BLOG
27/08/2015 14:15 CEST | Aktualisiert 27/08/2016 07:12 CEST

Handfeste Zukunft: Darum stärkt die duale Ausbildung die deutsche Wirtschaft

thinkstock

Probieren geht über studieren

In Deutschland sind wir von einer etablierten Kultur des Scheiterns noch weit entfernt. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Universität Hohenheim, die von der Karl-Schlecht-Stiftung gefördert wurde. Sie zeigt, dass die Deutschen im Umgang mit gescheiterten Unternehmen noch nicht besonders tolerant sind - und dass, obwohl wir hierzulande seit Jahren einen Gründungsboom risikoreicher Startup-Unternehmen erleben.

Dennoch können „Misserfolge" - von schlechten Schulnoten bis hin zu verpassten beruflichen Chancen - langfristig zu positiven Ergebnissen führen: Diese Auffassung teilen knapp 80 Prozent der über 2.000 Befragten im Alter von 18 bis 67 Jahren. Eingegrenzt auf unternehmerische Fehlschläge ergab sich ein anderes Bild: Nur etwa die Hälfte der Befragten hat hierzu ein positives Auffassung.

Ältere Studienteilnehmer hatten wenig Verständnis für unternehmerisches Scheitern - die Akzeptanz in jüngeren Altersgruppen lag allerdings weit höher: 45 Prozent der über 60-Jährigen sind dem Scheitern gegenüber positiv eingestellt. Bei den unter 40-Jährigen sind es knapp 55 Prozent.

Für die Autoren der Studie ist das ein „Indiz für einen anstehenden Kulturwandel und ein gesellschaftliches Umdenken". Auf dem Weg dorthin ist das aktuelle Buch von Mario Müller-Dofel: „Karriere ohne Studium. Zum Umdenken und Mut machen" (Springer Fachmedien Wiesbaden 2015) ein wichtiger Begleiter.

Denn einige seiner Gesprächspartner wie die TUI-Cruises-Chefin Wybcke Meier haben bei allem Willen und Optimismus immer einkalkuliert zu scheitern: „Vorsorglich, um vorbereitet zu sein." Es sei auch wichtig, mal etwas vor die Wand zu fahren: „Und sei es, um danach wieder drei Meter zurückzutreten und Anlauf für einen anderen Weg zu nehmen."

Auch den Fliesenlegermeister Guido Schmidt bringt so schnell nichts aus der Ruhe, auch wenn mal was nicht gleich klappt. Besser scheitern: „Wenn man von vorn herein zwei Versuche einplant, ärgert man sich über den ersten Fehlschnitt erst gar nicht. Manche Kollegen ärgern sich aber drei Stunden und verlieren dadurch die Lust an der Arbeit. Das passiert mir nie. Und meistens klappt es ja trotzdem beim ersten Mal."

Bildungsverlierer und Bildungsgewinner

Mario Müller-Dofels Buch ist längst überfällig, denn es werden ständig Bildungsverlierer produziert - und das schon bei den ganz Kleinen. Die Karriereberaterin Jutta Boenig kritisiert in ihrem Interview eine Entwicklung, die darauf setzt, dass Kinder schon in der Kita Englisch lernen, mehrere Musikinstrumente spielen, später im Fitnessclub schwitzen und mit Anfang 20 den Doktortitel erwerben.

Vielen wird die Chance zur kreativen Selbstorientierung und Selbstbestimmung genommen, „weil sie gesellschaftlichen und elterlichen Ansprüchen entsprechen müssen".

Die Personalexpertin bezweifelt, dass jeder junge Akademiker von heute wirklich ein Akademiker ist. Das bezeugen die hohen Studienabbrecherquoten und die Klagen aus Wissenschaft und Wirtschaft über das zuweilen enttäuschende Niveau vieler Uni- und Hochschulabgänger.

Ähnlich sieht es Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom. Sein Rat: Weniger auf formale Abschlüsse und mehr auf soziale und fachliche Kompetenz zu achten. Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung haben seiner Wahrnehmung nach sogar eine höhere soziale Kompetenz als pure Akademiker.

Es ist ein Buch des Aufbruchs, weil es die Kraft des Anfängergeists und viele erfüllende berufliche Möglichkeiten für Nichtakademiker zeigt. Doch damit das so bleibt, darf die duale Berufsausbildung nicht geschwächt werden.

Das betont Esther Hartwich, die beim DIHK den Bereich Ausbildung leitet: „Wir haben vor allem in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) schon heute viel zu wenige beruflich Qualifizierte. Es darf nicht irgendwann nur noch Studierte geben, die zum Beispiel Maschinen konstruieren können. Wir brauchen auch jene, die die Maschinen zusammensetzen, bedienen und pflegen."

----------

Wie machen junge Menschen bei einem Mittelständler heute Karriere?

Nachgefragt bei Sülbiye Deger, Leiterin Personal und Ausbildung bei der Mader GmbH & Co. KG

_ Frau Deger, was ist Ihnen bei der Ausbildung junger Menschen besonders wichtig?

Um Karriere bei Mader zu machen, kommt es nicht unbedingt darauf an, ein Studium absolviert zu haben. Wichtig sind vielmehr Interesse und ein hohes Maß an Engagement, Ehrgeiz, der Wille zur Übernahme von Fach- und Führungsverantwortung sowie sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln, hohe intrinsische Motivation und die Freude daran, das Unternehmen voranzubringen.

