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20/03/2014 07:02 CET | Aktualisiert 20/05/2014 07:12 CEST

Heimat 2.0: Sechs Gründe, warum wir eine Kultur der Nähe brauchen

„Unser Platz in der Welt ist keine E-Mail-Adresse und kein Facebook-Account, sondern ein Häuschen mit Gartenzaun. Heimat ist langweilig? Von wegen." Sagt Philipp Riederle, der mit seinem Buch „Wer wir sind und was wir wollen" zum Sprecher der Generation Y geworden ist. Schrankwand, Stricken, Einwecken, Hobbykeller und Schrebergärten sind wieder in. Trendforscher sprechen sogar von der „Generation Biedermeier". Die jungen Milden sind die, vor denen die Eltern der Digital Natives immer gewarnt haben, beschreibt er das aktuelle Lebensgefühl: „Wir wollen Spießer sein. Mit Ansage!"

Bereits 2006 hatte der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens in seinem Buch „Die neuen Spießer" die sich abzeichnende neue Bürgerlichkeit erahnt, die allerdings nichts mit Gartenzwergidylle zu tun hat. Mit dem großen Traum verbindet Philipp Riederle Heimat und persönliche Bindungen, die für ihn wichtige Werte sind. Allerdings auch für die Generation von Markus Wasmeier: 1997 gründete er in seiner Heimat am oberbayerischen Schliersee ein Bauernhof- und Wintersportmuseum: „... ich brauche etwas für meine Seele, etwas, worauf ich stolz sein kann und nicht nur lukrative Werbeverträge" (viva! 2/2013). Für Markus Söder, den ersten Heimatminister der Republik, ist Heimat zeitlos populär und verkörpert die Ursehnsucht des Menschen: „Die erste Frage lautet immer: Wo kommst Du her? Heimat ist das Gegenteil von Globalisierung, wo man an jedem Ort der Welt Gucci, Starbucks und McDonalds hat." (BUNTE 12/2014) Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Lokalgeschichten im Dialekt wie „Der Bergdoktor" auch im TV ein Revival erleben.

Heimatsehnsucht war besonders in Deutschland leider immer wieder mit politischem Sprengstoff verbunden. Positive Heimatgefühle haben allerdings mit der „Blut und Boden"-Ideologie nichts zu tun. Lange war der Begriff verpönt. Heute ist er auf den Titelblättern auflagenstarker Zeitschriften zu finden und ein bekannter Agenturname, der mit der Sinnfrage „Was uns antreibt" verbunden ist.

Der Vergleich zwischen Riederle und Goethe mag zunächst seltsam anmuten, aber ihre geistige Verwandtschaft wird offenbar, wenn man das Heimatverständnis von beiden vergleicht: Für Goethe war Heimat mit der Vorstellung verbunden, dass sie kein fester Ort ist: Er verließ Frankfurt, um an den Weimarer Hof zu gehen und von dort weiter nach Rom zu reisen. Ja, er war ein Weltbürger, brauchte aber physisch einen überschaubaren Raum, ein vertrautes Umfeld, zu dem er immer wieder zurückkehren konnte. Auch wenn sein Wirkungskreis sehr weit ausgedehnt war - ohne seine Nischen und einen vertrauten sozialen Raum hätte er seine Kreativität und seine Identität verloren.

Philipp Riederle liebt seine schwäbische Heimat Burgau genauso wie seinen Geburtsort München: „Sie haben sicher ihre Spuren hinterlassen. Im globalen Dorf aber verwischen sie: Moskau und New York liegen direkt neben Burgau, das Museum of Modern Art kann ich genauso besuchen wie das Ulmer Münster." Dabei ist es ihm wichtig, immer wieder einen engen Bezug zu seiner unmittelbaren Umgebung herzustellen - eine Kultur der Nähe.

• In Zeiten fortschreitender Mobilität und schwindender Sesshaftigkeit brauchen wir für unsere Identität eine Positivbewertung des Begriffs Heimat, der auch für Authentizität und Regionalität steht.

• Je weiter wir reisen (und in virtuellen Welten surfen), desto mehr wollen wir geerdet sein. Identität braucht Begrenzung, Geborgenheit und eine Konstante im Leben.

