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22/12/2016 13:23 CET | Aktualisiert 23/12/2017 06:12 CET

Die Welt begreifen: Warum das Handwerk in Zeiten menschlicher Entfremdung boomt

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Keine Zukunft ohne Handwerk

Der Begriff des Handwerks erhält immer dann eine besondere gesellschaftliche Bedeutung, wenn sich das Menschliche reduziert, die Dinge des Lebens durch Massenproduktion austauschbar werden und ihren ästhetischen Wert verlieren. Das stand schon im Mittelpunkt der Arts-and-Crafts-Bewegung des 19. Jahrhunderts. Die Schönheit der handwerklichen Fertigung und das Glück, das mit dem Herstellungsprozess verbunden ist, finden heute wieder verstärkt Beachtung.

Angeblich stehen handwerkliche Berufe beim Glücks- und Sinn-Empfinden an der Spitze, weil Menschen einen Sinn in ihrer Arbeit sehen und erkennen, dass sie etwas „bewegt".

Ohne den Blick auf das Handwerk und das Bewusstsein über Material und Geschichte werden wir die Probleme der Zukunft nicht lösen und neue technologische Möglichkeiten nicht nachhaltig nutzen können, denn dazu braucht es Können und Meisterschaft, deren Fundament Erfahrungen sind.

2008 veröffentlichte der amerikanische Philosoph Richard Sennett sein Buch „Handwerk", in dem er schreibt, dass handwerkliches Können zwei emotionale Belohnungen für den Erwerb von Fähigkeiten bereithält: „eine Verankerung in der greifbaren Realität und Stolz auf die eigene Arbeit."

Er beklagt allerdings, dass sich Akademiker in der Regel zu wenig auf die Welt der Dinge und die Bedeutung der Hände für den Kopf einlassen: Als junger Mann, schreibt er, habe er diese Position gegenüber seiner Lehrerin, der Philosophin Hannah Arendt, noch nicht zu vertreten gewusst. Später sei ihm jedoch bewusst geworden, „dass die Menschen durch die von ihnen hergestellten Dinge etwas über sich selbst lernen können".

Erleuchtung in finsteren Zeiten

Wo immer heute nach Orientierung gesucht wird, taucht der Name Hannah Arendt auf (auch sehr häufig in diesem Blog), die in ihrem aktuell gebliebenen Essay „Gedanken zu Lessing" von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten spricht:

Lessing zog sich zwar auf das Denken zurück (wie es viele Intellektuelle heute auch tun), aber nicht auf sein Selbst. Die „geheime Verbundenheit" zwischen Handeln und Denken lag für Hannah Arendt darin, dass Handeln und Denken mit Bewegung zu tun haben. Lessings Denken war nie mit Resultaten verbunden. Was er wollte, war, andere zum Selbstdenken anzuregen (wie es auch Harald Welzer mit seinem gleichnamigen Buch tut) und ein Gespräch zwischen Denkenden in Gang zu bringen.

Hand und Handwerk erinnern an den kreativen Teil in uns, der in dunklen Zeiten eine besondere Strahlkraft erhält. Die Roxette-Sängerin Marie Fredriksson, die noch immer mit den Folgen ihrer Krebserkrankung kämpft, beschreibt in ihrer Autobiographie „Listen to my Heart" die Bedeutung des „Handgreiflichen" in einer Welt, die immer komplexer und unfassbarer zu werden scheint.

Ihr Buch ist ein Weckruf an den Menschen als empfindendes und verstehendes Wesen, das wieder lernen muss, seine Sinne zu öffnen und den Reichtum in sich und anderen zu entdecken und zu be-greifen. Denn nur dann kann wahre Substanz hervorgebracht werden.