Zwar wird ein Teil der offenen Stellen mit externen Kandidaten besetzt, um neues Know-how zu integrieren. Einen großen Teil der benötigten Fachkräfte bilden wir aber selbst aus, zumal die Ausbildung im eigenen Unternehmen viele Vorteile bietet:

Die Fähigkeiten von selbst ausgebildeten Mitarbeitern sind optimal auf unser Unternehmen zugeschnitten. In der Regel sind diese Mitarbeiter sehr loyal und arbeiten bereits während der Ausbildung produktiv mit.

_ Welche unterschiedlichen Karriereoptionen haben Mitarbeiter/innen mit einer soliden Ausbildung?

Auf Mitarbeiterebene finden sich einige Kollegen, denen aufgrund ihrer Berufserfahrung und Expertenwissens erweiterte Handlungsspielräume und Fachverantwortung übertragen wurden und die damit eine Fachkarriere begründet haben. Voraussetzung war allerdings auch hier der stetige Ausbau des Wissens mittels interner und externer Fortbildung.

Auf Abteilungsleiterebene befinden sich ein großer Anteil an Kollegen, die kein Studium absolviert haben, die aber aufgrund ihrer hervorragender Leistungen und erzielten Erfolge eine Führungskarriere erreicht haben und denen Personalverantwortung übertragen wurde. Auch diese Kollegen haben sich stetig weitergebildet. Auch auf Geschäftsführungsebene ist das Studium kein Kriterium für eine Karriere gewesen.

_ Warum haben Sie sich bewusst bei der Auswahl ihrer Auszubildenden auch für Studienabbrecher entschieden?

Insgesamt sind es drei Auszubildende, jetzige Mitarbeiter in den letzten fünf Jahren, aktuell eine Neueinstellung. Sie empfanden die theoretische Ausbildung an einer Hochschule als zu einseitig, trafen die falsche Studienwahl oder hatten keine Freude am Studium. Die Auszubildenden gehören zu denjenigen, die ihre Ausbildungsabschlüsse in einer verkürzten Zeit mit Bravour erreicht haben.

Interessanterweise scheint nach dem sehr guten Abschneiden der Ausbildung das Studium wieder ins Blickfeld dieser Mitarbeiter zu rücken, zumal zwei Mitarbeiter ein berufsbegleitendes Studium aufgenommen haben. Was auf alle drei Mitarbeiter im Rahmen der Ausbildung zutraf, ist ein hohes Maß an Disziplin und Motivation. Insofern hat der Abbruch des Studiums zu einer „Ich schaffe es trotzdem - und mit sehr guten Ergebnissen!"-Haltung geführt.

Die Motivation und der Ehrgeiz, sich zu beweisen, ist weitaus größer als bei Auszubildenden, die „glatte" Lebensläufe vorweisen können. Brüche können (müssen aber nicht) die Basis zu einer „nachhaltigen" Karriere sein, beste Beispiele finden sich in unserem Unternehmen auf allen Ebenen.

Letzteres trifft auch auf Auszubildende mit einer Hochschulreife zu, die nach dem Schulabschluss sich über ihre berufliche Orientierung nicht im Klaren waren.

Nachdem sie sich für uns und eine Ausbildung entschieden hatten, haben auch sie die Ausbildung mit Bestnoten abgeschlossen und sich im Anschluss für ein berufsbegleitendes Studium (das Mader finanziert) entschieden. Auch die Studienleistungen sind sehr bzw. gut, insofern hat die abgeschlossene Ausbildung ihr Selbstvertrauen gestärkt und ihnen eine gute Ausgangsbasis für die weitere berufliche Entwicklung gegeben.

_ Was sind die Vorteile einer dualen Ausbildung?

Der Praxisbezug steigert auch die Lernbereitschaft der Auszubildenden, die eine Abwechslung in der Ausbildung durch den Wechsel Berufsschule und Ausbildungsbetrieb erleben. Im Betrieb kann der Unterrichtsstoff der Berufsschule schnell umgesetzt werden und fördert die Eigenständigkeit.

Durch eine geregelte Ausbildungsvergütung werden auch Jugendliche aus einkommensschwachen Familien motiviert, einen qualifizierten Beruf zu erlernen. Das ist wichtig, denn wer direkt nach der Schule einen ungelernten Job annimmt, erhöht auf längere Sicht deutlich sein Risiko, arbeitslos zu werden.

_ In enger Zusammenarbeit mit der IHK Stuttgart nehmen zwei kaufmännische Auszubildende von Mader an der vom Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg geförderten landesweiten Initiative „Ausbildungsbotschafter" teil. Was ist deren Aufgabe?

Unsere Auszubildenden motivieren Schülerinnen und Schüler für eine Berufsausbildung. Sie gehen dabei nach Absolvierung einer entsprechenden Schulung bei der IHK direkt in Schulklassen und geben authentische Einblicke in ihre Ausbildungsberufe. Sie präsentieren den Schülerinnen und Schülern ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrem Beruf und ihrer Ausbildung und zeigen ihnen die Chancen einer Berufsausbildung auf.

Unsere Auszubildenden erhalten ihrerseits die Chance, ihre persönlichen Kompetenzen zu stärken und ihre fachliche Kompetenz unter Beweis zu stellen. Wir als Unternehmen fördern damit den direkten Einstieg von Schulabgängern nach ihrem Abschluss in die Berufsausbildung.

Vielen Dank für das Gespräch.

______

Bei Dr. Klaus Stallbaum bedanke ich mich für den Hinweis auf die Studie der Universität Hohenheim.


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite