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16/01/2017 12:02 CET | Aktualisiert 17/01/2018 06:12 CET

Gutes besser tun: Wie Unternehmer mit kleinem Geld Großes bewirken können

Ezra Bailey via Getty Images

Warum Genossenschaften Erfolgsgeschichte schreiben

Wie können lokale und regionale nachhaltige Projekte auch in schwierigen Zeiten gefördert werden? Wie gelingt es, Unternehmen und Bürgerschaft aktiv einzubinden, den kommunalen Haushalt zu entlasten und die Wertschöpfung in der Region zu stärken? Vor allem eine alte Innovation erlebt heute eine neue Dynamik: die Genossenschaftsbildung.

Genossenschaften sind auf langfristigen Erfolg ausgerichtet und nicht auf eine kurzfristige Kapitalrendite. Zudem bieten sie den Vorteil, dass sich alle Beteiligten vor Ort aktiv einbringen und mitbestimmen können. Die Leistungen kommen den Mitgliedern selbst, aber auch den Menschen in der Region zugute.

„Mehrere kleine Kräfte vereint bilden eine große Kraft, und was man nicht allein durchsetzen kann, dazu soll man sich mit anderen verbinden." Das sagte einst Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), der Gründervater des Genossenschaftswesens, der schon vor 150 Jahren die Bedeutung von Kooperationen und Netzwerken zur Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Herausforderungen erkannt hat.

Die Erfolgsgeschichte der deutschen Genossenschaften ist ebenfalls untrennbar mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) verbunden: Er gründete zeitlebens etliche Genossenschaften, die alle die Unterstützung mittelloser Landwirte bzw. die Vergabe bäuerlicher Darlehen zum Ziel hatten.

Auf Drängen der Genossenschaftsbanken wurde das Genosssenschaftsgesetz Anfang der 2000-er Jahre reformiert. Die wohl wichtigste Änderung in diesem Gesetz war die Zulassung investierender Mitglieder: Durfte bis dahin nur Mitglied einer Genossenschaft werden, wer einen unmittelbaren Nutzen aus dem Geschäftsbetrieb der Vereinigung hatte, konnten fortan auch Menschen Mitglied werden, die lediglich in die Genossenschaft investieren wollten.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit

Erwirtschaftet eine Genossenschaft Gewinne, werden diese auf ihre Mitglieder in Form einer Dividende ausbezahlt, die über die Höhe der Dividenden entscheiden. Es wird bewusst auf Solidarität statt auf Profitgier gesetzt. Dadurch werden die Aktivitäten von Staat und Wirtschaft mit weniger bürokratischem Aufwand und geringerem ökonomischen Druck ergänzt.

Dieses Prinzip der Nachhaltigkeit (gemeinsam vor Ort nachhaltig wirtschaften und den Einfluss auf die Kommunalpolitik stärken) ist heute angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche, zu denen u.a. der demografische Wandel und Veränderungen durch die Energiewende gehören, wieder sehr bedeutsam. Was es für die Verbreitung sozialer Kooperationen allerdings braucht, sind regionale Protagonisten und gute Konzepte, die die Wettbewerbsfähigkeit der ansässigen Unternehmen sichert, neue Arbeitsfelder schafft, die Innovationskraft der Region stärkt und die Lebensqualität steigert. Gelebte Demokratie bedeutet für Genossenschaften, gesellschaftliche Mängel zu beheben, sich für einen gesellschaftlichen Wandel einzusetzen und Handlungsoptionen vor Ort zu zeigen.

Im September 2013 betonte der Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly die enormen Chancen für die Kommunen in Bayern bei der Umsetzung der Energiewende: Autarke Kommunen seien die Wegbereiter für die Vollversorgung mit erneuerbarer Energie. Städte und Gemeinden gehen in der Regel Kooperationen mit lokalen oder regionalen Energieversorgern ein. Kleine Schritte haben dabei eine große Wirkung. Allerdings bemerkt Maly: "Nur mit einem geänderten Denkverhalten können wir die Chancen zur Energiewende schaffen."

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass Unternehmen keine Inseln sind, sondern mit ihren Handlungen, Produkten und Dienstleistungen verantwortlich eingebunden in Gesellschaft und Umwelt.

