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08/10/2015 05:47 CEST | Aktualisiert 08/10/2016 07:12 CEST

Heimat: Garten des Menschlichen (Teil 3/5)

Gastbeitrag von Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern (Teil 3):

Gleichgültigkeit und Lethargie: Was bedeuten diese Entwicklungen für unsere Kulturpflege?

So bedauerlich solche Entwicklungen sein mögen, wird der eine oder andere nun sagen, aber was hat all dies mit unserer Heimatpflege, unserer Kulturarbeit zu tun? Sehr viel, meiner Ansicht nach. Der radikale Veränderungsprozess der Globalisierung betrifft den Heimatbegriff in doppelter Weise. Mögen ihn manche als Alternativentwurf gegen die Auflösung geschlossener Milieus betrachten, ist doch erkennbar, dass die Globalisierung fundamental auch unsere Lebensgewohnheiten prägen wird.

Die Welt wird zum globalisierten Dorf. Wenn Heimat immer mehr auch die Heimat des Anderen ist, die es gemeinsam zu gestalten gilt, werden manche lieb gewonnenen Gewohnheiten fragwürdig und mancher Kompromiss nötig. Das gilt auch für die konkrete Ausgestaltung und Gewichtung einzelner Elemente von Demokratie und Menschenrechten. Zu Recht gibt es darüber eine interkulturelle Diskussion.

Nicht alles, was sich in einem Kulturraum positiv entwickelt hat, muss für einen völlig anderen gelten. Diese Toleranz darf aber nicht zu Nihilismus und Relativismus führen. Der Kerngedanke der Menschenrechte, dass die Würde eines jeden Menschen nicht angetastet werden darf, ist keine post-kolonialistische Bevormundung, sondern eine menschheitsgeschichtliche Errungenschaft, hinter die wir nicht zurückfallen dürfen.

Wenn wir aus eigener intellektuell-ethischer Trägheit nicht bereit sind, dies anderen Kulturen und Regierungen zu vermitteln, fallen wir nicht nur all jenen in den Rücken, die sich weltweit für Menschenrechte und Demokratisierung einsetzen, sondern nehmen es hin, dass sich auch für unsere eigene Heimat enorme Konsequenzen ergeben werden.

1. Die unmittelbarste Folge: Die Opfer der Diktaturen kommen zu uns. Niemand kann ihnen das zum Vorwurf machen und niemand wird sie aufhalten. Unsere eigenen Vorfahren haben ebenso gehandelt. Trotz aller Gastfreundschaft werden die sozialen Spannungen in den Städten und Dörfern steigen, wird sich auch unsere Kultur nachhaltig verändern. Aufnahme von Flüchtlingen ist eine dringend gebotene Nothilfe, aber keine dauerhafte Strategie für eine gerechtere Welt.

2. Indifferenz in Fragen von Demokratie und Menschenrechten wird uns in unserer eigenen Heimat einholen. Woraus schöpfen wir die trügerische Sicherheit, totalitäre Kräfte hätten in Westeuropa für immer ausgedient? Wenn es uns nicht gelingt, in wirtschaftlich guten Zeiten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte irreversibel zu verankern, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis unsere Enkel und Urenkel wieder ohne wirkliche Meinungsfreiheit leben müssen, bis sie wieder Opfer von staatlicher, militärischer oder paramilitärischer Gewalt werden könnten - in unserer eigenen Heimat!

Sind die Schreckensszenarien, dass unsere eigenen Kinder und Kindeskinder um ihrer Freiheit willen wieder in Folterkellern landen oder in Leichensäcken in Flüssen treiben, wirklich so absurd?

Woher nehmen wir die Zuversicht, dass uns dann wieder irgendwer beisteht, wenn wir heute Leid und Tod anderer nur mit Lethargie zur Kenntnis nehmen? Freie Gesellschaften wie die unsere gehören zum Verletzlichsten, was die Kulturgeschichte des Menschen hervorgebracht hat. Sie können jederzeit im Strudel internationaler Gewaltszenarien untergehen.

3. Die Vertreter der Zweiten und Dritten Welt fordern immer vehementer, dem klassischen Kanon der Menschenrechte auch Rechte hinzuzufügen, die ihnen - ihrer Ansicht nach - von den Industrienationen vorenthalten werden: Recht auf eine gerechte Weltwirtschaft, auf Zugang zu Wasserressourcen, auf Bildung und Gesundheit.

Wenn es uns nicht gelingt, einen partnerschaftlichen Umgang mit ihnen zu kultivieren, werden sich Menschen das holen, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht. Niemand wird das verhindern können. Und das alles soll nichts mit Heimat und Heimatpflege in unserem Land zu tun haben?

4. Die Erfahrung, dass es verblendete Hassprediger, Terroristen und organisierte Verbrecher immer geben wird, zeigt leider die Geschichte. Die Erfahrung lehrt aber auch, dass Gesellschaften, die indifferent und lethargisch ihrem eigenen Wertesystem gegenüberstehen, besonders anfällig dafür sind, zu Opfern dieser Geißeln der Menschheit zu werden.

Wie glaubwürdig sind wir in unseren westlichen Staaten, wenn wir von Demokratie und Menschenrechten sprechen? Welches Bild geben wir nach außen ab? Das der hemmungslosen Kapitalisten und Konsum-Fetischisten? Unterstützen wir in angemessener Weise demokratische Aufbrüche und Menschenrechtsgruppen, oder sehen wir in ihnen in zynischer Weise nur die Gefährder unseres nächsten Abenteuer-Urlaubes? Dann werden wir uns nicht wundern müssen, dass weltweit genügend Kräfte rekrutiert werden können, die Hass, Gewalt und Zerstörung auch in unsere Dörfer und Städte tragen werden.

5. Bereits heute werden auch in unserem Land eklatant die Menschenrechte verletzt. Ein Beispiel unter vielen: Tausende von Frauen leben wie Sklavinnen in deutschen Bordellen vor unserer Haustüre, von ihren kriminellen Peinigern jeder Fluchtmöglichkeit und jeder Menschenwürde beraubt.

Sind sie nicht Teil unserer Heimat? Offenbar nicht! Organisierte Kriminalität, Drogenkartelle und mafiöse Verbindungen verbreiten auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts Gewalt und Angst. Wenn die Heimatpflege weiterhin Augen und Ohren davor verschließt, dass es auch in Deutschland de facto rechtsfreie Räume gibt, wird es schwer sein, dem vielfach vorgebrachten Vorwurf der Selbstmarginalisierung Entscheidendes entgegenzuhalten.

Hier gehts zu Teil 4.

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