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18/10/2015 11:59 CEST | Aktualisiert 18/10/2016 07:12 CEST

Was Organisationen von Ameisen lernen können

ullstein bild via Getty Images

Vollbeschäftigung ohne Ressourcenvergeudung

Wohl niemand von uns möchte leben und arbeiten wie die Ameisen - dennoch können vor allem komplexe Organisationen das genial Einfache von ihnen lernen: Ressourcen zu nutzen anstatt sie zu verschwenden und sich perfekt zu organisieren.

Forscher bestätigen, dass die Biomasse aller Ameisen der Biomasse aller Menschen auf der Erde entspricht. Allerdings haben Ameisen ein winziges Gehirn, das eigentlich kein sehr komplexes Arbeitsprogramm enthalten kann. Ihre Programmierung ist mit einem einfachen Roboter vergleichbar.

Doch sind Ameisen sehr raffiniert, denn sie können als Team Hervorragendes und Nachhaltiges leisten. „Sie führen uns vor, was wir erst seit kurzer Zeit ganz modisch Schwarmintelligenz nennen", schreibt der Mathematiker und Autor Prof. Gunter Dueck.

22.000 Ameisenarten

Ameisen entstanden vor 110 bis 130 Millionen Jahren. Es gibt ca. 22.000 Ameisenarten, davon sind über 12.500 genau bestimmt. Der Ameisenstaat ist keine Monarchie, hat jedoch eine Königin. Jede Ameise hat ihre Rolle in diesem komplexen System, das auf Basis der „Vollbeschäftigung" funktioniert, denn jeder hat einen Job.

Mit Duftstoffen kennzeichnen sie den Weg zu ihrer Beute. Wird eine Ameise zerquetscht, entsteht ein Duftstoff-Alarm, der eine Vielzahl von Ameisen anzieht, die wiederum alles „angreifen, was nicht niet- und nagelfest ist" (Hans-Dietrich Reckhaus). Aufgrund ihres hohen Nahrungsbedarfs und ihres effizienten Jagdverhaltens regulieren die Architektinnen maßgeblich auch die Populationen anderer Insekten.

Bei der Bodenkultivierung kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu: Sie tragen Aas, Pilze, faules Holz und organischen Abfall ab und unterstützen den Wald darin, „sauber" zu bleiben.

Sie lockern, durchmischen und durchlüften die Böden durch den Nestbau, zerkleinern Material und machen es damit zugänglich für kleinere Organismen. Ihre Exkremente sind für die Pflanzen ein hervorragender Dünger.

Wild Duck und das Erhabene

Würden die Menschen die Systeme und Gemeinden nach dem Vorbild der Ameisen einrichten, „könnten sie - auch bei einer weit größeren Bevölkerungszahl als der heutigen - blühen und gedeihen und dabei produzieren und konsumieren, was sie wollen." Sagt der Verfahrenstechniker und Chemiker Prof. Michael Braungart, der gemeinsam mit William McDonough das Cradle-to-cradle-Konzept entwickelte.

Schon Donald Duck war von diesen fleißigen Insekten fasziniert, weil sie nicht erst lange fragen würden, was sie tun sollten, sondern eben etwas täten.

Entenhausen ist auch dem ehemaligen Cheftechnologen bei IBM Gunter Dueck nicht fremd. Hier wurde er „Wild Duck" (Querdenker) genannt. Er spricht von der Wirkung des Erhabenen des Insektenstaats auf uns, der gleichzeitig bestechend und genial einfach ist: „Wir stehen vor Gottes Schöpfung und preisen die Natur in ihrer Vollendung."

Das Erhabene kann ehrfürchtig bewundert und bestaunt werden. Da wir aber ständig abgelenkt und sehr schnelllebig sind, ist uns das Erhabene, das wir respektieren müssen, abhandengekommen.

Friedrich Schiller nahm seinen Aufsatz „Über das Erhabene" 1801 in die Sammlung „Kleinere prosaische Schriften" auf. In den Briefen an den Augustenburger Prinzen findet sich unter dem 11. November 1793 die Feststellung, "daß es das Erhabene sei", was "dem verfeinerten Kunstmenschen Federkraft erteilt".

Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl - eine Zusammensetzung von "Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äußert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann und, ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird."

Ordnung und Chaos

Im Erhabenen hören Ordnung und Chaos auf, Gegensätze zu sein. Es geht ums Ganze. Wenn wir den Blick dafür verlieren, bilden wir Schwarmdummheit aus, die nach Gunter Dueck dazu führt, immer kurzfristiger zu agieren, vom Tagesgeschäft aufgefressen werden und weder Zeit und Kraft haben, eine gute Zukunft zu gestalten.

In seinem aktuellen Buch zur Schwarmdummheit zeigt er auf, dass kein Teilblinder das Gute versteht. Seine Kernfragen unterstützen uns darin, wieder sehen zu lernen:

„Warum hören die Unternehmen nicht auf ihre Kunden, warum verstehen die Manager die Mitarbeiter nicht und umgekehrt? Warum hört keiner den anderen an? Sie alle verharren in Teilansichten auf das Ganze, sie können im Grunde nicht zusammenarbeiten, weil sie alle etwas anderes sehen. Wenn sie alle das große Ganze sehen könnten - dann wäre ein gemeinsames Vorgehen möglich, dann könnten sie gemeinsam das smarte oder gar Geniale schaffen."

Literatur:

Gunter Dueck: schwarm dumm. So blöd sind wir nur gemeinsam. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2015.

Michael Braungart und William McDonough: Intelligente Verschwendung. Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft. München 2013.

Hans-Dietrich Reckhaus: Insect Respect. Das Gütezeichen für mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit Insekten. Bielefeld: Insect Respect 2015.

Unverdienter Ruf des Workaholics: Von wegen fleißig: Ameisen sind superfaul

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