Wie Unternehmen die Kraft der Wirtschaft und der Region stärken

Hier lohnt vor allem ein Blick auf Unternehmen, die sich dem Prinzip der Genossenschaft verpflichtet haben. Anlass für die Gründung der Datev in Nürnberg in den 1960er-Jahren war eine Notlage: Die Unternehmen und damit auch die Kanzleien der Steuerberater standen vor einem Berg arbeitsintensiver Buchhaltungsaufträge. Aufgrund eines leergefegten Arbeitsmarkts hatten sie enorme Probleme, die erforderlichen Fachkräfte zu finden. Was die Möglichkeiten der einzelnen Kanzleien überstieg, konnten jedoch viele gemeinsam schaffen. Am 14. Februar 1966 schlossen sich deshalb 65 Nürnberger Steuerbevollmächtigte zusammen, um die neuen Möglichkeiten der EDV zu nutzen.

Die Genossenschaft und ihre Mitglieder sorgen heute für effiziente und effektive betriebswirtschaftliche Abläufe in Millionen Unternehmen und organisieren den Datenaustausch zwischen Firmen und Institutionen. Seit ihrer Gründung ist die Genossenschaft damit ein Pionier der Digitalisierung von Geschäfts- und Verwaltungsprozessen. Als viertgrößtes Softwarehaus in Deutschland ist sie ein wichtiger Partner der Finanzverwaltung im modernen Steuervollzug.

Seit 2016 ist Dr. Robert Mayr Vorstandsvorsitzender der DATEV eG sowie verantwortlich für interne Datenverarbeitung und Produktion. Im deutschen Standardwerk „CSR und Digitalisierung" (2017) beschreibt er das Rationalisierungspotenzial durch Prozessdigitalisierung am Beispiel der kaufmännischen Aufgaben und Meldepflichten.

Durch eine effiziente IT, den Einsatz erneuerbarer Energien und nachhaltige Optimierungsmaßnahmen möchte die DATEV kontinuierlich negative Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeiten auf die Umwelt zu reduzieren.

Giving 2.0

Großunternehmen haben in der Regel eigene Abteilungen, die sich um Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (CSR) kümmern. Kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlen dafür oft die finanziellen Mittel und personellen Ressourcen. Vor diesem Hintergrund wurde 2012 die gemeinnützigen Organisation green blue social you gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kraft der Wirtschaft als Motor einer Region einzubinden und kleinen und mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit zu geben, sich gemeinsam mit der Genossenschaft gesellschaftlich zu engagieren.

Die green blue social you gemeinnützige eG unterstützt Städte und Gemeinden bei der Umsetzung von sozialen Projekten, Bildungsmaßnahmen und Umweltschutzaktivitäten. Diese Idee spiegelt sich auch namentlich wieder: green (Umweltschutz), blue (Gewässerschutz), social (soziales Engagement und gesellschaftliche Verantwortung), you (Unternehmen, die sich engagieren, und Bürger, die davon einen Nutzen haben).

Das Leitbild „Die Kraft der Wirtschaft für Ihre Region" steht für das gemeinsame Engagement mit lokalen Unternehmen vor Ort. „Alle Förderbeiträge fließen in Projekte von Städten und Gemeinden. Dadurch kommen sie direkt der positiven Entwicklung der Region und der Gesellschaft zugute", bestätigt Andreas Marth, Gründer der green blue social you gemeinnützige eG.

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Andreas Marth (Copyright: green blue social you gemeinnützige eG)

Kleine und mittelständische Unternehmen können sich als Genossenschaftsmitglieder und Förderer im Rahmen ihrer Möglichkeiten und unter Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse für die Gemeinschaft einsetzen. Jedes Mitglied beteiligt sich mit mindestens einem Geschäftsanteil an der Genossenschaft ein. Es ist damit nicht nur Mitglied, sondern auch Miteigentümer, was zu einer höheren Identifizierung mit der Genossenschaft führt. Einstiegsbeiträge zum Beitritt zur Genossenschaft sind bewusst so gehalten, dass es jedem Interessierten möglich ist, mitzumachen und sich nachhaltig zu engagieren. Das bedeutet, gezielter Gutes und gesellschaftliche Projekte, die auch zu den eigenen Zielen passen, mit Verstand zu unterstützen.

Häufig ist es leider so, dass Unternehmen viele kleine Beiträge nach Gießkannenprinzip an unterschiedliche Organisationen spenden. „Giving 2.0" bedeutet allerdings, Stiften und Spenden grundlegend zu verändern - hin zu strategischen Maßnahmen, weg von isoliert zu kooperativ.

Der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, Ulrich Maly und der Gründer von green blue social you gemeinnützige eG, Andreas Marth, gehören zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit.

Weitere Informationen:

André Schmidt-Carré und Mark Alberts: Jeder für sich zusammen. In: N-Kompass Magazin 1 (2017), S. 28-31.

Alexandra Hildebrandt: Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

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