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16/04/2014 08:22 CEST | Aktualisiert 16/06/2014 07:12 CEST

Heilmittel in entfremdeten Zeiten. Wie Handwerk und Upcycling unser Leben verändern

Nein, die Welt ist nicht zu retten durch „schneidern, häkeln, hämmern" (SZ, 3.1.2014) oder der Beschwörung des Manufactum-Prinzips („es gibt sie noch, die guten Dinge"), aber vielleicht kann das verstärkte Bewusstwerden epochaler und globaler Notwendigkeiten dazu beitragen, eine bessere Welt zu bauen, an der auch die wiederbelebte Do-it-youself-Bewegung maßgeblich beteiligt ist. Dahinter steckt nicht nur ein Trend, sondern auch eine Haltung, die sich gegen zunehmende Entfremdung und Komplexität richtet und mit neuen Formen des Konsumierens verbunden ist. Je unübersichtlicher die Zeiten werden und je weniger das, was um uns herum geschieht, fassbar ist, desto ausgeprägter wird die Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Selbstbestimmtheit, die sich auch im zunehmenden Bedürfnis zeigt, etwas mit den eigenen Händen zu tun.

Für den Philosophen Matthew B. Crawford stiftet Handwerk Sinn und macht das Denken frei. Unter dem "stoischen" Leben versteht er das Glück, "jene Nischen zu finden, in denen wir das individuelle gestaltende Handeln und die Liebe zum Wissen heute in unserem eigenen Leben verwirklichen können." In seinem Buch „Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen" (2010) zeigt er, dass eine "Könnensgesellschaft" eine nachhaltige Alternative zur "Wissensgesellschaft" ist. Der Verlust der sinnlichen Erfahrung und des Begreifbaren im besten Wortsinn führt seiner Meinung nach dazu, dass sich Konsumenten immer stärker von den Produkten entfremden und Erfüllung häufig nur noch in manuellen Hobbys zu finden ist. Die Grundlage des menschlichen Erlebens und Erkennens hat für ihn mit „begreifen" zu tun, das von „greifen" kommt.

Wer als Konsument keine Kenntnis vom Machen der Dinge hat, ist auch nicht urteilsfähig. Bestätigt auch Richard Sennett in seinem Buch "Handwerk" (2008). Der Handwerker symbolisiert für ihn das engagierte Tun. Motivation ist für ihn wichtiger als Talent, denn nur wer motiviert und den Dingen und Prozessen nahe ist, „kann zwischen dem Lösen und dem Finden von Problemen« wechseln, aus Fehlern lernen und sich ständig verbessern. Der Drang nach Perfektionismus würde die Arbeit eher behindern - relevant sind für ihn lediglich das Tun und der Akt der Herstellung. Er selbst war ein begnadeter Cellist, doch auf dem Weg zum Berufsmusiker versperrte ihm eine missglückte Handoperation diesen Berufsweg. Das übende Leben und mühsame Erarbeiten von Techniken ist ihm deshalb aus eigener Erfahrung vertraut. Im Spiel, das alle fünf Sinne und »handwerkliche« Intelligenz (Aufmerksamkeit, Fantasie, Improvisations- und Kombinationsgabe) berücksichtigt, beginnt für ihn das Üben.

Kultur der Reparatur

Es ist kein Zufall, dass Repair Cafés heute boomen, denn an diesen »geselligen« Orten werden Handfertigkeiten und soziale Tugenden „greifbar". Um etwas gegen das große Wegwerfen zu tun, gründete die niederländische Journalistin Martine Postma 2009 in Amsterdam ein Repair Café. Die Reaktionen waren so überwältigend, dass sie anschließend ein Manifest schrieb und im Internet veröffentlichte. In Köln eröffnete 2012 der erste deutsche Ableger - mittlerweile gibt es sie in über 50 Städten. Hier treffen sich Studenten, Laien und Profis und reparieren gemeinsam defekte Gebrauchsgüter. Sie suchen nach Fehlerquellen und Ursachen und haben Freude am analytischen und konzentrierten Denken, das dadurch wieder gefordert wird. Reparieren bedeutet für die Beteiligten außerdem nicht nur, Dinge wieder in Gang zu setzen, sondern auch Neues zu schaffen in einer reparaturbedürftigen Welt.

