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18/01/2017 14:46 CET | Aktualisiert 19/01/2018 06:12 CET

Grenzgänger sein: Vom Glück im Dazwischen

Interview mit Daniel G. Bieber

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Daniel G. Bieber (Copyright: Thilo Sopp)

_ Herr Bieber, was macht Sie zum Grenzgänger?

Ich war sehr oft in meinem Leben in Situationen, wo Mut, Kreativität und Ausdauer gefragt waren. Jedoch habe ich es stets geschafft, in den auftretenden Herausforderungen Chancen zur Entwicklung statt Probleme und Hindernisse zu sehen. Dieses Mindset hat mich befähigt, zum Grenzgänger zu werden und für dieses Thema - im späteren Verlauf - sogar ein eigenes Coaching-Konzept zu schaffen.

_ An welche Grenzsituation (Krise) erinnern Sie sich?

Wenn man ein positiver und freudvoller Mensch ist, fällt es einem nicht sehr leicht, schwierige Momente aus der Vergangenheit abzurufen. Jedoch erinnere ich mich daran, dass meine Ausbildung zum Hotelfachmann Ende der 90er Jahre in Garmisch-Partenkichen von Mobbing, vielen Überstunden und vor allem Einsamkeit geprägt waren. Denn wenn man auf den Werbeslogan reinfällt „Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen", dann hat man immer frei, wenn andere arbeiten und arbeitet immer dann, wenn andere feiern. In einer Zeit ohne Mobiltelefone, Facebook, Messanger etc. führt dass sehr schnell zur sozialen Isolation. Jedoch prüfte ich auch in dieser Situation, was ich daraus machen kann: Ich ging damals in eine Buchhandlung und fragte nach einem Buch, wo erklärt wird, wie man glücklich wird. Die Dame an der Kasse schickte mich in den ersten Stock. Dort fand ich ein Buch mit einem goldenen Buddha auf dem Cover. Sofort war für mich klar: „Der muss es wissen!" So hat mich die soziale Isolation schlussendlich im Alter von 17 Jahren zum Studium des Buddhismus geführt, wobei ich erst fünf Jahre später aktiv praktizierender Buddhist wurde - die wohl beste Entscheidung meines Lebens!

Dieses Beispiel zeigt sehr gut auf, wie man aus einem vermeintlichen Problem, eine Chance macht. Deshalb erinnere ich mich heute, wenn ich an Garmisch-Partenkirchen denke, nicht mehr so sehr an eine harte Ausbildungszeit, sondern vielmehr an den Moment, wo ich den Buddhismus entdeckt habe. Eine Weltanschauung, die mein Leben signifikant verändert hat.

_ Welche Grenze dürfen Sie nie überschreiten?

Die Verantwortung für sein Glück abgeben! In dem Moment, wo man die Schuld für seine Lage anderen Menschen und Situationen zuschiebt, grenzt man sich ein und stagniert. Wenn ich das so getan hätte, wäre ich heute nicht da, wo ich bin.

_ Welche Tugenden sollte ein Grenzgänger haben?

Stets die Verantwortung für sein Leben übernehmen und Rückgrat zeigen. Dabei Stil bewahren und sich und die Situationen, in denen man sich befindet, nicht allzu ernst nehmen.

_ Was ist das Bedrohliche an einer Grenzsituation?

Dass man die Situation zu ernst nimmt. Dadurch entsteht Druck und man verkrampft. Das ist nicht gerade förderlich, um die Grenzsituation zu überwinden.

_ Wie gehen Sie mit Ihrer Angst um?

Humor! Den besten Abstand hat man dann, wenn man über Situationen lachen kann, ohne dabei die Realität auszublenden. Denn wenn man über etwas lachen kann, dann kann man keine Angst haben. Und wenn man keine Angst hat, dann kann man leichter aus sich herausgehen und Grenzsituationen erfolgreich meistern!

_ Wo sind Ihre Grenzen?

Nur in meinem Kopf. Ich versuche stets, meine Gedanken der Limitierung abzuschneiden und mich voll und ganz den Chancen des Moments zu öffnen. So bin ich stets von inspirierenden Menschen umgeben und erlebe fast nur spannende Situationen.

_ Lassen sich die Grenzen durch Bildung und Erfahrung erweitern und verändern?

In jedem Fall. Unwissenheit und hinderliche Denkmuster sind der Hauptgrund, warum viele Menschen im Leben stagnieren und unglücklich sind.