• Innere und äußere Stabilität, die mit Freundschaften und familiären Bindungen einhergeht, benötigt einen sinnerfüllten Lebensraum, der nicht in der virtuelle Welt zu finden ist.

• Die Verankerung in einer lokalen Gemeinschaft (die auch wechseln kann) ist wichtig, weil wir zwar global kommunizieren und unterwegs sind, aber nicht im Globalen wohnen können.

• Die Fähigkeit, Räume langsamer zu durchschreiten (bewandert statt erfahren sein) ist wichtig, weil es nicht nur darum geht, physisch von A nach B zu kommen, da auch die Seele mitreisen muss.

• Erst der lokale Bezug zu bestimmten Kontexten, die an vielen Orten mit internationalen Aktivitäten vernetzt sind, macht Engagement authentisch und nachhaltig.

Das Thema Heimat wirft weitere gesellschaftspolitische Fragen auf: Wie wollen wir leben? Was ist ein gutes Leben? Diese Frage aus Paolo Coehlos Buch „Die Schriften von Accra" ist für Arianna Huffington, Journalistin und Gründerin der Huffington Post, zugleich eine persönliche Frage, die unser aller Frage sein sollte. Heimat und Zeitgeist gehören für sie zusammen: Die Menschen können zwar nicht im Internet wohnen, aber sie gehen hier auf Sinnsuche. Beim Launch der deutschen „HuffPo" im Oktober 2013 propagierte sie ihre Idee der „Third Metric", eine dritten Ebene des Erfolgs, in deren Mittelpunkt Wohlbefinden und Gesundheit, Offenheit für das Leben, Mitgefühl, Geben und Teilen stehen.

In der amerikanischen und deutschen Ausgabe der Huffington Post soll dieser Gedanke in der Rubrik „Good" nachhaltig wirken: Hier wird nicht nur über das geschrieben, was nicht funktioniert, sondern auch über das, was positiv läuft, damit sich das Gute multipliziert. „Gut geht anders." Der Titel des Buches (Salzburg 2013) von Johannes Gutmann, der 1988 das Unternehmen SONNENTOR gründete, das sich vom Einmannbetrieb zum internationalen Bio-Unternehmen mit Standort in Sprögnitz bei Zwettl entwickelte, verbindet den gesellschaftlichen Wertewandel mit seinem Erfolgskonzept: „Die Menschen haben die Orientierung verloren. Sie sehnen sich wieder nach etwas, was wohl am besten mit den Wörtern ‚Heimat' und ‚Vertrautheit' beschrieben werden kann. Und die suchen sie jetzt. Wer klug ist, der versucht, den Menschen diese Sehnsucht weitestgehend zu erfüllen."

Vor allem Onlinemedien greifen dieses Bedürfnis auf und reagieren verstärkt auf den „Zeitgeist". Neben der internationalen Huffington Post gehört dazu auch das Internetportal „myheimat", für das viele Digital Natives wie Carolin Waldmann schreiben. Sie engagiert sich beim ambulanten Hospizdienst und in der Onlineberatung von Kindern und Jugendlichen. Für „myheimat" schreibt sie als Bürgerreporterin, weil sie teilen kann, was ihr am Herzen liegt. Wie viele ihrer Generation möchte sie aktiv an der Berichterstattung beteiligt sein und sie mitgestalten: „Gerne möchte ich bei myheimat auch Themen ansprechen, die unbequem sind oder eben einfach immer wieder angesprochen werden sollten, damit sich etwas bewegt." Arbeit bedeutet für sie Kreativität und reine Motivation, persönliches Engagement, Sinn und Selbstverwirklichung.

Das englische Wort "Purpose" (für Sinn, Anliegen, Engagement) ist ihr und ihrer Generation besonders wichtig: „Wir wollen Ideen umsetzen können, ohne dass sie im Kleinklein der Strukturen untergehen", sagt Riederle. Die Unternehmen, die sich rechtzeitig darauf einstellen, werden künftig auch ökonomisch zu den Gewinnern gehören. Viele sind medial nicht lautstark präsent, wirken aber umso nachhaltiger im Stillen. Sie bieten Arbeitsbedingungen, in denen sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Und das gilt nicht nur für die Generation Y.