Denn kaum gekauft, ist in ihr vieles schon wieder veraltet oder defekt. Langlebigkeit erscheint vor diesem Hintergrund vielen als ein „anachronistisches" Qualitätskriterium, denn die meisten haben sich daran gewöhnt, nach Ablauf der Garantiezeit alte Produkte zu entsorgen. Aber es gibt sie noch, die Menschen, die aus Überzeugung „anachronistisch" leben. Zu ihnen gehört auch die Schauspielerin Katharina Thalbach, die von Trends gelangweilt ist - ihre Tochter Anna, ebenfalls Schauspielerin, die etwa nur einmal im Jahr shoppen geht, mag ebenfalls „Dinge, die lange halten": „Ich pflege sie und finde es total schön, wenn Nellie (ihre Tochter) heute meine Collegejacke trägt, die ich mit 14 geschenkt bekommen habe. Ein ultracooles Teil." (BUNTE 16, 2014) Die Schnelllebigkeit der Mode- und Textilbranche stellt für Wirtschaft und Gesellschaft ein großes Problem dar. Der Überschuss an textilem Abfall führt unweigerlich zu einem kontinuierlichen Anstieg der Müllberge.

Warum wir Upcycling brauchen

Der mehrfach preisgekrönte französisch-spanischer Dokumentarfilm „Kaufen für die Müllhalde" (2010) von der Regisseurin Cosima Dannoritzer zeigt die verheerenden globalen Auswirkungen der linearen Herstellungsprozesse der Konsum- und Wegwerfgesellschaft, deren Abfälle oft folgenlos irgendwo liegenbleiben. Die „Hufeisen der römischen Kavallerie stecken ja heute noch im deutschen Schlamm. Doch wir haben die glücklichen Jahrtausende humaner Expansion hinter uns. Natur war das Außen, in dem unser Handeln scheinbar spurlos verschwand. Diese Auffassung ist für immer dahin. Mit einem Mal funktionieren unsere Externalisierungen nicht mehr, die Abfälle kehren zurück, der Wahnsinn verpufft nicht mehr in der Weite der Ozeane. Nun zeigt sich, dass die Natur ein Gedächtnis hat, sie sammelt Eindrücke, sie erinnert sich an uns. Jetzt müssen wir uns mit einer bedrohlich erinnerungsfähigen, scheinbar immer rachelüsterneren Natur zusammenraufen", sagt der Philosoph Peter Sloterdijk (SZ, 17.5.2010).

Eingeleitet wurde der ökologische Diskurs bereits 1962 durch das Buch „Stummer Frühling" von der amerikanischen Schriftstellerin Rachel Carson. Leider wird er in späteren Publikationen wie denen des Club of Rome" häufig moralisch und einseitig geführt: auf der einen Seite die Guten, die sich für Umweltthemen einsetzen, und auf der anderen Seite die Bösen in Wirtschaft und Industrie. Doch eine schwarzweiße Sicht verstellt den Blick auf Lösungen, die nur gemeinsam gefunden werden können.