Sich durch Schreiben und Zeichnen in schwerer Krankheit auszudrücken gab Marie Fredriksson ein Gefühl für das Wesentliche, an das sie sich plötzlich wieder erinnerte. Es waren Wörter, die ihr die Dinge ins Gedächtnis riefen, „die schön und gut sind". Im Prozess des Hervorbringens fand sie Ruhe und wurde mit sich selbst zufriedener:

„Mit Stift und Papier dazusitzen und abzuwarten, was passiert, ist sehr aufregend. Zeichnen und schreiben." Sie empfindet es als größtes Glück, etwas auf Papier zu bringen. Von Anfang an wusste sie, was ihr Buch für sie bedeutet: „Es soll ehrlich sein. Ich will nur sagen, was wichtig ist. Ohne Schnickschnack. Geradeheraus, wie es eben war." Auch dies ist ein Handwerk des Wesentlichen, das Willen und Können erfordert, um das Echte freizulegen.

Da ihr Gesicht so aufgedunsen war, verzichtete Marie auf ein Foto auf dem Cover für "The Change". So erhielten alle ein Bild davon, wie sie sich zu dieser Zeit selbst sah. „Eine Nachricht von Marie über Marie an die Welt. So bin ich, so fühle ich mich", schreibt Kirsten Ohlwein, die seit 1991 zu ihren treuesten Fans gehört.

Handwerk mit Verantwortung

Was handwerkliche Momente in der Arbeit eines Architekten bedeuten, „wenn in der Versunkenheit in den Prozess der Übersetzung einer Idee in ein Material sich plötzlich etwas glücklich klären und fügen mag, was im Gedachten des Entwurfes gar nicht vorherzusehen war", beschreibt Jörn Köppler in seinem aktuellen Buch „Die Poetik des Bauens", das er so zusammenfasst: „veritas est adaequatio rei et intellectus" - Wahrheit ist die Übereinstimmung des erkennenden Verstandes mit der Sache. (Thomas von Aquin).

Mit seiner Frau Annette Köppler-Türk führt er das in Berlin und Potsdam ansässige Architekturbüro „Köppler Türk Architekten". Sein Forschungsschwerpunkt ist die Architektur der Moderne, ihr möglicher Bedeutungsgehalt und dessen Übertragung in eine bauliche Form.

Vom Handwerk lässt sich lernen, was es bedeutet...

- sich an eine Sache hinzugeben und dranzubleiben

- sich zu fokussieren bzw. zu zentrieren

- Schritt für Schritt vorzugehen (Handgriff für Handgriff)

- etwas „Ins-Werk-zu-setzen" (hervorzubringen)

- Vertrauen und Sicherheit in äußeren Dingen zu haben

- mit den Konsequenzen des eigenen Tuns konfrontiert zu sein.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders erfreulich, dass der Verein Handwerk mit Verantwortung in diesem Jahr für den ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit in der Kategorie HANDELN nominiert ist.

Die vom Steinbildhauer Timothy C. Vincent gegründete Initiative setzt sich für nachhaltiges Wirtschaften im Handwerk ein. Die Mitglieder kennen die ökonomischen und sozialen Strukturen vor Ort und nutzen regionale Ressourcen, um ein besonderes Maß an Qualität und Verantwortung zu erreichen.

Die Jury nominiert Handwerk mit Verantwortung für den Ansatz, „Ökonomie und Ökologie zu verbinden und sich somit nicht nur für das eigene Wohlergehen, sondern auch für das der zukünftigen Generationen einzusetzen".

Der ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit zeichnet zum fünften Mal Vorzeigeprojekte im Bereich Nachhaltigkeit aus. Der Preis wird in den Kategorien WISSEN, HANDELN und DURCHSTARTEN verliehen. Die Preisverleihung findet am 28. März 2017 im Rahmen des Nachhaltigkeitskongresses in Hamburg statt.

Literatur:

Hannah Arendt. Menschen in finsteren Zeiten. Hg. von Ursula Ludz. München, 2013.

Marie Fredriksson: Listen to my Heart. Meine Liebe zum Leben. Edel Books Germany GmbH, Hamburg 2016.

Jörn Köppler: Die Poetik des Bauens. Betrachtungen und Entwürfe. Transcript Verlag, Bielefeld 2016.

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