_ Welche Lehren ziehen Sie aus gescheiterten Unternehmungen?

Aufstehen und „klüger" weitermachen! Um das zu können, muss man jedoch verstehen, dass Scheitern nicht negativ ist, sondern vielmehr ein essenzieller Prozess für eine erfolgreiche, menschliche Entwicklung. Denn neben Bildung lernt man vor allem durch Erfahrung! In einer fehlerintoleranten Gesellschaft wie Deutschland ist die Umsetzung jedoch nicht immer so leicht. Da muss man schon gewaltig gegen den Strom schwimmen können...

_ Was motiviert Sie? Was bringt Sie zum Handeln?

Wenn ich Menschen zu mehr Freiheit, Unabhängigkeit und Stärke verhelfen kann.

_ Wie finden Sie die moralischen Grundlagen dafür?

Es fühlt sich einfach gut und richtig an. Und da ich ein großes Talent besitze, Menschen zu bereichern und zu motivieren, wäre es nur schade, wenn ich diese Qualität als Coach und Trainer nicht in die Welt bringe.

_ Was heißt für Sie Erfolg?

Stets dankbar zu sein! Oder anders formuliert: Alles zu wollen, was man hat, statt alles zu haben, was man will. Die glücklichsten Menschen, die ich kenne, haben fast nichts und fühlen sich in sämtlichen Situationen total wohl. Zudem sind sie dankbar für jeden Moment. Das ist schwer beeindruckend! Denn so wird alles zu einem „Kann" statt einem „Muss". Ein Mensch, der das schafft, ist meiner Auffassung nach richtig erfolgreich.

_ Was halten Sie für Ihren größten Erfolg?

Das ich stets fähig war, in auftretenden Herausforderungen die vorhandenen Chancen und Potenziale zu erkennen und diese aktiv zu nutzen.

_ Wie gelingt es Ihnen, Ihre persönlichen Wertmaßstäbe mit Ihrer Lebens- und Karriereplanung zusammenzubringen?

Ich habe einfach meine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

_ Gibt es auch eine "Karriere des Herzens", die Sie (wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich) voranbringt?

Das geht bei mir eins in eins über in mein tägliches Tun als Business Coach und Trainer.

_ Ist es nicht ein Irrtum zu meinen, dass in der Suche nach der Gefahr ein Weg zur Erkenntnis liegt?

Erkenntnisse kann man in allen Situationen haben. Dafür muss man nicht extra nach der Gefahr suchen. Es ist immer eine Frage der eigenen Offenheit. Und diese ist wiederum abhängig davon, wie wir uns fühlen.

_ Woran erkennen Sie, dass Sie nicht weiterkommen?

Ich verlasse mich hierbei sehr stark auf meine Intuition. Wenn es sich nicht gut anfühlt und ich bereits drei Mal auf Widerstand gestoßen bin, dann ist es besser, die Richtung zu wechseln. Das bedeutet nicht gleich, Dinge aufzugeben. Oftmals ist es sinnvoll, mit einer anderen Einstellung und Zielsetzung an die Sache heranzugehen.

_ Was muss sich in Ihnen ändern, damit sich die äußeren Gegebenheiten ändern?

Meine Sichtweise über die Dinge selbst.

_ Was ist Ihre Erfüllung?

Sich in jeder Situation wohlfühlen zu können statt immerzu Dinge ändern zu müssen.

_ Woran glauben Sie?

Es gibt keinen Weg zum Glück, Glück ist der Weg! Um das zu verstehen sollte man anfangen, für das dankbar zu sein, was man hat. Denn Dankbarkeit ist die Basis für Zufriedenheit und Erfolg.

_ Haben Sie einen Traum vom Glück?

Nein, denn ein Traum ist etwas, dass (noch) nicht real ist. Vielmehr genieße ich mein „Glück" im Hier und Jetzt. Und das ist für mich die Fähigkeit, in sämtlichen Situationen die vorhandene Chancen und Potenziale zu realisieren, statt in Problemen zu stagnieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

2013 gründete Daniel Bieber die StrategieMentoren GmbH und entwickelte das Konzept zur Systemischen Positionierung. Heute coacht er Geschäftsleiter/innen, Unternehmer/innen und General Manager von Hotels in der systematischen Entwicklung von Ideen und Strategien.

Weiterführende Informationen:

Alexandra Hildebrandt: Was wir von Grenzgängern lernen können. Menschen am Rand ihrer Möglichkeiten von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.