Das betrifft auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Recycling (Rückführung), bei dem ein Stoff ohne neuen Rohstoffeinsatz und ohne einen hohen Energieeinsatz wieder genau zu dem Stoff wird, der er früher war. Dass dies keine nachhaltige Lösung ist, ist in Wirtschaft und Wissenschaft hinlänglich bekannt. Beim Recycling dominieren Downcycling-Prozesse - echtes Upcycling findet also kaum statt. In diesem Kreislauf dient der „Abfall" des einen Produkts als Rohstoff für das nächste völlig neue und höherwertigere Produkt. Der Begriff „Upcycling" wurde angeblich 1994 vom Ingenieur Reiner Pilz verwendet, der gesagt haben soll: „Recycling? Ich nenne es Down-cycling. Sie schlagen Steine kaputt, sie schlagen alles kaputt. Was wir brauchen, ist Up-cycling, bei dem alte Produkte einen höheren Wert erhalten, keinen geringeren." (Wikipedia)

Nachhaltig in Mode

Inzwischen gibt es vollständig kompostierbare T-Shirts oder Teppiche, die am Ende seiner Einsatzzeit vom Hersteller zurückgenommen und neu verarbeitet werden, Outdoorjacken von Ecoalf, eine Brosche von OLDgOLD, Taschen von Freitag, eine Karaffe von Tord Boontje, ein Hocker von Khmissa. Vor allem Designer sind herausgefordert, auch ansprechend aussehende Produkte zu entwerfen, denn Wiederverwertung und ökologische Korrektheit reichen heute nicht mehr aus. Zudem braucht es einen entsprechenden Rahmen für die Präsentation wie die folgenden Beispiele zeigen. Anfang 2014 präsentierte hessnatur, der weltweit größte Anbieter für natürliche Mode und Vorreiter für ökologische und soziale Standards in der Textilproduktion, seine erste „Serial Upcycling Collection".

Für die öffentliche Premiere ausgezeichneter Entwürfe des Masterstudienganges „Sustainability in Fashion" an der Berliner Kunsthochschule ESMOD wählte das Unternehmen die Salonshow im Greenshowroom während der Berlin Fashion Week aus. Außerdem prämierte die fünfköpfige Fachjury drei Abschlussarbeiten. Anita Heiberg, Sanne Lundblad und Ralf Schuchmann, Absolventen des abgelaufenen Jahrganges „Sustainability in Fashion", überzeugten am meisten mit ihren Kreationen, die aus bestehenden Kleidungsstücken vergangener Kollektionen designt wurden. Die Entwürfe setzen modische Akzente, sind tragbar und sind mit Blick auf eine mögliche Serienproduktion konzipiert.

Den ersten Preis gewann die gebürtige Kanadierin Anita Heiberg mit einem gepatchten Trenchcoat. Damit hat sie nicht nur den Anspruch ihres Studienganges umgesetzt, sondern auch die Jury beeindruckt: „Mit viel Liebe zum Detail und einer raffinierten Schnittführung ist Anita Heiberg eine neue und sehr moderne Version des klassischen Trenchcoats gelungen", sagt Jurymitglied Denise Rupp. Neben der Chefdesignerin von hessnatur waren in der fünfköpfigen Jury mit Rolf Heimann von hessnatur, Silvia Kadolsky und Prof. Friederike von Wedel-Parlow von der ESMOD sowie Kirsten Reinold von der Zeitschrift TextilWirtschaft vertreten. Seit Januar 2014 werden die Produkte in limitierter Edition im Online Shop des Unternehmens verkauft. Die Nachwuchsdesigner sind am Verkaufserlös ihrer Kreationen beteiligt. Mit solchen Projekten und Initiativen möchte die Modeschule und das Unternehmen Nachwuchsdesigner sensibilisieren, ihren Blick für die Bedingungen verantwortlicher Modeentwicklung zu schärfen: „Welche Stoffe dürfen eingesetzt werden, nach welchen Richtlinien darf gefärbt und ausgerüstet werden? Unter welchen Arbeitsbedingungen wird genäht, wie kann die Kollektion nachhaltig produziert werden?"