Uwe Johänntgen ist seit 2008 Gesamtleiter Marketing der memo AG in Greußenheim und seit 2012 Mitglied der Geschäftsführung. Seit 1995 sitzt das Unternehmen buchstäblich auf der „grünen Wiese": Das Grundstück grenzt direkt an ein Biotop, das den Namen für die Firmenadresse liefert. Johänntgen verantwortet die Bereiche E-Commerce, Marketing und Unternehmenskommunikation des nachhaltig tätigen Versandhandels. Als New Business Development Manager verantwortete er zuvor einige Jahre in einem amerikanischen Konzern die Entwicklung innovativer Sortimente zur Erschließung neuer Märkte in Europa. Die Geburt seiner Tochter 2007 und die mehrjährige berufliche Tätigkeit im europäischen Ausland und mit den USA veränderten seine persönlichen Wertevorstellungen, die für ihn mit der Frage verbunden war, was ihm im Leben wichtig ist: „Wohlergehen der Familie! Plus Zeit für einander!" Er fragte sich aber auch: Was will ich in meinem Leben und im Job bewirken? Wozu ist meine Arbeit gut? Welchen Wert bzw. Beitrag leiste ich damit für die Gesellschaft? Er fand zum Thema Nachhaltigkeit.

Bis zu diesem Zeitpunkt war sein Leben „auf Reisen" und von langen Auslandsaufenthalten und 12- bis 14-Stunden-Arbeitstagen geprägt. Es war eine bewusste Entscheidung, in einem Öko-Unternehmen zu arbeiten. Damit hängt zusammen, dass innere und äußere Werte, Privat- und Berufsleben wie bei den Digital Natives ineinander übergehen. Statussymbole, wie sie frühere Fach- und Führungskräfte hatten, gibt es hier nicht mehr: „... je höher die Etage, je dunkler der Teppichboden, je zahlreicher die Fenster, je besser der Ausblick und je teurer der Wand- und Schreibtisch-Schmuck, desto weiter war man in der Karriere gekommen. Parallel dazu kämpfte man um den besten Parkplatz, auf den man einen möglichst großen Firmenwagen parken wollte", charakterisiert der Management-Experte und Autor Ronald Hanisch in seinem Buch „Das Ende des Projektmanagements" (2013) die frühere „Karrieregestaltung". Heute zählt ein nachhaltiges Umfeld, das auch nach innen wirkt.

So wurde das Firmengebäude der memo AG nach modernsten gesundheitlichen und ökologischen Erkenntnissen gebaut und verfügt über eine getrennte Brauchwasser-Anlage und ein Gründach. Die Räume sind ebenfalls nachhaltig ausgestattet. Die hochwärmedämmenden Fenster sind aus heimischen Hölzern gefertigt, die atmenden Parkettböden mit Wachs behandelt. Für die Wände wurden Naturfarben verwendet. Seit Ende 2006 erfolgt die Raumwärme-Erzeugung über eine firmeneigene Holz-Hackschnitzel-Heizanlage. Die unvermeidlichen Restemissionen werden berechnet und durch Investitionen in anerkannte, ökologisch sinnvolle Klimaschutzprojekte kompensiert.

Privat lebt Uwe Johänntgen mit seiner Familie in einem Holzhaus in der Nähe eines Naturschutzgebietes. Das Holz wurde in entsprechender Mondphase geschlagen, um die Langlebigkeit des Materials zu gewährleisten. Die Wandverkleidung besteht aus Holzfaserdämmplatten, die Wärmedämmung aus Flachs. Die Warmwasseraufbereitung wird durch Sonnenkollektoren unterstützt. Speziell abgeschirmte Stromleitungen in einer hochfrequenzspannungsfreien Lage sorgen für eine gesunde Wohnatmosphäre. Der Naturstrom wird von „NaturWatt" bezogen.

