sich - meiner Meinung nach - aber höheren Tugenden wie Toleranz, Menschenfreundlichkeit, Gewaltlosigkeit und Gastfreundschaft unterordnen. Wird diese Wertehierarchie missachtet, kommt es im besten Fall zu peinlichen Erlebnissen, im schlimmsten Fall zu kriminellen Exzessen. Alle Formen der Heimatliebe und Heimatpflege sollten sich den Werten der Humanität und Aufklärung unterordnen.

7. Auch das Fremde integrieren und es als Bereicherung verstehen

Das Fremde und die Heimat gehören untrennbar zusammen. Nur durch das Erlebnis des Fremden wird Heimat zur Heimat. Das prasselnde Kaminfeuer ist nur dann gemütlich, wenn es draußen kalt ist. Oder, um mit Karl Valentin zu sprechen: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde". Liebe zur eigenen Heimat darf sich nicht nach dem fragwürdigen Motto „Mia san mia" aus der Herabwürdigung fremder Heimaterfahrungen speisen.

Dazu gehört, auch die eigene Fremdheit wahrnehmen! Und wenn die eigenen Vorfahren Jahrhunderte an einem Ort gewohnt haben: Zur Vertrautheit mit einem Stück Heimat gehört bei vielen auch ein Stück nie zu überwindender Fremdheit. Diese Ambivalenz ist nichts Negatives, sondern Ausdruck unserer Fortschrittsfähigkeit.

Jeder von uns ist ein Stück mehr, als ihm die eigene Heimat geben konnte. Fremdheitsgefühle im Diesseits können auch Ausdruck religiöser Zukunfts- und Paradieshoffnung sein. Der 119. Psalm bringt dies zum Ausdruck und davon abgeleitet Paul Gerhardts bekanntes reformatorisches Kirchenlied „Wir sind nur Gast auf Erden, und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden der ew´gen Heimat zu". Der Lyriker Georg Trakl formuliert in einer Gedichtstrophe: „Die Seele ist ein Fremdes auf Erden."

8. Die eigene Heimat nicht überfordern

Keine Ehe und Partnerschaft kann alle Bedürfnisse des anderen erfüllen, keine Heimatgemeinde alle Bedürfnisse ihrer Bewohner. Mit einem zärtlichen, zumindest nüchtern-humorvollen Blick kann man sich auch mit den Schwächen der eigenen Heimat versöhnen. Ja, man kann auch mit ihren schweren Verwerfungen, Brüchen und Schatten leben lernen, die sich unter Umständen im Laufe der Geschichte angesammelt haben.

Ein realistischer Blick auf die Sozialgeschichte und Zeitgeschichte unserer Region ist allemal überzeugender, als den verlogenen Mythos der „guten alten Zeit" zu pflegen. Das Volk ist nicht „tümlich", schreibt Bert Brecht. Heimatpflege sollte es auch nicht sein. Ein „tümelndes Klischee" ist eine milde Form der Lebenslüge und bietet keine tragfähige Basis für ein gesundes Heimatbild.

Aus unreflektierten, unhistorischen Klischees und falschen Selbstbildern erwachsen im Nu Ressentiments anderen gegenüber. Feste, gelebtes Brauchtum und gemeinsame Musikerlebnisse sind wunderbare Einrichtungen. Aber sie sind noch nicht die Nagelprobe für funktionierende Heimat. Erst in der Krise - scheiternde Beziehungen, strauchelnde Kinder, Krankheit und Arbeitslosigkeit - erweist sich, ob der jeweilige „Lebensraum Heimat" stützend oder ausschließend, heilend oder diskriminierend reagiert.

Hier gehts zu Teil 5.

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