Das Sortiment von hessnatur bietet aber auch nachhaltig produzierte Schutzhüllen aus 100 Prozent reinem Wollfilz für Smartphones und Tablet-Computer an. Er ist aus kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT) und entsteht aus Wollresten, die bei der Produktion von Pullovern und Kleidern anfallen. Für deren Weiterverwendung kooperiert das Unternehmen mit der Textil-Designerin Kerstin Jost-Eisenberg aus Kassel, die ein Verfahren entwickelt hat, aus wertvollen Konfektionsabfällen hochwertigen Wollfilz herzustellen. Mit ressourcenschonenden Produktionsverfahren, Faserkreisläufen und einem „zweiten" Leben für hochwertige Materialien beschäftigt sie sich seit Jahren. Die Produktion des Filzes ist auf ein Minimum an Prozessen und Logistik abgestimmt. Smartphone- und Tablet-Hüllen werden in Deutschland dort produziert, wo auch die Reste entstehen. Auf Chemie wird genauso verzichtet wie auf zusätzliche Färbungen. Zudem gibt es eine Flechttasche, kombiniert aus dem recycelten Filz und Leder. Dabei wird auf chromgegerbtes Leder verzichtet, da Chromsalze umweltbelastend und gesundheitlich bedenklich sind. Stattdessen wird das Leder für die Tasche mit einer Rhabarbermixtur gegerbt.

Im Bereich Produkt und Sortiment ist das Thema Upcycling auch für die memo AG von Bedeutung. So bietet der Versandhandel mit über 10.000 Produkten für Büro, Schule, Haushalt und Freizeit, die gezielt nach ökologischen und sozialen Kriterien ausgewählt sind, beispielsweise Schreibtisch-Ablageboxen an, die aus recycelten Getränkeflaschen hergestellt sind oder Produkte der Firma DRP-Direkt Recycelte Produkte. Hier werden aus alten Landkarten Briefumschläge und Versandtaschen gefertigt. Zudem führt das Unternehmen nicht nur Textilien der Marke memo, sondern auch von true balance oder Vaude. „Dass derartige Produkte nicht nur sauber sind (GOTS- und Fairtrade-zertifiziert), sondern auch fair im Preis (ein memo Bio-Baumwoll-T-Shirt kostet zwischen 10.- und 15.- €) macht dem Vorurteil den Garaus, dass diese Textilien nur etwas für Besser- oder Gutverdienende seien", so Claudia Silber, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der memo AG.

Bei der nicht kommerziellen Initiative "Sustainable Business Angels" ist das Unternehmen Projektpartner. Sie unterstützt junge UnternehmerInnen während der ersten Jahre ihres Bestehens in Nachhaltigkeitsfragen. Dazu zählen die Überprüfung des Business Plans auf ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit und die Nutzung bestehender Management-Netzwerke. Die SBAs verfolgen bei ihrer Arbeit keine finanziellen Interessen. Peter Kowalsky (Gründer Bionade) und Jürgen Schmidt (Gründungsmitglied der memo AG) beraten und fördern als Business Angels auch Carina Bischof, Jonathan Leupert, Luise Barsch, und Arianna Nicoletti, die im Mai 2010 „aluc - UPCYCLING FASHION AUS BERLIN", eine Marke der Bischof und Leupert GbR, gegründet haben. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, aus Reststoffen, die ansonsten als Industrieabfälle entsorgt würden, hochwertige Mode herzustellen. Auslöser der Gründungsidee war die Frage: „Ist es wirklich sinnvoll, neue Stoffe herzustellen, solange riesige Mengen an Abfall aus der Textilindustrie jeden Tag auf der Müllkippe landen oder verbrannt werden? Für uns stellen bereits kleinste Stoffmengen eine Möglichkeit dar, Originelles und Einzigartiges zu kreieren. Eine faire Produktion bildet das Fundament unseres Konzeptes." Verwendet werden vorrangig sogenannte „pre-consumer waste", also Stoffreste und Verschnitt, der vor der Produktion entsteht. Daraus werden Hemden, Blusen und Oberteile gefertigt. Die Stoffreste, die während der Produktion anfallen, werden zusammen mit Second-Hand-Bekleidung zu Accessoires verarbeitet.