Mit dem Jobwechsel und dem neuen Wohnumfeld Main-Franken änderten sich auch die Konsumgewohnheiten: Die Familie bevorzugt vielfach regionale (Bio-) Produkte. Dabei ist es auch ein wichtiges Anliegen, die Tochter mit den Konsequenzen des Konsums vertraut zu machen. Die Familien gehört zu den „Öko-Normalverbrauchern", die vor allem auf gute und möglichst langlebige Qualität setzen und vorhandene Dinge lange verwenden.

Sein Mini Diesel ist Baujahr 2005 - „mit CO2-Ausstoß 129 g/km ein für das Alter immer noch respektabler Wert". Der erwachsen gewordene Mini ist Symbol und Kult gleichermaßen - er steht für das Festhalten an traditionellen Dingen und drückt gleichzeitig Modernität aus. Heimat bedeutet für Uwe Johänntgen „Ort meines Ursprungs, meiner Kindheit, Jugend, Schul- und Studienzeit - Erinnerungen an meine Eltern, Großeltern und Freunde, an erste Entdeckungen mit süßen und bitteren Erfahrungen, der Ort meiner Sozialisation, der meine Weltanschauung prägte. Heimat ist der vertraute Ort, mit dem ich mich verbunden fühle, an den ich immer wieder gerne zurückkehre."

Mit dem Schauspieler Hannes Jaenicke, der 2009 der memo AG den Deutschen Nachhaltigkeitspreis überreichte, ist Uwe Johänntgen nicht nur als Vertreter einer Vorgängergeneration der Digital Natives verbunden, sondern auch als Verwandter im Geiste: Denn es geht beiden nicht um Öko-Radikalität, sondern um Normalität im Umgang mit Nachhaltigkeit. So versucht Hannes Jaenicke neben der Unterhaltung immer auch etwas mit ökologischem Anspruch zu drehen und so grün wie möglich zu leben: Bei ihm gibt es kein Plastik, keinen Trockner, keine chemischen Reiniger, er hat Öko-Strom und war einer der ersten Kunden von Greenpeace Energy. Er gesteht sich aber auch ein, dass es nie hundertprozentig möglich ist, öko konsequent zu leben: „Ich bin kein Veganer, sondern ganz normaler Vegetarier. Ich weiß, dass ich viel zu viel fliege - aber wenigstens nicht, weil ich Urlaub mache, sondern weil es für meine Arbeit notwendig ist."

Er hat zwei Wohnsitze: einen am Pazifik und einen am Ammersee. An beiden hängt er gleichermaßen: „Aber ‚Home is where the heart is', insofern ist Heimat immer da, wo die Liebe ist." Diese Einstellung teilt er mit Claudia Silber, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der memo AG: „Wenn ich es genauer betrachte, kann ich Heimat nicht an einem Ort festmachen, da ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr leben möchte und da, wo ich jetzt lebe, eigentlich nicht mein ganzes Leben verbringen möchte. Heimat ist für mich da, wo der Mensch ist, auf den ich am meisten vertrauen kann und der mich in keiner Situation und Lebenslage im Stich lässt: mein Mann."

Am Thema Heimat wird sichtbar, wie sehr alle Generationen und Branchen doch miteinander verbunden sind, dass es immer um die Suche nach Nähe und Verbundenheit geht und fehlende Nachhaltigkeit immer mit Entwurzelung zu tun hat. Der Modedesigner Wolfgang Joop beschreibt in seinem Buch „Im Wolfspelz" (2003), dass sich der Protagonist nach Heimat als einem Ort sehnt, wo sich jemand auf ihn freut. Auch hier gilt: "Home is where your heart is". Heimat ist für ihn auch Landschaft, verwachsen durch Zeit, sie ist ein Wechselspiel subtiler Veränderungen des Alltags, Kleiderwechsel der Natur, Ausdrucksform der Stille und Regeneration, aber auch Herkunftsort und Glück: „Ich will keine Reisen mehr, nicht mehr flüchten, nichts mehr entdecken. Ich bin sozusagen auf meiner letzten Tour - zu mir." Nachhaltigkeit und Glück haben demnach eines gemeinsam: beide sind um ihrer selbst willen erstrebenswert und immer persönlich.

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