Seit 2010 arbeitet Aluc mit den Harz-Weser-Werkstätten in Osterode (Harz) zusammen. In dieser Behindertenwerkstatt wird ein Großteil der Hemden und Blusen genäht. Damit wird eine soziale Einrichtung in der Region unterstützt, die behinderten Menschen eine Chance auf Arbeit gibt und deren Selbstwertgefühl stärkt. Im Upcycling Fashion Store gibt es den monatlichen „Strich- und Faden Modestammtisch", der Designer und junge Start-Up- Unternehmen verbindet und motiviert, nachhaltiger zu produzieren. Zudem unterstützt das Unternehmen bei der Organisation des „Fashion Revolution Day ": Hier stellen Designer, Einzelhändler, Produkthersteller und Interessierte nachhaltige Produktionsverfahren vor und sprechen mit Interessierten über die Bedeutung der Frage, woher die Kleidung kommt.

Hemden, Blusen und Blusenkleider von Aluc werden mit einem abnehmbaren Kragen gefertigt. Dieser kann einerseits als Designelement angesehen werden, andererseits hat er auch einen funktionalen Zweck. Ist der Kragen ausgetragen, wird er ausgetauscht, und es muss nicht gleich das ganze Hemd entsorgt werden Die meisten der Kreationen, die im eigenen Upcycling Fashion Store vertrieben werden, sind Einzelstücke oder Kleinserien. „Wir folgen dem Slow Fashion Prinzip, d.h. dass die Serien limitiert sind und meist länger als eine Saison getragen werden können", so die Gründer in einer Pressemitteilung.

Auch den Fußball hat Upcycling inzwischen erreicht: Als erster Fußballverein in Deutschland ist der VfL Wolfsburg eine Designkooperation eingegangen, in deren Vordergrund das Thema Nachhaltigkeit stehen soll. Unter dem Titel „Wolf's Up" hat der Bundesligist eine aus Trikots und Restbeständen recycelte Mode-Kollektion für Fans entworfen. Gemeinsam mit der Berliner Designerin Susanne Wagner (Label „Frau Wagner") entstand eine Merchandising-Kollektion, mit der der VfL Wolfsburg seine Fans im Rahmen der Initiative „Gemeinsam bewegen" noch stärker für nachhaltige Themen sensibilisieren möchte. „Es ist eine Aktion mit Symbolcharakter, mit der der VfL Wolfsburg zum Nachdenken anregen möchte. In diesem speziellen Fall haben wir Nachhaltigkeit auf kreative Weise anfassbar und erlebbar gemacht", sagte VfL-Geschäftsführer Thomas Röttgermann. Einige der Unikate wie Mützen oder Schals hat die Modedesignerin ausschließlich aus alten Trikots zusammengesetzt, andere mit einem zusätzlichen Stoffeinsatz in Form von Öko-Baumwolle versehen - wie das Shirt für Männer und Frauen. Spielerinnen des Frauen-Triple-Siegers des VfL Wolfsburg sowie Bundesligaprofi Naldo sind Testimonials. Der VfL präsentierte die Kollektion erstmals im Rahmen des Champions League-Heimspiels der VfL-Frauen gegen den FC Barcelona am 23. März 2014.

Wie wahres Upcycling zur Vervollkommnung unseres Lebensstils beiträgt

Die Wiederverwertung hat allerdings auch Grenzen, die dann erreicht sind, wenn das Material durch seinen nicht mehr bestimmungsgemäßen Gebrauch zum Gesundheitsrisiko wird. So können LKW-Planen aus PVC auch dann noch „Weichmacher" abgeben, wenn die Taschen bereits verarbeitet sind. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät zur Vorsicht, wenn für den Außenbereich produzierte Materialien in größeren Mengen in Innenräumen verwendet werden, weil sich daraus Schadstoffe lösen könnten.

Michael Braungart, Professor für Chemische Verfahrenstechnik und Geschäftsführer der Umweltschutzagentur EPEA, ist mit der undifferenzierten Verwendung des Begriffes Upcycling nicht einverstanden: "Die Landschaft zur Deponie zu machen, indem ich Müll irgendwo anders hindrapiere, hat mit Upcycling nichts zu tun. Wenn ich das Falsche perfekt mache, wird es nur perfekt falsch." (Berliner Zeitung, 29.12.2010) Upcycling bedeutet für ihn, dass das Produkt von Anfang an so gestaltet wird, dass es später in einer höheren Qualität wieder eingesetzt werden kann. Es geht in seinem Ansatz vielmehr darum, den Verschleiß wie bei Schuhsohlen, Bremsbelägen, Autoreifen oder Waschmittel so zu gestalten, dass er für die Biosphäre „nützlich" ist: „Nehmen Sie beispielsweise einen Kassenbon oder ein Parkticket - Produkte, die Sie täglich anfassen. Nur: Sie sind nicht für den Hautkontakt gemacht. Nicht einmal der Euro ist für den Hautkontakt wirklich geeignet, er gibt 200 Mal mehr Nickel ab als es legal in jedem anderen Produkt möglich wäre. Das gleiche gilt sogar für Toilettenpapier." (LahnDill Wirtschaft 02/2014) Die nächste Nutzung muss immer eine höherwertigere sein als die vorhergegangene. Das ist für ihn wahres Upcycling, das zur Vervollkommnung unseres Lebensstils beiträgt. Dabei soll die Intelligenz, die in einem Produkt steckt, in der nächsten Verwertungsstufe mindestens erhalten bleiben oder sich erhöhen.

Dazu ein Beispiel (ebd.): „Nehmen Sie eine Wasserflasche aus Kunststoff, also aus PET. Der Kunststoff enthält das Schwermetall Antimon, das als stark krebserregend gilt. Die Coca-Cola in diesen Flaschen enthält deutlich mehr Antimon als unser Trinkwasser. Beim Recycling aber lässt sich das Antimon auswaschen. Die nächste Generation der PET-Flaschen ist höherwertiger. Ich nenne das "Upcycling". Das Produkt gewinnt an Wert." Wenn aus einer PET-Flasche eine Fleece-Jacke gemacht wird, ist das für ihn kein Upcycling: „Aus der Materialperspektive verlässt dieser Kunststoff den Nahrungsmittelbereich. Plastik, das vielleicht Antimon enthält, kommt nun mit menschlicher Haut in Kontakt, Farbstoffe, Fixier- und Spülmittel kommen hinzu." Erhält die Fleece-Jacke zudem einen Reißverschluss aus Nylon und Druckknöpfe aus Metall, kann das Material kaum noch recycelt werden, denn es ist mit diesen oder anderen Dingen „kontaminiert". Vielmehr könnte der saubere Fleece mit Polyester-Knöpfen ausgestattet und mit Polyester-Fäden bestickt und zusammengenäht werden, „was dann ein Recyceln als Monomaterial möglich machen könnte." Er ist davon überzeugt, dass sich Upcycling rechnet - allein schon, weil auf das das teure Abfallmanagement verzichtet werden kann.

Sein aktuelles Buch „Intelligente Verschwendung. The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft" (mit William McDonough, 2013) entwirft das Big Picture, auch wenn wir im Kleinen handeln müssen. Viele Ansätze sind noch nicht perfekt, und der Begriff Upcycling verliert zuweilen an Kontur - doch was bleibt und alle verbindet, ist der Wunsch, etwas zu hinterlassen, das besser ist als das, was vorgefunden wurde. Wer repariert oder upcycelt, bewahrt Erinnerungen, baut sie um, schafft Sinn und trägt mit seiner handwerklichen Intelligenz zu einer begreifbaren Welt bei.

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